1882.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Erscheint täHlich mit Ausnahme des
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Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Wahlen der Bürgermeister in den Landgemeinden. Gießen, am 13. September 1882.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir eröffnen Ihnen auf verschiedene Anfragen, daß, da nach Art. 31 der Landgemeinde-Ordnung die Bürgermeister auf neun Jahre gewählt werden und eine Ausnahme von diesen! Grundsatz im Gesetze nirgends gemacht wird, in Landgemeinden die Amtsdauer des gewählten Bürgermeisters in allen Fallen neun Jahre beträgt, somit auch dann sich auf diesen Zeitraum erstreckt, wann der betreffende Bürgermeister zum Ersatz eines vor Ablauf seiner gesetzlichen Dienstperiode aus dem Amte geschiedenen Vorgängers gewählt worden ist.
Dr. Boekmann.
Deutschland.
Darmstadt, 14. Septbr. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 6. Septbr. den Oberamtsrichter bei dem Amtsgerichte Ortenberg, Otto v. Zangen, auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. November l. Js. in den Ruhestand zu versetzen.
Berlin, 13. Septbr. Die Ersatzreservisten 1. Klasse des Jahres 1877 treten mit dem 1. k. Mts. zur 2. Klasse über, wobei sie jedoch zu beachten haben, daß, so lange die Überführung zur 2. Klasse auf dem dem Bezirksfeldwebel abzugebenden Erjatzreserve-Scheine fehlt, der Inhaber zur 1. Klaffe der Ersatzreserve gehört, von Jahr zu Jahr in die zunächst jüngere Jahresklasse versetzt wird und im Mobilmachungsfalle mit zur Einstellung gelangt.
— In Frankfurt a. M. hat am 11. d. Mts. die große Katholiken-Ver- sammlung begonnen, welche sich durch die Anwesenheit der hervorragendsten Parteiführer, Windthorst, v. Schorlemer, v. Franckenstein, sich zu einer politischen Veranstaltung im großen Stil entwickelte. Die Stellung des Ultramontanismus in unserm ganzen politischen Leben ist nachgerade von so entscheidender Bedeutung geworden, daß man den Kundgebungen dieser Versammlung mit größter Spannung wird entgegensetzen müssen.
— Man meldet aus Alexandrien: Dem Dr. Mackie gebührt das Verdienst, eine Frage angeregt zu haben, deren Wichtigkeit für die sanitären Verhältnisse nicht nur Egyptens, sondern ganz Europas in die Augen springt. Die bevorstehenden Kämpfe dürften Anhäufungen von egyptischen Tobten und Verwundeten zur Folge haben, welche, wenn von keiner Seite Hilfe geschafft wird, leicht den Ausbruch von Epidemien nach sich zu ziehen vermöchten. Dr. Mackie erläßt nun einen Aufruf an alle Egypter, in welchem zu Geldsannulungen zum Zwecke der Ausstellung von Ambulanzen für die egyptischen Soldaten aufgefordert wird. Der warm gehaltene Apell ignorirt gänzlich die Politik, betont ausschließlich den Standpunkt der Humanität, verweist die Egypter aus die ähnlichen Institutionen bei den civilisirten Nationen und stellt, wenn die Egypter mit gutem Beispiele vorangehen, auch Unterstützungs-Beiträge der Europäer, sowie die Aufnahme egyptischer Verwundeter in die europäischen Spitäler in Alexandrien in Aussicht.
