srr. 187» Erstes Blatt Sonntag den 13. August
1882
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
t Schul st raße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
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Amtlicher HHeil.
Betreffend: Die Vertilgung der Blutlaus. Gießen, am 9. August 1882.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Da neuerdings die ApfelrindenlauA oder Blutlaus sich in Besorgniß erregender Weise wieder verbreitet hat, und zu befürchten steht, daß dieselbe den Nest der von der Vernichtung durch die Kälte uns noch übrig gebliebenen Apfelbaumpflanzungen zerstört, wenn ihre Vertllgung nicht energisch betrieben wird, schärfen wir Ihnen in Folge Weisung Großherzoglichen Ministeriums unser Ausschreiben vom 5. April 1879, Anzeiger Nr. 87 zur genauesten Nachachtung ein.
Zugleich bemerken wir zu der nochmals im Abdruck folgenden Anleitung zur Vertreibung der Blutlaus, daß außer dem darin empfohlenen Kalken der Wurzeln der hochstämmigen Apfelbäume neuerdings ein weiteres Mittel zur Vertllgung der Blutlaus mit Erfolg angewendet worden ist, das darin besteht, daß man 50 Theile (Gramm) schwarze (s. g. Schmier-) Seise in 650 Theilen kochenden Wassers auflöst, diesem Seifenwaffer, nachdem es erkaltet ist, 100 Theile Fuselöl (Amyl-Alkohol) und 200 Theile Weingeist beimischt, und mit dieser Flüssigkeit die von der Blutlaus befallenen Stellen der Apfelbäume mittelst einer harten Bürste oder eines steifen Pinsels, die man an eine Stange befestigen kann, stark abreibt.
Wenn zur energischen Durchführung der zur Vertilgung dieses Insektes nöthigen Maßregeln der Erlaß eines Polizeireglements Bedürfniß sein sollte, wollen Sie es alsbald berichten.
I. V.: vr. Hoffmann, Negierungsrath. •
Anleitung zur Vertreibung der Blutlaus.
Die Blutlaus oder wolltragende Apfelbaum-Rindenlaus, Schizoneura (Aphis) lanigera gehört zur Familie der Blattläuse (Aphidinai, von welch' letzteren sie sich jedoch sowohl durch andere Färbung als namentlich durch die langen, weißen, oder z. Th. bläulichen, wollartigen Fäden unterscheidet, mit welchen sie dicht bedeckt ist, so daß die darunter befindlichen, in größeren oder kleineren, dicht bevölkerten Colonien, beisammensitzenden Läuse meistens nicht gesehen werden. Beim Zerreiben lassen die theils dunklen, thells Heller gefärbten röthlich-braunen oder röthlich-gelben Läuse einen blutrothen Saft zurück, von dem sie den vulgären Namen Blutläuse erhalten haben. Wie bei allen Blattlausarten gibt es auch bei den Blutläusen geflügelte und ungeflügelte Thiere, erstere erscheinen aber erst gegen Herbst, während vorher nur ungeflügelte Exemplare vorhanden sind.
