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Mittwoch den i5. November

Nr. 267.

Amts- und Anzeigeblatt

1882.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montagö.

Vrireaur Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Betreffend: Die Einsendung der Sterbsallszählkarten. Gießen, am 11. November 1882.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grohherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Nach einer Mittheilung des Großherzoglichen Kreisgesundheitsamtes Gießen sind noch viele Bürgermeistereien mit der Einsendung der Sterbfallszähl- karten im Rückstand. _ - p c . CY ,

Falls die Einsendung nicht umgehend erfolgt, sind wir genöthigt, strafend emzuschrerten, oder auch Wartboten abzusenden.

Dr. Boekman n. _________________________________

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Gießen, 14. November.

Die Kronprinzessin des deutschen Reichs und vonPreußen ist am Freitag nach London abgereist, um bei der Rückkehr ihres Bruders, des Herzogs v. Connaught, aus Egypten zugegen zu sein. Die hohe Frau wird am 20. d. Mts. in Berlin, resp. Potsdam zurückerwartet.

Mit der Eröffnung des preußischen Landtages an diesem Dienstag, den 14. November, beginnt ein neuer, wichtiger Abschnitt in der par­lamentarischen Geschichte Preußens, welcher auch für das übrige Deutschland nicht ohne Bedeutung ist. Es muß sich jetzt, nachdem in der vergangenen Land­tagswahl-Campagne der Ansturm der Opposition auf die Negierungs- Position mit so großem Erfolge abgeschlagen worden ist, zeigen, inwie­weit sich die Negierung bei Durchsetzung ihrer Vorlagen auf die gemäßigten Elemente von rechts und links stützen kann, denn nur dann wird die neue Session ersprießliche Früchte für das Land zeitigen. Indessen haben die Organe der preußischen Regierung, welche sich vor Kurzem noch so entgegenkommend zu den gemäßigten Parteien verhielten, plötzlich wieder eine reservirte Haltung ein­genommen, woraus man schon folgern will, daß sich die Regierung abermals auf das Centrum und die Extrem-Conservativen stützen wolle. Es wäre dies für die weitere Entwickelung unserer gesammten inneren Politik nur zu beklagen, ob dem aber wirklich so sein wird, läßt sich noch nicht sagen, da sich die par­lamentarische Situation erst genügend klären muß. Was die Eröffnung des Landtages selbst anbelangt, so trägt dieselbe diesmal einen besonders feierlichen Charakter, da nach übereinstimmenden Meldungen Berliner Blätter der Kaiser und König in Person die Thronrede zu verlesen gedenkt. Letztere wird daher, um den greisen Monarchen möglichst zu schonen, in knapper und präciser Form abgefaßt sein.

Der Vicepräsident des preußischen Staatsministeriums, Minister des Innern, v. Puttkamer, welcher sich vergangenen Donnerstag nach Varzin begeben hatte, um mit dem Fürsten Bismarck wegen des Inhalts der Thronrede zu conferiren, ist dem Vernehmen nach bereits am Sonnabend, den 11. d. Mts., wieder in Berlin eingetroffen. Ob Fürst Bismarck den Verhand­lungen des Abgeordnetenhauses beiwohnen wird, ist noch nicht bestimmt, aber nicht sehr wahrscheinlich, da ja auch der Reichstag am 30. November seine Sitzungen wieder aufnimmt, denen der Reichskanzler wohl eher beiwohnen dürfte.

Wie es scheint, kommen die schon längst angekündigten Veränderungen in unserer Diplomatie endlich in Fluß. Von mehreren Seiten wird gemeldet, daß der deutsche Gesandte in Bukarest, Graf Wesdehlen, nach Stuttgart an die Stelle des nach Bern versetzten Herrn v. Bülow, und Herr v. Saurma- Jeltsch, der bisherige General - Consul in Alexandrien, nach Bukarest kommen werde, lieber die Besetzung der noch übrigen vacanten Posten im Haag, in Athen, Washington u. s. w. verlautet noch nichts Definitives.

