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Hkr. 191« Freitag den IS. August L88L.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

: Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. ^^^'^ljahrlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringerl^n.

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Politische Ueberfkcht.

Gießen, 17. August.

Die kirchenpolitische Frage in Preußen ist wiederum auf dem Standpunkt angelangt, den sie schon öfters eingenommen hat und welcher dadurch charakterisirt wird, daß man sich über die Verhandlungen zwischen Preußen und dem Vatikan abermals in völliger Ungewißheit befindet. Nach derGermania" hat man sich nicht einmal über die Basis der weiteren Unter­handlungen verständigen können und erblickt das leitende Organ unserer Ultra­montanen in dem Bestreben der preußischen Regierung, mit Hülfe der discretio- nären Vollmachten vorerst einige Mißstände zu beseitigen und sich den ganzen Kampf-Apparat für später zu retten, das Haupthinderniß für einen gedeihlichen Fortgang der Verhandlungen. Die Anstalten zur Ausbildung des Clerus blieben geschloffen, der Fürstbischof von Breslau sei nicht einmal im Stande, die kirch­lich excomnlunicirten Eindringlinge in die Pfarreien zu beseitigen und die liberale Presse Hetze nach wie vor gegen den Fürstbischof und die Kirche überhaupt. Vielleicht ist dieser Ausfall derGermania" die Antwort auf dw officiöse Mit­theilung, daß man in den leitenden Kreisen der preußischen Negierung über das Vorgehen des Breslauer Fürstbischofs gegen die Staatspfarrer und in Sachen der gemischten Ehen im höchsten Grade verstimmt sei.

Herr v. Puttkamer hat in der Frage der Auslösung der Berliner Stadtverordneten-Versammlung anscheinend den Rückzug angetreten. Wenigstens ist es von dieser Angelegenheit ganz still geworden, woraus man den Schluß ziehen kann, daß Herr v. Puttkamer mit seinen Ansichten über die Nothwendigkeit dieser Maßregel an Allerhöchster Stelle nicht durchgedrungen ist und nun klüglich schweigt. Daß die jetzige Eintheilung der Berliner Communal- Wahlbezirke an gewissen Mängeln leidet, mag ja seine Nichtigkeit haben, aber die nothwendigen Reformen werden sich auf anderem Wege mindestens ebenso rasch erreichen lassen, als durch eine Auflösung, welche Maßregel immerhin ihre bedenklichen Seiten hat.

lieber die Politik, welche das neue französische Cabinet Duclerc ein­zuschlagen gedenkt, war bisher nur wenig bekannt. Jetzt liegen aber Aeußerun- gen vor, welche der Ministerpräsident fielen, selbst gegenüber einemInter­viewer" gethan haben soll, und die ihre Richtigkeit vorausgesetzt, das Cabinet Duclerc keineswegs als ein Ferien- oder Uebergangs-Dtinisterium erscheinen lassen. Herr Duclerc soll erklärt haben, daß die Politik seines Cabinets eine entschieden fortschrittliche und insbesondere die nationale Wiederaufrichtung bezweckende sein werde; das Cabinet lege sich volle Rechnung über seine Ver­antwortlichkeit ab und sei deshalb entschlossen, seine ganze Initiative, Handlungs­freiheit und Autorität zu wahren. Das klingt allerdings recht energisch und darf man gespannt sein, in welcher Weise sich diese Energie beidernationalen Wiederaufrichtung" bethätigen wird.

Die Ereignisse in Egypten haben die irischen Angelegenheiten ganz in Schatten gestellt und glücklicher Weise sind in den letzten Wochen auch keine Agrarverbrechen vorgekommen, welche die Aufmerksamkeit wieder dergrünen Insel" zugelenkt hätten. Trotzdem ist die Anzahl der Agrarverbrechen noch eine ziemlich bedeutende, denn im Monat Juli wurden 231 Ausschreitungen aller Art, darunter zwei Mordthaten, fünf Mordanfälle u. s. w., der Polizei gemeldet. Gegen den Monat Juni bedeutet dies eine Abnahme von 49 Agrar­verbrechen und diese relative Besserung der Zustände in dem unglücklichen Lande lleht mit der Verminderung der Pächter-Ausweisungen in augenscheinlichem Zu- saminenhang, so daß man pch von der Pachtrückstandsbill eine weitere Besserung versprechen kann.

Die Moskauer Krönung des russischen Kaiserpaares ist förmlich zum Mythus geworden, denn ein Kreis der widersprechendsten Gerüchte hat sich bereits um diese Angelegenheit gebildet. Neuerdings in Berlin einge­gangene Depeschen aus Petersburg wissen nun zu melden, daß die Krönungs­feier doch noch m diesem Jahre stattfinden werde, zu diesem Zwecke würden Gardetruppen schon jetzt von Petersburg und Warschau nach Moskau befördert und die geriebensten Petersburger Geheimpolizisten seien bereits in der Krönungs­stadt eingetroffen.