Die Vermehrung geschieht wie bei den anderen Apliw-Arten durch Gebühren lebender Jungen, die anfangs lebhaft hin- und herlaufen, sich dann an der Rinde festsaugen und unter mehrmaligen Häutungen bald ihre volle Größe erreichen, um dann ebenfalls, ohne vorherige Befruchtung, lebende Junge zu gebahren. Von Frühjahr bis gegen Herbst werden auf diese Weise etwa 8 Generationen erzeugt, wodurch die Vermehrung eine ganz colossale ist und durch eine kleine Colome in nicht langer Zeit ein großer Baum ganz überzogen werden kann. Die Verbreitung auf andere benachbarte oder auch entferntere Bäume geschieht zum Theil durch die gegen Herbst entstehenden geflügelten Exemplare, die auf kurze Entfernungen weiter fliegen und bei windigem Wetter auch auf größere Entfernungen verschlagen werden und dann neue Colonien gründen, oder z. Th. durch Vögel, welchen Flocken mit Insekten an den Füßen hängen blewen und m größere Entfernungen getragen werden können, wo sie dann manchmal günstigen Boden finden. Die weiteste Verbreitung in ganz entfernte Gegenden und Länder hat aber die Blutlaus wohl durch den Bezug von Apfelbaumen oder Edelreisern aus Gegenden, in welchen das Insekt heimisch ist, von jeher gefunden. 17
Wahrscheinlich verdanken wir die Blutlaus, wie ihre Verwandte die Reblaus, Amerika. Zuerst zeigte sie sich in Europa zu Anfang dieses Jahrhunderts in England, kam von da nach Frankreich und später nach Deutschland. Ueberall hat sie sich sehr rasih verbreitet und ist jetzt in ganz Frankreich, einem großen Thell von Deutschland (namentlich in Südwestdeutschland), in der Schweiz und in Tyrol zu Hause und bedroht in diesen Ländern die Existenz der Apfelbäume. Sie lebt, wie dies ihr Name, Apfelrindenlaus, andeutet, nur an Apfelbäumen; sie soll jedoch auch, zwar nur sehr selten, auf Birnbäumen und auf Quitten schon gefunden worden sein. An den Apfelbäumen richtet sie dadurch großen Schaden an, daß sie an den jüngeren Zweigen und an Wundrändern mit ihrem Saugrüflel die junge Rmde durchsticht und aus dem Splint den Saft aussaugt. Hierdurch entsteht nach diesen Stellen ein vermehrter Saftzudrang, in Folge dessen sich Zellwucherungen unter der Rinde bilden, die schließlich bersten und grind- oder krebsartige Geschwüre erzeugen, welche den zugeführten Nahrungssaft absorbiren und nach und nach das Absterben der Zweige und schließlich der ganzen Bäume herbeiführen, wenn nicht rechtzeitig gegen die Läuse der Vertilgungskrieg geführt wird. Auch am Wurzelhals und den flachgehenden Wurzeln in der Erde kommen sie vor und gehen im Winter selbst tiefer hinab, um während strenger Kälte Schutz zu suchen.
Die Vertreibung der Blutlaus ist nicht so leicht zu bewerkstelligen, sondern erfordert die größte Achtsamkeit und Energie, da, wenn nur wenige Insekten Zurückbleiben, dieselben durch ihre starke und rasche Vermehrung bald wieder viele neue Verbreitungsheerde erzeugen. Das einmalige Anwenden von Zerstörungsmitteln ist deßhalb selten von Erfolg, da die kleinen Läuse zum Thell in den Knospen- und Blattwinkeln verborgen sitzen oder unter Rindenritzen und halbverdeckten Wundstellen, wo sie oft dem Auge entgehen, oder wo mit den anzuwendenden Mitteln nicht gut beizukommen ist. Es sind daher die von Blattläusen befallenen Bäume wiederholt in Zwischenräumen von 14 Tagen bis
3 Wochen nachzufehen und. sowie sich einzelne neue Colonien zeigen, diese sogleich wieder zu zerstören und mit den geeigneten Mitteln zu behandeln. Wenn auf diese Weise in kurzen Zwischenräumen wiederholt die Bäume sorgfältig vachgesehen und gereinigt werden, dann wird es in den meisten Fällen möglich sein, im ersten oder wenigstens im nächsten Jahr dieselben von ihren Plagegeistern vollständig zu befreien.
Die wirksamsten Zerstörungsmitteln, die sich bis jetzt am besten bewährt haben, sind:
1) Schmierseife (grüne oder schwarze) Vr Kilo in 8 Liter Wasser aufgelöst,
2) starker Weingeist.
