darum handeln, daß auch eine acute Wendung der Dinge in Egypten nicht einen Charakter annehme, der nur die Präponderanz gewisser Einzel-Interessen documentirte. Das heißt mit andern Worten: Europa wird verhüten müssen, daß die Entwickelung der egyptischen Krise sich in einen circulus vitiosus einschließe.
England fühlt sich trotz seiner gewaltigen Rüstungen höchst unbehaglich. Mit Arabi Pascha allerdings traut sich John Bull rasch genug fertig zu werden — aber die Attitüde seines getreuen Alliirten giebt ihm zu denken. Herr de Freycinet will unter allen Umständen an dem Einvernehmen mit den übrigen Mächten festhalten, well er nur in diesem eine Garantie gegen die unliebsamen Consequenzen erblickt, deren er sich vor einer bewaffneten Einmischung am Nil versieht. Freycinet hat wiederholt erklärt, daß Frankreich für alle Eventualitäten bereit sein müsse.
— Die Filiale der Straßburger kaiserlichen Tabakmanufaktur in Emmerich wird in den nächsten Tagen geschlossen werden.
Görlitz, 11. Juli. Die hiesige Handelskammer ist aufgelöst worden.
Aegypten.
Wir entnehmen der „Frkstr. Ztg." nachstehende Mittheilungen:
London, 11. Juli. Aus Alexandrien wird vom 10. Juli, Abends, gemeldet: Hier herrscht große Panik unter den Eingeborenen. Der Khedive hat seine Familie aufs Land geschickt. Die französische Flotte, die „Alma", ist abgefahren. Die britische Flotte liegt kampfbereit mit Geschossen im Rohr.
— Die Kriegsvorbereitungen werden emsig fortgesetzt. Für die Thurmschiffe „Dreadnought", „Devastation" und „Neptune" ist Fahrbereitschaft binnen 14 Tagen angeordnet. Die Reserven sind noch uneinberufen.
— Um 7 Uhr Morgens eröffneten der „Sultan" und der „Superb" das Feuer. Eine Viertelstunde später griffen alle Schiffe ein. Die Forts erwiderten sofort das Feuer; sie schießen indessen zu kurz. Das Fort Pharos ist stark beschädigt. Die Kriegsschiffe sind unverletzt. Um 972 Uhr waren die Forts und die Stadt in Rauch eingehüllt. Zwei Forts sind bereits aufgeflogen.
— Aus Alexandrien wird von 9 Uhr Vormittags gemeldet: Die Forts Marsa, Elo und Kanat sind in die Luft gesprengt. Im Fort Pharos ist der Thurm zusammengeschoffen, und sind die Geschütze demontirt. Die britischen Schiffe haben bis jetzt anscheinend nicht gelitten. Anzeigen von Geneigtheit zur Uebergabe sind bis jetzt nicht bemerkbar.
— Aus Konstantinopel wird gemeldet: Die Conferenz sistirte die Sitzungen, um den Verlauf der Dinge in Egypten abzuwarten. Zwischen den Engländern und Franzosen herrscht eine gewisse Mißstimmung, indem die Engländer die letzteren beargwöhnen, dem Sultan Rathschläge in anti-englischem Sinne gegeben zu haben. Der deutsche Geschäftsträger thut alles Mögliche, um die Ein- rnüthigkeit unter den Vertretern der Mächte zu erhalten. — Aus Alexandrien wird mitgethellt, daß die französische Flotte die Beschützung des Suezkanals übernahm und gestern Abend dorthin abging.
— Bei Eröffnung des Feuers auf Alexandrien fielen 7 Schüsse aus den Forts zuerst in zu geringer Distanz. Ueber der Stadt weht ein rotheä Kreuz. Die Straßen sind, nachdem die erste Aufregung vorüber ist, verödet.
— Aus Alexandrien, 8 Uhr, wird von heute gemeldet: Die englischen Schiffe sind in fortwährender Bewegung. Sie feuern nicht in Lagen, sondern geben nur einzelne Schüsse ab, so daß das Feuer langsam erscheint, aber ersichtlich von der größten Wirkung ist. Sämmtliche britische Schiffe setzten Dampfbarkassen aus, welche vereint mit mehreren zu englischen Kauffahrteidampfern gehörenden, aber mit Officieren und Mannschaften der Marine besetzten Dampfbarkassen zwischen den fechtenden Schiffen und der Küste fortwährend kreuzen, um etwaigen Torpedo-Angriffen vorzubeugen. Die egyptischen Batterien antworteten anfänglich kräftig, aber unwirksam, da die Geschütze mangelhaft sind. Jetzt nimmt das Feuer stark ab.
