Berlin, 8. December. An der Weigerung Frankreichs, auf die Com- pensations-Anerbietungen des englischen Cabinets für den Wegfall der westmücht- llchen Controle in Egypten einzugehen, kann kaum noch gezweifelt werden. Zwar steht die amtliche Beantwortung der jüngsten Granville'schen Note von Seiten der französischen Regierung zur Zeit noch aus, aber im „Foreign Office" eingelangte vertrauliche Informationen machen es mehr als wahrscheinlich, daß Herr Grövy den in London gehegten Wünschen ein „non possumns“ entgegen sitzen dürfte. Man darf freilich um deswillen Rodomontaden der „Röpubl. franyaise" nicht für baare Münze nehmen. Herr Grövy ist viel zu behutsam, Drohungen auszusprechen, deren Realisirung unter mehr als einem Gesichtspunkte aus sich von selbst verbieten. Aber wenn das Pariser Diplomatenblatt par exellence, der „Temps" mit Behagen den angeblichen Mißerfolg der Giers'- schen Reife nach Varzin constatirt, so wird man die Schadenfreude der französischen Politiker um so gleichmüthiger ertragen können, als ihnen der in die westmächtliche Entente getragene Riß denn doch bleischwer in den Gliedern liegt. Sind doch alle Vortheile der Situation aus Seiten Englands, welches seine Stellung am Nll tagtäglich verstärkt, während diejenige Frankreichs vergleichsweise auf ein Minimum herabgedrückt ist.
Die Neider der auswärtigen Politik Mr. Gladstone's fühlen urplötzlich ein menschliches Rühren mit der Bedrängniß der englischen Steuerzahler. Sie rechnen den Leuten vor — so kürzlich das conservative Parlaments-Mitglied Mr. Stanhope in einem zu Dorlington gehaltenen Speech — daß das Ausgabenbudget sowohl für Großbritannien als auch für Indien — ganz abgesehen von den Kriegskosten der egyptischeu Expedition — seit Jahren in unaufhörlichem Steigen begriffen sei, und zwar unter dem gegenwärtigen Ministerium noch rapider, als in den Tagen Lord Beaconsfield's. Beides ist wahr; Mr. Gladstone hat die Thatsache amtlich wie privatim offen anerkannt, aber zugleich auch erklärt, daß er außer Stande sei, gegen diese momentane Tendenz der finanz-politischen Conjunktur anzukämpfen. Nun kann ja allerdings das liberale Cabinet seinen conservativen Widersachern für ihre Bemängelungen der gouver- nementalen Staatshaushaltsführung sehr gewichtige positive Leistungen in Gegenrechnung stellen; aber die Sache hat gleichwohl eine Kehrseite, die unter Umständen bedenklich werden kann. Die Neigungen der Parlamentwähler sind unberechenbar; Beaconsfield wurde gestürzt, als er, vom Berliner Congreß im Triumphe heimkehrend, peace wilh honour nach Hause brachte. Zwar besitzt die conservative Partei Großbritanniens im Augenblick keine Persönlichkeit, deren Name sich mit dem politischen Prestige des Gladstone'schen messen könnte; das hat aber nicht gehindert, daß mehrere parlamentarische Ersatzwahlen die letzten Wochen dem conservativen Candidaten zum Siege verhalfen. Man gebe der conservativen Opposition nur im richtigen Zeitpunkt das richtige Schlagwort — und die Wankelmüthigkeit der Volksgunst wäre im Stande, der Welt ein Schauspiel zu geben, das der liberalen Geschmacksrichtung eine herbe Enttäuschung bereiten könnte.
Telegraphische Depeicheu.
Wolffs telegr. Eorrespondsnz-Burearr.
