Ax H2 Zweites Blatt. Sonntag bdl 14. Mai 1882.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraße B. 18.
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Wochenschau.
Gießen. 13. Mai.
Im Reichstage hat am vergangenen Mittwoch der großeRede- kampf über den Gegenstand, welcher nun schon seit Jahren das A und O unserer inneren Politik bildet, über das Tabaknionopol, begonnen. Angesichts der begreiflichen Spannung, mit welcher man allseitig den Ausgang dieser Debatte erwartet, treten einstweilen die übrigen Aufgaben, mit denen sich der gegenwärtige Reichstag beschäftigen wird, zurück und im Reichstage selbst scheint die Empfindung vorherrschend zu sein, möglichst bald diesen wichtigsten Punkt in seinem Arbeitsprogramm zu erledigen, denn nur drei Sitzungen brauchte das Haus dazu, um die ersten Lesungen der Vorlagen, betr. die Abänderung der Gewerbeordnung und des Zolltarifs, zu Ende zu führen. — Was nun die Eröffnungsdebatte anbelangt, so sind die hieraus gesetzten Erwartungen insofern nicht erfüllt worden, als der Reichskanzler Fürst Bismarck durch andauerndes Unwohlsein verhindert ist, der ersten Berathung des Monopols beizuwohnen. Die Debatte wurde durch den Staatssecretär für das Schatzamt, Scholz, eröffnet, der somit die schwierige Aufgabe hatte, einer im Voraus verlorenen Sache das Wort zu reden. Der genannte Regierungsvertreter motivirte die Monopolvorlage mit der Nothwendigkeit, dem Reiche neue Einnahmequellen zu verschaffen und um die Einzelstaaten und besonders die nothleidenden Communalverbände möglichst zu entlasten, auch hob er hervor, daß, wenn der jetzige Reichstag das Monopol nicht annehme, die Zeit kommen werde, wo mau zu diesem Schritte seine Zuflucht nehmen müßte, aber mit ungleich größeren Opfern. Aus der Mitte des Hauses nahm sodann der Abgeordnete für den ersten Hamburger Reichstagswahlkreis, Saudtmann fFortschr.), das Wort, um den von der Fortschrittspartei eingebrachten Antrag, welcher sich gegen die Einführung des Monopols und gegen jede Erhöhung der Tabaksteuer ausspricht, dagegen die Beseitigung der in der Zoll- und Steuergesetzgebung vorhandenen Härten von den bereits genehmigten Mitteln erwartet, zu vertheidigen. Als nächster Redner nahm Seitens der Rattonalliberalen Abg. Hobrecht das Wort, um in maßvoller und mit großem Beifall aufgenommener Rede die schweren Bedenken seiner Partei gegen das Monopol darzulegen. Er erkannte das Bedürsniß an, die directen
Steuern zu mindern und die Cotnmunallasten zu erleichtern, er führte aber aus, daß eine derartige Reform sehr schivierig und daß vor Allem zu einer solchen das Tabaknionopol ungeeignet sei. Die Bedenken gegen das Monopol lägen hauptsächlich darin, daß die Gelegenheit zum Erwerb vermindert und daß man hierdurch einzelnen Landcstheilen unheilbare Wunden schlagen werde. Er werde deshalb mit seinen Freunden gegen das Monopol, aber für die Berathung der Vorlage in einer Commission stimmen. Hierauf versuchte Bundes-Commissar v. Mayr, der Vater des Monopol-Entwurfes, die Ausführungen des nationalliberalen Redners unter großer Unruhe des Hauses zu widerlegen, indem er sich bemühte, darzulegen, daß die Ausführungen über das Brodloswerden von vielen Tausenden von Arbeitern und die Schädigung deutscher Tabakbauern unzutreffend seien. Die Debatte nahm gegen Schluß durch das provocirende Auftreten des Abg. v. Minnigerode gegen die Linke einen sehr stürmischen Charakter an und wurde dem Abg. Richter-Hagen vom Präsidenten ein Ordnungsruf zu TM. In der nächsten Sitzung am Freitag setzte das Haus die Berathung der Monopolvorlage fort; die Ueberweisung derselben an eine Commission steht außer allem Zweifel.
Der preußische Landtag ist am vergangenen Donnerstag geschlossen worden, nachdem das Abgeordnetenhaus vorher seine letzte Sitzung dehuss Er- lcdigung der noch restirenden Arbeiten abgehalten hatte
Die Oesterreicher können mit dem Aufstande in der Crivoscie noch immer mcht gänzlich fertig werden. Hundertmal ist schon das Ende des Aufstandes verkündet worden, aber immer wieder flackert er von Neuem empor. In den letzten Tagen wurde Vas wiederholte Auftreten starker Jnsurgentenbanden m der Gegend von Ilmjolane Rakitnika, auf der Rodopolje Planina, ferner im Crnarieka-Thale und an andern Punkten beobachtet. Zusammenstöße fanden bei . okro, Cuhomcs und Orasje-Dzendoraluka statt, in denen die Insurgenten zer- iprengt wurden und namhafte Verluste erlitten.