— Ein Privat-Telegramm von Port Said von gestern Abend 8 Uhr 50 Min. meldet: Die Europäer verlassen die Stadt in Massen und flüchten an Bord der im Hafen befindlichen Schiffe. Die Dampfer erhalten keine Erlaub- nrß mehr, jn den Kanal einzulaufen. Das Geschäft stockt vollständig.
— Es verlautet, Granville habe den Mächten notificirt, daß England keine Absicht einer dauernden Occupation Egyptens habe. Es werde sich zürück- ziehen, sobald die Ordnung hergestellt und eine einigermaßen gute Regierung eingesetzt sei. Eine officielle Depesche Seymour's meldet die Explosion der Forts Marsa und Elkanat. Die Erwiderung des Feuers sei schwach und unwirksam. Seymour warnte die Kauffahrer, während des Bombardements in den Hafen einzufahren.
— Bei der Admiralität ist ein osficielles Telegramm Seymour's eingegangen von 8 Uhr Vormittags, welches meldet, daß das Feuer der Egypter nur noch schwach sei. Die 8 Panzerschiffe sind im Gefecht.
— Das Verbot, in den Suezkanal einzusahren, betrifft die englischen Kauffahrer. Port Said wird wahrscheinlich morgen occupirt. Mittags wurden auf den Forts viele Geschütze demontirt. Um 1% Uhr ist im Fort Aida das Ma- gazin ausgeflogen.
— Meldung aus Alexandrien von 10 V2 Uhr Morgens. Die egyptischen Batterien setzen das Feuer noch immer fort, aber wirkungslos, wogegen das Feuer der Flotte wohlgezielt ist. Ein Landungsversuch ist bis jetzt nicht unternommen, da das Feuer der Batterien noch nicht genügend gedämpft ist.
— Aus Alexandrien wird gemeldet: Heute Vormittag notificirte der britische Konsul, daß keine Schiffe den Suezkanal verlassen dürfen. Lesseps pro- lestirte gegen solche Verletzung der Neutralität. Für den Abend wird eine Occupation des Kanals erwartet.
Telegraphische Depeschen.
Wolft'S telegr. Eorrespondenr-Bureau.
Juli. Als Ueberbringer des Jmtiaz-Ordens an den Kaiser wird der Muschir Fuad erwartet.
Rom, 11. Juli. Schlözer stellte gestern dem Papst dm Lcgatlonsrath Baron Rotenhan vor.
Mailand, 11. Juli. Der Khedive Ismail ist hier eingetroffen.
« ü ^ne Depesche des „Standard" vom Bord des „Jnoincible"
Ef,n stich meldet: Das Bombardement dauert jetzt zwei Stunden. Das Fort
Sri?! f!arf beschädigt, die Forts Massa und El Kanat in die Luft geflogen. Viele beschütze anderer Forts sind unbrauchbar gemacht.
< „Aottl?on, 1^'Ju^- Die zwene Ausgabe des „Standard" enthält ein Telegramm, DSI? des ,^Jnvincible" ?3/4 Uhr Morgens, welches besagt: Die Panzer- ich ste „Alexandria , „Sultan und „Superb" eröffneten das Bombardement. Die
Batterien antworteten sofort aber die Schüsse erreichten zuerst die Schiffe nicht. Alsdann bctheiligte sich auch der Rest der Flotte an der Beschießung. Der Geschützkampf wurde um 874 Uhr allgemein. Nachdem die Kanonade 20 Minuten gewährt verstummte das Feuer zweier Forts. Fort Pharos scheint schwer beschädigt. Die Schiffe sind unbeschädigt.
London, 11. Juli. Ein von der Rhede von Alexandrien, Vormittags 11V2 Ubr datirtes Telegramm lautet: Das Bombardement dauert fort, das Feuer der Forts läßt immer mehr nach. Eine Depesche an die Admiralität von Morgens 8 Uhr fnnt - Das Feuer der Forts ist schwach und unwirksam. 0 '
London, 11. Juli. Der türkische Botschafter Musurus Pascha hat von bem türkischen Minister des Auswärtigen folgende Depesche erhalten:
Ich beeile mich, Ihnen in extenso die Verbalnoten zu übermitteln, welche am 10. Juli zwischen meinem Departement und der englischen Botschaft gewechselt worden sind. Sre wollen die vorliegende Depesche sofort dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten mittheilen:
I. Note der englischen Botschaft.
r < x Die Botschaft Ihrer Majestät der Königin von England
beehrt sich, die Hohe Pforte davon zu verständigen, daß in Folge der Fortsetzung der Arnnrung der Forts von Alexandrien durch die egyptischen Militärbehörden der englische Admiral diesen Morgen anzeigen sollte, er würde, wenn die Forts nicht zeitweilig behufs Desarmirung übergeben werden würden, innerhalb 24 Stunden das Feuer eröffnen. gez. Duffe rin.
