Freitag den 15. September
Nr. 2LS.
1882.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße B. 18.
Erschemt mit Ausnahme des Montag*.
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Politische Ueberflcht.
Gießen, 14. (September.
lieber die bevor st ehende parlamentarische Campagne in Preußen sind eine Menge Gerüchte verbreitet, deren Bestätigung aber noch abzuwarten bleibt. In dem Circular-Erlaß des preußischen Ministers des Innern vom 4. d. Mts. ist zwar der Termin für die Landlagswahlen noch nicht angegeben, aber ausdrücklich daraus hingewiesen, daß die Wahlvorbereitungen überall derart zu beenden wären, daß die Wahl der Wahlmänner Anfangs October stattfinden könne. Der Reichstag soll dann trotz dessen Vertagung bis zum 30. November schon Ende October oder Anfangs November einberufen werden, um seine Arbeiten fortzusetzen und namentlich den Etat für die nächsten zwei Jahre fertig zu stellen. Der preußische Landtag würde Anfangs December zusammentreten und seine Arbeiten bis Mitte Februar beendigen, zu welcher Zeit der Reichstag in seiner nächsten ordentlichen Session einberufen werden würde. Wir geben diese Nachrichten unter allem Vorbehalt und müssen hierbei besonders diejenige von dem früheren Wiederzusammentritte des Reichstages, als ursprünglich beabsichtigt, bezweifeln, denn wie erinnerlich, sind die verschiedenen Nerchs- tags-Commissionen mit ihren Arbeiten noch sehr im Rückstände und es ist nicht wohl anzunehmen, daß vor deren Beendigung das Plenum wieder zusammentreten sollte.
Der königliche Erlaß, betr. die Auflösung der Berliner Stadtver- ordneten-Versammlung, ist zwar noch nicht erschienen, doch wird er in allernächster, Zeit erwartet. Die Neuwahlen auf Grund der Neu-Eintheilung der städtischen Wahlbezirke, worüber der Berliner Magistrat dem Ober-Präsidenten Vorschläge zu machen hat, sollen unmittelbar nach der Auflösung vor sich gehen.
Herr von Schlözer, der Gesandte Preußens beim Vatikan, soll sofort nach seiner Ankunft in Rom die Mischehen-Frage zur Sprache gebracht haben. Die Angaben über die Aufnahme, welche die Wünsche der preußischen Regierung nach dieser Richtung hin in den leitenden Kreisen des Vatikans gefunden haben, lauten jedoch widersprechend. Auf der einen Seite wird behauptet, Herr v. Schlözer habe in Rom wenig Geneigtheit vorgefunden, in dieser Angelegenheit nachzugeben, anderseits wird aber gemeldet, daß der Papst einer milderen Auffassung in der Mischehen-Frage zuneige, als der Fürstbischof von Breslau und daß darum Herr v. Schlözer Seitens der römischen Kurie auf Entgegenkommen zu rechnen habe. Welche Annahme die richtige ist, dürfte sich wohl bald zeigen.
Für Oesterreich bildet die Reise des Kaisers Franz Josef nach den südlichen Provinzen seiner Monarchie zur Zeit den Gegenstand der allge- ineinen Aufmerksamkeit. Bisher ist der österreichische Herrscher an allen Orten, die er passirte, enthusiastisch ausgenommen worden, wodurch das österreichische Volk von Neuem den Beweis lieferte, daß seine Stämme trotz aller sie trennenden Unterschiede sich in der Treue und Ergebenheit für ihr angestammtes Herrscherhaus gleich sind. Besonders glänzend war der Empfang des Kaisers in Klagenfurt, der Hauptstadt Kärnthens, wo der Monarch einen mehrtägigen Aufenthalt nahm und von hier aus verschiedene Orte der Umgegend besuchte
Herr Duclerc, der französische Minister-Präsident, hat schon zu wiederholten Malen versichert, daß er weder ein Diener Gambetta's fei, noch in seinen Maßnahmen durch die Deputirtenkammer sich beeinflussen lassen werde. Eine ähnliche Versicherung hat Herr Duclerc neulich auch dem Pariser Berichterstatter der „Times" gegeben, indessen wird man wohl thun, alle diese Versicherungen mit Vorsicht aufzunehmen. Der neue französische CabinetS-Chef thut schließlich doch nur, was Gambetta, hinter den Coulissen stehend will davon giebt es trotz der erst kurzen Amtsthätigkeit des Cabinets Duclerc hinlänglich Bewege, und solche Beweise werden nach dem Wiederzusammentritte der französischen Kammern jedenfalls noch mehr hervortreten
