Ausgabe 
17.9.1882 Zweites Blatt
 
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Zu den Kaiscrtagcu in Breslau und Dresden.

Ein ganzes Buch könnte man über die Kaisertage in Breslau und Dresden schrelben, wenn man all die großen patriotischen, loyalen und militärischen Momente, die sich in der kurzen Spanne Zett von zwei Wochen in und in der Nahe von zwel großen deutschen Hauptstädten abspielten, genügend schildern wollte, aber wenn es uns auch nicht möglich ist, in solchen umfassenden Schilderungen unseren Lesern die Be­deutung dieser Kaisertage vor die Seele zu führen, so sind mir doch wohl in der Lage, die Quintessenz derselben gewissermaßen wiederzugeben.

Schon seit der Neubegründung des deutschen Reiches wurde cs jedem Vaterlands­freunde klar, daß den alljährlich und abwechselnd in d n verschiedenen deutschen Pro­vinzen, resp. Bundesstaaten, wiederkehrenden Kaisermanövern eine ganz besondere patriotische Bedeutung innewohne. Jedermann wußte, daß der Kaiser mit seinen Generalen nicht kam, um nur einem glänzenden, großen militärischen Schauspiele bei­zuwohnen, eine Kaiserparave abzuhalten, sondern daß der von strengem Pflichteifer auch in seinem hohen Alter noch erfüllte Kaiser gekommen war, um in Gemeinschaft mit fernen tüchtigsten Generälen die Wehrfähigkeit der betreffenden Armeecorps einer ernsten Prüfung zu unterwerfen. Ferner galt es aber auch bei diesen Gelegenheiten, das junge Band zwischen Kaffer und R.'ich fester zu knüpfen oder, soweit es sich um preußische Provinzen handelte, das alte, loyale Band zwischen König und Volk zu erneuern. Von diesen Wirkungen der Kaisertage liegen nun gerade aus diesem Jahre die glänzendsten Zeugnisse vor. Kaiser Wilhelm sah zuerst fein Schlesiervolk und nahm in diesem Lande, in dem Friedrich der Große die großstaatliche Bedeutung Preußens errang, die herzlichster'. Huldigungen entgegen. Dort sah auch der Kaiser das 5. und 6. Armee- Corps in erprobter Kriegstüchtigkeit und konnte den fremden Fürsten und Officieren beweisen, daß Deutschlands Macht und Einigkeit nicht welkt, sondern daß sie frische, kräftige Blüthen treibt, dem Freunde, dem Bundesgenossen zu:n Schutze, dem Gegner zum Verderben. Auch versäumte der Kaiser dort nicht, seine alte Kriegskameraden in den zahlreich herbeigekommenen Kriegervereinen zu sehen, bei frohen Festen sah er auch die schlesische Ritterschaft, die Provinzialstände und die Breslauer Bürger­schaft und richtete an die Vertreter der Breslauer Studentenschaft ernste, patriotische Mahnrufe.

Ein ähnliches Bild wie in Schlesien und Breslau vollzog sich alsdann in dem Königreiche Sachsen und der sächsischen Hauptstadt, denn nach neuntägiger Anwesen­heit in Breslau der zweiten Hauptstadt des Königreichs Preußen, folgte der Kaiser Wilhelm einer Einladung feines ritterlichen Freundes und Bundesgenossen, des Königs Albert von Sachsen, und begab sich am Donnerstag nach Dresden, wo der Kaiser und oberste Kriegsherr des deutschen Reiches ebenfalls auf das Herzlichste empfangen wurde und bei Gelegenheit vieler glänzenden Festlichkeiten sich von der unwandelbaren Bundes­treue des Sachsenlandes überzeugen konnte. Am Freitage nahmen der Kaiser Wilhelm und König Albert auch die Parade über das sächsische Armeecorps, wclches seit vorigem Jahre noch um zwei Infanterie-Regimenter gewachsen ist, ab und der oberste Kriegs­herr und seine Generäle konnten sich überzeugen, daß die sächsischen Soldaten ihren preußischen Bundesgenossen, mit denen sie schon ruhmreich bei Gravelotte, Beaumont und Sedan gekämpft hatten, ebenbürtig sind und daraus die wettere Folge ziehen, daß das geeinigte Deutschland niemals einen Feind zu fürchten braucht, so lange der von Kaiser Wilhelm in erster Linie geflegte Geist der Pflichttreue und Tapferkeit in den deutschen Landen zu finden ist.

