237 Mittwoch den 11. Oktober 1882.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 10. October.
DerHerbstaufenthalt des Kaisers in Baden-Baden, welcher ursprünglich nur bis zuni 8. October in Aussicht genommen war, ist den neuen Dispositionen gemäß bis zum 14. October verlängert worden. Der Gesundheitszustand des greisen Monarchen ist fortgejetzt ein vortrefflicher und unternimmt der Kaiser vor oder nach Erledigung der laufenden Geschäfte täglich Ausfahrten oder macht Promenaden.
Die Borboten der wieder beginnenden Thätigkeit auf dem Gebiete der innern Politik haben sich bereits eingestellt, indem die Ausschüsse des Bundes- rathes in vergangener Woche wieder zusammengetreten sind, während das Plenum desselben am 15. October seine Verhandlungen wieder aufnehmen wird. Was die Einberufung des Reichs- und des preußischen Landtages anbelangt, so dürste hierüber in einer am 5. October stattgefundenen Sitzung des preußischen Staats- m.inisteriums ein definitiver Beschluß gefaßt worden sein.
Je mehr sich der Wahlkampf in Preußen der Entscheidung nähert, desto zahlreicher erscheinen jetzt die Wahlaufrufe der einzelnen Parteien. Den beiden conservativen Fraktionen ist die Centrumspartei mit zwei Aufrufen gefolgt, von denen der eine sich an die gesammte katholische Wählerschaft Preußens wendet und ziemlich gemäßigt gehalten ist, während der andere speciell an die katholischen Wähler der Nheinlande gerichtet ist und eine weit schärfere Sprache führt. Ferner sind jetzt auch die Secessionisten mit einem Wahlmanffest vor die Wählerschaft getreten, welches sich im Sinne der von dem am 6. Mai d. Js. zu Berlin stattgefundenen secessionistischen Parteitage gefaßten Beschlüsse ausspricht. Außerdem ist auch in Düsseldorf ein Wahlaufruf erschienen, unterzeichnet von angesehenen Mitgliedern der freiconservativen Partei, in welchem zur Vereinigung der Mittelparteien aufgefordert wird.
Die Reichstags-Nachwahl im 14. württembergischen Wahlkreis (Ulm-Heidenheim-Geislingen) hat folgendes Endresultat geliefert: Hähnle (Demokrat) 7067, Magirus (freiconservativ) 7043, Bebel (Socialdemokral) 300 St.; es hat demnach eine Stichwahl zwischen Hähnle und Magirus stattzufinden. Die Wahl ist deshalb von besonderem Interesse, weil die Ultramontanen dieses Wahlkreises, welche bei der ersten Wahl einen eigenen Candidaten ausgestellt hatten, diesmal für den demokratischen Candidaten stimmten, was für letzeren einen Zuwachs von ca. 1400 Stimmen bedeutete. Es ist dies einfach die Folge der von Herrn Windthorst jüngst in Köln anempfohlenen Wahltaktik für die Eentrumsmänner, überall da, wo kein Candidat des Centrums oder ein Con- servativer der äußersten Richtung durchzubringen sei, einen „ächten Fortschrittsmann in Wasserstiefeln" zu wählen. „ ,
In Oesterreich hat sich die Aufregung über die Judenexcesse m Preßburg und dessen Umgebung wieder gelegt, besonders, nachdem durch die eingeleitete Untersuchung erwiesen worden ist, daß die Berichte über diese Vorgänge sehr übertrieben worden sind. Es haben weder Brandstiftungen stattgefunden, noch hat Jemand bei den Exceffen sein Leben eingebüßt; trotzdem ist in manchen Ortschaften sehr übel gehaust worden, so daß die von der ungarischen Negierung angeordnete Verhängung des Standrechtes über das ganze Preßburger Comitat allerdings als eine gerechtfertigte Maßregel erscheint. Die Untersuchung soll ferner bereits festgestellt haben, daß sich an den Exceffen hauptsächlich die slova- kische Bevölkerung, weniger die ungarische, betheiligt hat und daß die ganze Bewegung von Socialisten eingeleitet worden ist.
Für die Franzosen, namentlich aber für die Pariser, bildet die in diesen Tagen bevorstehende Ankunft der Madagassischen Gesandtschaft in Paris einen Gegenstand des lebhaftesten Interesses, vor welchem selbst die politischen Taaesfraqen augenblicklich zurücktreten. Die Gesandtschaft soll im Namen der Königin von Madagaskar, Ranavola II., verschiedene streitige Punkte zwischen Frankreich und Madagaskar regeln. Dieselben datiren meist aus den Zeiten, in denen sich die Franzosen auf.Madagaskar — dieser reichen, schönen, circa 10 700 Quadratmellen großen Insel an der Ostküste Afrikas — festzusetzen ver- suckten und laufen die Forderungen des französischen Cabinets im Wesentlichen Lrnnf binaus, Frankreich seinen früheren Besitzstand und womöglich vergrößerten Einfluß auf Madagaskar wieder zu veychaffen.
