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. Samstag den 13. Mai 1882.
icßcucr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Deutschland.
m. Darmstadt, 11. Mai. Die zweite Kammer mußte, durch die Geschäftslage der ersten Kammer dazu gezwungen, heute abermals zwei Sitzungen abhalten. In der Vormittagssitzung, in welcher der zweite Präsident Muhl den Vorsitz führte, kam als alleiniger Gegenstand zur Erledigung der Eintrag der Abgg. Franck und Genossen auf Vorlage eines aus Aushebung der Art. 16, 17 und 23 des Volksschnlgesetzrs (der obligatorischen Fortbildungsschule) gerichteten Gesetzentwurfs. Der Ausschun beantragt wie vor wenigen Tagen betoilirt mitgetfietlt, Ablehnung des Antrags. Die Debatte war eine lange und theilweise sehr erregte. Für den Antrag treten lebhaft ein di- Abgg. Wasserburg, Pennrich, Betz, Franck und Racke, dagegen sprechen Geh. Staatsrath Knorr, Geh Oberschulrath Greim, die Abgg. Haustein, Küchler, Diehl, Präsident Kugler, Möbn, Schröder, Maurer, Osann, Freiherr von Nordeck zur Rabenau, sowie der Berichterstatter Abg. Dittmar. Nach einer Reihe persönlicher Bemerkungen wird in namentlicher Abstimmung der auf Ablehnung gerichtete Ausschußantrag mit 37 gegen 8 Stimmen angenommen. Dagegen stimmen die Abgg. Betz, Franck, Geier, v. Jungenseid, Pennrich, Racke, Wasserburg und Wolz.
Die Nachmittagssitzung, in welcher der erste Präsident Kugler den Vorsitz führte, nahm einen allseitig unerwartet raschen Verlaus. Zur Berathung stand der als dringend bezeichnete Gesetzesentwurf über die Bildung von Provinzialfonds für den Neubau von Kreisstraßen, inhaltlich dessen an die drei Provinzen, zur Hälfte nach der Seeleuzahl, zur Hälfte nach dem Flächengehalt der Provinzen vertheilt der Betrag von 1,500,000 M. htngegeben werden soll, um aus dessen Erträgnissen das der Staatskasse zur Last stehende Vieitheil der Kosten für den Neubau von Kreisstraßen zu bestreiten. Der Ausschuß ist geteilter Meinung; während die Majorität den, Vorschläge der Regierung zustimmt will die Minorität das Capital zu gleichen Theilen auf die drei Provinzen vertheilt sehen. In heutiger Sitzung beantragen die Abgg. v. Rabenau, Seubert, Küchler, Haustein, Möhn, Franck, v. Jungenseid, Matthäi, Geter, Pennrich. Stephan, Pittban, Wasserburg und Racke: Die Kammer wolle die Vorlage ablehnen und beschließen, die Großh. Regierung zu ermächtigen. die im Staatsbudget zur Verzinsung und Tilgung der Staatsschuld vorgesehenen Summe von 180,000 JL zur Unterstützung des Baues von Kreisstraßen gemäß Art. 12 des Weggesetzes an die Provinzen zur Hälfte nach der Bevölkerungszahl, zur andern Hälfte nach dem Flächeninhalte abzugeben, weiter die Regierung zu ersuchen, sie möge die Gemeinden, Kreise und Provinzen veranlassen, die noch zu bauenden Vicinalwege zu verzeichnen, vorläufige Kosten-Voranschläge anfertigen zu lassen, überhaupt Alles anzuordnen, was zur Ermittelung des Bedürsnrsses zur Erbauung von Kreisstraßen erforderlich erscheint, und eine neue Vorlage über die Gründung von Provinzialfonds an die Stände gelangen lassen. Ohne jegliche Debatte gelangt dieser präjudicielle Antrag mit 20 gegen 12 Stimmen zur Annahme und ist der Gegenstand somit erledigt. — Auf eine Anfrage des Abg. Wasserburg erklärte Staatsminister Frhr. v. Starck, daß die Regierung zur Beantwortung der die Erbauung der stehenden Brücke bei Main, betreffenden Interpellationen Wasserburg und Wolf? kehl- Meh in einer der nächsten Sitzungen bereit fei.
Nächste Sitzung morgen.
Berlin, 10. Mai. Die Direktion der Gotthardt-Eisenbahn sandte an sammtltche Reichstagsabgeordnete Einladungen, wonach dieselben in Begleitung ihrer Gemahlinnen im Laufe eines Jahres die Fahrt mit der Gotthardtbahn machen können.
