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d?r. 190, Donnerstag den 17. August 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeistkblatt für den Kreis Gießen.

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Deutschland.

Darmstadt, 14. August. In Rücksicht auf die dermalen im Großher- zogthum stattsindenden Maturitäts-Prüfungen und die damit verbundene Berufs­wahl dürste es für weitere Kreise von Interesse sein, zu erfahren, daß augen­blicklich in dem Großherzogthum 49 Accessisten, welche die zweite Prüfung für das Justiz- und Verwaltungssach bestanden haben, und 114 Accessisten, welche noch vor dieser Prüfung stehen, vorhanden sind, daß das Avancement im Gerichts- und Verwaltungsdienste sehr langsam ist, hiernach aber die Aussichten auf eine Anstellung im Staatsdienste des Großherzogthums für solche junge Leute, welche sich gegenwärtig dem Studium der Rechtswissenschaft widmen, sehr Un9Ün , 14. August. DieBerl. Polit. Rachr." schreiben: Die von Kiel aus in Umlauf gesetzten Gerüchte über eine dort angeblich vorgekommene Verhaftung russischer Officiere haben wir sofort als höchst unwahrschemltch bezeichnet und zugleich jede Verantwortung für diese Mittheilung abgelehnt. Mit besonderer Genugthuung constatiren wir heute, daß der russische Officier der FregatteKnaes Pojarsky", dessen beklagenswerther Tod mit jenen Ge­rüchten in Verbindung zu bringen versucht worden ist, am gestrigen Tage mit allen militärischen Ehren und unter lebhafter Betheiligung des m Kiel befind­lichen Officier-Corps, sowie des russischen Consuls bestattet wurde.

Ueber die Berufung des Polizeimeisters Koslow von Petersburg nach Moskau erfahren dieBerl. Polit. Rachr." von zuverlässiger Seite, daß dieselbe auf specielles Betreiben des Fürsten Dolgorucki erfolgte, welcher schon seit langer Zeit mit der Thätigkeit des Polizeimeisters Arapoff eines Bruders des bekannten Attaches bei der hiesigen russischen Botschaft nicht einverstan­den war. Koslow war früher in Moskau und erfreute sich dort allgemeiner Beliebtheit. Seine Versetzung von Petersburg nach Moskau ist nur vorüber­gehender Natur; er soll die Krönung vorbereiten und sein Gutachten über die Sicherheitszustände in der altrusstschen .Hauptstadt dürfte entscheidend für die Festsetzung des Krönungstermins sein.

Wie man aus Görlitz meldet, hat die dortige Handelskammer be­schlossen, an das Gesammtministerium eine Vorstellung wegen der vom Handels­minister decretirten Suspension zu richten. Fürst. Bismarck wird also als Vorsitzender des Gesammtministeriums in der Lage sein, ein Ilrtheil über sem Vorgehen als Handelsminister abzugeben.

König Ludwig von Bayern hat, wie man derNat.-Ztg." aus München meldet, genehmigt, daß für den Bau der altkatholischen Kirche in München im ganzen Königreich Sammlungen stattfinden dürfen. Man wird nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß mit dieser Entschließung gleichzeitig die Antwort aus den Beschluß des in seiner Mehrheit klerikal gesinnten Stadl­raths von München ertheilt werden sollte, welcher bekanntlich vor einiger Zeit den Altkatholiken die weitere Benutzung der ihnen bis dahin zum Gebrauch ein­geräumten katholischen Kirche entzogen hat.

In Petersburg ist vor Kurzem wieder einmal derDeutschenhaß" zum Ausbruch gekommen. Im dortigen kaiserlichen Sommergarten verlangte, wie wir derDeutschen Petersb. Ztg." entnehmen, das Publikum am 5. August von dem von einem deutschen Capellmeister dirigirten Musik-Corps, daß der Skobeleff-Marsch" gespielt werde. Da die Musik aus irgend welchem Grunde zögerte, dem Wunsche zu willfahren, drohte die Menge, die Musiktribüne zu zertrümmern. Es wurde ein Gensd'armen-Oberst herzugerufen, da die Polizei nichts ausrichten konnte und er nahm ein Protokoll auf. Hunderte von Per­sonen unterzeichneten dasselbe freiwillig. _ Die Menschenmenge schrie:Hinaus mit den Deutschen!" Gleich daraus traf die Polizei die Anordnung, daß die electrischen Lampen gelöscht wurden, in Folge dessen entwickelte sich eine Schlägerei.

