Sonntag den 16. Juli
1882
iehcner Anzeiger
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Bureau r Schulftraße B. 18.
Nr. 163. Zweites Blatt.
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Wochenschau.
Gießen, 15. Juli.
Das Interesse an den Vorgängen der inneren Politik wird zur Zeit fast vollständig durch das große Ereigniß auf dem Gebiete der auswärtigen Angelegenheiten, durch das Bombardement der Hafenbefestigungen von Alexandrien von Seiten der englischen Panzerflotte und das active Auftreten Englands in der egytischen Frage verdrängt. So sehr nun aber auch die Sprache der Kanonen dazu angethan ist, um das Vertrauen in den Weltfrieden zu erschüttern, so ist von dem Vorgehen Englands gegen Egypten doch noch lange keine Vernichtung des Einvernehmens der Großmächte zu fürchten. Ganz besonders ist die Politik des deutschen Reichskanzlers auch bemüht, das durch die englische Action allerdings etwas gelockerte Band der Eintracht unter den Großmächten zusammenzuhalten und wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird bald eine Con- ferenz der Großmächte über die Ergebnisse des Bombardements von Alexandrien berathen und eine Herbeiführung der alten Ordnung in Egypten versuchen. Die Annahme, daß Europas und auch Deutschlands Politik von der englischen durchkreuzt worden wäre, ist trotz des tAllarmschlagens einiger großer Zeitungen offenbar sehr irrig. Die Großmächte, und zumal Deutschland, unterstützten allerdings ein Einschreiten des Sultans in Egypten, aber nachdem dies nicht zu erreichen war, mußte unter stillschweigender Billigung der Großmächte, England als zunächst betheiligte Macht einschreiten, aber jedenfalls wird die englische Action gegen Egypten unter der europäischen Controle bleiben.
Das Geplänkel zwischen der klerikalen Presse und den Organen der Regierung in Sachen des Kirchenstreites dauerte die ganze Woche hindurch fort und erhielt die klerikale Partei, die mit einem Bunde mit der Fortschrittspartei der Regierung gedroht hatte, von der dem Fürsten Bismarck nahestehenden „Rordd. Allg. Ztg." einen förmlichen Absagebrief, während in anderen Regierungsblättern betont wird, daß die Regierung in ihrer Fürsorge für die Herstellung geordneter und friedlicher Uustände in den kirchlichen Angelegenheiten fortfahren werde, aber dem Staate nichts vergeben dürfe.
Bei der am 12. Juli in Kol mar in Posen stattgefundenen Reichstagsersatzwahl siegte mit 4289 Stimmen der conservative Candidat Herr v. Kolmar, der Candidat der Polen, Herr Gajowieki, erhielt nur 1969 und der Candidat der Fortschrittspartei, Herr v. Saro-Saucken nur 952 Stimmen.
In Freiburg im Breisgau fand am 12. Juli die feierliche Consecration und Inthronisation des neuen Erzbischofs, Dr. Orbin, im Beisein der Vertreter der Großh. Badischen'Behörden statt.
Der Handels- und Schifffahrts-Vertrag Deutschlands mit Mexico, welcher am 13. Juli abgelaufen war, ist bis Ende des Jahres 1882 verlängert worden, bis wohin hoffentlich die Verhandlungen soweit gediehen sind, daß ein neuer Vertrag zwischen der deutschen und mexikanischen Regierung abgeschlossen werden kann.
Oesterreichs innere Politik bietet zur Zeit eine ziemliche Ebbe dar, zumal die Reorganisation des österreichisch - ungarischen Heeres glimpflich für die Staatskassen in Wien und Budapesth zu verlaufen scheint und die öffentliche Meinung deshalb über die Heeres-Organisation sich wieder beruhigt hat. Auch in Bosnien ist Alles ruhig.
Das französische Cabinet ist anläßlich der Ereignisse vor Alexandrien in ein scharfes Gedränge gerathen, denn alle Gegner der gegenwärtigen französischen Regierung klagen dieselbe an, Frankreichs Interessen in Egypten sehr schlecht wahrzunehmen, England einen Vorsprung gelassen und trotz großer Rüstungen nichts ausgerrchtet zu haben. Leicht ist daher die Stellung der französischen Regierung gegenwärtig keineswegs, obwohl man abwarten muß, welche Aufschlüsse der Ministerpräsident de Freycinet den Kammern ertheilen wird. Was es unter diesen Umständen mit der Festfreude an dem großen Rational- feste der französischen Republik am Freitage geworden ist, dürfte daher bedenklich erscheinen, wenn auch die Vorbereitungen dazu, besonders in Paris, wo auch das neue Rathhaus eingeweiht wurde, großartige waren.
