Ausgabe 
19.11.1882 Zweites Blatt
 
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dtr. 271» Zweites Blatt. Sonntag den 19. November 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Dureaur Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontaaS. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Deutschland.

Die Vereine zum Schutze des Handwerks haben an den Reichskanzler eine Adresse gerichtet, in welcher sie den Reichskanzler bitten, mit seiner be­kannten Weisheit und Energie dahin wirken zu wollen, daß 1) eine sachgemäße Abgrenzung des Handwerks erzielt wird; 2) daß obligatorische Innungen, aus welchen sich praktische Handwerkerkammern allein bilden lassen, errichtet werden; 3) daß a. die Zuchthausarbeiten aus Rechnung des Staates geleitet oder den Zünften überwiesen werden; b. die Militär-Arbeitsstätten, so viel als nur immer möglich, zu Gunsten des Handwerks reducirt werden; 4) daß entsprechende Zölle auf fremde Handwerksartikel erhoben werden; 5) daß das tief demoralisirende Submissions-Verfahren beseitigt wird, indem man die Arbeitsaufträge, so weit sie die Zünfte angehen, direct mit ihnen vereinbart; 6) daß in das Gewerbe­gesetz die Bestimmung ausgenommen wird, nach welcher nur Derjenige ein Ge­werbe ausüben darf, der dasselbe gelernt und die von ihm geforderte Prüfung bestanden hat; 7) daß der Hausirhandel, der ganz besonders den Handwerkern aus dem Lande und in den kleinen Städten schädlich ist, für alle Handwerks­erzeugnisse verboten wird.. Wie dieInnung" mittheilt, hat diese Adresse bis jetzt etwa 100,000 Unterschriften aus Handwerkerkreisen gefunden.

Die Zollcuriosa scheinen nicht aufhören zu wollen. Der Bundesrath hat zwar vor einiger Zeit die früheren Klagen als berechtigt anerkannt und Anordnungen erlassen, welche Abhülfe zu schaffen geeignet waren; dem Ueber- eifer einzelner Beamten können sie aber, wie aus dem Schreiben eines Berliner Verlags-Buchhändlers an dieNational-Zeitung" hervorgeht, nicht steuern. Dieses Schreiben lautet:

Von einem seit 17 Jahren in meinem Verlage erscheinenden Damen- Almanach schicke ich jährlich an eine Hamburger Buchhandlung eine größere Anzahl von Exemplaren zum Debit für Hamburg und Altona. Von den in diesem Jahre dorthin geschickten Exemplaren ließ ich vor einigen Tagen 200 Exemplare zurückkommen, da es mir hier daran mangelte, und ich mußte | dafür 5 20 H Zoll zahlen. Abgesehen davon, daß die Zollerhebung durch­

aus ungerechtfertigt ist, weil Bücher meines Wissens zollfrei sind, ist es wohl eine Bereicherung Ihrer Zollcuriosa, daß der Zoll erhoben wurde fürKalen­der in einem Einbände von Zeugstoff." Ich habe natürlich Einspruch erhoben und Wiedererstattung des Geldes verlangt und werde Ihnen s. Z. das Resultat mittheilen." .

Krankreich.