Vermischtes.

Offenbach, 13. September. Der wegen fahrlässiger Brandstiftung in der Vollmarschen Fabrik verhaftet gewesene Kesselschmied Schmidt von Darmstadt wurde aus der Haft wieder entlassen, da sich für die Anklage nicht genügende Beweise oorgefunben haben sollen. Wir freuen uns über diesen Ausgang der Sache umsomehr, als der Verhaftetgewesene Vater von vier Kindern ist und sich des besten Rufes erfreut.

Mannheim, 11. September. Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts beginnt heute ein Monstre-Proceß, die Anklage gegen den berüchtigten Wucherer Salomo Kaufmann von Viernheim wegen Wuchers, Betrugs, Erpressung u. s. w. Aus der Anklageschrift ist ersichtlich, in welcher Weise der Biedermann sich mit dem Wucher­gesetze abzufinden wußte. Kurz nach dessen Inkrafttreten sagte er zu einem Bauer, der schon längst in seinen Schlingen zappelte:Wir haben jetzt ein neues Gesetz, das nennt man Wuchergesetz. Die Lumperei kann jetzt nicht mehr so weitergehen, Du schreibst mir sofort 30 Proc. weitere Provision oder Du kommst mit dem Wuchergesetz tn Conflict und bann wirft Du sehen, wie es Dir geht". Diese lapidare Drohung ver­fehlte natürlich ihren Einbruch auf ben Bewohner des flachen Landes nicht. Galgen und Rad schwebten ihm vor, er nahm die Feder und schrieb.

Hanau, 13. September. DieHan. Zig." schreibt: Einer der hier inhaftirten Emissäre des socialistifch-anarchistischen Reoolulions-Comtte's in London, Balthasar Grün von Kirchhain, der außerdem von seinem früheren Aufenthaltsorte Paris aus wegen Raubmord verfolgt und dem erst am vorigen Samstage seitens der Staats­anwaltschaft das erdrückende Beweismaterial für seine Täterschaft an diesem Ver­brechen vorgehalten wurde, hat sich verflossene Nacht in seiner Zelle im hiesigen Landes- gerichtsgefangniß erhängt. Derselbe war mit dem Ausrippen von Tabak beschäftigt und fand in den Ballen zwirnsfadendicke Kordelstücke, aus denen er sich einen halb­fingerdicken Strick drehte, mittelst dessen er sich am Fenstergitter aufhängte. Der ganze Vorfall spielte sich so geräuschlos ab, daß die zur Bewachung der politischen Gefangenen besonders bestellten Leute nichts davon merkten, ebensowenig der in der Nachbarzelle inhaftirte Genosse des Selbstmörders, Rinke, dem ersterer noch am Abend vorher, ohne jedoch bei demselben besonderes Aufsehen dadurch zu erregen,Lebewohl" zugerufen batte. Grün ist ein moralisch total verkommener Mensch, der seine eigenen Genossen häufig bloszustellen suchte, um für sich Vortheil zu gewinnen, dem die Staatsbehörde manchen Wink verdankt, der sich später als richtig erwiesen hat, und der ferner große Enthüllungen in Aussicht stellte, wenn man diePariser Geschichte" etwasbecent" behandeln wollte, was selbstredend abgelehnt rourt>e. Sein Selbstmord ist daher keines­wegs auf politische Motive, sondern entschieden lediglich auf die Furcht vor der bevor- ftebenben Strafe wegen bes begangenen unb ihm bewiesenen Raubmordes in Paris, woselbst er eine Frau mit fünf Dolchstichen ermordet und aus einer Kassette 2000 Frcs. geraubt hatte, zurückzuführen.