Von der englischen Regierung erwartete natürlich alle Welt Aufschluß über das von der englischen Flotte vollzogene Bombardement der Hafenbefestigungen Alexandriens und über die Stellung Englands zur europäischen Conserenz. Der englische Premierminister Gladstone hat sich beeilt, die betr. Aufklärungen zu geben und im Parlamente erklärt, daß das Einvernehmen der Großmächte fortbestehe und von dem Bombardement Alexandriens ein wichtiges Resultat für die Lösung der egyptischen Frage erwartet wird. England verfolge keine selbstsüchtigen Zwecke, sondern es gelte nur, den Gewalthaber Arabi Pascha aus Egypten zu beseitigen, der die Niedermetzelungen der Europäer in Alexandrien ununtersucht ließ und den Vicekönig, wie ganz Egypten, vergewaltige. Deutschland und Oesterreich hätten auch das Bombardement für legitim (?) erklärt und auch zwischen England und Frankreich bestehe keine Entfremdung, wenn sich Frankreich auch nicht an der Action gegen Arabi Pascha betheiligt habe.
Berlin. Ueber das lawinenartige Anwachsen des kaufmännischen Proletariats spricht sich ein Bericht aus, den der Berliner Verem junger Kaufleute erstattet hat und den auch der von den Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft erstattete Bericht erwähnt. Im Großen und Ganzen ist es eine für Jeden augenfällige Thatfache, daß sowohl die wissenschaftliche Vorbildung, wie die berufliche Ausbildung der Handlungsgehülfen mehr als sehr viel zu wünschen übrig läßt. In
sehr vielen Fällen wird zwischen den Schulkenntnissen zweier junger Männer, von denen der eine eine kaufmännische Lehrzeit, der andere die eines Handwerkers vollendet hat, ein wesentlicher Unterschied nicht zu bemerken sein. Der angehende Handwerker wird sich jedoch eine Menge technischer Kenntnisse angeeignet haben, die ihm zu einem anständigen Lebensunterhalt verhelfen müssen; der junge Kaufmann dagegen, der sich nicht ungern für etwas „Besseres" als ein Handwerker zu halten geneigt ist, steht ohne solche tatsächliche Kenntnisse an der Schwelle des Lebens und besitzt vielfach wenig mehr, als einige Handfertigkeit, die ihm jeder einigermaßen intelligente, aber sonst nicht gebildete Arbeiter bald abgesehen haben wird. Daher ist denn auch nur zu wohl erklärlich, wenn dies mehr als mangelhafte Wissen der sog. jungen Kaufleute dieselben allzu leicht in die Arme der Roth und des Elends treibt. Trotz dieser täglich für Jeden zu machenden Erfahrung streben dennoch der lieben Eitelkeit wegen Viele nach dem „höheren" Berufe des Kaufmannes; daß es aber so Vielen leicht gemacht wird, die ersten Schritte der kaufmännischen Carriöre zu beschreiten, rührt zum großen Theil auch mit daher, daß viele Prinzipale das Princip der Massenausbildung von Kaufmanns-Lehrlingen befolgen, und statt eines Gehülsen, den sie honoriren müßten, eine Anzahl von Lehrlingen anstellen, die eine Zeit lang umsonst arbeiten müssen, und die sie laufen lassen, ohne für deren spätere Lebensschicksale irgend welche Verantwortung zu übernehmen, sobald dieselben ausgelernt haben, d. h. sobald dieselben nach 3 oder 4 Jahren freiwilliger und unbezahlter Arbeit den doch sehr gerechtfertigten Anspruch auf Remuneration erheben. Daß ihre Remuneration bis dahin nicht einmal die virtuelle einer entsprechenden Verschaffung der ihnen nöthigen kaufmännischen Kenntnisse gewesen ist, ist der traurige Schluß dieses Circulus vitiosus; denn würden die jungen Leute solche erreicht haben, dann würde es ihnen — nicht weniger als einem tüchtigen Handwerksgesellen — leicht sein, ihr Brod zu finden; so aber, kenntnißlos und unwissend, wie sie die Lehrzeit verlassen, bilden sie nichts als neue Massen an der Lawine des Proletariats, die uns so schwer bedroht und gegen die ein Schutzwall zu sein, der Zweck der socialpolitischen Bestrebungen der Regie- rung ist.
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t)cfien vo m 5. it nÖ L°uter gegen den Ausschluß ihrer
. 3" Betreff des » J’, al§ Kreisstraßen entschied der Promnztalausschutz, Straßenstrecken,v°v> der JU ^werfen und die Gemeinde Lauter
>ur Gablung d-r Kasten des Verfahrens, sowie eines Aversionalbetrages von M in die Provinzialkasse zu verurtherlen sei.
