man sicher sein, Tag für Tag in irgend einem englischen Blatte die Meldung zu lesen, daß ein Angriff auf den Canal stündlich zu erwarten sei; es war der Waffenruf, welcher der Besetzung von Suez durch England vorausging. Jetzt sind jene Allarm- nachrichten verstummt, Europa kann ruhig fein, der Canal ist sicher — unter der Tatze des britischen Löwe». Schon schwimmen die indischen Truppen heran, welche in Suez landen sollen, um die User zu „beschützen". Der letzte Grund der grundsätzlichen Abneigung gegen die türkische Einmischung wird dabei ohne Scheu ausgeplaudert; wenn die osmanischen Truppen in Egypten gelandet seien, werde Arabi sich dem Sultan unterwerfen; dann werde der Sultan darauf Hinweisen, daß nunmehr die Ordnung hergestellt sei, und England werde keinen plausiblen Grund mehr zu einem Angriff auf Egypten haben. Diese letztere Aussicht aber ärgert John Bull nicht wenig, der sich nicht gern in Unkosten stürzt, wenn kein baarer Vortheil dabei herausspringt. — In Alexandrien bricht indessen ab und zu wieder eine Panik aus; die furchtbare Nähe des egyptischen Napoleon ist den Briten gar nicht geheuer. Soll Arabi doch, noch den Aussagen von Personen, die aus Kafr-Dowar kommen, über eine Streitmacht von 70,000 Mann verfügen; wie viel britische Furcht an dieser Zahl erphantisirt hat, ist schwer festzustellen; genug, daß der Bevölkerung von Alexandrien das Herz tm Leibe zittert, so oft es Arabi gefällt, das Gerücht auszustreuen, er werde demnächst über Alexandrien herfallen. Angesichts dieser Hasenherzigkeit berührt es sehr komisch, wenn die englische Presse herausgefunden haben will, die Deutschen fingen an, auf die mili- rärischen Lorbeeren Großbritanniens eifersüchtig zu werden. Die Engländer haben überhaupt mit der deutschen Presse ihre liebe Noth; im Anfang konnten sie sich noch auf einige jener Blätter berufen, welche das Bischen politifzben Menschenverstand, welches ihnen ihr Radikalismus etwa übrig gelassen haben könnte, regelmäßig zu verlieren pflegen, wenn ihnen die Schlagworte Civilisatisn, mohamedamscher Fanatismus in die Ohren tönen. Als diese umfielen, stieg man dazu herab, ab und zu ein deutsches Börsenblatt zu citiren. Jetzt scheint auch an diesen Hopfen und Malz verloren zu sein, und da Haden die Briten denn zu obiger erheiternder Ausrede gegriffen.
Dre-den, 6. August. Das CultuSministerium hat soeben eine Verordnung erscheinen lassen, durch welche die Revision des sächsischen Gymnasialwesens einen vorläufigen Abschluß erhält. Es verlautet darüber:
Hauptzweck ist Beseitigung der Ueberbürdung der Schüler. Darnach sind Ferienarbeiten nur während der Sommerserien auszugeben und dergestalt zu beschränken, daß der Schüler, mit Ausschluß der Sonn- und Festtage, täglich eine bis höchstens zwei Stunden beschäftigt wird. Für alle übrigen Ferien fallen die Ferienausgaben weg. Die Schüler sind aber zu angemessener Selbst- beschästigung anzuleiten und anzuhalten. Die neuen Bestimmungen der Lehr- und Prüfungsordnung für die Gymnasien über den Lehrplan, insbesondere auch die über den Beginn des Unterrichts in der griechischen Sprache in Untertertia (nicht wie bisher in Quarta), und die verstärkte Ansetzung der französischen Unterrichtsstunden in Quarta treten nächste Ostern in Kraft. Die Ausführung derselben ist aber schon in dem vorausgehenden Winterhalbjahre, also von nächstem Michaelis ab, entsprechend vorzubereiten. Art und Umfang dieser Vorbereitung sind den besonderen Verhältnissen eines jeden Gymnasiums anzupassen. Alle übrigen Bestimmungen über Abänderung des Lehrplanes finden, soweit dies thunlich, sofortige Anwendung. Hinsichtlich des Religionsunterrichts wird Vermeidung jedes bloßen Gedächtnißwerkes eingeschärst. Die Zahl der deutschen Arbeiten wird beschränkt, so daß in Quarta nur alle drei Wochen, in den Tertien monatlich, in den Sekunden alle zwei Monate, in den Primen nur alle drei Monate eine solche zu liefern ist. Auch die Zahl der lateinischen, griechischen und mathematischen Arbeiten wird gegen die bisherige Praxis erheblich verringert. Von der lateinischen Lectüre ausgeschlossen ist künftig Cäsar's „Bürgerkrieg", von der griechischen Plutarch, Theokrit, Lykurg, Jsokrates. Der Latein-Unterricht wird von Sexta bis Untersekunda mit 9 (anstatt 10),- von Obersekunda an mit 8 Stunden wöchentlich betrieben, der griechische von Untertertia bis Obersekunda mit 7 (statt 6), in Prima mit 6 bis 7 Stunden. Gänzlich erneuert ist der Lehrplan für das Französische, welches (anstatt von Quinta an überall mit 2 Stunden) künftig in Quinta mit 3, in Quarta mit 5, in allen höheren Klassen mit 2 Stunden betrieben wird. Der Unterricht int Hebräischen wird nicht mehr, wie früher, auch den künftigen Phllologen empfohlen, sondern ist nur für Zöglinge, welche Theologie studiren wollen, obligatorisch. Der facultative englische Unterricht beginnt erst in Obersekunda, nicht in Untersekunda ; philosophische Propädeutik ist nicht mehr in besonderen Lehrstunden zu behandeln. In Quarta ist eine mathematische Stunde zugelegt worden.
