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20.8.1882 Zweites Blatt
 
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Nr. 193.1 Zweites Blatt. Sonntag den 20. August 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Wochenschau.

Gießen, 19. August.

In unserer inneren Politik concentrirt sich das Interesse gegen­wärtig auf die Wahlcampagne in Preußen und auf die kirchenpolitijche Frage. Die Vorbereitungen für die Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause voll­ziehen sich indessen diesmal mit einer gewissen Ruhe, woraus man fast schließen körnte, daß die Animosität zwischen den einzelnen Parteien im Schwinden begriffen sei; die alten Gegensätze sind jedoch noch vorhanden, nur treten sie nicht mehr in einer so schroffen Form auf, wie z. B. bei den letzten Neichs- tagswahlen, und dies muß man allerdings schon als einen Fortschritt in unserm öffentlichen Leben betrachten. Was die kirchenpolitische Frage anbelangt, so ist dieselbe namentlich durch das Vorgehen des Breslauer Fürstbischofs gegen die Staatspfarrer wieder in Fluß gerathen. Man ist sehr gespannt darauf, wie sich die preußische Regierung einem derartigen Uebergriff des genannten Kirchen- sürsten gegenüber verhalten werde und allgemein giebt sich die Ansicht kund, daß es Pflicht der Negierung sei, die von ihr selbst eingesetzten Staatspfarrer gegen jeden Angriff zu schützen; bis jetzt freilich ist noch nicht das Geringste über die Art und Weise, wie sich Herr v. Goßler der bedrohten Staatspsarrer an­nehmen will, bekannt.

Der Besuch, welchen König Milan von Serbien dem österreichi­schen Kaiser in den letzten Tagen in Ischl abstattete, kann als ein bedeutsames Zeichen für die Erhaltung der guten Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Serbien betrachtet werden. In Serbien sind noch immer gewisse Elemente bestrebt, die von: Cabinet Pirotschavatz begonnene Politik der Anlehnung an den mächtigen benachbarten Kaiserstaat zu untergraben, aber König Milan und seine Nathgeber sind glücklicher Weise einsichtsvoll genug, um zu begreifen, daß Ser­bien nur im Bunde mit Oesterreich sich gedeihlich weiterentwickeln kann.

Auch für die französische Politik ift mit dem Schlüsse der parla­mentarischen Session die Zeit der sommerlichen Stille eingetreten. Die Kammern werden voraussichtlich erst im Spätherbst wieder zusammentreten, wenn nicht ein unvorhergesehenes Ereigniß ihre frühere Einberufung nöthig machen sollte. Das Cabinet Duclerc wird also während dieser Zeit einer verhältnißmäßigen Ruhe genießen und befindet sich hierdurch in einem bedeutenden Vortheil gegenüber seinen beiden letzten Vorgängern, den Ministerien Gambetta und Freycinet, welche mitten in der parlamentarischen Campagne debütiren mußten. Jedenfalls wird das neue französische Cabinet die ihm durch die Kammerferien gebotene Muße dazu benutzen, seine Stellung im Lande nach allen Seiten zu befestigen und dies erscheint einer so wetterwendischen Volksvertretung, wie es die gegenwärtige französische Deputirtenkammer ist, allerdings als eine Rothwendigkeit.

Die englischen Parlamentarier schicken sich ebenfalls an, nach langer Session in die Ferien zu gehen und dürfte zur Stunde vielleicht schon der Schluß des englischen Parlamentes erfolgt sein. Die Sitzungen dieser Woche waren vorwiegend den egyptischen Angelegenheiten und den hiermit zusammenhängenden Fragen gewidmet. Im Unterhause hatten die Verhand­lungen über die Finanzbill, welche sich in Folge der englischen Expedition nach Egypten nöthig macht, das für die Negierung günstige Resultat, daß die Bill am Mittwoch in dritter Lesung mit 57 gegen 4 Stimmen angenommen wurde. Im Oberhause kündigt die Regierung durch ihren Vertreter an, daß sie beab­sichtige, Cetewayo wieder als König des Zululandes einzusetzen. Die Gemeindebehörden von Dublin verliehen am Mittwoch den irischen Parlaments- Mitgliedern Parnell und Dillon das Ehrenbürgerrecht der Stadt Dublin. Der Bürgermeister gedachte in seiner Rede der Verhaftung Gray's, des Heraus­gebers vonFreeman's Journal", dessen Erwähnung von den bei der Feier Anwesenden mit lautem Beifall begrüßt wurde.

Die Gerüchte über die bevorstehende Moskauer Krönungs- seier des russischen Karserpaares leben immer wieder auf und gewisse Vorberei­tungen, welche in Petersburg und Moskau getroffen werden, deuten auf die Wahrscheinlichkeit dieser Gerüchte hin. Die Formalitäten für die Krönung sollen sehr vereinfacht worden sein, auch sollen hierzu keine besonderen Einladungen an die fremden Fürstlichkeiten ergehen, sondern der feierliche Akt würde nur in Gegenwart der fremden Botschafter und Gesandten vor sich gehen.

