Rr. 239. Rreitan fern 13. Oktober ISS2.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Bureau: Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis viertetjührlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
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Politische Ueberfkcht.
GieHen, 12. October.
Kaum noch eine Woche trennt uns von dem Tage, an welchem sich die Wahl der preußischen Urwähler vollzieht, welche bann ihrerseits nach wiederum einer Woche die Abgeordneten zu wählen haben. Es ist daher begreiflich, daß alle Parteien chre letzten Kräfte anspannen, um noch in letzter Stunde den Sieg möglichst an ihre Fahnen zu fesseln. Noch kurz vor Thoresschluß hat auch das Centrum seinen Wahlaufruf veröffentlicht, dagegen ist von den Nationalliberalen auf der am vergangenen Sonntag zu Berlin stattgefundenen Partei-Versammlung der Beschluß gefaßt worden, diesmal von einer ähnlichen Kundgebung abzusehen, da eine solche in Hinblick auf das ältere Parteiprogramm nicht nothwendig sei. Wie es scheint, will auch die Fortschrittspartei von einem Wahlmanifest absehen, doch ist hierüber noch nichts Näheres bekannt. Im Uebrigen giebt die Wahlbewegung auch jetzt noch kein übersichtliches Tableau von der künftigen Parteigruppirung im preußischen Abgeordnetenhause, namentlich auf liberaler Seite wogen die Gegensätze noch stark auf und nieder; während in manchen Kreisen sich die Liberalen gegenseitig unterstützen, stehen sie sich in andern Wahlkreisen feindlich gegenüber; so haben erst kürzlich bie National- liberalen Breslaus beschlossen, ben brei bort von ben vereinigten Fortschrittlern und Secessionisten aufgestellten Candidaten brei Nationalliberale entgegenzustellen ; bie Urwahlen werben also wohl biesmal hier und da überraschende Resultate ergeben.
KönigAlbert vonSachsen und Prinz Wilhelm von Preußen sind im Anfang dieser Woche von ben Hofjagben in Steiermark wieder nach Dresden, resp. Berlin zurückgekehrt.
In dem Kampfe der „Nordd. Allg. Ztg." gegen die conservative Partei und Presse ist eine Pause eingetreten, welche sich vielleicht auf einen Wink von Oben, des grausamen Spiels es nun genug sein zu lassen, zurückführen läßt. Die Officiösen der „Nordd. Allg. Ztg." werden diesem Winke um so lieber folgen, als die Polemik gegen die Conservativen gerade so keine dankbare Aufgabe war, wie etwa ein Feldzug gegen das Centrum oder bie Liberalen. Von conservativer Seite hat ber „Norbd. Allg. Ztg." namentlich ber Stöcker'sche „Reichsbote" wacker geantwortet unb dem officiösen Blatte manche bittere Pille zu schlucken gegeben; jedenfalls hat aber der ganze Streit nur dazu gebient, die Stimmung im conservativen Lager gegen bie Negierung zu verbittern unb dieser Mißnmth dürfte sich bei den Wahlen leicht in einer für bie preußische Regierung nicht angenehmen Weise Luft machen.
In Berliner Regierungskreisen will man nichts von einer Absicht, bie „Provinzial-Corresponbenz" eingehen zu lassen, wissen. Ebensowenig soll bie Mittheilung verschiedener Blätter, baß in der Leitung des genannten halbamtlichen Organs eine Veränberung bevorstehe, begrünbet sein, bieselbe wirb Geh. Rath v. Bitter auch ferner in seinen Händen behalten.
In Oesterreich ist bie irrebentistische Angelegenheit roieber mehr in ben Hintergrunb getreten, währenb bas Verhältniß bes Kaiserstaates zu seinen kleinen Nachbarn auf ber Balkan-Halbinsel jetzt vielfach von ber österreichischen Presse erörtert wirb. Anlaß hierzu hat ber Besuch König Milan's von Serbien in Wien gegeben, wo ber serbische Herrscher schon seit voriger Woche weilt. Daß bieier Besuch eine politische Bedeutung hat, ist sicher; König Milan von Serbien wird immer mehr durch die Verhältnisse dazu gedrängt, sich entweder für Oesterreich ober für Rußland zu entjcheiben. Der Serbenfürst für feine Person neigt sich augenscheinlich Oesterreich zu, dagegen hat bie öffentliche Mei- nung in. Serbien — wenn man von einer solchen überhaupt sprechen kann — ^fr«ülrten,,Weier no^ nicht vergessen unb bie rabikale Opposition in ber serbischen Skupschtma ist vor Allem ber Träger dieser russenfreundlichm Ge- ftmmng und chre Bestrebungen richten sich zunächst auf den Sturz des nach Oesterreich neigenden Cabinets Pirotschanatz. Vermuthtich wird man in Wien Alles au,bieten um Milan zum Festhalten am Cabinet Pirotschanatz zu bewe- gen, denn ein Sturz des letzteren wäre die Einleitung zu einer Trübung des Verhältnisses zwischen Oesterreich unb Serbien.
