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11.6.1882 Zweites Blatt
 
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Nr. 133. Zweites Blatt. Sonntag den 11. Juni 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau r Schulstraße B. 18. Erscheint tL-ttch mit Ausnahme des Montags. Pkei»,vierteNährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlvhn.

Wochenschau.

Gießen, 10. Juni.

Die morgen, Sonntag, in Potsdam stattfindende Taufe des Urenkels des Kaisers ist nicht nur eine Familienfeier im Schooße unseres erhabenen Kaiserhauses, an welcher das gesammte deutsche Volk freudig Anthell nimmt, sondern auch ein Act von unverkennbar politischer Bedeutung. Dieselbe giebt sich namentlich durch die Theilnahme des Königs Humbert von Italien und des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich an den Tauffeierlichkeiten kund, denn hierdurch werden die Bande, welche Deutschland und sein Kaiserhaus mit Italien, besonders aber mit dem stammverwandten Oesterreich, verknüpfen, un­zweifelhaft vermehrt und gekräftigt werden, welche Empfindung hoffentlich auch bei den Völkern Oesterreichs und Italiens vorherrschend sein wird.

Der Reichstag hat nach dreiwöchentlicher Pause am Dienstag seine Verhandlungen mit der zweiten Berathung der Zolltarif-Novelle wieder aufgenommen. Die in derselben vorgeschlagenen Zollerhöhungeu wurden fast sämmtlich gegen die Stimmen des Centrums und der Conservativen, deren Reihen nur schwach besetzt waren, abgelehnt. Der Sitzung wohnte auch der Reichskanzler Fürst Bismarck auf kurze Zeit bei. In der folgenden Sitzung am Montag wurde zunächst der Antrag des secessionistischen Abg. Dr. Barth auf Aushebung des Schmalzzolles in zweiter Lesung berathen. Rach einigen einleitenden Worten des Antragstellers und einer Erwiderung des Directors im Reichsschatzamt, Burchard, hielt der Abg. v. Ludwig, dasenfant terrible der conservativen Partei, eine donnernde Philippika gegen seine Fraktionsgenossen, denen er in seiner eigenthümlich drastischen Dränier Saumseligkeit in den parla­mentarischen Arbeiten vorwarf, schließlich plaidirte er für die Beibehaltung des Schmalzzolles. In letzterem Sinne sprachen auch die Abgg. v. Schalscha, v. Kardorff und Dr. Frege, welche, wie der Abg. v. Ludwig, auf die Interessen der Landwirthschaft, namentlich der Viehzucht, hinwiesen, während die fortschritt­lichen Abgg. Rohland und Ahlhorn sich für den Antrag Barth erklärten. Der­selbe wurde in namentlicher Abstimmung mit 129 Stimmen (Conservative, Centrum und der kleinere Theil der Nationalliberalen) gegen 120 Stimmen abgelehnt. Hierauf wurde die Wahl des fortschrittlichen Abg. Papellier (l. Oberfranken) für giltig, dagegen die des freiconservativen Abg. Riekert (XIV. Württemberg) für ungiltig erklärt, und sodann der Nachtrags-Etat zum Etat für 1882/83 der Rechnungs-Commission überwiesen. Auf Antrag des Präsidenten vertagte sich das Haus bis Freitag, den 9. Juni, für welchen Tag das Nelictengesetz für Heer und Marine, die Jnterpallation v. Kardorff, betr. die Oberschlestschen Kohlentarife, und die Dritte Lesung der Zolltarif-Novelle auf die Tagesordnung gesetzt wurden.

Die Kaiserin Augusta ist am Mittwoch Abend wohlbehalten von Baden-Baden wieder in Berlin eingetroffen. Das Gesetz, betr die Abänderung der kirchenpolitischen Gesetze, ist unterm 31. v. Mts. vom Kaiser vollzogen worden.

Nachrichten aus Kassel zufolge ist das Befinden des Prinzen Karl von Preußen den Umständen angemessen befriedigend, zumal haben sich bis jetzt Fiebererscheinungen noch nicht eingestellt.

Der württembergische Landtag ist am 7. Juni nach kurzer Thä- tigkett vom Könige nut einer Thronrede geschlossen worden, welche die Befrie­digung der Negierung über die Leistungen des Landtages erklärt und den Mit­gliedern desselben den königlichen Dank für ihre Thütigkeit ausdrückt.

In den inneren Verhältnissen Oesterreich-Ungarns ziehen jetzt die bosnischen Angelegenheiten die meiste Aufmerksainkeit auf sich Die österreichische Negierung hat erkannt, daß es ihr auf dem bisherigen Verwaltungs­wege nicht gelingen werde, sich das Vertrauen der Bevölkerung in den occupirten Provinzen zu erwerben und sie hat darum beschlossen, gründliche Reformen in der Verwaltung Bosniens und der Herzegowina vorzunehmen. Das Programm hierzu ist von dem neuen Reichs-Finanzminister, Herrn v. Kalla», ausqearbeitet worden, welches in seinen Hauptpunkten Abschaffung der Militärverwaltung, Vereinfachung der Verwaltungsmaschinerie und Neubildung des Veamtenkörpers umfaßt. Bosnien hat bereits seinen neuen Civil-Gouverneur in der Person des seitherigen österreichischen Gesandten in Belgrad, Baron Kheveichüller, erhalten.