DieReißer Zeitung" meldet, daß der Kaiser von Oesterreich die Einsetzung eines Weihbischofs im österreichischen Antheil des Bisthums Breslau genehmigt habe. Generalvicar Sniegon in Teschen ist zum Weihbischof in Teschen designirt. Fürstbischof Herzog in Breslau zahlt die Dotation.

Die Verhandlungen der österreichisch-ungarischen Delegationen treten augenblicklich hinter den sich immer bedrohlicher gestaltenden Volksaufläufen in gewissen Stadttheilen Wiens zurück. Diese Unruhen haben sich aus einem ein­fachen Excesse im Laufe der vergangenen Woche zu förmlichen Straßen-Revolten entwickelt, die nur durch das Einschreiten der bewaffneten Macht unterdrückt werden konnten, wobei es auf beiden Seiten Schwer- und Leichtverletzte gab; zahlreiche Tumultuanten sind verhaftet worden. Die ganze Bewegung, die An­fangs nur ein Ausdruck des Unwillens gegen die von der Polizei verfügte Auf­lösung der Schuhmacher-Gewerkschaft und gegen die Confiscation des Vereins- Vermögens derselben war, hat einen entschieden revolutionären Charakter ange­nommen und alle jene unlautern Elemente plötzlich an die Oberfläche gebracht, die den letzten Bodensatz jeder großstädtischen Bevölkerung bllden. Um jede neue Emeute im Keime zu ersticken, sind die betr. Wiener Stadttheile mit starken Militär- und Polizeiabtheiluugen bis auf Weiteres besetzt. Bei der jüngst in der Josesstadt (Wien) stattgefundenen Reichsrathswahl siegte der Verfassung^ treue Candidat, Dr. Stourzh, über seine beiden Gegen-Candidaten Dr. Much und Dr. Kronawetter. Die österreichische Delegation genehmigte in ihrer Ausschußsitzung vom 9. November das Ordinarium des Militär-Etats, das Ordinarium und Extra - Ordinarium des Marine-Etats und die Nachtrags- Eredite für die Kriegsmarine conform der Regierungs-Vorlagen. Nur im Ordi- irarium des Marine-Etats sind 80,000 Gulden gestrichen.

Die Eröffnung der französischen Kammern ist am vergange­

nen Donnerstag erfolgt. Ueber das parlamentarische Debüt des Ministeriums Duclerc hört man entgegenstehende Meinungen, nach der einen Version hätte sich die Deputirtenkammer im Allgemeinen zustimmend zur ministeriellen Erklä­rung verhalten, eine andere Version will dagegen wissen, daß nur im Centrum vereinzelte schwache Beifallszeichen laut geworden seien. Jedenfalls war die Antrittsrede des Minister-Präsidenten Duclerc ziemlich farblos und dürfte dem­nach keinen großen Beifallssturm erregt haben; indessen muß man hierbei die eigentümlichen und schwierigen Verhältnisse berücksichtigen, unter denen das Cabinet Duclerc arsis Ruder gelangte. Es wird denn auch versichert, daß der größte Theil der Deputirten einer abermaligen Cabinetskrisis abgeneigt sei; vorläufig scheint sich also das Ministerium Duclerc über dem Wasser halten zu wollen.

Der englische Premier, Herr Gladstone, hat im Unterhaus, in den Debatten über die Reform der Geschäftsordnung, abermals einen bedeu­tenden Erfolg zu verzeichnen. Am Freitag lehnte das Unterhaus bei fortge­setzter Debatte über diesen Gegenstand mit 304 gegen 260 Stimmen den Antrag Northcote'ä, des Führers der Opposition, auf Verwerfung , der ersten, den Debattenschluß einführenden Resolution ab und nahm diese Resolution selbst an. Es ist demnach nicht zu bezweifeln, daß die ganze Regierungs-Bill über die Geschäftsordnung angenommen werden wird. Auf dem am 9. November vom Oberbürgermeister von London mehreren politischen und parlamentarischen Größen gegebenen Diner hielt auch der Premier Gladstone eine Rede. In der­selben constatirte der leitende Staatsmann namentlich mit Befriedigung, daß die Zahl der Agrarverbrechen in Irland von 531 auf 111 im Monat zurück­gegangen sei; die gegenwärtigen Einrichtungen in Irland erschienen demnach nicht mehr gefährdet.