Das englische Cab inet hat sich noch immer nicht bewogen gefühlt, dip Welt mit seinen Plänen bezüglich Egyptens bekannt zu machen, indessen verbreitet sich hierüber trotz dieses hartnäckigen Schweigens einiges Licht. Ein dem Temps" aus London zugegangenes Telegramm meldet, daß die englische Neaieruna beabsichtige, die Controle über die egyptische Finanzverwattung auf- rubeben den Umfang der Befugnisse der Kasse für bte öffentliche Schuld aber m erweitern. Ersteres würde darauf hindeuten, daß England geneigt sei, der egyptischen Negierung in den Finanz-Angelegenheiten eine gewisse Selbstständig
keit zu gewähren; hiermit würde auch die Nachricht im Einklang stehen, daß der frühere englische Finanz-Controleur Colvin, welcher sich auf der Ruckretst nach Egypten befindet, von seiner Regierung angewiesen roorben tft, die Functionen als General-Controleur wieder aufzunehmen. Zieht man ferner bte Versicherung der „Times" in Betracht, daß England Egypten nicht annecttren, sondern nur für das „gemeinsame" Wohl verwalten wolle,, so scheinen bte eng- tischen Pläne bezüglich Egpptens gerade nicht den egoistischen Charakter zu tragen, welchen man ihnen vielfach zuschreibt.
Die königlichen Dekrete, durch welche bte ttaltemsche Deputtrten- kammer aufgelöst wird und die Neuwahlen für dieselbe aus den 29 October und 5 November festgesetzt werden, sind nunmehr erschienen. Gleichzeitig tsi auch eine Bekanntmachung erfolgt, wonach der Senat unD bte neue Kammer rum 22. November einberufen worden sind. In Anbetracht der nur noch kurzen Lift bis zu den Eutscheidungstagen wird der Wahlkampf m Italien baldJemen Höhepunkt erreichen; mit besonderem Interesse sah man aber schon feit längerer Seit der Rede entgegen, welche Ministerpräsident de PretiS vor einen. Wählern in Stradella am 8. October zu halten gedachte und von welcher Aufschlüsse über die innere und äußere italienische Politik erwartet werden.
Sultan Abdul Hamid hat nunmehr die Ernennungen des Schecks Äbillah zum Scheik-ul-Harem oder Wächter des Heiligthums tzder großen Moschee Mohamed's) in Mekka ratificirt. Hierdurch ist der frühere Groß-Cherit von Mekka, Abdul Mutailib, zu den politisch Tobten geworfen, welcher em erbitterter Christenseind war, zugleich aber eifrigst gegen bte Oberherrschaft bes türkischen Sultans in Arabien intriguirte. Die Entbeckung bteser ^ntriMen hat tedenfalls Abdul Mutailib sein Amt gekostet, das, beiläufig erwähnt, nächst dem Sultanat zu Konstantinopel, die höchste kirchliche Würde des Islam bedeutet
In Egypten hat Frau Justitia ihr Amt angetretcn. Arabi Pascha, der mit den übrigen Haupträdelssührern des Autsiandes, circa 80, tn der sog. Mobilienkammer zu Kairo gefangen sitzt, hatte in vergangner Woche bas erste Verhör vor dem Kriegsgerichte zu bestehen. Die Untersuchung wird jedoch absolut geheim gehalten, nur der Proceß selbst soll ostentlich verhandelt werden. — Bezüglich der Entschädigungsfrage meint bte „Gazette Egypttenne , man werde auf die Vorstellung einer Macht hin (welcher?) zwei Entschädrgungs- Commissionen einsetzen, von denen die erste aus den Vertretern aller Mächte mit Einschluß Griechenlands bestehen und die Anträge aus Schadenersatz prüfen werde. Die zweite Commission werde die Mittel zur Zahlung der, Entschädigung untersuchen, da die egyptische Regierung sich weigere, zu diesem Zwecke die für die Staatsschuld bestimmten Einnahmen zur Verfügung zu stellen. — Der „Times" zufolge ist die Zeitdauer der Occupation Egyptens durch bte britischen Truppen aus „vorläufig" 5 Monate bemessen. Man Hofft, daß bis zum Ablauf dieser Zeit die egyptische GenSd'armerie vollständig neu gebildet und eingeübt genug sein wird, um den Sicherheitsdienst nach Abzug, der englischen Truppen Übernehmen zu können. Das Gensd'armerie-CorpS wird haupsachlich aus Albanesen bestehen, die Officiere sollen theilweise Schweizer sein, von denen bereits einige mit einem Jahresgehalt von 70 Psd. etert. engagirt morben jtnu Ueber den zukünftigen Commandeur bes Gensd'armene-Corps verlautet seboch
D^e'FriederstSverhanblungen zwischen Chlle unb Peru sM definitw gescheitert, ba Chile jebeS Zugestänbnist verweigert. Der Krieg zwischenHeiden Staaten wirb wohl also von Neuem beginnen und durste bte Welt leider neue Greuelscenen in dem unglücklichen Peru erleben.__
Bekanntmachung.
In Gemäßheit bes § 9 bes Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht tm Frieden werden hiermit nachstehende. Durchschnittsmarktpreise vom Monat September^2^veröffentliMi^ ^0 Kilogramm.
Gießen, am 10. Oktober 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
p ' Ur. Boekmann. •
m. Darmstadt, 8. Oktober. lJ°hr°s°-rs°mnilun^des Deutsch en V^- '■‘hh fkr, *,tmienpf 6,0anhlinb« dnehmer an dem &nStaBe unter Führung mitttag besuchte eine große Zahl der Tyeiineym jcrabenarbeitSanitalt
des Herrn Oberbürgermeisters Ohly ne m bwfenfo= stattfindende Ausstellung v°n..§f^gvtsten de^ Handterng abenb§ g1^,. wieder tm
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dem genannter Herr jum ersten, Herr " - i . Schristsührer gewählt worden,
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re erirt Herr Grubendlrector K n o p 0- g l V-,einsidätigketr im engsten Anschluß Einrichtungen". E,i halt das Oysnm ° r tr bic Ps-nntgsparkassen als
H«? Wilhelm Kw°b o°n" als Begründer der Pfennig-Sparkassen zu be- trachten sei.


