264. Samstag den 11. November 1SS2.
M ^4 |4 A J Sy h" ^weT
LMU 9 17 UE fl/ | B 17 9 I 1 II 4 bz 999 97 9 tgia XW KVSf kM h^/ SäT y<X b*3 b?m/ £■3 -gCL Kl »rgj; IM Hla Fj'a mKL
19^7 jär H 'Bky H M imL. / JglL W. / IjL2 /W? ^^7 g& ’X^>7
▼" lr P S T ~ rj^ y T f r 7 G^J ' Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Moutagö.
PreiK vierteljührlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar! 50 Pf.
——-r-^WM1WHram»r»CTw«re»CT«m.i ■ «mw-iur-L > vrr.rT-^ naaB.-t^z
Deutschland.
Aus dem Grotzherzogthum Hegen, 9. November. Durch verschiedene Blätter laufen Nachrichten über die Beendigung des Cullurkampfes in Hessen, welche u. A- die Thatsache konstatiren wollen, es siche die Wiedereröffnung des bischöflichen Seminars in Mainz bevor. Wer die Entstehung jenes Seminars und den Inhalt der neuen Kirchengesetzgebung kennt, mutz erstaunen, daß eine solche Behauptung Glauben finden konnte. Bis zum Jahre 1851 war in Hessen zur Erlangung eines katholischen Kirchenamtes der Besuch einer deutschen Universität vorgeschrieb. n, als der Bffchos von Mainz einseitig eine theologische Lehranstalt im Seminare zu Mainz errichtete, wodurch thaisäcklich die katholisch-theologische Fakultät zu Götzen emging. Das Priesterseminar hatte ursprünglich nach btr Verordnung vom 30. Januar 1830 nur den Zweck, die Ecwdidaün des geistlichen Standes nach vollendeten theologischen Studien in der Praxis der Seelsorge auszubilden. Die neuen Kirchengesetzc versuchten den früheren Rechtszustand wieder herzustellen und verlangten zum Nachweis der wissenschaftlichen Vorbildung der Geistlichen: Maturitätsprüfung auf einem deutschen Gymnasium, dreijährigen Besuch einer deutschen Universität 2C- Die bestehenden Knabenseminare wurden geschlossen und bestimmt, datz alle kirchlichen Anstalten, welche zur Vorbildung der Geistlichen dienen, unter Aussicht des Staates stehen. Es könnten hiernach höchstens Verhandlungen wegen Vorbildung der Katholiken zum geistlichen Amte tn einer durch big geistliche Behörde geleiteten Anstalt bestehen, die Wiedereröffnung des bischöflichen bminars in seiner früheren Bedeutung würde dagegen eine Verletzung der Gesetze enthalten und gehört in das Reich der Fabeln. (F- 3)
Berlin, 7. Novbr. Wir entnehmen den „Verl. Polit. Nachr.": Eine neulich durch die Zeitungen gegangene Notiz, betr. die Bildung der Genossenschaften auf Grund der Unfallversicherungs-Vorlage, hat zu der mißverständlichen Auffassung geführt, als beabsichtige die Reichsregierung selbst Anordnungen nach dieser Richtung vorzuschlagen, resp. die Vorlage zurückzuziehen, um dieselbe einer nochmaligen Umarbeitung zu unterziehen. Auf Grund zuverlässiger Informationen können wir versichern, daß solche Annahmen vollkommen unzutreffend sind, daß im Gegentheil an maßgebender Stelle nach wie vor der größte Werth darauf gelegt wird, die Kranken- und Unfallversicherungs-Vorlagen noch in dieser Session des Reichstags angenommen zu sehen. Es liegt bisher kein Grund vor, an dem Zustandekommen dieser Gesetze zu zweifeln und die bisher auf dieselben verwandte Arbeit durch ein Zurückziehen der Vorlagen zu einer vergeblichen zu machen. Daß die Reichsregierung den aus der Mitte des Reichstags gemachten Abänderungs-Vorschlägen gegenüber sich nicht von vornherein ablehnend verhallen, dieselben vielmehr einer genauen Prüfung unterziehen wird, ist wohl selbstverständlich und hat ja schon die bisherige Com- missionsberathung des Krankenkassen-Gesetzes gezeigt, daß die Reichsregierung es an bereitwilligem Entgegenkommen nicht mangeln läßt.