Die italienische Regierung hat eine Compagnie Bersaglieri nach Caprera beordert, da es heißt, daß die Anhänger Garibaldi's sich mit dem Plane beschäftigten, den Leichnam Garibaldis auszugraben und seinem letzten Willen gemäß zu verbrennen. Man veranstaltet also eine militärische Expedition gegen das Testament des verblichenen Nationalhelden der Italiener, jedenfalls ein sonderbarer Einfall, der nicht dazu beitragen wird, die Popularität des Ministeriums de Pretis in Italien zu erhöhen.

In der ganzen mohamedanischen Welt hat in dieser Woche die Feier des Beiramfestes begonnen, vor welchem selbst wichtige Staatsqe- schäfte zurückzutreten pflegen. Es ist daher nicht unmöglich, daß unter dem Ein­flüsse des Beiramfestes sich auch der Abschluß der englisch-türkischen Militär- Convention verzögert, um so mehr, da man auf türkischer Seite durchaus keine Neigung verräth, auf die englischen Bedingungen einzugehen. Die von Tag zu Tag erwartete Vertagung der Conserenz ist noch nicht erfolgt, obwohl von letzterer nunmehr der Antrag Italiens auf gemeinsamen Schutz des Suezkanuls angenommen worden ist.

Die militärisiche und politische Lage in Egypten ist noch unver­ändert, doch werden die nächsten Wochen hierin vermuthlich wesentliche Aende-

rungen bringen. Von General Wolseley, dem Oberbefehlshaber des englischen Expeditions-Corps, ist an das egyptische Volk eine Proklamation erlassen worden, in welcher die Bewohner aufgefordert werden, ihre Vorräthe an Lebensmitteln den englischen Truppen gegen Zahlung zu überlassen und den englischen Behör­den Mittheilungen über die Bewegungen der Rebellen zu machen. Der Khedive hat seinen früheren Premier Riaz Pascha aus Nizza telegraphisch zurückberufen, um ein neues Ministerium zu bilden. Man hofft, daß dasselbe mit Cherif Pascha's Hülfe zu Stande kommen werde; Omar Lufti würde in diesem Falle zum Kriegsminister ernannt werden und Osman Niski Oberbefehls­haber der Truppen bleiben.

Vermischtes.

Darmstadt, 17. August. In einer größeren Nachbargemetnde ereignete sich kürzlich der wohl kaum jemals dagewesene Fall, daß einem dortigen Gesangverein wegen einer unbezahlten Schuld die eist kürzlich emgeweihte Fahne gerichtlich ge- pjändet wurde.

Mainz, 17. August. In Folge der Umführungstunnelarbeiten begann nun auch dieGauthorbrücke" in den Boden zu sinken. Nur dadurch, daß das Ereigniß frühzeitig genug wahrgenommen wurde und daher die nöthigen Maßregeln gegen weitere Bodensenkungen ergriffen worden sind, ist einem größeren Unfälle vor­gebeugt worden.

Bingen, 16 August. Trotz der abnormen ungünstigen Witterung, welche während des ganzen Monats Juli und im Anfänge dieses Monats herrschte, stehen die Weinberge, sowohl in hiesiger, als auch den umliegenden Gemarkung-.n noch ziemlich gut. Infolge des anhaltenden Regens haben sich die Trauben quantitativ sehr schön entwickelt und bei einem einigermaßen warmen, trockenen Nachsommer dürfte sich die Weinernte in Quantität und Qualität weitaus günstiger gestalten, als von unseren Weingutsbesitzern befürchtet wird- Einzelne Lagen haben allerdings stark gelitten; empfindliche Traubensotten sind durch die heftigen Regengüsse durchgefallen, was man hauptsächlich bei den Rieslingtrauben findet. Dagegen stehen andere Traubensorten, Oefterreicher, Kleinberger u. s. w. sehr schön, so daß man im großen Ganzen, wenigstens in unserer Gegend, immer noch auf einen halben Herbst zuversichtlich hoffen kann.

Fürth, 16. August. sHeiteres aus dem Odenwalds Daß es auch in unseren stillen Thälern bisweilen nicht an drastischer Komik des Lebens fehlt, lehrt der folgende dieser Tage erlebte Vorfall. Zwei von der heiligen Hermandad ergriffene Vagabunden hatten ihrem Rachedurst in bekannter Weise dadurch Luft gemacht, daß sie ihr frag­würdiges Costüm der hohen Behörde in Fetzen zerrissen vor die Füße legten. Was thut der erfindungsreiche Bürgermeister, welcher nach dem Gesetze zur Deckung der Blöße verpflichtet ist? Er läßt die beiden Stromer nach ihrer Entlassung aus der Haft von Kopf bis zu den Füßen in karr'rtes grellfarbiges Bettzeug kleiden und schickt sie in diesem Aufzug zum schallenden Gelächter der Bewohner aus dem Orte, den die beiden unfreiwilligen Harl-kins nicht schnell genug verlassen können; ein warnendes Beispiel für gleichgesinnte Helden der Landstraße. Probatum est.