Die Beschießung von Alexandrien.
Es ist für England gar keine Veranlassung vorhanden, aus dem relativen Erfolge, welchen die Panzerflotte vor Alexandrien davongetragen hat, irgendwllch- günstige Schlüsse auf die technische Vollkommenheit und artilleristische Leistungsfähigkeit seiner Kriegsmarine zu ziehen. Voraussichtlich wird aber nach dieser Richtung hm von John Bull der Mund gewaltig voll genommen werden und in ganz England eitel Freude und Entzücken herrschen über die „wundervolle" Wirkung der Woolwich-Geschütze; es dürfte deshalb am Platze sein, die ungeheure Verschiede-heit der Kampfmittel, wie sie vor Alexandrien bestand, etwas näher zu beleuchten. Die englische Flotte, welche die Niederkämpfung und theilweise Zerstörung der Forts und Hafenbatterien durchführte, enthielt die größten und bestarmirten Panzerschiffe, die das Land überhauvt besitzt. Zu geschweigen von dem Jnvtncible, haben die Schiffe (Monarch, Sultan, Alexandra, Superb) in den 38 Tons-Geschützen eine sehr respectable Lelstungs- fähtgkett, insofern diese Geschosse von über 7 Ctr. Gewicht mit 1V4 Etr. Ladung verfeuern bet eurer höchsten Schußweite von 5000 M- Sehen wir uns dagegen die Widerstandsfähigkeit und bte Armtrung der ägyptischen Werke an. Es waren zu bekämpfen die Forts, welche die Hafeneingänge vertheidigen sollten und einige Zwischenwerke in der Form von Strandbatterien. Erstere sind in Stein nach dem veralteten Etagensystem ausgeführt und entbehren der Panzerthürme oder sonstiger Wehren, die gegen die furchtbare Sprengwirkung der schweren Geschosse Schutz gewährten. Die Strandbatterien waren in der Form von Erdwerken mit schwachem Profil hergestellt, also noch weniger im Stande, den Verheerungen der minenartig wirkenden Panzergranaten zu trotzen. Als Geschützausrüstung standen den Aegyptern zu Gebot eiserne Küstengeschütze veralteter französischer Modelle und als bestes Geschütz eine Anzahl schmiedeeiserner Kanonen von 21 Ctm- Durchmesser, die im Jahre 1868 von Armstrong construirt worden waren und deren Geschoß noch nicht dem dritten Theil des Gewichts des 80 Tons-Geschützes gleichkam. Rechnen wir hierzu eine mangelhaft ausgebildete Bedienungsmannschaft auf ägyptischer Seite, das Fehlen technisch vollkommener Hilfsmittel, wie sie der jetzige Stand der Artillerie erfordert, weiterhin das Fehlen von Torpedos und Seeminen, welche ja heutzutage die furchtbarsten Angriffsmittel gegen Schiffe bilden, so sind die Umrisse der beiderseitigen Kräfte gegeben Es kommt hierzu noch, daß die meisten der ägyptischen Geschütze nicht einmal die englischen L>chiste erreichen konnten, während die Engländer in beinahe absoluter Sicherheit ihr Geschütze richten und abfeuern konnten. Daß trotzdem aus Setten der letzteren 40 ^et - wundete gezählt werden, erscheint uns als eine anerkennenswerthe Leistung der agyp ,cy
Der unparteiische Leser mag aber nach alledem darüber entscheiden, ob e- gerade als eine besondere Heldenthat anzusehen ist, daß die englischen Panzerko ost h'
unendlich überlegenen Geschützausrüstung nach mehrstündigem Kampfe die Äwn, schlecht gebauten und noch schlechter armirten Forts bezw. Erdwerke zum Schweigen gebracht haben. Die Sache kommt so ziemlich auf dasselbe hinaus, als w I , einem W'nchefteEepetirgewehr ausgerüstet ist. Jagd aus > einen macht, welcher nichts zu seiner Vertheidigung besitzt, als eine alte rostige Vsttose- p f möcbten wir \ Zum Schlüsse unb (amentlid) »ur aber darauf Hinweisen, daß das 40 E'm.-Geicyuy bda ji ■ stärksten
der Engländer noch jeder Richtung bin üb-rl-g-n fft 2(®ftrbefjrointeI Quf englischen Panzer, wie iyn der Inflexible oestyl, w mirflidt xu bedauern
4580 !W. und Sei 60 Grad ouf «XÄ ' nI ent s-chenden Bedi-nungs- daß den armen Aegyptern nicht einige fouper jcrupp xu gestalten als
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