— Nach dem Indiensthaltungsplan für die kaiserliche Marine auf das Etatsjahr 1883 84 werden Verwendung finden in Ost-Amerika 1 Glattdecks- Corvette und 1 Kanonenboot, in Ost-Asien 2 gedeckte Corvetten und 2 Kanonenboote, in der Südiee 2 Kanonenboote, im Mittelmeer 1 Aviso, in West-Amerika 1 gedeckte Corvette. Das Panzer-Uebungsgeschwader soll aus 4 Panzer-Fregatten und 1 Aviso bestehen. Ferner sollen Verwendung finden zur Kadetten- Äusbildung 1 gedeckte Corvette, zur Schiffsjungen-Ausbildung 2 Glattdecks- Corvetten und 2 Segelbriggs, zur artilleristischen Ausbildung 1 Artillerieschiff, 1 Kanonenboot und 1 Torpedofahrzeug, zur Ausbildung des Maschinenpersonals 2 gedeckte Corvetten und zu Übungszwecken 4 Panzer-Kanonenboote. Für den Dienst bei den Stationen und zur Vermittelung des Verkehrs zwischen ^en Werften werden dienen zum Tenderdienst für den Stations-Chef 1 Äviso., M Vermessungszwecken 1 Kanonenboot, zum Schutz der Nordsee-Fischerei 1 Kanonenboot, zu Transportzwecken 1 Transportfahrzeug, als Wachtschiff in Kiek und Wilhelmshaven je 1 gedeckte Corvette, zur Verfügung der Allerhöchsten Herx- schaften die kaiserliche Dacht „Hohenzollern" und zu Versuchszwecken 2 Panzer- Corvetten.
— Um dem fortwährend mehr überhand nehmenden Vagabondenunwesen entgegen zu treten, ist — nachdem ein „Verein gegen Bettelei" seinen Zweck nicht zu erfüllen vermochte — mit Genehmigung der königlichen Regierung in Herford eine Handwerksburschen-Steuer von der dortigen Gemeindeverwaltung in Höhe des dritten Theils der Klassensteuer eingeführt worden. Dafür wird von der Armen-Commission gesorgt, daß den würdigen, dürftigen Durchreisenden eine ausreichende und gute Pflege, sowie Nachtquartier zu Theil wird, daß yer Bedarf an Arbeitskräften an einer Allen zugänglichen Stelle bekannt gemacht wird, während andererseits allen Einwohnern unter Androhung von Polizeistrafen verboten ist, an unbekannte Bettler Gaben zu verabreichen.
Bamberg, 7. Novbr. Das hiesige Gemeinde-Collegium beschloß mit allen gegen 7 Stimmen die Aushebung der Schulgelder für die Schüler der städtischen Volksschulen. In derselben Sitzung wurde auch mit allen gegen eine Stimme die Aufhebung der Schülerpreise, welche bis jetzt in Bayern außer Bamberg nur noch in Straubing vertheilt werden, zum Beschluß erhoben. Bei der Schulgeld-Diskussion wurde hervorgehoben, daß das Schulgeld als nicht im Einklang mit dem Schulzwang und aus Rücksicht für die allgemeine Volksbildung eine unberechtigte und den armen Familienvater drückende Steuer sei, die sich durch 5 pCt. Gemeindeumlagen leicht ersetzen lasse, ohne daß übrigens die Gemeindeumlagen bei dem günstigen Stande des communalen Finanzwesens in der That erhöht werden müßten.
Oesterreich.
Wien, 8. Novbr. Heute Abend fand wieder ein Auflauf einiger hundert Schustergesellen und Lehrlinge der Vorstädte Josephstadt und Neubau sowie der Vororte 'Lerchenfeld und Ottakring statt, welche mit Pfeifen und Johlen die Be
wohner beunruhigten. Das aufgebotene Militär, welches mit Steinen beworfen wurde, machte in Folge dessen von den Seitenwaffen energisch Gebrauch. E» kamen beiderseits Verwundungen vor. Nachts 10 Uhr war die Ruhe wieder hergestellt. — Bei der Reichstagswahl in der Vorstadt Josephstadt wurde Sturdza gewählt.
Wien, 9. Novbr. Bis zur Stunde liegen keine Nachrichten von neuen Krawallen vor. Das Wetter, Regen mit Sturm, erleichtert den Behörden die Durchführung der Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe. Patrouillirende Kavallerie-Abtheilungen zerstreuten leicht alle hier und da vorkommenden Ansammlungen. (5r- Ztg')
Arankreich.