Mainz, 12. September. Vor circa einem Jahre ging der Sohn einer hiesigen Wittwe, die ein schuldenfreies Häuschen besaß und nebenbei ein kleines Geschäft betrieb,

das sie reichlich ernährt', nach Amerika, um hort fein Glück zu machen. Nachdem er nun etwa ein Vierteljahr lang in New-Ioik war, schrieb er an seine Mutter die herz­lichsten Briese mit der Bttte, chm doch ebenfalls in die neue Welt zu folgen, es ginge ihm sehr gut, doch wäre er noch viel besser daran, wenn er seine Mutter bei sich sehen würde; sie möge daher das Häuschen und das Geschäft verkaufen und die Reise an- treten. Lange widerstand die alte Frau d m Anerbieten, als der Sohn aber immer mehr in sie drang, entschloß sie sich endlich zu dem schweren Schritt, ihrer alten lieben Heimath Lebewohl zu sagen. Sic verkaufte ihr Haus unb ,hr Geschäft, b.stritt mit bem Erlös ihre Ueberfahrtskosten unb war überdies noch im Besitz einer respeclablen Summe, mit welcher sie den Sohn in Amerika zu unterstützen gedachte. Die Reise nach dem fernen Lande war glücklich überstanden unb die alte Frau war froh, als sie endlich in dem sehr bescheidenen Heim ihres Sohnes Ruhe fand. So vergingen über drei Wochen und kein Mißton störte die Harmonie der beiden Leute, als eines Tages ebenfalls auf Drängen des Sohnes die alte Frau in Begleitung einer anderen deutschen Frau einen Spaziergang in New-L)ork unternahm. Nach Verlauf von zwei Stunden kam sie wieder nach Hause, doch hier mußte sie mit Schrecken wahrnehmen, daß während ihrer Abwesenheit ihre Kommode erbrochen und ihr sämmtliches Geld entwendet worden war. Gleichzeitig fehlten aber auch die Kleider ihres Sohnes und dieser selbst war verschwunden. Die nach dem Verschwundenen angestellten Recherchen ergaben die Gewißheit, daß derselbe seine eigene Mutter bestohlen und davongegangen war. Im tiefen Elend saß nun die alte Frau in einer ihr ganz fremden Stadt, auf die Wohlthaten fremder Menschen angewiesen. Die hiesigen Verwandten der Unglück­lichen haben nun einen Betrag zusammengesteuert, mit welchem die alte Frau zurückreisen kann und wird dieselbe dieser Tage wieder hier eintreffen.

sFreuden einer Redaction.j Unter dieser Überschrift schreibt dasBamberger Volksblatt" u. A-:Kein Geschäft bringt so viel Unannehmlichkttten mit sich und unterliegt so der Kritik, als die Herausgabe eines Blattes, das Jeder zu fritifiren sich befähigt hält, mag er es verstehen ober nicht.Kritisiren kann jeher Bauer, besser machen, bas ist sauer." Enthält bie Zeitung zu viel Politik, so ist bas Publikum unzufrieden; wenn zu wenig, da will man sie nicht ansehen. Ist die Schrift groß, so ist nicht Inhalt genug für das bezahlte Geld da; ist sie Nein, so hat man nichts in der Hand, nicht einmal etwas einwickeln kann man und das bischen Inhalt ist wirklich nicht das dafür ausgelegte Geld werth. Ist das Format groß, so ist es e<ne große Kuhhaut, zu der man mehrere Tage braucht, um sie durchzulesen. Veröffentlichen wir Telegramme, so sagen bie Leute: lauter Lügen; lassen wir sie weg, so heißt es: wir unterdrücken die Wahrheit aus Parteigründen. Erlauben wir uns einen Scherz, so sind wir fade Flachköpfe, machen wir keinen, so sind wir verknöcherte Dickschädel. Bringen wir Originalartikel, so werden wir verdammt, weil wir nicht fleißig sammeln; sammeln wir fleißig, so heißt es, das haben wir schon alles gelesen. Loben wir Jemanden, so sind wir parteiisch; thun wir es nicht, so sind wir es auch. Haben wir einen Artikel, der den Frauen gefällt, so sagen die Männer, es sei Gewäsch; befriedigen wir aber bie Wünsche der Frauen nicht, so eignet sich das Blatt nicht für das Haus u. s. w. u. s. w."