Nürnberg, 15. August. Die höchste Zahl der bis jetzt beim Eintritte zur Landesausstellung abgegebenen Karten wurde, derA. A." zufolge, am letzen Sonntag erreicht; cs wurden 19,904 Karten abgegeben und rechnet man die anwesend gewesenen Besitzer von Saison- und Ausstellerkarten, so ergiebt sich für Sonntag die Ziffer von mindestens 25,000 Besuchern. Es sind auch jetzt bereits über eine halbe Million Karten seit Eröffnung der Ausstellung beim Eintritte abgegeben worden.

München, 14. August. In der Nacht von Samstag auf Sonntag wurde in Schwabing eine schauerliche Blutthat begangen. Gegen 12 Uhr Nachts kamen in die Hulter'schc Wirtschaft in der Hermannftraße, wo sich auch der erste Reitknecht des Prinzen Leopold. Schallhammer, befand, der sich, da es kein Bier mehr gab, zum Nachhausegehen rüstete, vier junge Leute im Alter von 1618 Jahren und verlangten Bier. Der Wirth machte dieselben ausmeiksam, daß er kein Bier mehr habe und, da es gleich Polizeistunde sei, kein frisches Faß mehr anzapfen könne. Die Burschen jedoch gaben sich hiermit nicht zufrieden, sondern fingen Scandal an. Der Wirth und der genannte Re iknecht suchten die Excedentcn zu beruhigen. Da ihnen dieses jedoch nicht gelang, so wurden dieselben zur Thür hinausgeschoben. In der Thüre stehend, rief einer der Ruhestörer, der 18jährige Schreinergehilfe v. Imhoff, Sohn eines Post- bureaubediensteten:Geb' mir einer ein Messer her", und im nächsten Momente sank Schallhammer, ein ruhiger und braver Familienvater, tödtlich getroffen zusammen. Das Messer war ihm in die rechte Schläfe gedrungen und war der Stich mit einer solchen Wucht geführt, daß die Waffe bis an das Heft in den Schädel eindrang. Schallhammer konnte nur noch die Worte ausstoßen:Helft mir", dann verschied er. Das Messer konnte trotz der größten Anstrengungen nicht aus der Wunde gebracht werden, obschon zwei starke Männer an demselben zogen und erst heute Morgen bet der gerichtlichen Section gelang es, dasselbe, welches sich krumm gebogen hatte, aus dem Schädel zu entfernen. Die vier Burschen sind sämmtlich verhaftet und sollen sich bei der Confrontation mit dem Tobten sehr gleichgültig benommen haben. Der ver­lebte Schallhammer befand sich noch Abends 8 Uhr, als der Kaiser von Oesterreich in Begleitung des Prinzen und der Prinzessin Leopold zum Bahnhofe fuhr, um nach Ischl abzmeisen, unter dem dienstthuenden Personal. T ,,

sEin guter Rath Als Charles Lyell, der ausgezeichnete Geologe, in Amerika war, erhielt er in Bezug auf das Reisen mit einem Missisippi-Dampfer von einem Einheimischen einen sonderbaren Rath.Zahlen Sie Ihre Ueberfahrt nicht früher, als bis Sie dazu gezwungen werden!" lautete das erste ^tück Weisheit, das ihm gepredigt wurde.Und, bitte, warum nicht?" fragte er.Weil dann, rm Falle Ihnen ein Unglück zustoßen sollte, Ihre Chancen weit günstiger find.Wollten Sie nicht die Güte haben, mir das näher zu erklären, mein ^err?" bat Lyell. werter »,Je nun , versetzte der Amerikaner,als ich im verflossenen Marz den Fluß hinauffuhr, hone ich plötzlich den Ausruf:Mann über Bord!" Hierauf eilte der Capltan so^twsBureau und fragte:Hat der Mann, der über Bord gefallen, seine Ueberfahrt bezahlt . Als er eine b-jahende Antwort erhielt, wendete er sich zu dem Steuermann und sagte gleich- gültig: »Weiterfahren! Es ist Alles in Ordnung."

- rUnb ft£ kommt dock 1 ->n den Schaufenstern der fashionablen Geschäfte mit DamenartUn tan di-Krinolin- wieder sehen, Zuerst erschien st- so constatirt die N Alla stta " in der Gestalt eines kleinen Polsters zur Erhöhung der Wirkung kunstvoll gebrasster Tunigues. Nach und nach wuchsen die Aufbauschungen und mit ihnen der Umfang der Polster, bis sie die Form non Halber,nolmen onnahmen, um jetzt endlich, nachdem der Ning g-schlosl-n, sich in ihrer ganzen, uripiünglrchen Gestalt »u zeigen. ^eder Zweifel ist ausgeschlosien. Da hangen sic, oben und unten je vier Reifen. Und es laßt sich annehmen, daß trotz allen anfänglichen Sträubens der Damen und aller gerechtfertigten Spöttereien der Herrenwelt die neuerweckte Mode weiter und weiter um sich greisen und ihren alten Zwang geltend machen wird. Nicht in jähem