Die Gerüchte über die bevorstehende Demission des russi­schen Ministers des Innern, Grafen Tolstoy, werden jetzt endlich dementirt. Man meldet in dieser Beziehung aus Petersburg, daß Graf Tolstoy einige Zeit leidend gewesen und hierdurch lediglich verhindert worden sei, die Geschäfte seines Ressorts in ihrem vollen Umfange wahrzunehmen. Derselbe sei bereits wieder hergestellt und nach seiner Genesung sofort vom Kaiser empfangen und zur Tafel gezogen worden. Diese kaiserlichen Gunstbezeugungen sprechen gerade nicht für eine bevorstehende Amtsniederlegung des Grafen Tolstoy, es scheint vielmehr, daß dieser sich der vollsten Huld des Czaren erfreut.

In der egyptischen Frage ist noch immer nichts Neues zu ver­zeichnen. Lord Dufferin weilt nun schon seit 8 Tagen in Kairo, aber es ist noch nichts Positives darüber bekannt, welchem Zwecke eigentlich seine Anwesen­heit in Egypten dienen soll. Wahrscheinlich ist es, daß Lord Dufferin als eine Art Ober-Commissär der englischen Regierung, mit außerordentlichen Vollmachten ausgerüstet, längere Zeit in Egypten bleiben wird, wozu die neuerdings sehr zweideutig gewordene Haltung der egyptischen Regierung England einen bequemen Vorwand bietet. Der Zustand der englischen Truppen in Egypten weckt immer größere Besorgnisse; von den in Kairo liegenden Truppen sind nicht weniger als 10 pCt., meistens Kavallerie, erkrankt.

Die nordamerikanische Union steht gegenwärtig noch vollständig unter dem Eindrücke des überraschenden demokratischen Wahlsieges. Derselbe stellt sich jetzt noch bedeutender heraus, als anfänglich angenommen wurde, denn die weiteren Berichte über die Wahlresultate bestätigen, daß tue demokratische Partei in der neuen Repräsentantenkammer um etwa.50 Deputirte stärker sein werde, als die republikanische. Selbstredend wird sich nun der demokratische Einfluß in allen Fragen, welche die große transoceanische Republik bewegen, geltend machen. -

Deutschland.

Main,. 13. November. Wie mir soeben von glaubwürdiger Militärischer Seite mitgethi.lt wird, hat das Kriegsmimsterium in Berlin auf Antrag des Armeecorps- Commandos in Kassel verfügt, daß in Folge der zahlreichen ausg-d-ckt-n B-ttügerei-n mit Mililärb-fr-iungsschein-n cm° Nachmust-.ung aller wegen kürh-rlrch r Gebrechen sreigewordenen Militärpflichtigen bis zu dem Jahrgang l 87b zurück stattzuftnden habe. W.e mi- weiter v iNcherl wird, habe das Kr.egsministerium ferner verfugt, daß die MililärpMchtiaen sich für b.c Folg- immer in ihrem Heimathsbezirke zur Musterung ,u stellen haben (Die Nachmusterung wird sich wohl auf diei-nigen Städte beschranken, von welchen «"gründet r Verdacht vorliegt, daß dortselbst bezügl. Betrügereien statte aefunben haben. Reb. b- G. 2l.) , x

Berlin 10 Novbr. Tue Etats für tue Verwaltungen des Reichs- Heeres aus 1883-84 enthalten nur geringe Mehrforderungen gegen das Vorjahr. Die fortdauernden Ausgaben betragen zusammen 300,223,914 Jt. und die ein­maligen Ausgaben 8,393,021 Jl., das ergiebt gegen das Vorjahr ein Mehr non 859 131 M. bei den fortdauernden und von 2,242,837 bei den ein-