Berlin, 11. December. Reichstag. Etatlesung. Fmanzminister Scholz hält die Klage Hodrecht's vom Samstag über Indiskretion für unberechtigt, die Akten Staatsnnmsteriums seien öffentliche U> künden und Mittheilungen aus denselben an das Parlament durchaus nichts Unrechtes. Hobrecht erwidert, er und feine Collegm seien 1879 der Ansicht gewesen, datz die Akten des Staatsministcriums geheim bleiben müßten. Die Vorlesung seines Voiums am Samstag sei eine geg.n seine Person ge- ichtcte Spitze. Hobrecht ist schließlich der Meinung, ohne Verfassungsänderung sei b e Durchführung zweijähriger Etats nicht möglich. Scholz wiederholt, er habe am Sams- t ig Hodrecht's Votum nur verlesen um zu ze'gen, datz drei einander folgende, ver- ichtedene Standpunkte einnehmende Finanzminister, unter denen auch Hobrecht, über die Verfassungsmäßigkeit zweijähriger Etats einig gewesen seien. Hobrecht wiederholt, seine jetzige ablehnende Haltung widerspreche nicht seinem Votum von 1879. Hänel und Lasker verlangen die Verlesung des Hodrecht'schen Votums, Kardorff, Mrnnigerode, Bennigsen, Winddorst, Kleist-Retzow widersprechen der Verlesung des Wortlaut«, welche denn auch nicht stattfindet. Windthorst hält die Bevathung des Etats von 1884—1885 für ent- schieden unzulässig. Bundesraths Bevollmächtigter für Bayern, Räsfcld, erklärt das Emverständniß Bayerns mit zweijährigen Etats Auch Kardorff hält eine Verfassungsänderung für noihwendig, beantragt aber gleichwohl, gemtste Positionen des Etats pro 1884—85 an die Budget-Comm ssion zum Ber'cht darüber zu verweisen, ob die gegen die zweijährigen Etats geäußerten technischen Bedenken bet der thatsächlichen Prüfung stichhaltig feien. Der R ichstag lehnte sodann den Antrag Minirigerode und den Antrag Kardorff ab und nahm den Antrag Rickert, nur gewisse Theile des Etats von 1883—84 an die Budget-Commission zu verweisen, an.
— Der Botschafter Saburoff wird Abends nach Petersburg reisen, um Weihnachten bei seiner Familie zuzubringen. Die Geschäfte führt inzwischen Aragoff.
— Dem A<Ues1en-Colleglum der Kaufmannschaft ging heute eine von mehreren hundert Firmen unterzeichnete Petition zu behufs geeigneter Schritte gegen den Wedell- schen Börsensteuerantrag. Heute Abend sindet eine S tzung des Aelteften-Collegiums statt zur Besprechung dieses Antrags.
Elbing, 11. December. Auf dem Bahnhof Schlobitten fuhr gestern Abend der Courierzug von Königsberg nach Berlin in einen Güterzug, der auf ein anderes Geleise gesetzt werden sollte. Der Locomotivführer und der Heizer wurden getödtet, der Packmeister ist schwer, von den Passagieren sind acht leicht verwundet.
Weimar, 11. December. Der Staatsminister Thon ist heute Morgen gestorben.
Pefth, 11. December. In Folge des am verflossenen Samstag im Unterhause vorgekommenen Austritts fand gestern Nachmittag zwischen dem Deputaten Rohonczy uub dem Staatssekretär Hieronymi ein Pistolenduell mit zweimaligem Kugelwechsel statt. Keiner von Beiden wurde verletzt.
Lokales
Gießen, 12. December. Schwurgerichtssitzung vom 11. December l. I., Vormittags 9 Uhr, gegen Adam Richard Schmidt von Langenschwarz wegen Körperverletzung mit tödtlichem Erfolg.
Angeklagter ist beschuldigt:
daß er am 3. September l. I. zu Schlitz den Heinrich Stuhn von da mittelst einer Waffe, nämlich eines Messers, vorsätzlich an der Gesundyett beschädigt und hierdurch den Tod desselben verursacht habe.
Schmidt wurde für schuldig erachtet und demgemäß in eine Gesängmßstrase von 4Vz Jahren verurtheilt.
Schwurgerichts sitzung vom 11. December l. I, Nachmittags 3Uhr, gegen Heinrich Müller von Kölzenhain wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung.
Derselbe ist angeklagt:
datz er in der Nacht vom 18. zum 19 August l. I. in dem Walddtstricte Köst in der Gemarkung Petersheimer Hof einen Fo'.stbcamten in brr rechtmäßigen Ausübung seines Amtes mittelst eines gefährlichen W rkzeugs, nämlich einer Sichel, durch Gewalt Widerstand geleistet und dabei denselben vorsätzlich körperlich mißhandelt und an der Gesundheit beschädigt habe.
Augeschulbigter wurde von den Geschworenen für schuldig erkannt und derselbe demgemäß in eine Gesängnißstrafe von 4 Monaten, abzüglich einer Woche Untersuchungshaft, verurtheilt.
Gießen, 12. December. Am Donnerstag Abend beginnt Herr Professor v. Heugel in einem Lrhrsaal des Gymnasiums einen Cyclus von 4 Vorlesungen. Herrn v. Heugel, vielen alteren Damen und Herren wohl noch in Erinnerung (er hielt tm F bruar 1869 in Gießen ebenfalls ein n Cyclus von Vorträgen), stehen die besten Urtheile über seine Leistungen zur Seite. So empfiehlt beispielsweise Professor Dr. Galle, Director der Sternwarte in Breslau, die koSmographischen Vorlesungen des Professors v. Heugel mittelst Schreiben vom 15 Januar d. I. wie folgt: „Den kosmographischen Vorlesungen deS Barons Carl v. Heugcl, welche derselbe tn dem gegenwärtigen Wmter (wie schon einmal vor 15 Jahren) hier in Breslau rm Musiksaale der Universität vor einem zahlreichen Publikum gehalten hat, habe ich gern uüd mit Interesse zum größten Theile betgewohnt und können dieselben als allgemein verständlich, namentlich auch für Damen, bezeichnet werben. Soweit dieselben auf bit Astronomie sich beziehen, ist aus diesem umfangre chen Gebiete eine schickliche Auswahl getroffen, um über das W ffenswürdige vom Weltgebäude und von der Geschichte der menschlichen Forschungen und Meinungen darüber einen anregenden und belehrenden, auch durch bildlich.- Darstellungen erläuterten Einblick zu geben.