Frankreich.
Paris, 7. August. Das neue Ministerium wird gutem Vernehmen nach morgen in dem Senat und in der Kammer eine Erklärung zur Verlesung bringen, worin in Bezug auf die auswärtige Politik gesagt wird, daß das neue Cabinet nicht auf die Vergangenheit zurückkommen wolle und das Votum der Kammer acceptire. Das neue Cabinet wolle den Frieden, werde aber, wenn irgend ein Zwischenfall eintreten sollte, der die Würde Frankreichs berühren könnte, sofort die parlamentarischen Körperschaften einberufen, um denselben die erforderlichen Maßregeln anzukündigen. In Bezug auf die innere Politik wird das neue Ministenum erklären, daß es die Beschlüsse der Kammer als die Grundlagen der von ihm zu befolgenden Politik betrachte.
Türkei.
Konstantinopel, 7. August. In der heutigen Sitzung der Con- serenz sagte Said Pascha Lord Dufferin gegenüber den Erlaß der Proklamation gegen Arabi Pascha zu. Auch erklärten die türkischen Delegirten nochmals, daß sie die von den Mächten in der Rote vom 15. Juli aufgestellten Bedingungen zur Intervention acceptirten.
Ein kaiserlicher Jrade ermächtigt bie türkischen Conferenz-Delegirten, Said Pascha und Assim Pascha, der Herstellung eines internationalen Ueberwachungs- dienstes auf dem Suezkanal zuzustimmen und die Politik des Sultans in Egypten durch eine Proklamation kund zu thun. Vom Ministerrathe wurden für Serwer Pascha, als den für Egypten bestimmten türkischen Commissar, Instructionen erlassen.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correfpondenz-Vrrreau.
Gastein, 8. August. Se. Majestät der Kaiser Wilhelm verließ um 1 */» Uhr Nachmittags Gastein int besten Wohlsein unter den Klängen der preußischen Hymne und unter lebhaften Hochrufen der Badegäste und Bewohner. Im Badeschlosse hatten sich vorher eine große Anzahl österreichischer und preußischer üiftinguirter Badegäste eingesunden, darunter auch der der GFM. Graf Moltke, von welchem sich Se. Majestät auf's Herzlichste verabschiedete. Der Kaiser führte die Großherzogin von Weimar am Arme über die Schloßtreppe.
Berlin, 8. August. Der Geh. Sanitätsrath Dr. Levinstein, der Begründer der Maison de santtS in Schönberg, ist gestorben.
Paris, 8. August. Die heute in der Kammer der Deputirten verlesen« ministerielle Erklärung sagt: Das Votum der Kammer vom 29. Juli hat die Folge, daß sich Ihnen ein neues Cabinet vorstellt. Seine erste Pflicht ist, Ihnen zu sagen welche Bedeutung das Votum in seinen Augen hat und welches Verhalten dasselbe thm auferlegt. Indem die Kammer die nötigen Credite für eine partielle Besetzung des Suez-Canals verweigerte, ergriff dieselbe eine Maßregel der Zurückhaltung und der Klugheit, welche durchaus keine Abdankung ist. Die Regierung wird sich von dem Gedanken durchdringen lassen, welcher das Votum biftirte und wird ihre Haltung demgemäß cinrichten. Wenn indeß Ereignisse eintreten sollten, w lebe die Interessen und die Ehre Frankreichs zu engagiien scheinen, so werden wir uns beeilen, die Kammer zusammenzurufen und ihr diejenigen Beschlüsse zu unterbreiten, welche die Umstände erheischen sollten. Wenn die inneren Fragen auch weniger dringliche sind, so verlangen sie doch nicht weniger unsere Aufmerksamkeit, aber von dieser Seite her kann während der bevorstehenden Suspension der Sitzungen nichts kommen, was uns gefährdet oder engagirt- Wir werden die Zeit, welche Sie uns geben werden, benutzen, um die betreffenden Fragen zur Lösung zu bringen. Wir werden uns bemühen, die Lösung derselben in dem liberalen und fortschrittlichen Sinne durchzuführen, welchen diese Fragen mit sich bringen Wir setzen uns ein weiteres Ziel, wir werden dahm arbeiten, bie verschiedenen Fraktionen der republikanischen Majorität einander näher zu bringen unb zu vereinigen, nnb wenn wir mit Ihrer Hülfe dieses patriotische Ziel erreichen können, dann glauben wir ein Werk vollendet zu haben, welches bei den gegenwärtigen Umständen für die Kammer und die Republik von dem größten Interesse ist.