Bald nach Einführung der neuen Justizordnung waren Klagen aus den kleinen thüringischen Staaten laut geworden, daß alle Formulare und der­gleichen in großen Massen von Berlin bezogen würden und daß die bezügliche Privatindustrie darunter litte. Daß in Thüringen Abhülfe getroffen wäre, ist nicht bekannt geworden. Im Großherzogthum Hessen aber, wo dieselben Zu­stände walteten, hat jetzt die oberste Justizbehörde eine Verfügung erlassen, wonach der Bedarf an gerichtlichen Formularen, sobald die alten (allerdings sehr bedeutenden) Bestände verbraucht sein werden, wieder aus dem Jnlande bezogen werden soll. Gegen diese Praxis läßt sich kaum etwas einwenden. Der Bericht des Reichspostmeisters über seine Verwaltung während der drei letzten Jahre entwirft von der Thätigkeit und dem steigenden Umfange der Ge­schäfte der Reichsdruckerei ein so glänzendes Bild, daß die Besorgniß vor einer Aufsaugung der Privatindustrie aus diesem Gebiete durch das mächtigere Staats­institut als nicht ungerechtfertigt erscheint. Wenn deshalb einige Bundesregie­rungen sich mit ihren Aufträgen wieder an Private wenden, so ist damit ein gutes Beispiel gegeben, welches hoffentlich Nachahmung findet. Die Reichs- druckerei ist schon an und für sich glänzend sundirt und beschäftigt, daß sie die Fortexistenz der privaten Institute neidlos mit ansehen kann.

Berlin, 14. August. Der ehemalige Gesandte in Kopenhagen, Anton v. Magnus, der vor anderthalb Jahren plötzlich abberufen wurde, weil er der Französin Sarah Bernhardt gegenüber seiner Würde etwas vergeben hatte, ist jetzt in Württemberg, wohin er sich auf sein Landgut zurückgezogen, am 11. ds. gestorben.

Das behördliche Submissionswesen, welches schon seit langer Zeit

vielfach und mit Recht angefochten wird, soll einer Revision unterzogen werden. Unter den verschiedenen Vorschlägen, welche von allen Seiten gemacht werden, heben wir den derKreuz-Ztg." hervor, welcher die Zuziehung der Handels­kammern in's Auge faßt.

Eine Petersburger Meldung derVoss. Ztg." lautet: Vor Kurzem erhielt das Stadthaupt von Krasznojarsk einen Brief des Inhalts, daß die Stadt an zehn verschiedenen Stellen in Brand gesteckt werden solle. Dieses frevelhafte Vorhaben wurde dadurch motivirt, daß die Stadt nur von Spitzbuben und Polizeispionen bewohnt sei. Die Angst und Aufregung der Bewohner war groß. Vor das Haus des Beamten Kostinski, welcher der Geheimpolizei liirt ist, fuhren, während er mit seinen Söhnen verreist war, Mitternachts zwei geschlossene Kutschen vor; aus denselben stiegen zwölf Personen und begaben sich in das Innere des Hauses, wo sie erst alle Dienstboten fesselten, dann die Frau Kostinski's zu foltern begannen, damit sie sage, wo ine Documente, die geheimen Instructionen und Geld liege. Die Räuber schlugen die Frau, brannten sie mit Siegellack und feuerten ihr einen Schuß in die Brust. Sie eigneten sich einige Werthsachen an und verließen dann das Haus. Die bisherigen Be­mühungen, den Räubern auf die Spur zu kommen, hatten nur wenig Erfolg. Man führt diese Gewaltthat auf die zahlreichen letzten Nihllisten-Verfolgungen zurück, bei denen der genannte Beamte eine große Rolle spielt. Der Raub gilt nur als Fiction, um zu verdecken, daß die Pseudoräuber die Liste noch zu ver­haftender politisch verdächtiger Personen suchten.