** Gießen, 12. December. (Theater.) Wer ein Stück von spannender Handlung in „Doctor Klaus" erwartet, der wird freilich enttäuscht sein, denn es sind im Grunde genommen nur lose, anemandergereihte Episoden. Mit der eigentlichen Handlung stehen sogar die besten Scenen, wie die Vorbereitung zum Balle, die Sprechstunde, die «Scene, wo der Kutscher Lnbowsky den Bauer „kurirt", in gar keinem Zusammenhänge. Nichtsdestoweniger fiebern gerade diese Scenen, weil sie theilweisc unmittelbar aus dem geben gegriffen sind, den Erfolg des Stückes. Sodann hat das Siück den Vorzug einer resoluten Charakterzeichnung. Die Hauptfigur des Arztes Dr. Klaus (mit dessen Besitzung das Stück entweder steht ober fällt) ist ein Meisterstück von lovrnswerther Eisindunq.
Trotz ferner rauher: Außenseite ist berfdbe die sympathischste Persönlichkeit, neben der die andern fast alle als S'affage bienen, mit Ausnahme der Trotzköpfchens Emma und des Kutschers Ludowsky's, der eine brillante Rolle für einen tüchtigen Komiker ist. Fü> den bärbeißigen, polternden, aber rechtschaffenen und edlen Charakter des Arztes wußte Herr Abatura den richtigen Ton zu treffen. Recht natürlich gab Fräulein Herzenskron die Frau Baronin. Dadurch, daß Herr E. Schubert ben Baron von Boden nicht allzu g.ckenhaft gab, erschien Der llebergang zum soliden Landwirlh ungezwungen. (Der Zettel hatte uns hier ein Räthsel aufgegeben, auf dessen Lösung wir vergeblich warteten, denn in dieser Rolle sollte ein Herr Adolphi Schmitt vom Frankfurter Victoricttheater bebütiren, war jedoch nicht erschienen.). Die Rolle der Haushälterin war bei Frau Schubert een. wohl aufgehoben. Herr Pa ll mann fand sich mit seiner Verlegenheitsrolle als Referendar Gerstel befriedigend ab. Recht wirksam wußte Herr Kuba le den Kutscher Ludowsky darzustellen. Beifallswürdig waren endlich Herr Ernst als Griesinger und Frl. Hauptmann I. als Emma. Daß einige Rollen gestrichen waren, konnte den Eindruck Der im Ganzen glatten Aufführung nid# wesentlich beeinträchtigen.______________________________________________________________
Vermischtes.
Mainz, 9. December. Die höchsten Wasserstände des Rheins in diesem Jahrhundert werden nach actenmäßiger Darstellung folgendermaßen angegeben:
1819 stand der Rhein im December in den Straßen der unteren Stadttheile von Mainz
1824 Ende Oktober große Wassersnoth. In Main; stand der Rbein am 24. November 21 Fuß 6 Linien. Der Strom stieg in der Nacht des 31 Oktober ziemlich unerwartet um etwa 7 Fuß, was verschiedene verheerende Dammbrüche bei Biblis und Groß-Rohrheim zur Folge hatte, ebenso war der linksseitige Weschnitzdamm gebrochen, desgleichen der Neuterdamm in der Nordheimer Gemarkung, die lmksfeittge Schwarzbach- Dämmung wurde weggerissen, die rechte sehr bedeutend beschädigt, Die Ginsheimer Dämme durchbrochen, desgleichen der Damm zwischen Rhern-DÜrkheim und Oppenheim, der einen tiefen 100 Klafter langen Bruch erl'tt, ebenso waren die Nackenheimer, Boden- heimcr und Laubenheimer Dämme gebrochen, eine Menge anb-rer stark befchäd gt.