Auch werden Carbolsäure (4 Theile mit 100 Theilen Wasserglas oer- mischt), Petroleum (1 Pfund mit 25 Pfund Wasser vermischt), sowie kaltflüssiges Baummachs und Leinöl empfohlen; doch sind Carbolsäure und Petroleum den grünen Theilen der Bäume zu gefährlich und Baumwachs und Leinöl können überhaupt nur angewendet werden, um etwa in Rindenritzdn oder Wundstellen sitzende Blutläuse zu überkleben, damit sie von der Lust abgeschlossen werden und ersticken müssen, dagegen können die befallenen jungen grünen Zweige nicht damit bedeckt werden. Bei jungen Bäumchen in der Baumschule, Zwergapfelbäumen und jungen Hochstämmen ist bei der Anwendung der Zerstörungsmittel auf folgende Weise zu verfahren: Alle kleinen, entbehrlichen, von der Blutlaus befallenen Zweige sind sorgfältig wegzuschneiden, zu sammeln und zu verbrennnen; die noch verbleibenden behafteten Stellen sind sorgfältig zu zerreiben und mit einem steifen Pinsel oder einer kleinen Bürste, wie man sie zum Aufträgen der Stiefelwichse benutzt, mit den oben empfohlenen Flüssigkeiten einzureiben und dies volle 14 Tage bis 3 Wochen zu wiederholen, bis sich keine neue Colonien mehr zeigen. Grindige und wunde Stellen sind glatt auszuschneiden und dann, nachdem sie mit den genannten Flüssigkeiten ausgewaschen sind, noch mit kaltflüssigem Baumwachs oder Leinöl zu bedecken; die ausgeschnittenen Theile sind zu sammeln und zu verbrennen. Bei befallenen älteren hochstämmigen Apfelbäumen mit schon ausgedehnten Kronen, bei welchen eine gründliche Reinigung der einzelnen Zweige nicht gut möglich ist, muß im Frühjahr die Krone stark zurückgeschnitten werden, damit nur eine geringe Anzahl Zugäste zurückbleibt, deren Zweige dann leichter auf die oben angegebene Weise gereinigt und behandelt werden können; zugleich ist die alte abgestorbene Rinde an den stehenbleibenden Aesten und am Stamm mit dem Rindenkratzer abzukratzen, grindige und wunde Stellen sind sorgfältig auszuschneiden und dann Stamm und Aeste mit Kalkmllch zu bestreichen. Ueberhaupt ist rathsam, letzteres bei allen Bäumen vor Winter anzuwenden. Die abgeschnittenen Aeste und Zweige, die abgekratzten Rindenthelle und ausgeschnittenen Theile sind natürlich sorgfältig wegzuschassen und zu verbrennen. Sind die starkbefallenen Bäume zum Verjüngen schon zu alt, so tritt die Nothwendigkeit ein, dieselben umzuhauen nnd nur zu verbrennen, da sie doch nicht mehr zu retten sind und zur weiteren Verbreitung der Blutlaus beitragen würden. Ferner wird bei Hochstämmen als ein sehr wirksames Mittel gegen die Blutlaus das Kalken der Wurzeln empfohlen. Im Spätherbst oder Winter, wenn die Erde nicht gefroren ist, nimmt man etwa 1,25—1,50 m im Durchmesser um den Stamm herum die Erde bis auf die Wurzeln hinweg und gießt je nach der Größe des Baumes 1—2 Gießkannen voll Kalkwasser auf die Wurzeln (auch Holzazchenlauge soll gut fein), schüttet dann eine etwa 3 cm hohe Schicht gebrannten, zerfallenen Kalk darauf und bedeckt diesen mit der ausgeworsenen Erde. Die Blutläuse sollen hierauf sicher verschwinden und ist dieses Mcktel zugleich für das Wachs- thum und Gedechen der Bäume sehr förderlich.
Da die Blutlaus, wie zu Anfang bemerkt, oft durch den Bezug von jungen Bäumen oder von Edelreisern aus Gegenden, in welchen sie heimisch ist, verbreitet wird, so empfiehlt es sich, solche immer genau zu untersuchen und wenn sie irgend verdächtig sind, mit den empfohlenen Flüssigkeiten zu behandeln.