Paris, 15. November. Eine Berliner Correspondenz desGaulois", betitelt:Anzeichen des Sturmes", hat die Geschichte der französischen Liebes­werbungen in St. Petersburg soeben um ein curioses Kapitel bereichert Aus Kundgebungen früheren Datums weiß man, daß das Bündniß eines monarchisch oder dictatorisch regirten Frankreich mit dem Czarenthum zu den Lieblings- Ideen gewisser Pariser Chauvinistenkreise gehörte, allein die Combination einer revolutionären Allianz, welche sich aus (französischen) Anarchisten und (russi­schen) Panslamsten zusammensetzt, als bestimmenden Factors kriegerischer Zu- tunfts-Cambinationen ist eine Leistung, auf welche derGaulois" sich ein Patent geben lassen mag. Das genannte Pariser Blatt hat seine Prophezeiung mit der bevorstehenden Urlaubsreise des Herrn v. Giers in ursächlichen Zusammen­hang gebracht und dadurch was wohl mit, wenn nicht ausschließlich in der Absicht des Artikelschreibers gelegen haben dürfte - eine Aeußerunq des hochofsicwsenJournal de St. Petersbourg" provocirt, woraus man ersieht, daß Herr v. Giers seiner in Pisa weilenden Familie einen etwa acht- wöchrgen Besuch abzustatten gedenkt. Schon die bloße Thatsache dieser Reise sollte genügen, um Rußland in allen Berechnungen conjectural - politischer Art vorläufig außer Actwität zu setzen. Rußlands nächstliegende Sorgen sind aus­schließlich häuslicher Natur. Den internationalen Dingen wendet es gleich den Cabineten von Berlin und Wien, zwar ein reges, aber zur Zeit weniger inten­sives Augenmerk zu.

In der französischen Deputirtenkammer hat sich der Kampf der Meinun­gen zunächst auf dem Terrain des Cultusbudgets entsponnen. Als Angriffs­object dient den radikalen Ultras das Concordat mit dem päpstlichen Stuhle für dessen Beibehaltung die Regierung mit aller Entschiedenheit eintritt. Herr Duclerc kann in dieser Sache auf den Beistand der weitaus überwiegenden Kammermajorität rechnen. Wenn es nach dem Willen der ausschlaggebenden Fraktionen geht, so dürste der Fortbestand des Ministeriums bis mindestens nach Neujahr gesichert sein. Inzwischen hofft man die Situation hinreichend geklärt zu sehen, daß sich entscheiden laßt, ob das parlamentarische Gruppirungs-Ver- hältniß die Bildung und Wirksamkeit emer constanten Regierungs-Mehrheit ermöglicht. Im Verneinungsfalle durfte sich dann frellich die Position des Ca- binets als unhaltbar erweisen.

Wenn die gleichzeitige Ernennung eines italienischen Botschafters in Paris und eines französischen beim Quirinal als ein Beweis dafür angesehen werden muß, daß die Entfremdung welche zwischen beiden Völkern bestanden, ihren Höhepunkt überschritten hat, so ist damit doch noch nicht gesagt, daß die frühere Intimität zurückgekehrt sei oder auch nur, daß sie sich in Bälde einstellen werde. Noch steht die tunesische Politik Frankreichs als trennende Scheidewand aufge­richtet, und erst die Zukunft wird darthun müssen, ob es dem persönlichen Wirken der Diplomaten gelingt, jene Wand zu durchbrechen resp. ganz nieder­zureißen. Italien ist vom besten Willen beseelt, ohne natürlich seiner nationalen

Würde auch nur das Geringste vergeben zu wollen. Es kommt nur darauf an, ob Frankreich in Tunis Italien derselben Behandlung unterwerfen wird, gegen welche es, von England in Egypten auf seine Frankreichs Unkosten giebt, sich mit Hano und Fuß wehrt.

Ein wirtschaftlicher Mahnruf.

Wenn es nicht so schwierig wäre, einer jeben wirtschaftlich als richtig erkannten Wahrheit auch überall oder doch in genügender Weise praktische Anwendung zu ver- schaffen, so würden wir nicht nöthig haben, einen schon mehrmals ergangenen wirth- schaftlichen Mahnruf nochmals zu wiederholen. Allerdings veranlassen uns dazu im Besonderen die diesjährigen Wassercalamitäten im eigenen Vaterlande und dann die ungeheuren Ueberschwemmungsverwüstungen in Tirol, Kärnthen und dem nördlichen Italien, und wir sprechen es aus, daß diese Wasserschäden entweder nicht oder doch nicht in der verheerenden Weise stattgefunden haben würden, wenn in den betreffenden Gegenden genügende Wälder die Wassermassen auf den kahlen Bergen und in den ent­waldeten Thälern zurückgehalten hätten. Ja es ist leider eine traurige Thatsache, daß in allen Culturländern eine doppelte Sünde gegen den Wald, diese unentbehrliche Bedtngniß wtrthschaftlichen Gedeihens begangen worden ist, indem man nicht nur eine Menge herrlicher Waldungen, ohne auf ihren Boden junge Anpflanzungen zu machen, abgeholzt hat, sondern man hat es auch unterlassen, kahle Bergwände, ödes Haideland und steinigen oder sumpfigen Boden schon vor Jahrzehnten mit entsprechenden Wald­bäumen anzupflanzen.