Für Frankreich bildet das Kammervotum betreffs des vom Teputtrten Naquet eingebrachten Entwurfes über die Ehescheidung das Ereigniß T raTsT'.. ®ie Deputirtenkammer hat diesen Entwurf, welcher in Frankreich LnW$etbu’’9 roieber emführt, am Montag mit 340 gegen 125 Stimmen Sn/TV"0 b°burch zugleich dem Cabinet Freycinet ein Vertrauensvotum 2 ; da das Ministerium den Entwurf gebilligt hatte. Die öffentliche Mei- ms 1cei$ Orderte schon längst die in jenem Entwürfe enthaltenen miP e^r2*en?er Ehegesetzgebung und ist diese Frage in der Literatur, Jmnhir den Schaubuhnen und in den Gerichtssälen Frankreichs erschöpfend be- ?°rden. Der Entwurf wird allerdings noch dem Senate zugehen °och erwartet inan die Zustimmung auch dieser parlamentarischen Kör- ’ ,,a, dse Mehrheit des Senates in dessen jetziger Zusammensetzung ebenfalls republikanisch gesinnt ist.
englischen Behörden ist es trotz der eifrigsten Nachforschungen mach mcht gelungen, der Mörder des Lord Cavendish und des Mr. Bourke hab- m nnn ,5' .obwohl auf die Ergreifung derselben der enorme Preis von K ' . Mo. Sterl. gesetzt worden ist. Auch die Succursalen der irischen Laud- 9-.ln T.an Francisco und Rew-Uork haben namhafte Summen für die Ver- uug der Mörder jener Staatsmänner ausgesetzt, ein Beweis, daß die
Landliga selbst an der Blutthat int Phönix-Park zu Dublin keinen unmittelbaren Antheil hat. Daß aber die Landliga moralisch mitschuldig an diesem entsetzlichen Ereigniß ist, unterliegt keinem Zweifel, denn die Liga hat ja die Ermordung der irischen Gutsherren und der loyalen Pächter auf ihre Fahnen geschrieben. — An Stelle des Lord Cavendish ist George Trevelyan zum Staatssecretär und Mr. Hamilton an Stelle Bourke's zum Uuterstautssecretär für Irland ernannt worden.
In der Türkei hat ein beinahe vollständiger Cabinetswechsel stattgefunden, von welchem nur der Kriegsminister und der Finanzminister unberührt geblieben sind. Die neuen Cabinetsmitgliedcr, unter denen sich auch Reuf Pascha, Said Pascha (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen jüngst abgesetzten Ministerpräsidenten), Ali Fuad Bey u. s. w. befinden, sollen der Reformpartei angehören. — In Kairo ist die Lage plötzlich Hochernst geworden. Die Minister haben über den Kopf des Khedive hinweg die Notabeln-Versmninlung em- berufen, angeblich, um die bestehenden Streitfragen zu regeln, in Wahrheit aber, um die Absetzung Tewfik Paschas zu betreiben. Die Aufregung in Kairo ist nicht gering, doch versicherten die egyptischen Minister den fremden Cousuln, daß Leben und Eigenthmn der dortigen Europäer nicht im Geringsten bedroht sei. Die Cousuln von Deutschland, Oesterreich und Italien haben positive Weisung, nicht zu interveniren.__
Vermischte».
— lieber altegyptische Pflanzensunke entnimmt die „Riga'sche Zeitung" einem Briese des Proscssors Dr. Georg Schweinfurlh in Cairo folgende interessante Mittbeilungen: „Ich werde nächstens im hiesigen geologischen Institut einen Vortrag über die wundeibarsten Pflanzensunde aus der Zeit der 18. und 20. Dynastie (b. h. ein Paar Jahrhunderte vor dem trojanischen Kriege) halten. Ganze Hausen Guirlanden habe ich untersucht, die Blatter ausgeweicht und ausgebreiiet und neu gepreßt, unter Glas und Nahmen schön arrangirt, daß es eine Fr>ude ist, diese Reliquien von den Leichnamen der größten Könige, die Egypten gehabt, anzuschauen. Eine Ritterspornart, die heute noch in Algier und Syrien wächst, in Egypten aber verschwunden ist, sand sich in diesen Guirlanden und ist non völlig erhaltener violetter Farbe, 3500 Jahre alt! Es gibt Viele, die behaupten, diese Pflanzen seien das Interessanteste, was der große Gräberfund des vorigen Sommers zu Tage gefördert."
— [Kindertrotzs Mama: Wenn Du nicht gleich artig bist, Paulchen, sperre ich Dich ins Hühnerhaus ein. Paulchen: Zu den Hühnern kannst Du mich schon sperren, Mama, aber das sage ich Dir gleich: Eier lege ich doch nicht
Gewerbliche und technische Notizen.