Paris, 8. November. Die ministerielle Erklärung, welche bei Wiedereröffnung der Kammern zur Verlesung gelangt, wird gutem Vernehmen nach besagen, es sei das Ziel der Negierung gewesen und sei das Ziel derselben gegenwärtig noch, alle Spaltungen der republikanischen Partei fernzuhalten, um den andern Parteien widerstehen zu können. Die Regierung werde alle factiösen Kundgebungen, woher immer dieselben komnren möchten, mit allen gesetzlichen Mitteln unterdrücken. ’ Auf den nürthschaftlichen Gebieten werde sich die Regierung nur mit den allgemeinen Interessen des Landes beschäftigen. Mit dem Finanzsystem des Finanzministers Tirard sei die Negierung durchaus einverstanden. Die Votirung der Gesetze über die Militär-Reorganisation werde sie entschlossen in die Hand nehmen. Die ministerielle Erklärung wird ferner die guten Beziehungen Frankreichs zu den Mächten bekunden. In den auswärtigen Fragen werde Frankreich weder eine herausfordernde, noch aber auch eine klein- müthige Politik befolgen.
Marseille, 9. Novbr. In Süd-Spanien ist eine Hungersnot!) ausgebrochen. In Xeres wurden die Bäckerläden geplündert. Den Bäckerjungen wurden auf der Straße die Brodkörbe von der hungernden Menge weggerissen. In Rizarsona wurden die Mehllager ausgeplündert, sowie die Eßwaaren auf dem Markte fortgenommen Die Polizei mußte einschreiten. In Folge dieser betrübenden Umstände findet große Ausfuhr von Mehl aus Marseille nach Süd-Spanien statt. C8r- 3^0
— Gestern circulirte ein Lasttrain aus einer Zweigbahn der ost-algerischen Bahn mit 50 Arbeitern, als derselbe aus eine starke Eisenstange an einer Kreuzung der Bahn stieb, entgleiste und über die Böschung stürzte. Die Waggons sind nebst der Locomotive zertrümmert. 11 Personen sind getödtet, 39 meist schwer verwundet. r 3kg-)
Aegypten.
Kairo, 8. Novbr. Der englische Botschafter Lord Dufferin hatte heute früh eine Audienz bei dem Khedive. — Der Gouverneur von Sudan bestätigt in einer Depesche an den Khedive den übertreibenden Charakter der neuesten Nachrichten, welche u. A. besagten, die Stadt Khartum sei vom „falschen Propheten" bedroht. Eine Depesche des egyptischen Generals Ab-del-Kader an den Khedive meldet, die schwarzen Truppen hätten zwar etwa 1000 Mann und viele Osficiere in einem Zusammentreffen mit den Schaaren des „falschen Propheten" verloren, seien aber keineswegs vernichtet worden. Ab-del-Kader bemerkt weiter, Khartum sei gegenwärtig nicht bedroht und erwarte die in Aussicht gestellten Verstärkungen. Die Belagerung von Bara und Obeid sei durch den „falschen Propheten" aufgehoben, die telegraphische Verbindung zwischen Khartum und Kordofan unterbrochen.
Kairo, 8. November. Die Voruntersuchung in dem Prozeß gegen Arabt ist beendet, soweit sie die Vernehmung der Belastungszeugen betrifft. Die Verlheidiger haben eine Frist von 3 Wochen erhalten, um die Aussagen dieser Zeugen zu prüfen Der Prozeß wird Anfangs December wieder ausgenommen werden.
— Gutem Vernehmen nach hat die egyptische Regierung gestern den diplomatischen Agenten Englands und Frankreich eine Note zuftellen lassen, in welcher die Abschaffung der europäischen Finanzkontrolc verlangt wird.
Amerika.
New - York, 8. Novbr. Der Sieg der Demokraten bei den gestern erfolgten allgemeinen Wahlen zum nordamerikanischen Congreß und den Legislaturen der Einzelstaaten scheint kaum noch zweifelhaft. S)amit wurde he feit dem Präsidentschafts-Antritt Abraham Lincoln's. am Staatsruder gewesene republikanische Partei ihrer herrschenden Stellung jenseits des ^-ceans enlkleidet sein und voraussichtlich für lange Zeit. Die Demokrattn werden, falls die Nachricht ihres Sieges sich bestätigt, nicht an die einfache Reactimrung ihrer früheren Traditionen denken dürfen. Sie sind auf den Schild gehoben m erster Linie durch die Beihülfe der westlichen Farmer und die m Merge zu ihnen übergegangene Wählerschaft deutscher Nationalität welch letztere^des immer unverschämteren Gebahrens der Knownothmgs und heuchlerischen Temperenzler gründlich überdrüssig geworden. - Eine demokratische Zukunftsregierung der Bereinigten Staaten würde auch die auswärtige Politik der Union in cheüweis neue Bahnen lenken.
Telegraphisch! Depeschen.
Wolft'S telegr. Eorrespondenz-Bureau.
Berlin 9 Novbr. Der Kaiser, der Kronprinz, sowie die Prinzen Wilhelm und Friedrich Karl sind heute Nachmittag 1 Uhr 45 Min. zu den Hofjagden nach Ohlau abgereist.