Der englische Entwurf der Mllitär - Convention mit der Türkei liegt jetzt vor. Derselbe umfaßt folgende Hauptpunkte: 1) Die Leitung der strategischen Bewegungen wird dem englischen Commandanten anvertraut sein. 2) Dem türkischen Commandanten wird ein englischer Commissär beigegeben. 3) Der Ort, an welchem die türkischen Truppen landen, ist vorher zu bestimmen. 4) Der mit 6000 Mann festgesetzte Effectivbestand des türkischen Expeditions- Corps kann nur unter Zustimmung beider contrahirenden Mächte erhöht werden. Die Türken opponiren zwar hauptsächlich dem ersten Punkte, doch zweifelt man nicht, daß sie schließlich die Convention in der englischen Fassung annehmen werden.

Aus Egypten liegen noch immer keine Nachrichten von Belang vor, wenn man als solche nicht die von dem täglichen Eintreffen englischer Verstär­kungen in Alexandrien, Port Said u. s. w. betrachten will. Die letzten Truppen des englischen Expeditions-Corps sind am 15. August in London einge'chifft worden, deren Ankunft in Egypten sonach gegen den 25. d. Mts. erfolgen dürste. In Ramleh ist jetzt die ganze englische Gardebrigade unter dem Com- mando des Herzogs von Connaught, des dritten Sohnes der Königin Victoria, versammelt, so daß wahrscheinlich der erste größere Angriff der Engländer gegen die Stellungen Arabi Pascha's von Ramleh aus erfolgen soll. Das Gerücht,

daß das Bombardement der Forts von Abukir unmittelbar bevorstünde, "wird als vollständig unbegründet bezeichnet.

Deutschland.

Darmstadt, 16. August. Se. Könial. Hoheit der Großherzog nahmen heute militärische Meldungen entgegen und empfingen den Oberpostdirector Hage­mann , den Amtsrichter Lindenstrudt von Herbstein; zum Vortrag den Staats­minister Frhrn. v. Starck und den Oberconsistorial-Präsidenten Dr. Goldmann. m- Darmstadt, 16 August. Der Abgeordnete Freiherr von Wedekind Hal bet dem Bureau der zweiten Kammer den Antrag übergeben, dieselbe wolle die Großh. Staatsregierung ersuchen, mit der Großh. Badischen Regierung in Unterhandlung zu treten zur Beseitigung der zwischen Hessen und Baden ungleichmäßigen und unsere Staatsangehörigen vorzugsweise schädigenden Besteuerung des Kleinhandels, insbesondere mit Victualten. Zur Mot'virung des Antrages legt der Antragsteller eine an ihn gelangte Eingabe der Bürgermeisterei Hirschhorn bet, worin ausgeführt wird, Hirschhorn liege unmittelbar tn der Nähe von badischen Orten und haben seine Victualienhändler immer ihre Einkäufe, welche meist aus Eiern und Butter bestehen, in den badischen Orten, welche sehr wohlhabende Bewohner besitzen, die viel Oekonomie treiben, gemacht, ohne von einer Behörde belästigt oder zum Steuerzahlen angehalten zu werden. Seit einiger Zeit werde nun tn Baden mit solcher Strenge gegen die Händler, welche dort Einkäufe machen, vorgegangen und dieselben werden derart be­steuert oder bestraft, daß es diesen Personen unmöglich ist, unter diesen Verhältnissen ihr Geschäft weiter zu betreiben. Wetter wird noch bemerkt, daß die badischen Bewohner nach Hirschhorn kommen, ihre Victualienvorräthe verkaufen, wieder andere Waare ein­kaufen und zu keinem Pfennig Steuer angehalten werden, weßhalb sie ihre Waare billiger als die einheimischen Händler absetzen können, welch letzteren dadurch großer Schaden zugefügt werde.

Berlin, 15. August. DerNordd. Allg. Ztg." wird aus Port Said unterm 31. v. Mts. gemeldet: Die Begleitung deutscher Kauffarteischiffe im Suezkanal durch Sr. Maj. KanonenbootMöve" hat nun ihren Anfang genom­men. Gestern verließ das genannte Kanonenboot unseren Hafen, um den Ham­burger DampferStolzenfels" von hier bis zum anderen Ende des Suezkanals zu escortiren. Bei der Unregelmäßigkeit der Ankunft der Schiffe, hier sowohl als wie in Suez, dürfte es schwierig sein, die Fahrten derart zu reguliren, um allen Ansprüchen jedesmal gerecht zu werden, besonders, da bei dem gesteigerten Verkehr des Kanals stde Reise hin und zurück mindestens vier Tage in Anspruch nimmt und zur Zeit dieMöve" eben nur allein zur Verfügung steht, Handels- schiffs-Capitäne aber lieber auf Begleitung verzichten, als eventuell vier Tage warten. Da bis zur Stunde Feindseligkeiten am Kanal nicht vorgekommen sind, so dürften die Hin- und Herfahrten derMöve" doch immerhin ihren Zweck erfüllen, indem sie den Handelsschiffs-Capitänen volles Vertrauen ein­flößen und die Fürsorge der kaiserlichen Regierung für die deutschen Schiffe im Suezkanal offen darthun.