Berlin, 14. August. Von allen politischen Parteien wird gleichmäßig aner­kannt, datz eme Gesundung unserer Zustände am ehesten durch Stärkung unseres Han^ werkerstandes erreicht werde, als dem Stande, welcher dem bürgerlichen Leben eigentlich Halt und Festigkeit verleiht, und der sich als ein so wirksamer Schutzzoll gegen die Gefährdungen des Staatslebens erwiesen hat, welche diesem ebensowohl durch ein Ueberwuchern des Großindustrialismus, als auch die damit Hand in Hand gehende Ausbreitung des Arbeiter-Proletariats erwachsen müssen. Mit besonderer Genugthuung darf denn auch darauf hingewiesen werden, daß zur Förderung ihres Standes aus den Handwerkerkreisen selbst heraus die verschiedensten Anstrengungen seit geraumer Zeit schon gemacht werden. Unter diesen Bestrebungen nehmen die Fachausstellungen eine vorzügliche Stelle ein und mit besonderer Genugthuung können wir heute über eme solch:, über die gegenwärtig chter stattfindende Ausstellung des Verbandes der Buch- fc'v.h- und Fachgenofien berichten, welche in den Buggenhagen'schen Sälen (am Morch- platz) abgehalten wird. Wir wollen von vornherein bemerken, daß dieselbe sich in jeder Weise vor derjenigen auszeichnet, welche von denselben Gewerken im vorigen Jahre in Leipzig abgehalten wurde, während dort, soweit es sich auf die eigentliche Buchbinderei bezog, es sich hauptsächlich um fogenannteWerkbände" handelte, jene Buch­einbände also, welche fabrikmäßig für Verlagshandlungen hergestellt werden und welche das Aeußere der deutschen und theilweise auch der fremdländischen Literatur, soweit solche ebenfalls in Leipsig gebunden wird, in einer Weise zu uniformtren drohen, welche für die Geschmacks- wie für die Gewerbsentwickelung gleich gefahrdrohend fit, zeigt die gegenwätt'ge Ausstellung in Berlin wie sehr sich die Buchbinderei im vollsten und schönsten Sinne in den Dienst des Kurfitgewerbes stellen verstanden hat.

Betreffs der Leistungen unserer Marine schreibt dieVoss. Ztg. .In der That werden wir hinsichtlich der Schnelligkeit der Indienststellungen von keiner Nation übertroffen und die musterhafte Verwaltung und Organisation unserer Werften wird auch von den Fremden bereitwillig anerkannt. Im Ganzen stehen letzt 31 deutsche Kriegsschiffe in Dienst; davon ist die Hälfte im Laufe dieses Frühlings und Sommers ausgerüstet worden, abgesehen von den Indienststellungen für kürzere Zeü (für Probe­fahrten und Uebungen). Das deutsche Mittelmeergeschwader wird bestehen aus den KorvettenGneisenau" undNymphe", den KannonenbootenMöoe",Habicht , Cyklop" und dem AvisoZieten"; doch scheint es noch nicht ganz sicher, ob die "Nymphe", das Schiffsjungen-Uebungsschiff, in den Geschwaderverband etntretcn wird. Nach der Segelordre soll das Schiff die Balearen, Sardinien und Sictlten besuchen und in der zweiten Hälfte des September in der Sudabucht ankern. Es wird von den Ereignissen abhängen, ob sie von dort nach Port-Said beordert werden oder die ur­sprünglich geplante Tour nach Westindien antreten wird."

Kassel, 15. August. In Folge eines Wolkenbruches, welcher bei M- morfchen niederging, wurde die Bahn theilweise zerstört und unfahrbar gemacht.

Die Betriebsstörung bei Altmorschen ist Nachts auf einem Gelets e beseitigt. Bisher mußten die Passagiere umsteigen, wodurch Stunden lange Ver­spätungen entstanden.

England.

London, 15. August. Aus Alexandrien wird von

det: Oberst Gerard recognoscirte mit 40 Mann beritten 9^4^ JnMterte erfolgreich das feindliche Lager bei Kingosman. Als er

Abukir-Sees ritt, wurde er eine Meile vom Lager von ^mk>lHb^^avallerie angegriffen. Der Angriff wurde durch das ®e®eWeuer. 9. tfnnnter zwei Mann verloren, zurückgeschlagen. In der Nachts versuchte , '

die englischen Wachen zu passiren; einer derselben ward ersch ss , Augenblicklich hört man Gewehrfeuer gegen Osten.

Aegypten.

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Al-randri-? ^August. Der Khedive hat die Engländer ermäch­tigt, d?E,nstch? v°n Kohlen und Munition an der Küste zwilchen Alexandrien und Port Said zu verhindern.