— Den Abgg. Thilenius und v. Wedell- Malchow, welche die kostenfreie telegraphische Beförderung von Wetterberichten der meteorologischen Institute beantragt hatten, ist vom Staatssecretär Dr. Stephan, wie wir hören, erklärt worden, daß er seinerseits die Erfüllung dieses Wunsches gerechtfertigt fände und dieselbe auch für thunlich halte, sofern die Sache von Reichswegen ae- regelt würde. J a
. ' Deutsche Officiere und Beamte scheinen von der Türkei immer mehr ?> rolr^CIej;ltn? sind sie am besten im Stande, die im Lande des Puitichahs herrschende Korruption ein wenig einzudämmen, wenn ihnen nur eben freie Hand gelassen wurde. Daran scheint^ allerdings noch zu mangeln. Wie es heißt, werden nun demnächst auch noch einige Officiere der kaiserlichen Krlegsinarlne nach der Türkei beurlaubt werden, um dort eine gründliche Reor- ganr atton der Manne, conform der Landarmee, herzustellen. Die nach der Türkei beurlaubten Officiere werden am 15. Mai abreisen
■ * «r-*3« Ä bCT ^^F'"ittelsälschung hat das Reichsgericht eine sehr interessante Entscheidung gefallt. Die Zufetzung eines Farbstoffes zu Fle sch- waaren, um den elben em frischeres-Ansehen zu geben, ist, anch wenn die Farbe weder gesundheitsfchadlich, noch ekelerregend ist, nach einem Urtbeil des Reickrs- gerichts, III. Strafsenats, vom 18. Februar d. Js. als VEschuna der Zoffen““! (tT N°hrungsmittelgesetz zu bestrafen. Merke sich's aZ^ wer sich
Kassel, 10. Mai. Bei dem Communal-Landtage ist ein Gesuch einae- Sangen, betr. die Gewährung einer Beihülfe von 50,000 M ä fonds perdu °us communalständigen Mitteln zu den Kosten des Grunderwerbs für eine nrn- L ^F'k"bahu Zweiter Ordnung von Fronhaufen oder Lollar (an der Main- Defer-Bahn) nach Gladenbach im Kreise Biedenkopf. Die Kosten des Krund- erwerbs, welche neben einem Beitrage von 3000 ^. pro Xmeter ut ben Sanfoften die betheiligten Gemeinden aufzubringen haben, sind auf 117 nnn u SIM™’“"?6'000 ■* «ui benWsi&ntarf, 56,00) Ä£ Kreis Marburg und 45,000 M. auf den Kreis Wetzlar entfallen Die Nohn kng^roerben 5b°bet^a( entIaT,S 0eWrt roerben M wird etwa'17 Kilometer
. Bayern, 9. f^ai. Der bekannte und vielaenannte Dv
bringt im ll^ayr. Vaterland" einen mehr als kräftigen Herzenserausi über hem Ä'Sl “ «»->-,miiiUü i"Sm”
Herzen der Koppen, die nichts kann und darf als Ja sagen und grobe Reden halten, sei eine Komödie und auf alle Fälle keinen Schuß Pulver werth. Wenn die Majorität blos Ja aber nicht Nein sagen, blos bellen aber nicht beißen, blos bewilligen aber nicht verweigern darf, dann bleibe sie lieber zu Hause und spare dem Laude das heidenmäßig viele unnütze Geld, das sie kostet, und den Humbug der endlosen leeren Redereien und Phrasen, dann bitten wir lieber die Krone, eine solche Waschlappen-Majorität zum Teufel zu schicken und mit dem Ministerium allein zu regieren. Das geht wenigstens nicht schlechter und kostet weniger, und dem Lande wird die klägliche Komödie einer lächerlichen, lendenlahmen, aufgedunsenen, wassersüchtigen Bettel-Opposition um Nickel und Pfennige erspart! Wenn die Minister eine solche Koppen-Wirthschaft Überhaupt nicht beachten und ihr Gebell und Gethu' gar mit Fußtritten behandeln, so würde man sich wenigstens nicht wundern können; sie verdient's ja gar nicht besser, und wenn das Gegentheil dieser Jammer-Wirthschaft „demokratisch" ist, so sind zum wenigsten alle anständigen Leute zehntausendmal lieber mit Schels „demokratisch", als mit Kopp „patriotisch" ; dieser Koppen-Patriotismus ist ja eine anwidernde elende Mißgeburt aus Feigheit, Dummheit, Jämmerlichkeit und dünkelhaftein Hochinuth!"
Kesterreich.
Wien, 10. Mai. Die „Polit. Corresp." erfährt in Betreff der Ermordung des Bezirks - Canzlisten Baumann und des Kadi von Focaric bei Cainica, daß dieselben trotz dem Auftrage des Bezirks-Vorstehers, sich der Post- Bedeckung anzuschließen, die Rückreise allein angetreten haben und dadurch die Opfer des räuberischen Ueberfalls geworden sind. — Aus Sofia wird der „Polit. Corresp." berichtet: Entgegen den Meldungen in der Presse wird auf das Bestimmteste versichert, daß hierselbst völlige Ruhe herrscht und keinerlei Manifestationen besorgt werden. Das Verhältniß des Fürsten zu den russischen Officieren war immer ein freundschaftliches.