Manches ist wohl in dieser Richtung geschehen, aber offenbar noch bet Weitem nicht genug und es braucht nur ein Volkswtrth in irgend einer Gegend Deutschlands eine Reise von wenigen Meilen zu unternehmen und er wird sicher einige kahle Berg­wände oder sonstige öde oder unfruchtbare Ländereien finden, auf denen herrliche Wälder stehen könnten, wenn man vor 50 oder 60 Jahren entsprechende Anpflanzungen dort vorgenommen hätte. Richt etwa nur Saumseligkeit und Unkenntniß der Sachlage ist es gewesen, welche unsere Vorfahren davon abgeholten hat, in dieser Richtung das Roth- wendige zu thun, sondern es waren auch die politischen und finanziellen Bedrängnisse früherer Zeiten daran Schuld, wo man mehr darauf angewiesen war, die nächste und nicht die ferne Zukunft im Auge zu haben, denn ein Wuld wächst ja nicht in wenigen Jahren heran und was für ihn die Väter säen und pflanzen, können kaum die Enkel ernten. Unserem in fast jeder Beziehung begünstigten Zeitalter geziemt es aber, das Versäumte nachzuholen und den Waldreichthum und damit den Wohlstand des ge­jammten Vaterlandes zu heben, denn man möchte fast behaupten, daß von dem ge­nügenden Vorhandensein der Waldculturen das wirthschaftliche Gedeihen aller übrigen Cistlurpflanzen abhängt.

Die Wälder allein vermögen, wie schon erwähnt, die furchtbaren Ueberschwemm- ungen abzuhalten, die im Stande sind, halbe Provinzen zu veröden, die Waldungen verhüten aber auch ferner verheerende Hagelschläge, da die unzähligen Bäume des Waldes den Ausgleich der Electricität der Erde mit derjenigen der Atmosphäre schad­los vermitteln und Hagelschläge hauptsächlich sich über unbewaldeten Hochebenen oder rn waldarmen Gegenden entwickeln. Jeder Baum ist übrigens in seiner Eigenschaft als Wasserbehälter der Natur em Wasserspender in der heißen Jahreszeit, wie er ein Wussersauger in den Regentagen ist. Und wie viel Neichthum enthält ein Wald, wenn er den forstwirthschaftlichen Gesetzen enisprechend abgeforstet und ausgenutzt werden kann. Das Brennmaterial, was des Waldes Bäume liefern, ist fast nur Nebensache gegen­über dem Gewinne, den die Industrie in zahlreichen Branchen aus den verschiedenen Nutzhölzern zieht, deßhalb mögen die Ermahnungen für den Schutz uud die Vermehrung unserer Wälder bei allen betheiligten Kreisen auf fruchtbaren Boden fallen und die Behörden wie d'e Private veranlassen, entsprechende Schritte zu tbun.

Vermischtes.