— Der internationale Antisemiten-Congreß in Dresden hat seine erste Hauptsitzung am Montage gehalten. Ihr ging eine geheime Besprechung voraus. Die Zahl der Anwesenden ist auf etwa 300 gestiegen, darunter Stöcker, Henrici rc., sowie mehrere Redacteure cor.servativer Blätter aus Berlin. Der erste Antrag gmg dahm, die Berichterstatter für die Presse auszuschließen. Durch Stöcker's Vermittelung wurde der Antrag indeß nicht angenommen; es mußten sich aber die anwesenden Berichterstatter verpflichten, ihre Berichte, ehe sie dieselben absenden, dem Vorsitzenden vorzulegen. Dann wurde die Discussion eröffnet, in welcher die Heißsporne darauf losgingen, ein Gesetz vom Staate zu erreichen, das die sofortige und völlige Austreibung aller Juden ermögliche — Stöcker brachte eine vermittelnde These ein, nach welcher die Juden für alle christlichen Völker eine hohe Gefahr bilden und Gesetze erstrebt werden müßten, welche ihr Uebergewicht unmöglich machten. Dieser vermittelnden Auffassung trat die Mehrzahl der Redner bei. Vorgeschlagen wurde auch noch, alle Juden nach Egypten zu schicken, wo sie em eigenes Königreich bilden sollten. Stöcker wünscht, daß ein Congreß zusammenberufen werde, um die praktische Frage zu berathen; auch müsse ein Centralorgan geschaffen werden, um der „Alliance israelite universelle“ die Spitze bieten zu können. Ein Judenmissions-Prediqer de la Roi aus Berlin will die Emancipation der Juden für ein Menschenalter ausheben. Um „gerecht" zu sein, macht er unter stürmischer Heiterkeit den Vorschlag, daß die Juden zwölf ihrer beredtesten Männer auf den Antisemiten- Congreß entsenden sollten, um die ihnen gemachten Vorhalte zu widerlegen. Danach trat eine Pause in der Berathung ein.
Kassel, 12. Septbr. Der Juristentag hat nach dem „Berl. Taqebl." folgenden Beschluß gefaßt: „Beim Verlust von Werthpapieren, welche auf den Inhaber lauten oder indossirbar sind, ist mit dem gerichtlichen Aufgebot auf Ansuchen die Zahlungssperre zu verbinden. Für Zins- und Dividenden-Scheine empfiehlt sich eine selbstständige gerichtliche Zahlungssperre, wonach der Verlierer, falls Niemand Ansprüche erhoben hat, nach Ablauf der Verjäbrunasfrist sein Recht geltend machen kann."
Arankreich.
Paris, 12. Septbr. Ein französischer Oeconomist hat dieser Tage die Franzosen ob der drohenden deutschen Concurrenz damit getröstet, daß Bismarck's
System Deutschland zu Grunde richte und für Frankreich die beste Revanche für Sedan fei. Der „Telägraphe" entgegnet darauf: „Zum Unglück für uns entwickeln die geschützten Industrien Deutschlands ihre Kräfte in enormen Verhältnissen, und jetzt führt, wie Herr Marteau (in den Annales du commerce ex- Urieur') bestätigt, Deutschland für mehr als 2 Milliarden Fabrikate aus, während wir nur für 1700 Millionen ausführen. Die Deutschen haben billigere Arbeitslöhne und billigere Kohlen, sie zahlen kaum halb so hohe Steuern als wir, und ihre Transporte sind minder schwer als die unfern. Wir begegnen jetzt den deutschen Fabrikanten in Concurrenz auf fast allen Märkten der Welt und besonders in Italien. Seit der Durchstechung des Gotthard verdoppeln sich die deutschen Einfuhren in Italien, während die unfern fortwährend Nachlassen." Wie dem begegnen ? Die Durchstechung des Simplon, die 720m nicht überstiege, wird zunächst empfohlen, um die Entfernung von Paris nach Mailand aus 835km zu kürzen, die jetzt durch den Mont Cenis 951 und durch den Gotthard 906km betrage. Die „deutsche Concurrenz" ist jetzt das Hauptthema des Tages; an Geld und Credit fehlt es den Franzosen nicht, man wird bauen und bauen und in dem Festungsgürtel an der Ostgrenze das nicht scheuen, um Frankreich zu decken. Deutschland weiß jetzt, daß man in Frankreich aus diesen Punkt sein Auge gerichtet hat.