In der französischen Deputirtenkammer gelangte am Dienstag die Interpellation des Deputaten Lanessan bezüglich der Studentenunruhen im lateinischen Viertel von Paris zur Verhandlung. Dieselbe nahm einen ziemlich stürmischen Verlauf, da von bonapartistischer Seite der Minister des Innern, Goblet, wegen des Verhaltens der Polizei in dieser Affaire heftig angegriffen wurde. Die Darstellung indessen, welche der Minister von diesen Vorfällen gab, ließ das Vorgehen der Polizisten in einem bedeutend milderen Lichte erscheinen, so daß die Mehrheit der Kammer, trotz der Proteste der Radicalen und der Bonapartisten, das von Lanessan für Goblet beantragte Tadelsvotum ablehnte, dagegen den Antrag des Ministers des Innern auf Uebergang zur einfachen Tagesordnung annahm.

In Irland ist im Laufe der letzten Woche merkwürdiger oder vielmehr erfreuter Werse weder ern Mordanfall, noch sonst ein agrarisches Verbrechen vorgekommen Doch wäre es verfrüht, hieraus schon aus eine Besse­rung der rrrschen Verhaltnrsse schließen zu wollen; man wird vielmehr die Wir­kung der neuen irischen Zwangsbill abwarten müssen, deren hauptsächlichste

Bestimmungen das Unterhaus im Anfang dieser Woche mit großer Majorität genehmigt hat. (Siehe jedoch die neuesten Depeschen. D. Red.)

In den höheren militärischen Verwaltungsposten Ruß­lands haben zwei nicht unwichtige Neu-Ernennungen stattgefunden. General Kolpatowsky ist zum General-Gouverneur des neugebildeten Steppen-Gouverne- ments und des Onesk'schen Militärbezirkes, und General Tlchernajew, bekannt durch seine Theilnahme an dem letzten Kriege Serbiens gegen die Türkei, zum General-Gouverneur von Turkestan ernannt worden.

Das junge serbische Königreich krankt noch fortwährend an inne­ren Kämpfen. Die Ausgleichsverhandlungen in der Skupschtina zwischen den Radicalen und der verfassungstreuen Majorität haben sich zerschlagen, in Folge dessen die Regierung die jüngsten Ersatzwahlen annullirte und für die nun nicht wieder wählbaren radicalen Abgeordneten Neuwahlen anordnete. Das Cabinet Pirotschanatz reichte wegen dieser Vorgänge seine Entlassung ein, doch nahm der König dieselbe nicht an.

Mit der am Donnerstag erfolgten Ankunft der türkischen Mission in Kairo ist die egytiiche Frage abermals in ein neues Stadium ge­treten. Es muß sich jetzt entscheiden, ob das Ansehen des Sultans bei der egyptischen Nationalpartei groß genug ist, um die Forderungen desselben, Auf­rechterhaltung des Status quo und der Herrschaft des gegenwärtigen Vicekönigs Tewfik Pascha durchzusetzen. Da Derwisch Pascha, das Haupt der Mission, nebst seinen Begleitern bei den egyptischen Truppen wie bei der Bevölkerung eine gute Aufnahme gefunden haben, so ist zu hoffen, daß die Mission den gewünsch- ten Erfolg haben werde.

BermiscbtcS.

Friedberg, 8. Juni. Gestern land dahier eine sehr zahlreich besuchte Ver­sammlung von größeren Landwtrthen hiesiger Gegend statt, in welcher über die Glündung einer Rübenzuckeifabrik verhandelt wurde. Die Anmeldungen zum Rüben- bau und die Zeichnungen von Actün sind so weit vorgeschritten, daß das Unternehmen als gesichert angesehen werden kann. Es wurde eine aus 7 Mitgliedern bestehende Commission gewählt, welche beauftragt ist, unter Zuziehung juristischer und technischer Beibülfe die Statuten und den Gesellschaftsvertrag zu entwerfen. Das Actienkapital ist auf 1 Million festgesetzt und verpflichten sich die Belheiligten, für jeden Normal­morgen Rüden, den sie bauen, eine Actie von 300 «A zu übernehmen, die baar ein­bezahlt werden muß, aber auch ratenweise von dem Preis der an die Fabrik verkauften Rüben getilgt werden kann. Außerdem sollen auch Geldactien von 300 JL ausgegeben werden, jedoch nur insoweit durch die erstere Actiengattung nicht die volle Summc auf­gebracht werden kann. Der Bau der Fabrik soll noch in diesem Jahre und der Be­trieb derselben mit dem Herbst 1883 beginnen. Heber die Frage, wo die Fabrik errichtet wird, soll demnächst eine aus kompetenten Technikern gebildete Commission entscheiden. Die Versammlung, welcher auch der hier anwesende Präsident der landwirthschaftlichen Centralstelle. Herr Ministerialrath Dr. Jaup, beiwohnte, votirte dem Vorsitzenden des seitherigen Comites, Herrn Kreisrath Dr. Braden, ihren Dank über die umsichtige und erfolgreiche Leitung der für unsere La ndnurthschaft so wichtigen Angelegenheit.