1 II. Antwort der Hohen Pforte.
Jn Beantwortung dieser Verbalnote der englischen Botschaft vom 10. ds welche der Hohen Pforte im Laufe des Nachmittags desselben Tages zugegangen ist' beehrte sich das kaiserliche Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, der Botschaft mitzutheilen, daß nach einem heute von dem Khedive und dem Marschall Derwisch Pascha übermittelten Telegramm Se. Hoheit sowie auch das egyptische Ministerium dem commandirenden Admiral des englischen Geschwaders in Alexandrien erklärt hätten, die Lokalbehörden würden in dem Fall, daß der Admiral zum Bombardement schreiten sollte, keinen Widerstand leisten. Es ist evident, daß ein solcher Akt, wenn er zur Ausführung kommen sollte, die Souveräiietätsrechte Sr. Majestät des Sultans und die Interessen des Landes auf das Schwerste schädigen würde. Die kaiserliche Regierung erwartet, daß das Cabinet Ihrer Majestät der Königin von England, indem es das Vorstehende in ernste Erwägung zieht, den Admiral Seymour veranlassen wird, sich jeden Aktes zu enthalten, der eine solche Eventualität Hervorrufen könnte und ihm Instructionen in diesem Sinn zugehen lassen wird. Die kaiserliche Regierung wird auf jeben Fall bic Ehre haben, die Botschaft I. Maj. ber Königin von Englanb von der Entschließung zu infornnren, welche sie in ber Nacht zum Dienstag sowohl in Betreff ber vorerwähnten Mittheilung ber Botschaft, als auch in Betreff der telegraphischen Mittheilungen des Khedive und des Marschalls treffen wird. Die hohe Pforte ersucht das Cabinet von St. James, die Zusendung der oben erbetenen Instruction an den englischen Admiral beschleunigen zu wollen.
Jn Erwartung weiterer telegraphischer Mittheilunaen von mir wollen Sie sich unverzüglich zum Lord Granville begeben und denselben dringend ersuchen, dem Admiral Seymour den Befehl zugehen zu lassen, sich jeden feindseligen Aktes zu enthalten.
Toulon, 11. Juli. Das Transportschiff „Sarthe" verließ den Hafen und begibt sich direct nach Port Said, um dem von Alexandrien dahin abgegangenen französischen Levantegeschwader Kriegsmaterial und Proviant zuzuführen.
Petersburg, 11. Juli Die Kriegskorvette „Vitjaß" erhielt auf Befehl des Kaisers den Namen „Skobeleff".
— Bei General Werder ist gestern folgendes Telegramm des Kaisers von Deutschland an die Fürstin Belosselskaja, die Schwester Skobeleff's, eingetroffen; Ich bin tief betrübt über den plötzlichen Tod Ihres Bruders. Dieser Verlust für die russische Armee ist schwer zu ersetzen und tief zu beklagen. Es ist sehr schmerzlich, solche nützliche Kräfte zu verlieren.
— Das „Journal de St. Petersburg" bemerkt gegenüber dem jüngsten Circularschreiben der Pforte, die Behauptungen derselben ständen in vollkommenem Widerspruch mit den neuesten Nachrichten. Man scheine in Konstantinopel schlecht unterrichtet zu sein von dem, was zur Verfolgung der Mörder vom 11. Juni niedergesetzten Special- gerichtshof angehe. Es sei bedauerlich, daß die Pforte es nicht für opportun erachtet, sich bei Zeiten hierüber mit den Vertretern der Mächte in Konstantinopel zu verständigen. Es sei jetzt, wo alle Fremden Alexandrien bereits verlassen hätten, unmöglich, ernsthaft über diese Procedur zu sprechen.