3n ^ranfrei dj befinbet man sich im Stabmm ber Erwartung des roieber begmnenben parlamentarischen unb politischen Lebens. Die Deputirten halten vor ihren Wählern lange Reben, eine immer gehaltloser als bie anbere, bte lettenben Staatsmänner unb Politiker lassen sich ber Reihe nach von allen mogüchen Reporters interviewen, welche bann die erhaltenen Aufschlüsse sofort veröffentlichen und die großen Parster Blätter bringen spaltenlange Artikel über bro innere Lage. Daneben durchschwirren Gerüchte von neuen Parteibildungen bie Lust, man null wissen, ^ules Ferry werde die Bildung einer Partei der „Unabhängigen übernehmen, die aber im Grunde nur dazu dienen soll, dem ^met Duclerc und somit im Hintergründe auch Gambetta eine zuverlässige
Denier Gambetta, wie schon gemeldet, seine politische Thatlgkeit in der nächsten Kammerseffion wieder in vollem Umfange aufzunehmen gedenkt, so wird letztere wohl mancherlei Ueberraschungen mit sich bringen. , , ®IL^anb ^gen die mit Ungeduld erwarteten Vorschläge bezüglich der definitiven Regelung der egyptischen Angelegenheiten noch immer nicht vor uni) sollen dieselben vor Ende dieses Monats auch nicht zu erwarten sein. Daß Eiigland aber nicht daran denkt, Egypten zu räumen, geht aus der englischen AntwoU auf bie türkische Anfrage bezüglich ber Räumung Egyptens klar hervor. Zn Dieter Antwort wirb allerbings ber Beginn ber theilweisen Räumung signa- listrt, aber ^ne Frist für ben vollstänbigen Abzug ber englischen Truppen aus Egypten roirb nicht genannt, ba bies von ber innern Lage Egyptens abhängig fei.
Eine vorläufige Occupation bes Laubes durch die englischen Truppen ist kaum zu vermeiden, schon in Hinblick darauf, daß dieselben den Europäern den einzigen wirksamen Schutz für Leben und Eigenthum gewähren.
Der italienische Ministerpräsident de Pretis hat am letzten Sonntag vor seinen Wählern in Stradella eine Rede gehalten, in welcher er sich über die innere und äußere italienische Politik eingehend vorbereitete. De Pretis stattete der Wählerschaft zunächst seinen Dank dafür ab, daß sie ihn achtzehnmal zum Deputirten gewählt hätte und beleuchtete dann die Fortschritte, welche bas Land in Folge des von de Pretis 1875 aufgestellten Programms gemacht habe. Die Mahlsteuer sei aufgehoben, der Steuerdruck üerminöert, bie Zollreform vollenbet unb bie Wahlreform burchgeführt worben. Die Finanzlage Italiens bezeichnete be Pretis als eine sehr günstige, hierburch sei es ermöglicht worben, bie Stellung ber Beamten zu verbessern, bas Staatsbahnnetz zu erweitern unb ben Ueberschwemmten in Venetien ausreichenbe Staatshülfe zu gewähren; auch für bie Bedürfnisse ber Lanbesvertheibigung sei vollkommen gesorgt. Die auswärtigen Beziehungen Italiens bezeichnete ber Ministerpräsibent als bie besten unb hob hierbei namentlich bas warme Verhältniß zu Englanb hervor, ferner erwähnte er der bevorstehenden Neubesetzung des italienischen Botschafterpostens in Paris. Die Darlegung be Pretis' mag vielleicht an manchen Stellen zu optimistisch gefärbt erscheinen, im Allgemeinen entspricht sie jeboch ben that- sächlichen Verhältnissen, in benen sich Italien gegenwärtig befinbet.
Die großen Manöver ber rumänischen Armee werden vom 12. bis mit 16. d. Mts. stattfinden. Zur Theilnahme an denselben haben Oesterreich , Rußland, Italien, England und Frankreich Officiere nach Rumänien entsendet, ein Beweis, welche Bedeutung man Seitens der Großmächte der rumänischen Armee zumißt.