1845 Am 31. März ungeheure U berschwemmung des Rheins, der m Mainz die Höhe von 22 Fuß 8 Zoll erreichte. Kastel und Koftheint war unter Wasser, die ganze Gegend glich einem See, von den Auen sah man nur die Dächer der Häuser und die Banmspitzen
1850. Hochwasser in Mainz 20 Fuß 2 Zoll.
1862. Hochwasser tm Februar, das in Mainz die Höhe vor. 21 Fuß 5 Linien erreichte.
1876. Hochwasser im März Bruch d?s Dammes bei Ludwigshöhe. Rheinhöhe in Mainz 19 Fuß 6 Zoll 4 Linien.
1880. Am 2 Januar schwerer Eisgang des Rheins und Mains, in Folge desselben Dawmbruch ber Groß Rohrhcim, B blis, Gustaosburg und Bischofsheim. Ueberflutbung von GioßMohrheim und Biblis, Kostheim in großer Gefahr.
Der d-rsjährige höchste Wasscrstand in Mainz betrug na n unserer. Nachrichten bis jetzt 5,93 Meter — 23 Fuß 7 Zoll, ist somit der höchste in diesem Jahrhundert beobachtete Wasserstand.
Gingesandt.
Eine treffliche Weihnachtsgabe, noch dazu für den billigen Preis von dreißig Pfennigen, wird nuferer evangelischen Gemeinde durch den soeben erschieneaen ^Kirchen- Kalender pro 1883*' geboten. Derselbe sollte in feiner Familie Gießens fehlen und auch an die unbemittelten Familien durch Generosität ber bemittelteren gelangen! Der Reinertrag des Unternehmens ^ird ja ohnehin für Werke christlicher Liebe in unserer Gemeinde verwendet. Anschaffen und Verbreiten des Kalenders ist der einzig' Dank, welchen unsere drei Pfarrer als Verfasser begehren. Der Inhalt ist reich: ein vollständiger Kulender, mit Angabe aller kirchlichen Gemeindeangelegenheitcn, Penkopen, Gottesdienste, Abendmahlsfeier, (Safealien, Konfirmation, Amtsmochen der Geistlichen, Kirchenvorstand, Schulwesen, Kleinkinderbewahranstalt, kirchliche Armenpflege, Statistik. Gesangverein, Andere Vereinigungen, Kirchliche Chronik von 1881 und 1882. Die zweite s2lbtbeilung enthält Miitheilungen aus der älteren Kirchenchionik Gießens und auch drei Briefe von Luther aus dem Jahre 1530. Zu kaufen ist der Kirchrnkalender bei den Herren Pfarrern Naumann, Schlosser und Dingeldey und bet den Kirchendienern.
Sparsamkeit erhält das Harrs ist der Wahlspruch jeder braven Hausfrau, den sie immer, wo es nur angeht, zum Wohle der Familie zu betätigen sucht. Viele Bedürfnisse kommen für den Haushalt in Betracht, woran sich sparen läßt, und namentlich gilt dies bei der Bekleidung hauptsächlich dann, wenn eine zahlreiche Familie vorhanden ist. Mit der Hand dieselbe zu beschaffen ist nicht möglich, fremde Hülse in Anspruch zu nehmen zu kostspielig, und da ist bann die Hülfe der Nähmaschine für die Hausfrau von eminentester Bedeutung. Mit der Nähmaschine kann sie nicht nur spielend die nöthigen Kleidungsstücke viel schöner Herstellen als mit der Hand, auch zur Anfertigung der verschiedenartigsten LuxuSarbeiten dient dieselbe, ja die Nähmaschine setzt sie sogar tn den Stand, Muse für die oft so nöthige Erholung zu finden. So weit gehende Ansprüche kann man nun allerdings nicht an jede Nähmaschine stellen, jedoch die Original Singer Maschine gewährt diese Vortheile in ausgedehntestem Maße und spricht auch für ihre Güte und Beliebtheit der sich stets vergrößernde Absatz derselben. Die Singer Co. ist aber auch stetig bemüht, sich dieses Vertrauen des Publikunts zu erhalten, indem sie nur beste Waare liefert und diese durch fortwährende Verbesserungen und neue wirklich praktische Erfindungen auf die vollkommenste Stufe zu bringen sucht. Die Original Singer Nähmaschinen sind am hiesigen Platze ausschließlich durch Herrn G- Ncidlinger zu beziehen und ist der Besuch dieses Geschäftes zum Ankauf eines der nützlichsten Weihnachtsgeschenke mit Recht zu empfehlen, zumal die Maschinen von Herrn Neidlinger auch gegen geringe Abzahlungen abgegeben werden, sodaß von einer Ausgabe hierfür kaum die Rede sein kann, da die Abzahlungen mit Hülfe der Nähntaschine leicht erspart werden; es ist mithin auch der Unbemittelte in der Lage, sich einer dieser vorzüglichen Hülfswerkzeuge anzuschaffen.
Gedenket der hungernden und frierenden Vögel. Schnee und Kälte treiben fie in die Stadt, wo fie Nahrung zu finden hoffen. Täuscht ihr Vertrauen nicht!
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