Moskau, 11. Juli. Das Todtenamt Skobeleff's fand Montag Mittag in der Dreiheiligenkiichc statt. Die Großfürstin Nikolaus, Alexis, der Herzog von Leuchtenberg, der Kriegsminister, der Moskauer Generalgouverneur, die Generalität, Militärdeputationen, Vertreter städtischer und ländlicher Körperschaften nahmen an demselben Theil. Die Kirchenfeier war um 1 Uhr beendet. Daraus wurde der mit Blumen, Kränzen und Militär-Insignien geschmückte Sarg aus einer vergoldeten Bahre von den Großfürsten und den Generälen hinausgetragen und durch ein Truppenspalier nach dem Rjaesener Bahnhofe gebracht. Um 3 V? Uhr überführte ein Separatzug die Leiche nach Spaßkoje. Eine große Volksmenge geleitete die Leiche nach dem Bahnhofe.
Konstantinopel, 11. Juli. Der Premierminister Abdurrahman ist seiner Funktionen enthoben worden. Es heißt, der frühere Premierminister Said werde wieder an seine Stelle treten
Konstantinopel, 11. Juli. Der amerikanische Gesandte hatte gestern wieder bei dem Sultan Audrenz. Das Publikum knüpft daran Gerüchte von einer Bereitwilligkeit der Unionsstaaten, in der egyptischen Frage zu vermitteln.
Alexandrien, 11. Juli. Die fremden Panzerschiffe sind außerhalb des Hafens gegangen, die französischen Krtegssch ffe ausgenommen. Die „Alma" und die „Htron- delle" verließen Alexandnen bei Sonnenuntergang. Von dem britischen Geschwader befinden sich nur die „Thetis", der „Monarch" und der „Jnvinciblc" innerhalb des Hafens, die anderen außerhalb desselben.
Alexandrien, 11. Juli. Das Fort Aida in der Nähe des Palastes des Khedive ist in die Luft geflogen.
— Durch einen Befehl des Admirals Seymour ist den Handelsschiffen der Eintritt in den Suez-Canal während des Bombardements verboten. Ebenso hat der englische Conful m Port Said bereits gestern die Einfahrt in den Canal verboten. Man erwartet die Besetzung des Canals.
Bukarest, 11. Juli. Das Amtsblatt veröffentlicht ein Preis-Ausschreiben für Projecte der zur Verbindung der Eisenbahnlinien Küstendje-Cernaroda und Bukarest- Fetelti zu erbauenden Donaubrücke und eines an derselben Stelle zu erbauenden Tunnels unter der Donau. Für Brückenprojecte ist ein Preis von 100,000 Francs bestimmt, w-lche unter den Einsendern der drei besten Projecte für den Brückenbau zur Vertheilung gelangt. Der Preis für ein Tunnel-Project ist 50,000 Frcs. Die Kosten des Brückenbaues sind auf ungefähr zwanzig Millionen veranschlagt. Die rumänische Regierung wendet sich mit ihrer Aufforderung an die hervorragendsten Tonstructeure der Welt.
Lokales.
Gießen, 12. Juli. sSterblichkeit in Gießen) In der verflossenen Woche ereigneten sich in Gießen nur 2 Todesfälle, einer bei einer Frau (Arteriener.tzündung), der andere bei einem Manne (Magenblutung). Beide Personen waren Ortsfremde.
Gießen, 12. Juli. TU. Hessische Vereins-Regatta.) Unser und wohl aller Wunsch, daß Gott Pluvius ein Einsehen haben möchte, ist leider nicht in Erfüllung gegangen und so sand denn am Sonntag, von dem erdenklich schlechtesten Wetter denachtheillgt, die erste Regatta unserer hiesigen Rudergesellschaft statt. Den Vormittag und bis zu Beginn der Rennen schien das Wetter sich zu halten, dagegen düsterte sich gegen 3 Uhr der Himmel und es kam ein recht solider Regen nieder, der aber weder das Interesse noch den Enthusiasmus der angesammelten vielen Tausende von Zuschauern herabzustimmen vermochte.
Lange schon vor 3 Uhr, dem Beginn des Festes, hatte sich eine ganze colossale Menschenmenge auf den beiden Uferseiten der Lahn postirt, um dem aquatischen Schauspiel be'zuwohnen.
Auf dem reich mit Flaggen geschmückten und mit einer sehr practisch und hübsch angelegten Tribüne versehenen Festplatz hatte sich ebenfalls eine zahlreiche Zuschauermenge angesammelt und war selbst die Damenwelt trotz des niederströmenden Regens recht zahlreich vertreten und harrten auch echt sportmäßig bis zur Preisoertheilung am Schluß des Festes aus.