Die Pforte hat die einleitenden Schritte zur Uebergabe ber vier streitigen Grenzpunkte an Griechenlanb gethan. Am Montag finb bie mit der Uebergabe beauftragten türkischen Commissare nach der griechischen Grenze abgereist, zugleich ließ die Pforte dem griechischen Gesandten in Konstantinopel die Nachricht zugehen, daß der Commandeur ber türkischen Truppen an ber Grenze bezüglich ber Räumung der betr. Positionen mit Instructionen versehen worden sei.
In Alexandrien hat am vergangenen Montag abermals eine Execu- tion stattgefunden. Es wurden bie Mörder bes Italieners Cattani unb bes englischen Arztes Dr. Ribton burch ben Strang hingerichtet. Die Execution erfolgte ohne jebe Ruhestörung, obwohl kein englisches Militär zu derselben hin- zugezogen worben war. — Aus Tantah, einer ber bevölkertsten Stäbte Unter- Egyptens, wirb gemetbet, baß ein bortiger Scheck wegen Aufreizung zu neuen Greuelthaten von Griechen festgenommen würbe unb baß hierburch neue Ruhestörungen verhinbert worben seien.
Deutschland.
Köln, 11. Oktober. Der sogenannte internationale Birnetallfften-Congreß ist bis jetzt von außerdeutschen Vertretern kaum besucht. Seme Eröffnung erfolgte Heine Abend durch einen Vortrag von Dr. Arendt im Verein der Kölnischen Industriellen Der Vorsitzende von Der Zypen schickte voraus, daß der Verein zur Wahrungsfrage noch nicbt Stellung genommen habe. Der anderhalbstündige Vortrag Arendt's ließ die Theorie der Währungsfrage bei Seite, berührte auch die praktischen Seiten wenig, erkannte an, daß die wirkliche Einführung des Bimetallismus erst in einer ferneren Zukunft zu erreichen sei, und konstatirte als nächstes Ziel, Deutschland zu einem dauernden Verzicht auf seine Silbereinkäufe zu bestimmen, weil das erste Pfund deutschen Silbers am Londoner Markte nach seiner Meinung eine Weltkatastrophe herbeiführrn werde. Eme Diskussion fand nicht statt. (F. Z.)
England.
London. Als ein Beweis der Besserung des Geschäftsganges im Vereinigten Königreiche roirb die Abnahme der eingetragenen Bills of Sale und der Bankerotte im verflossenen Jahre im Vergleich zum Vorjahre angeführt. Nach einem officiellen Ausweis beträgt die Zahl der in den ersten neun Monaten des Jahres 1832 eingetragenen Bills of Sale in England 35,478, in Irland 1018 und in Schottland 1823, gegen bezw. 37,705, 1292 und 1582 in demselben Zeitraum des Jahres 1881; die Zahl der Bankerotts-Erklärungen während derselben Zeit belief sich in England auf 7950, in Irland auf 133 und in Schottland auf 1070, gegen bezw. 80707, 177 und 842 tn demselben Zeitraum des Vorjahres. Danach hat sich der Geschäftsgang in England gehoben, während er sich in Schottland und Irland eher verschlechtert hat
London, 11. Oktober. Aus Kairo wird berichtet, die englischen Autoritäten hätten eine Untersuchung angeordnet auf die Nachricht hin, daß am Samstag, Nachts, der Anführer der Palast-Eunuchen mit etlichen Bewaffneten tn die Zelle Arabi's gedrungen fei und ihn so mißhandelt habe, daß sein Leben in Gefahr kam. Ein anderer politischer Gefangener sei gleichfalls mißhandelt worden.
— Die „Times" ist der Ansicht, daß kein englischer Staatsmann die ursprünglichen Gläubiger des Suezkanals um die Vortheile zu bringen gedenke, die gerade von England stets erstrebt worden seien.
— Die egyptische Zeitung „Elahran" theilt mit, daß die neue Armee aus 10,000 Mann bestehen wird. Die der Theilnahme an der Rebellion verdächtigen Officiere und Soldaten werden dazu nicht zugelassen werden. Alle Officiere sind Türken und Circassier. ($• Z)
Telegraphische Depeschen.
Wolif's telegr. Eorrefpondem-Bureau.
Berlin, 11. October. Die „Prov.-Corresp." bringt einen „zu ben Wahlen" betitelten Artikel, welcher von bem unleugbaren Erfolg ber Regierungspolitik auf allen Gebieten ausgeht, ben Sieg bes Liberalismus unb namentlich eine Stärkung bes vorgeschrittenen Liberalismus erörtert unb bekämpft. Der Artikel schließt: Die Regierung vertraut, baß bie Mehrzahl ber Wähler ein-