Vor Kurzem ist im Regierungsbezirk Erfurt an sämmtliche Kreis-Schul- infp-:ctoren und Lehrer auf dem Lande folgende Verfügung ergangen:In Folge eines kürzlich Seitens des Herrn Oberpräsidenten ergangenen, die Förderung der Obstbaum­zucht betreffenden Erlasses habe ich den sämmilichen Herren Landräthen des Bezirks angelegentlichst empfohlen, sich die Förderung des vorgenannten, in jeder Beziehung zur Hebung des Wohlstandes unb zur Schaffung einer Einnahmequelle für bie Ge­meinden geeigneten Culturzweiges nach Kräften angelegen fein zu lassen. Ich nehme hiernach Veranlassung, die Herren Krcis-Schulinspectoren zu ersuchen, den desfallsigen Bestrebungen der Herren Landräthe in jebmöglichster Weise hilfreiche Hand zu bieten und in dieser Hinsicht insbesondere den Elementarlehrern die Mitwirkung bei der För­derung der Obstbaumzucht und namentlich bei der Pflege der Gemeinde-Obstbäume zur ausdrücklichen Pflicht zu machen, damit sie die h'erburch gewonnenen Kenntnisse im Interesse der schulpflichtigen Jugend verwerten können. Denn ich halte es für sehr ersprießlich, daß bei der Schuljugend eine rege Theilnahme für die Obstbauinzucht wachgerufen wird und daß ältere Schulkinder praktisch und theoretisch in derselben unterrichtet werden. Bei Gelegenheit der behufs Unterftützungsbewilligung aus dies­seitigen Fonds an die Elementarlehrer über dieselben zu erstattenden Berichte wollen die Herren Kreis- resp. Local-Schulinspectoren insbesondere auch die auf dem hier fraglichen Gebiete bezeigte Thätigkeit in eingehende Berücksichtigung ziehen." Mochte doch die in der Provinz Sachsen erlassene Verfügung auch den Lehrern unseres Landes bekannt, unter ihnen ein warmes Interesse für diesen Euliurzweig wachgerufen werden. Gar mancher Lehrer könnte sich dadurch den Bewohnern eines Döschens, verstände er es, sich auf diese Weise ihnen auch außer der Schule nützlich zu erweisen, Zeit seines Lebens zum Danke verpflichten.

Wenn auch die Mischehenfrage als erledigt zu betrachten ist, so dürfte doch die tolerante Anschauung eines gräflichen Recken aus alter Zeit über diesen Streit­punkt immer noch einiges Interesse für sich in Anspruch nehmen. Rudolph, Graf von Sulz, katholischer Religion, heirathete im Jahre 1605 Agatha, Gräfin von Hanau, eine Protestantin. Bei seiner Vermählung stellte er folgende Urkunde aus:

Ich Rudolph, Graf zu Sulz, verspreche bet meiner gräflichen Ehre, ober der Teufel soll mich holen, baß ich meine zukünftige Gemahlin bei ihrer Religion bleiben lassen, auch im mindesten zu keinem Abfall Anlaß geben will. Ich habe droben zwei Bibeln; hat sie nicht genug daran, so will ich ihr noch zwei kaufen. Sie lese nur tapfer unb fleißig barem. Zubern nehme ich ihren Leib unb nicht ihre Seele. Ich bleibe bei meiner Religion, barin ich von Jugend auferzogen bin; ich weiß, daß ich auf der rechten Bahn bin. Mill sie nicht in den Himmel, so fahr sie zur Hölle."

Man sieht, bei aller Ueberzeugung des Herrn Grafen von der alleinseligmachenden Kirche, war er dochliberal" genug, seine Gemahlin nach ihrer Facon .... in die Hölle fahren zu lassen.

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Gießen, den 13. September 1882.

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