..Aus Mainz, .^.Nooember, wird »erFr. Ztg." geschrieben: Am nächst.« Samstag ist es em Äierteliahrhundert, daß über Mainz eine fürchterliche Katastrovbe hereinbrach. Der 18. November 1857 war der Schreckenstag, an welchem die Pulver- rxplosion stattfand. Es war um 3 Uhr des Nachmittags, als aus einmal mit zwei lauten Donnerschlagen das Pulvermagazin und der daran stoßende alte Stockhaus­thurm am Gauthore m die Luft flogen. Eine dichte schwarze Rauchwolke lagerte sich über die Stadt, so daß man im ersten Augenblick glaubte, ganz Mainz sei in einen Schutthaufen verwandelt. Aber sogleich verzog sich die Rauchwolke und em Flammen­meer bezeichnete den Bestürzten die Quelle des Unheils. Die Verwirrung in der Stadt war eine unbeschreibliche; von einem Ende derselben bis zum andern waren mit einem Schlage olle Scheiben zersprungen, die Fenster mit zersplitterten Rahmen in die Zimmer geflogen, die Thüren aus Schloß und Riegel gerissen, die Mobilien durcheinander ge­worfen, Bilder und Spiegel in Scherben von den Wänden gestürzt und ein furchtbarer Steinregen fiel auf die Stadt nieder. Die Erde schwankte und ein Jeder glaubte, das Haus stürzte über ihm zusammen. Das allgemeine Entsetzen spottet jeder Beschreibung. Lerchenblässe auf den Gesichtern, wankte Alles hinaus, suchte seine Familtenglieder auf und vcrnahm die Schreckenskunde von dem Vorgefallenen. Alles eilte mit von der Angst beflügelten Schritten nach der Unglücksstätte. Je näher man dem Schau­platze der Katastrophe kam, desto ärger wurde die Verwüstung an den Häusern, desto größer das Gejammer der Menschen, die mit blutenden Wunden überall sichtbar wurden. Gräßlich aber war, wie ein damaliger Chronist schreibt, wirklich der Anbl ck des alten Kästrichs und der Umgebung des Gamhores. Man sah dort nichts, als einen gioßen Trümmerhaufen, aus dem noch das Aechzrn und Hilferufen der Ver­schütteten hervordrang. Die Erde war weithin mit weißgrauem Staub bedeckt und in Blutlachen zuckten die Leichen der Erschlagenen und noch mit dem Tode Ringenden. Die ganze Häuserreihe des alten Kästrichs, der oberen Gaugosse und der Stephans- straße war vernichtet, die Gebäude der Thorwache wegrastrt. die Mannschaften theils auf der Stelle zerschmettert, theils weit weggeschleudert Es war ein herzzerreißender Jammer, mit dem die unglücklichen Bewohner dieses Stadttheils aus ihren Häusern entflohen und nach ihren Familiengliedern oder Bekannten riefen, die man einen Augen­blick später tobt oder verstümmelt auf Tragbahren vorbeitrug. 46 Menschen hat die Explosion, deren Ursache ein Racheakt war, den ein österreich. Artillerie-Corporal gegen seine Vorgesetzten ausüben wollte, gleich das Leben gekostet und viele der damals krank Darniedergelegenen hat in Folge des Schreckens ein früherer Tod ereilt. Die Zahl der Verwundeten war gar nicht zu bestimmen; wie bedeutend sie aber gewesen, möge man schon daraus schließen, daß allein die preußische Garnison über 80 Verwundete zählte. Was den Umfang der angerichteten Zerstörung betraf, so wurden 57 Häuser ganz und gar bemolirt unb an einigen 60 Dächer und Mauerwerk zerstört. Neben diesen Zerstörungen waren aber fast alle Gebäude der Stadt mehr oder minder stark beschädigt und nahezu ohne Ausnahme olle Fensterscheiben zertrümmert. Der Schaden wurde damals auf 2 Mill. fl. taxirt. DochNeues Leben blüht aus den Ruinen Kaum ist heute mehr ein äußeres Zeichen der schauderhaften Katastrophe zu erblicken und aus den Trümmern und Schutthaufen sind allenthalben schon lange wieder statt­liche Gebäude und Häuser entstanden, aber dessenungeachtet wird das schreckliche An-