Die Kammer nahm die ministerielle Erklärung mit Beifall auf und genehmigte darauf die Kapitel des Budgets, betr. die direkten Steuern. Clemenceau gab darauf eine Erklärung ab, in welcher er sein Mißtrauen gegenüber dem neuen Cabinet aus- sprach. Man erwartet den Schluß der Session für morgen.
. Ischl, 8. August. Se. Maj. der Kaiser Franz Joseph wird Sr. Majestät dem deutschen Kaiser, welcher heute in Salzburg eintrifft und im Hotel de l'Europe ab- fteigen wird, morgen früh bis Ebenste entgegenfahren, wo gegen i/il2 Uhr die erste Begrüßung ftattfinbet und von wo aus dann die gemeinsame Weiterreise nach Ischl erfolgt. Um 3 Uhr Nachmittags findet zu Ehren Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm ein Galadiner bei dem Kaiser von Oesterreich und Abends eine Festvorstellung im hiesigen Theater statt. Abends 9 Uhr wird Se. Majestät der Kaiser Wilhelm den Thee in der Villa des Kaisers Franz Joseph einnehmen. Nächsten Sonntag wird der König von Serbien hier erwartet.
Konstantinopel, 8. August, lieber die gestrige Conferenzsitzung verlautet weiter, daß Said Pascha ausdrücklich erklärte, die Pforte stimme den in der Note der Botschafter vom 15. v. Mts. enthaltenen Bedingungen und Vorbehalten vollständig zu und daß die türkischen Delegirten hierauf das diesbezügliche Protokoll unterzeichneten. Ferner machte Said Pascha die M'ttheilung, daß die Proklamation, welche Arabi Pascha zum Rebellen erkläre, bereits abgefaßt sei, er werde eine Uebersetzung der Proklamation voraussichtlich schon nächsten Donnerstag vorllgen
Alexandrien, 8. August. Das Kriegsschiff „Termeraire", welches vor Ramleh staiionirt ist, beschießt die egyptischen Vorposten, welche in den letzten Tagen vorzu- dringen versuchten. Das Ueberwachungscvmitä für die Lieferung des Süßwassers macht bekannt, daß vom nächsten Montag ab Wasser nur während 4 Stunden geliefert und an allen übrigen Tagen die tägliche Entnahme pro Kopf auf 20 Liter fest- gestellt wird.
Alexandrien, 7. August. Die Truppen Arabi Paschas sind mit der Errichtung von Verschanzungen zwischen Abukir und Ramleh und an den westlichen Ufern des Kanals beschäftigt. Heute näherte sich ein mit Truppen Arabi Paschas und Fellahs besetzter Eisenbahnzug der Station Millaha in der offenbaren Absicht, die Eisenbahnlinie zu zerstören. Die englischen Geschütze nöthigten die Egypter, diese Absicht aufzugeben und sich zuruckzuziehen.
Der Khedive hat ein Schreiben an Raghel Pascha gerichtet, in welchen das egyptische Ministerium aufgefordert wird, sich unter s. Z. näher festzustellenden Bedingungen, in gerechter Weise, und unter Rücksicht auf die Hilfsquellen des Landes bereit zu erklären zur Entschädigung Aller, die durch die Massacres und durch die lÄn- äscherung von Alexandrien zu Schaden gekommen sind. Raghel Pascha wird aufgefordert, dem Khedive die diesbezüglich vorzuschlagendeu Maßregeln mitzutheilen und die Absichten des Khedive zur öffentlichen Kenntniß zu bringen.
Lokale-.
Gießen, 9. August. sSterblichkeit in Gießen.j Die Zahl der Todesfälle betrug m unserer Stadt während der Woche vom 30. Juli bis 5. August im Ganzen 6. Unter den Gestorbenen befand sich diesmal nur eine erwachsene Person, bet welcher Lungenschwindsucht die Todesursache war. Von den Kindern hatten 2 das erste Lebensjahr noch nicht vollendet und erlag eins derselben einem Darmcatarrh, das andere einer Bronchienentzündung. Von dcn drei älteren Kindern starb eins an Diphtherie, zwei an Tuberculose der Knochen unb Gelenke. q.