buglische Constabler-Strike kann nunmehr als vollständig beendigt betrachtet werden, nachdem sämmtliche sinkenden Constabler mit Ausnahme der 12 bis 15 Rädelsführer, vom Vicekönig von Irland straflos wieder in Amr und Wurden eingesetzt morden sind. Die englische Regierung hat sich in dieser Bewegung tm Allgemeinen sehr klug benommen; durch die Entlassung der unzufriedenen Polizisten zeigte sie Energie und diese Energie verfehlte ihren Eindruck nicht, wie das Begnadigungsgesuch der entlaffenen Constabler bewies Zur rechten Zeit ließ dann die Regierung wieder Milde walten, indeni sie wie schon erwähnt, die sinkenden Constabler fast sämmtlich wieder zu Gnaden annahm. Das Interesse, mit welchem die englischen Blätter den Sinke verfolgten, hat sie wahrscheinlich abgehalten, den während dieser Zeit vorgefallenen agrarischen Ausschreitungen die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen, und doch sind auch derartige Gewaltthaten wiederum zu melden, von denen die größte die in voriger Woche erfolgte Ermordung des Pächters Quinn bei Edenderry ist, welcher den Kugeln mehrerer verkleideter Männer zum Opfer fiel.
Abermals treten Gerüchte über die Krönung des russischen Kaiserpaares auf, nach denen die Feier am 1. October (neuen Styls) d. I. in Moskau stattfinden soll. Jedenfalls sind diese wiederholten Meldungen über den Zeitpunkt der Krönung vorläufig nur als Symptome der schnell wechselnden Stimmungen und Absichten des russischen Hofes zu betrachten. Ob hierbei auch die Absicht mit unterläuft, die Nihilisten durch diese sich fortwährend erneuernden Gerüchte irre zu führen, lassen wir dahingestellt sein.
Aus dem Fürstenthume Bulgarien kommen Nachrichten, welche ms Ueberhandnehmen des russischen Einfluffes in Bulgarien in einem bedenk
lichen Lichte erscheinen lasten. So vollzieht sich gegenwärtig die Umwandlung der bulgarischen Miliz in ein russisches Corps,' zu dessen Oberbefehlshaber im Geheimen ein russischer General ernannt worden sein soll. Man darf demnach nicht daran zweifeln, daß im Falle eines abermaligen russisch-türkischen Krieges die bulgarische Armee dazu bestimmt ist, die Vorhut des russischen Heeres zu bilden.
Das Possenspiel der englisch-türkischen Militär-Convention zieht sich in ermüdender Länge hin. Jetzt lehnt plötzlich England die schon zu- gestandene Forderung der Pforte, daß die türkischen Truppen in Port Said landen sollen, wieder ab; wird der Pforte nicht endlich die Gedulh reißen?
Heber das zweite Gefecht bei Kassassin am 9. Septbr. liegen zwar immer noch keine erschöpfenden Mittheilungen vor, so viel aber scheint gewiß, daß der Zusammenstoß keine bloße Recognoscirung der Egypter gewesen ist, wie der englische Oberbefehlshaber, General Wolseley, berichtet. Die angreifenden Egypter sind 13,000 Mann und 22 Geschütze stark gewesen; der Angriff erfolgte mit großer Kühnheit und erst als die englische Kavallerie mit eingriff, wichen die Egypter zurück, auf dem Gefechtsfelde über 100 Todte zurücklastend, während ihr Verlust an Verwundeten und Gefangenen noch nicht genau bekannt ist. Zwei Tage nach dem Zusammenstöße trafen die schottische Brigade und indische Infanterie in Kaffasin ein, so' daß General Wolseley's Armee nunmehr vollzählig ist und wurde deshalb der allgemeine Angriff auf Tel-el-Kebir bereits für Mittwoch, den 13. Septbr., erwartet, welcher auch an genanntem Tage mit bestem Erfolge stattgefunden hat. Die Gesammtstärke der hier stehenden egyptischen Truppen wird auf 26,000 Mann mit ca. 70 Geschützen unter Ali Fehmi Pascha geschätzt; in Salahieh sollen 5000 Egypter stehen. Nach Aussagen von Gefangenen erfolgte der Angriff Arabi Pascha's am Sonnabend zu dem Zwecke, das englische Lager bei Kassassin zu nehmen , welches die Egypter nur schwach besetzt glaubten.