— [lieber Bestimmungen in Betreff der Entzündlichkeit der mineralischen Oele. Von Jeunesse) In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo das Petroleum in so enormer Menge verbraucht wird besteht das Gesetz, daß kein P-troleum verwendet werden bars, welches unterhalb 43,5" C. sich entzünden läßt, b. h. bas Petroleum bars, bis zu biefer Temperatur erwärmt, kein entzündliches ober in Vermischung mit Luft explosives Gas entwickeln. Eine Folge biefeS Gesetzes ist, daß die Bewohner der Vereinigten Staaten sich ohne die mindeste Besorgniß der mineralischen Oele bedienen, weil sie wissen, daß dieselben der „amerikanischen Probe" unterworsen worden sind. Eine andere Folge dieses Gesetzes ist aber, daß die natürlichen ober unvollkommen rasfinirten Oele ausgeführt und auf die europäisch.n Märkte gebracht werden. In England hat man im Jahre 1862 ein Gesetz angenommen, nach welchem die Oele nicht unter 37,5» C entjündlich fein dürfen; aber dieses Gesetz ist ein todter Buchstabe geblieben, und es Ist jetzt die Rede von einem neuen Gesetzesvorschlage, nach welchem die Minimaltemperatur, bei welcher das Oel sich entzünden bars, auf 43,5» C. festgesetzt werben soll, wie in Amerika. Durch bie Annahme biefes Grabes will man eineiseiis ber Forderung der Rheder, welche, indem sie den Verbrauch der amerikanischen Oele zu vermehren wünschen, das Fortbestehen ber Vorfchristen von 1862 beanspruchten und anderseits dem Verlangen ber Fabrikanten von Beleuchtungsöl.m aus Steinkohle, Bogbead re., welche wünschen, baß die Minimaitemperalur für die Entzündlichkeit auf 55 bis 56° C. erhöht werden möge, weil dann ihre Produkte mit den amerikanischen Oelen concurrfren könnten, nach Möglichkeit entsprechen.
[Aus Annales du G4nie civil, durch Dingler's polyt. Journal.)
LebenSverficherung.
Nach dem demnächst — nach beendigter Prüfung seitens der Ausschüsse der Versicherten — zur Veröffentlichung gelangenden Rechenschastsbericht der Lebensver- stcherungsbank für Deutschland in Gotha für 1881 hat diese älteste und größte deutsche Lebensversicherungsanstalt im vorigen Jahre 4153 neue Versicherungen über 28179000 3t abgeschlossen und dadurch, nach Abzug der Sterbefälle und des sonstigen Abgangs, wieder einen reinen Zuwachs von 1616 Versicherten und 16556699 3t Veisicherungssumme erzielt. Ihr Ve'sicherungsbestand erhöhte sich infolge dessen bis Ende 1881 auf 57549 Personen mit 394 564 300 3t Versicherungssumme.
Ganz besonders günstig waren wieder die finanziellen Geschäftsergebnisse. Der reine Uederschuß, welchen das Jahr 1881 lieferte, beziffert sich auf 5 527172 31, ein Betrag, welcher in gleicher Höhe noch in keinem früheren Jahre erübrigt worden ist. Zu diesem Ergebniß trug vornehmlich mit der günstige Verlauf der Sterblichkeit unter den Vei sicherten bei.
Während nach den Rechnungsgrundlagen der Bank eine Sterbefallausgabe von 8102901 3t für 1301 Personen zu erwarten war, wurden im Ganzen nur 6 599 100 für 1170 Gestorbene, mithin aber 1503801 3t weniger als erwartet werden mußte, zahlbar. Wetter ist jedoch die Erzielung des hohen Jahresüberschusses auch dem ver- hältnißmäßig noch guten Zinsertrag Hm Durchschnitt 4,6pCt.) von dem Bankvermögen, sowie dem außeroi deutlich niedrigen Aufwand für Verwaltungskosten, welche einschließlich der Agentenprovisionen und Arzthonorare im Ganzen nur 4,93 pCt. der Jahreseinnahme ausmachten, zu verdanken
Der zum größten Theil (Ende 1881 mit 91293603 3t) gegen hypothekarische Sicherheit ausgeliehene Bankfonds erhöhte sich um 6528646 31 unb wuchs badurch aus 102470709 3t an, wovon 77674115 3t bie erforderlichen Pramienreseroen und Ueberträge begreifen und 1848435 3t zur Deckung sonstiger Verpflichtungen dienen, die übrigen 22948159 3t aber reine Ueberschüsse bilden, welche in den nächsten fünf Jahren an die Versicherten zur Vertheilung kommen und für diese Jahre eine durchschnittliche Dividende von 43p®. der Jahresprämie erwarten lassen.
Im lausenden Jahre beträgt die Dividende 42pCt.; dieselbe wird sich aber im