Die Hälfte unserer Flotte steht in Dienst, im Ganzen 31 deutsche Kriegsschiffe: die 4 Panzerfregatten Friedrich Karl, Kronprinz, Friedrich der Große, Preußen; eine Segelfregatte Niobe; 11 Corvetten: Stosch, Elisabeth, Hertha, Carola, Moltke, Nymphe, Luise, Blücher, Arcona, Sophie, Gneisenau; dazu kommen am 3. October noch Olga und Leipzig. Ferner 9 Kanonenboote: Wolf, Iltis, Möve, Habicht, Hyäne, Albatroß, Cyclop, Drache, Hai; 4 Avisos: Loreley, Grille, Pommerania, Zielen; 2 Briggs: Musquito, Undine, sowie das Artillerieschiff Mars. Das deutsche Mittelmeergeschwader wird bestehen aus den Corvetten Gneisenau und Nymphe, den Kanonenbooten Möve, Habicht, Cyclop und dem Aviso Zielen, doch scheint es noch nicht ganz sicher, ob die Nymphe, das Schiffsjungen-Uebungsschiff, in den Geschwaderverband eintreten wird. Nach der Segelordre soll das Schiff die Balearen, Sardinien und Sicilien besuchen und in der zweiten Hälfte des September in der Sudabucht ankern.

England.

London, 15. August. Unterhaus. Auf Antrag der Regierung wurde der aus der parlamentarischen Initiative hervorgegangene Gesetzentwurf, betreffend den Bau des Canaltunnels von der Tagesordnung abgesetzt. Der Präsident des Handels­ministeriums, Chamberlain, erklärt, die Regierung werde zur Prüfung dieser Frage in der nächsten Session die Einsetzung eines Ausschusses beantragen, welchem der bezüg­liche Schriftwechsel mit Frankreich und die Gutachten der Sachverständigen-Commission und der militärischen Behörden unterbreitet werden sollen. Dem Deputirten Bartlett gegenüber erwidert Dilke, die Mtlitärconvention mit der Türkei sei bis jetzt noch nicht abgeschlossen. Auf eine Anfrage Buxton's erklärt Dilke, Lesseps habe als Vorsitzender des Verwaltungsraths der Suez-Canalgesellschaft, soweit ihm bekannt, keine besonderen Befugnisse, außer daß er bet Stimmengleichheit im Verwaltungsrathe die ausschlag­gebende Stimme führe. Auf eine bezügliche Anregung Hubbard's bemerkt der Unter? staatssecretär der Colonien, Ashley, die Regierung habe beschlossen, die Möglichkeit eines Arrangements zur theilweisen Wiedereinsetzung Cetewoyo's als König des Zulu- landes unter gewissen Bedingungen und Garantien in Erwägung zu ziehen, (Beifall.) Ein District des Zululandes werde für denjenigen Thetl der Häuptlinge und des Volkes reservirt werden, welche nicht mehr zur Herrschaft Cettwayo s zurückkehren wollen. Ein britischer Resident solle im Zululande wohnen, die Meder Herstellung des früheren militärischen Systems der Zulus solle nicht gestattet und kein Theil des Zulugebiets solle dem britischen einverleibt werden Der ^taatssecretar der Colonien, Kimberley, habe heute Morgen Cetewayo von dem Gesagten Mittheilung gemacht.

Ashmead Bartlett beantragt ein Tadelsootum gegen die Regierung wegen hrer egyptischen Politik. Unterstaatssecretär Dilke weist mehrere Behauptungen Bartlet 's als unrichtig zurück und erwidert, die Beziehungen, zu Deutschland und Oesterreich seien zu keiner Zeit besser und freundschaftlicher gewesen, als gerade letzt. Anlangend die Behauptung Bartlett's, daß die gegenwärtige Regierung Allianz deS vorigen Cabinets mit Deutschland umgestürzt habe, so beglückwünsche sich rm Gegentheil gerade die jetzige Regierung zu der Herzlichkeit ihrer Beziehungen zu Deutschland und zu der Thatsache daß Deutschland ihre Politik auf das Wärmste unterstützt habe, wofür Eng­land auf das Dankbarste feine Anerkennung zolle. Es sei nicht der mindeste Grund für Bartlett's Behauptung vorhanden, daß er (Dilke) den Versuch gemacht habe, eine