England.
London, 12. Septbr. Der irische Mörder Francis Hynes ward heute vom englischen Henker Marwood im Kerker von Limerick aufgeknüpft. Bis zum letzten Augenblicke gaben sich Landligisten und Katholiken die äußerste Mühe, eine Begnadigung für ihn auszuwirken. Noch am Samstag Abend ließ das Parlamentsmitglied Sexton dem Vicekönig einen Brief des Arbeitsgebers des Delinquenten überreichen, worin Jener die freundschaftlichen Beziehungen zwischen sich und Hynes hervorhob. Auch schrieb Sexton selbst an Gladstone; und Gladstone war höflich genug, ihm zu antworten, daß er Lord Spencer angewiesen habe, jeden Fingerzeig zur Klarstellung der Sache zu benutzen. Zahlreiche Gebete stiegen gestern in den katholischen Kirchen der Graffchaft Limerick und Clare für Hynes. zum Himmel auf. Da seine Schuld sonnenklar ist, so beweist der Eifer, mit welchem seine Begnadigung verfolgt ward, nur das Eine, daß sein Mord politischen Beweggründen entstammte. Hynes selbst war merkwürdig gefaßt und schicksalsergeben. Sein letzter Schlaf vor der Hinrichtung war ruhig; er erhob sich früh, machte seine Sterbe-Toilette mit Hülfe zweier Gefängniß Wärter, frühstückte mit vielem Appetit, hörte die Messe, empfing die Sterbesacramente und betrat festen Schrittes das Schaffot. Vertreter der Presse waren nicht zugegen. Es ist noch nicht bekannt, ob er ein Bekenntniß abgelegt hat; bis gestern leugnete er jede Mitschuld an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen. Während der Hinrichtung umstand eine dichte Menge das Gefängniß, zum Theil in inbrünstige Gebete für des Mannes Seelenheil versunken. Unruhen fanden nicht statt; allerdings hatte die Regierung das Gefängniß von zwei Compagnien Soldaten besetzen und außerdem 600 Extra-Constadler aus der Grafschaft nach Limerick kommen lassen. __
Aegypten.
London, 14. Septbr. General Macpherson telegraphirt aus Zagazig, er habe einen Force-Marsch ausgeführt und unmittelbar nach der Eroberung von Tel-el-Kebir um 4 Uhr Nachmittags mit den indischen Truppen Zagazig eingenommen und fünf Züge mit Kriegsmaterial erbeutet. Der Gouverneur ergab sich, die Bevölkerung ist unterwürfig.
— General Drury Lowe geht mit seiner Kavallerie in forcirten Märschen über Belbeis auf Kairo los.
— Aus Tel-el-Kebir wird gemeldet: Heute geht das Hauptquartier nach Zagazig. Die Engländer sind im Besitz der Eisenbahn nach Kairo. Dieselben erbeuteten Kameele, Maulthiere, Pferde und Vorräthe für 20,000 Mann auf einen Monat. Das indische Kontingent hat sich bei Hamid (Abu Hammad?) mit der unter dem Befehl Drury Lowe's stehenden Kavallerie vereinigt und rückt auf Kairo vor. — Die Papiere Arabi's sind ebenfalls erbeutet worden.
— Aus Alexandrien wird von heute gemeldet: Der in Kafte-Dowar commandirende Officier Arabi's hat an Scherif Pascha ein Schreiben gerichtet, in welchem er die Uebergabe anbietet. Arabi ist nach Kairo geflohen. Wolselcy hofft heute Benha zu besetzen und wird von da aus mit der Garde einen Vorstoß auf Kalyub, wenn nicht schon auf Kairo machen.
— Tulba Pascha, der in Kafre-Dowar commandirt, sandte um 8 Uhr Morgens dem General Wood unter weißer Flagge das Angebot seiner Unterwerfung. Wood telegraphirte an Wolseley um Instructionen. Aus Kairo wird