England.
kkondon, 9. Mai. Es ist schwer zu sagen, für wen der Doppelmord im Phönix-Park eine schlimmere Lehre enthält, ob für Gladstone oder Parnell. Wenn einst der Tag käme, der Irland die Selbstständigkeit brächte, so dürste Parnell der erste sein, über welchen die revolutionäre Bewegung hinhraust, das zeigt bereits dieser Vorfall. Auch Forster, auf welchen sich mit Recht jetzt die Augen aller Patrioten des ganzen Vereinigten Königreichs richten, soll die Mei- nnng ausgedrückt haben, daß der Mord des Lord Cavendish ein vorsätzlicher, und die Antwort der unversöhnlichen Fenier auf die von Parnell der Regierung gemachten Zugeständnisse sei. Trotz großer Belohnungen ist es bisher noch nicht möglich gewesen, bestimmte Anzeichen über die Mörder zu entdecken. Zum Nachfolger Cavendifh's ist nicht Forster, sondern der Parlamentssecretär der Admiralität, Trevelyan, ernannt.
— Der Schiffscapitän Osmond Brand, welcher einen Fischerknaben aufs Scheußlichste zu Tode gemartert hatte, wurde am 5. ds. vor den Asfisen in Leeds des vorsätzlichen Mordes für schuldig befunden und zum Tode durch den Strang verurtheilt. Ein Mitangeklagter SJtatrofe wurde von der Anklage des Mordes freigefprochen, aber wegen Mißhandlung des Getödteten zu drei Monat Gefüngniß verurtheilt.
London, 9. Mai. Beide Häuser eerfammelten sich gestern zu kurzer Gedenkfeier der Ermordeten. „Eins der edelsten Herzen in England hat aufgehört zu schlagen", bemerkte Gladstone betreffs seines Freundes, Schützlings und Verwandten, Lord F. Cavendish; und während er die Worte aussprach, drohte seine Stimme zu brechen. Und gleich ihm war das ganze Haus gerührt. Ein Leichmtuch schien über dem Hause ausgebreitet; die Traueranzüge, in welchen alle, selbst die Landligisten, erschienen, verstärkten den Ernst der Scene. Um den Palast herum hatten sich dichte Volksmassen gelagert und begrüßten die nacheinander ansahrenden und eintretenden Mitglieder mit sympathischen Zurufen. Das Haus selbst war gedrängt voll und lauschte in weihevollem Schweigen den Ausdrücken des Schmerzes, welche sich des Premiers Brust entrangen. Die Unthäter sind zur Stunde noch unentdeckt, doch wurden verschiedene Verhaftungen vorgenommen; so die eines gewissen Charles Moore, alias Wilson, welcher auf der Bahn von Dublin in Maynooth ankam. (Derselbe ist inzwischen wieder entlassen. D. R.) Daß man den Mördern in Maynooth nachspürt, beruht auf den Anweisungen zweier Bildhauergehilsen, welche Samstag Abend aus dieser Stadt nach Dublin zurückfuhren und einem Wagen begegneten, dessen schäumendes Roß von den fünf Insassen zu rasender Eile angepeitscht wurde. Der Dubliner Gemeinderath ver- fammelte sich gestern, um auch seinerseits seinem Unwillen über den Doppelmord in einem scharfen Beschlüsse Lust zu machen. Die Untersuchung des Leichenbeschauers und seiner Geschworenen endigte mit der einfachen Feststellung des vorsätzlichen Mordes der beiden Opfer. In den andern großen Städten Irlands faßten gleichfalls die Gemeinde- räthe Beschlüsse und verordneten die Unterlassung der Feuerwerke, welche zur Feier der Freilassung Parnell's und der Landligisten abgebrannt werden sollten. Die sonst so trotzige Stadt Cork verstieg sich sogar zu einem Beileidstelegramm an den dort vielgeschmähten Gladstone, welches dieser entsprechend beantwortete. Es ist fein Zweifel, daß die Trauer um Cavendish in Irland eine aufrichtige ist; denn dessen Vater, der Herzog von Devonshtre, und dessen Vorfahren gehörten stets zu den mildesten Gutsherren Irlands. Des jetzigen Herzogs Güter ergeben ein Jahreseinkommen von ungefähr 40,000 L., von denen die Hälfte regelmäßig aus Verbessrrungen verwandt wird. Der Herzog ließ aus eigenen Mitteln eine Bahn von Fermoy nach Lismore bauen, die ihn 300,000 L. kostete; für einen andern Bau von Lismore nach Waterford streckte er 100,000 L. vor; er errichtete ferner eine Wafserlettung in Lismore und ließ in der Nähe seines Schlosses eine Menge von Hütten für arme und altersschwache Arbeiter Herstellen. Sein Name ist detzhalb auch nie in Verbindung mit habgierigen und unbarmherzigen „Landräubern" genannt worden.
Rußrand.
Petersburg, 9. Mat. Ueber die Judenverfolgung in Goutbin in der