Vermischtes.
Offenbach, 6. August. Heute vor acht Tagen gegen Abend bat das sechsjährige Söhnchen einer im großen Biergrund dahier wohnenden Arbeiterfamilie um di- Erlaubn.ß, noch einmal auf die Straße gehen zu dürfen, die ihm auch ertheilt wurde. Das Kind ging auch dahin, kam aber nicht wieder zurück, fehlt heute noch und alle Nachforschungen, die bis jetzt nach dem Knaben angestellt wurden, waren erfolglos. Der Junge ist etwa 3—3Vr Fuß hoch, hat hellblonde Haare, graue Augen ^010^ Jiafe, rundes Gesicht, blasse Gesichtsfarbe; er war bekleidet mit einer wollenen dunklen Jacke, weiß unb blau gestreifter leinener Hose mit Leibjacke, trug baumwollenes nicht gezeichnetes Hemd hellgestreifte baumwollene Strümpfe unb leberne Schnüischuhe, beifet Friedrich Lang, kennt auch seinen Namen, ist aber im Umgang mit fremben Perionen etwas schüchtern, und soll, wie andere Jungen aussagten, an dem Abend m^cr "Nem Zigeunerwagen nachgelaufen sein, der in der Richtung nach
Bürgel Mühlheim zu, gefahren ist. Alle Diejenig n, welche Über den Jungen Auskunft geben können, werben hiermit gebeten, bei der nächsten Polizeibehörde Anzeige bavon zu machen, auch werben bie Rebaciionen der in der Umgegend erscheinenden Zeitungen um ge allige Aufnahme die es Artikels in ihre Blätter ersucht, damit das Kind ermittelt und seinen tiefbetrübten Ellern wieder zurückgeschafft werden kann.
cn a tL011 aUc recht zu bedauernder Unglücksfall ereignete sich gestern
Main an der neuen Eisenbahnbrücke unterhalb Grofeauheim. Dem ,u Thal fahrenden mlt^Scheilholz beladenen Schiff- des Schiffers Zöllner aus Dorf- ^klttn .oer ag e das Steuerruder und fuhr hierdurch den Landpfeiler der Brücke an.
m e die Schiffer wurden mit vieler Mühe von Eisenbahnarbeitern
^^ultelst Stricken auf die Brücke gezogen. Dieselben verloren Alles, sowie der Schiffseigenthümer seine in einigen Hundert Mark bestehende Baarschaft unb retteten E ihr nacktes Leben. Die hochgehenden Finthen des Mains schwemmten bie Ladung gänzlich fort und schließlich auch das Wrack, welches noch vollständig an einem Pfeiler d/r Hanau-Ste'nheimer Brücke zerschellte und jetzt am hiesigen User liegt. Der Schiffseigenthümer war nicht versichert unb verliert seine ganze Habe. — In Grofe-Steinheim sollen in einer Familie 2 Kinder dieser Tage am Hungertyphus gestorben, 3 weitere no5 ® JeV’ Während der letzten 8 Tage habe die betr. Familie weder Brod noch Kartoffeln im Hause gehabt. (H. Z.)
.। N".^?^.Murnau wird dem „Bayer. Kur." geschrieben: Weich' harte Köpfe d^^nuern hiesiger Gegend noch besitzen, zeigt folgender Vorfall, der sich am Scapulier- festmarkt h er zutruq. Ein Unterammergauer, der Wetzsteine feil hielt, kam mit einem alteren Bauern tn Streit, weil dieser an der Güte der Waare zweifelte. Nachdem sie eine Zeit lana hin- und hergestritten und die Gemüther erhitzt waren, schlug der Arnmergauer seinem Gegner einen seiner Schleifsteine auf den Kopf Man hätte nun StAiawJn ik?' e? sicher' Hieb müsse eine schwere Verwundung nach sich ziehen. Allein ü n" d^m, im Gegentheil, der Schleifstein sprang entzwei, der Bauer kratzte sich nur ein Pärn Mai b getroffenen Stelle und ging bann weiter.
4" August. Die beiden taubstummen Brüder Keutmann in dem benach- m f m arbeiteten gestern Nachmittag in einer Scheune. Während ?LQTnne tn gebückter Stellung arbeitete nahm fein Bruder Nikolaus P J ^g ihn dermaßen ins Genick, daß der Kopf zur Hälfte vom vorder behauptet indeß, daß fein Bruder das Beil r? • Ä d e Obertenne gelegt und das Beil ihm auf den Kopf gefallen fei. Die übrigen Angehörigen waren tm Felde am Arbeiten unb als sie zurückgekehrt den