Arankreich.
Paris, 11. Septbr. Fast jeden Tag noch werden uns französische Blätter voll boshafter Ausfälle, Verdächtigungen und Dummheiten verdrehter Kopse zugeschickt. Nach den Heldenthaten der Liga der Patrioten wendet sich die Rachsucht jetzt wieder mit besonderer Bosheit gegen die Armee. Sogar das Unglück von Hugstetten wird dazu ausgebeutet und eine Stelle aus einem Berichte des „Alsacien-Lorrain" geht durch die Provinz-Blätter, in welchem folgende Stelle im „Petit Nicois" roth angestrichen uns zugeschickt wurde: „Die Linie, auf der das Unglück geschah, ist eine strategische Linie. Man wollte wissen, ob sie eine starke Ladung im Nothfalle vertrage. Der Versuch hat viele Menschenleben gekostet. Endlich ist man über die Fürsorge, welche die deutsche Gesellschaft dem Leben der Reisenden widmet, im Klaren." Als ob in Frankreich niemals ähnliche Unfälle vorgekommen wären! Und gerade in den letzten Jahren im Süden Frankreichs, auf der Paris - Lyon - Mittelmeer - Bahn zumal, wo ganz genau dasselbe mit dem Vergnügungszuge der Liedertafeln vorkam. Doch dem Blödsinn und der Rachsucht Vernunft zu predigen, ist eitel Mühe. Im Süden ist es besonders Nizza und Marseille, wo die kleinen Blätter gegen Deutschland Wuth schnauben, im Norden Roubaix und Calais. In Paris machen sich neuerdings die „France", die „Liberi" und der „Gaulois" Con- currenz als Apostel der französischen Gefühlsreinheit und Zartfühligkeit. Es spielt viel Reclame dabei mit. Die „France" bringt aber auch heute einen sehr anerkennenden Artikel über „Deutschlands Hauptstadt" von C. Simonin. Das „Journal des D6bats" predigt den französischen Industriellen, daß sie bei dem jetzigen Kampfe um den Weltmarkt die Ohren steif halten und nicht verzagen mögen, daß in allen solchen großen Wendezeiten die Ausdauer und Arbeitskraft den Sieg davon trage. (Köln. Ztg.)
Telegraphische Depeschen,
Wolff's telegr. Correspondenz-Burea«.
Breslau, 13. Septbr. Die „Brest. Ztg." ist autorisirt, die Behauptungen der Blätter über die Abwesenheit des Großfürsten Wladimir bei Ankunft des Kronprinzen Rudolf für jeder Begründung entbehrend zu erklären. Es sei nicht Sitte, einen fremden Fürsten auf fremdem Boden, wo er Gast des Landesherrn fei, zu empfangen. Trotzdem beabsichtigte der Großfürst, den Kronprinzen zu empfangen, es stand ihm aber im Augenblicke, wo er sich zur Bahn begeben wollte, eine österreichische Uniform nicht zu Gebote. Die russischen Officiere sind jedoch zum Empfange des Kronprinzen erschienen, namentlich General Scalon. Von politischen Motiven für das Fernbleiben des Großfürsten könne demnach gar keine Rede sein.
— Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Oesterreich beabsichtigen heute Abend 8’/2 Uhr nach Prag zurückzureifen. Großfürst Wladimir wird Se. Maj. den Kaiser morgen nach Dresden begleiten, während die Großfürstin sich nach Koburg begeben wird. Heute früh 9 Uhr begab sich Se. Majestät mit dem Kronprinzen Rudolf und der Kronprinzesstn Stephanie zum Manöver nach Groß-Raake. Das Befinden des Generals v. Tümpling hat stch gebessert.
— Se. Maj. der Kaiser hat dem Oberbürgermeister Friedensburg den Rothen Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife, dem Stadtverordneten-Vorsteher Beyersdorf den Rothen Adlerorden 4. Klasse verliehen. — Der Kronprinz und die Kronprinzessin Stephanie von Oesterreich empfingen gestern Abend eine