Darmstadt, 8. Juni. In der gestrigen Monatsversammlung des Gartenbau- Vereins wurde u. A. auch der von Darwin angestellten Beobachtungen gedacht, wonach im Laufe von 30 Jahren ein mit Steinen bis zur Größe eines Kinderkopfes bedecktes Grundstück durch die von den Regenwürmern aufgenommene und wieder ausgeschiedene Dammerde, Steinchen und Pflauzemheile dermaßen mit Erde bedeckt worden sei, daß man über das Grundstück reiten könne. Es wurde von fachmännischer Seite hiergegen geltend gemacht, daß die Regenwürmer nicht in Sand oder Kiesgrund gesunden würden, sondern nur da, wo die Erde reich an Humustheilen sei, welch letztere auch die Ursache bildeten, aus welcher die Regenwürmer die Erde fressen. Der Boden werde hierdurch aber nicht besser, sondern schlechter und sauer. Ein Redner bemerkte hierzu, die letztere Erklärung gebe ihm eine gewisse Beruhigung, weil sonst zu befürchten gewesen sei, daß unser weitberühmtes Felsenmeer am Ende auch noch von den Regenwürmern auf­gefressen werde. Der gute Einfall fand indessen vor den Augen des den Vorsitz führenden Vicepräsidenten keine Gnade, er bedeutete dem Redner vielmehr, daß er seine Witze einem Manne wie Darwin gegenüber unterlassen solle, bei dessen Leichenbegängniß die Zipfel des Bahrtuches von Herzögen getragen worden feien,

Der Taschenspieler Blitz hat in einem Hotel in Mankato, im Staate Minnesota folgende Probe seiner Kunst geliefert: Während er beim Frühstück an der Tafel saß, brachte ihm das aufwartende Mädchen einen Teller mit heißen Bisquits. Er ostnete einen derselben und zur nicht geringen Verwunderung der Gäste rollten sechs halbe Dollarstücke heraus. Er nahm darauf eine Kartoffel und fing an, dieselbe zu schalen, als plötzlich eine Stimme, die aus der Kartoffel zu kommen schien, die Worte sprach: O schäle mich nicht, Du wirst mir den Kopf abschneiden." Das war zu viel für das arme Mädchen. Mit dem Ruse:Der Teufel fitzt ^er am Tfiche , stürzre es zum Zimmer hinaus und nichts vermochte sie zu bewegen, ferner Herrn Blitz zu bEbtCn- Sine Civilklage des bekannten Fürsten Sulkowski gegen den Rechtsanwalt Deyks In Berlin auf Erstattung zu viel gezahlter Gebühren 's" Bettag° >aon 4500C। Ut ist vor einigen Togen beim Berliner Landgericht I. zum Austrag L^racht worden und zwar konnte die Entscheidung für den fürstUchen mcht schUmmer aussallem Der Fürst ist nämlich nicht nur mit seiner«Klage abg wiesen"g von wei eren Antrag des Verklagten und widerklagenden R/chtfanwal.s auf Zahlung von wehren «0009X Gebühren an den Verklagten

dieser Summe zu g verwaltete das Vermögen des Fürsten ist m Kürze folgender: Der Rechts"lt 9 als Verwaltungsgebühren

im Betrage von 6000000 A und halte oei ci abaesckuieben. Der Fürst

von diesem Vermögen non^45000 und fordert?von

Sulkowski beanstandete bi^^^nbareÄ0guinme Rechtsanwalt Deyks prüfte noch- Herrn Deyks die Zurückerstattug bafe er gerade 45000 A zu wenig liquidirt

^salt'g Le.l^n.^br .mdeben beiben Parteien nicht zu Stande kam, so klagte der $abeA eme ^?ÄÜ0Erstattungsanspruch ein, wogegen sein ehemaliger Mandatar ÖÄ Das l°udger.chMche Ur.hetl fiel in

allen Theilen zu Gunsten e ^ts. findet bei Coblen; eine große Regatta statt, an r, nde Vereine betheiligen: Bernkasteler Ruder-Club, Bonner Stuber;

^sntt^^s?-l^Ruder"Gesellschaft, Koblenzer Ruder-Club, Coblenzer Ruder-Gesellschaft, Frankfurt^er^Ruder-Verein, Frankfurter Ruder-GesellschaftGermania", Frankfurter