Ausgabe 
7.12.1882
 
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St*. 286. Donnerstag den 7. December 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Dureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps.

Deutschland.

m. Darmstadt, 5. December. Der Abg. Dr. Schröder (Worms) hat in der zweiten Kammer den Antrag eingebracht, die Großh. Negierung zu ersuchen, die Frage wegen Normirung von mehreren, den einzelnen baulichen Verhältnissen entsprechenden besonderen Gefahrenklassen bei Versiche­rung der Gebäude gegen Feuersgefahr in der obligatorischen Lan- desbrandkasse über das gesetzlich dafür Mässige Maß hinaus, demnach die Ein­führung einer Scala der Präniiensütze in nähere Erwägung zu ziehen.

Berlin, 4. December. Eine zahlreich besuchte Versammlung deutscher Papierfabrikanten, an welcher auch Delegirte des Verlegervereins und anderer Jnteressenten-Gruppen Theil nahmen, hat heute in Berlin getagt. Es ist, wie m m uns mittheilt, gelungen, in Bezug auf die Herstellung einer Anzahl ein- ''Etlicher Formate eine vorläufige Verständigung zu erzielen und die Ver- M'dlungen haben gezeigt, daß bei allen Jnteressenten-Gruppen der gleiche Wunsch nach endlicher Beseitigung des Wirrwars m den Formaten vorhanden ist und daß die endgiltige Regelung dieser Frage in naher Zeit durchzuführen sein wird.

Der auswärtige Telegraph ist gestern und heute sehr fleißig gewesen. Er hat uns ein Sträußchen politischer Novitäten gewunden, welches zwar ein­zelnes Kuriose, ja Befremdliche enthält, aber in seiner Gesammtheit doch recht zufriedenstellend wirkt. Ein Kuriosum comine il faut hat das über Arabi Pascha verhängte egyptische Kriegsgericht zu Tage gefördert. Rittaffenartiger Geschwindigkeit" sprach es über den geständigen Nebellen-Häuptling die Todes­strafe und gleichzeitig seine lebenslängliche Verbannung aus. Da unter englischer Assistenz dem Proceffe Arabi seine eigentlichen Gistzähne bereits fein säuberlich ausgezogen waren sie dürsten wohl dein geheimen Raritäten- Cabinet des LondonerForeign Office" einverleibt sein konnten sich Die egyptischen Blutrichter den Luxus einer Begnadigung schon gestatten. Die Chro­nisten der Zeitgeschichte aber mögen sich darüber streiten, ob Arabi das Opfer oder der Narr einer politischen Jntrigue geworden ist, die sich mit den Alliirten der Tragik einführen zu wollen schien und sich schließlich als Komödie ent­puppt hat.

In Konstantinopel wird das Unberechenbare Ereigniß. Said und Osman Pascha, kaum von der Schaubühne abgetreten, stehen schon wieder im Vorder­gründe derselben, hell beschienen von der großherrl. Gnadensoime. Der Eine ist auf s Neue Premierminister, der Andere Kriegsminister geworden, mit dem TitelGroßvezier", resp.Seraskier."Dieser Name sagt genug wohl schon." Zugleich mit den Titulaturen sind auch die Traditionen der Vergangenheit wieder­aus der Rumpelkammer, wo sie seit 6 Jahren vergraben lagen, hervorgeholt worden. Die s. Z. gegebeneVerfassung" ist zum Sündenbock erkoren und ist beladen mit der Schuld aller über das ottomanische Reich hereingebrochenen Schicksalsschläge in die Wüste Nichts, aus der sie stammte, zurückgejagt worden. Hat sich Abdul Hamid in einer desparaten Anwandlung zur Reactivirung des veralterten Apparats entschlossen, der im letzten Russenkriege die Türkei an den Rand des Verderbens brachte? Dann mögen die als Regeneratoren nach dem Orient gekommenen deutschen Officiere und Beamten nur unverweilt ihre Koffer packen. Von Osman Pascha haben sie für ihr Werk in Zukunft weniger denn je zuvor zu erwarten. Jedenfalls ist die innere Gesundung des Reiches durch oen allerletzten Scenenwechsel nicht gefördert worden.

Der englische Parlamentsschluß und die damit verbundene Thronrede sind unbedingt diejenigen Tagesereignisse, welche das Gepräge der internationalen Combination zur Zeit bestimmen und dieselbe erfreulicher Weise über die Sphäre aller Conflicts-Besorgnisse hoch hinausheben. Die Friedensbotschaft der Königin Victoria so kann man den auf die auswärtige Constellation bezüglichen Theil der Thronrede mit Recht nennen fällt der Zeit nach mit authentischen Kund­gebungen aus Varzin, Rom, St. Petersburg, Wien und Pesth so nahe zusam­men, daß an dem gedeihlichen Gange der europäischen Geschicke, soweit der Wille der Machthaber als Bürgschaft gelten darf, ernstliche Zweifel nicht gestattet sind.

Wie uns aus der Gewerbe-Commission des Reichstages mitgetheilt wird, hatten die Liberalen gestern einen Erfolg zu verzeichnen. Es handelte sich nämlich uiü die ganz exorbitante Bestimmung des Gesetzentwurfs, wonach der Wander-Gewerbeschein schon dann versagt werden könnte, wenn gegen den Nachsuchenden noch nicht einmal eine Verurtheilung, sondern nur die gerichtliche Klage wegen einer mit Freiheitsstrafe von mehr als 6 Wochen bedrohten Hand­lung Seitens der Staatsanwaltschaft erhoben ist. Der Antrag des Abg. Baum­bach auf Streichung dieser bedenklichen Neuerung wurde mit 12 gegen 7 St. angenommen. In der lebhaften Debatte, welche dieser Abstimmung voranging, hatte der Abg. Munckel sich selbst als Beispiel aufgeführt. Derselbe befindet sich zur Zett wegen Beleidigung in Untersuchung, welche nun schon seit Jahr

Tag schwebt und würde also nach dem Regierungs - Entwurf während dieses Zeitraumes einen Wander-Gewerbeschein nicht erhalten können Gegenüber oer weiteren Bestimmung, wonach der Wander-Gewerbeschein auch dann versagt werden kann, roenn, der Nachsuchende mit einer Freiheitsstrafe von mindestens 4 Wochen bestraft itt, und seit der Verbüßung der Strafe 3 Jahre noch nicht oerflossen sind, beantragte Dr. Baumbach im Wesentlichen die Wiederherstellung der dermaligen Bestimmung der Gewerbeordnung. Dieser Antrag fand zwar die Majorität nicht, wohl aber ein die Negierungs-Vorlage wesentlich abschwä- chendes Unter-AmendementBaumbach", wonach es stattFreiheitsstrafe von

mindestens 4 Wochen" heißen soll:Zuchthaus oder Gefängniß von mindestens 6 Wochen." (Tribüne).

Der Herzog Bernhard von Meiningen, Vater des regierenden Her­zogs ist, wie telegraphisch gemeldet wird, gestern Nachmittag gestorben. Herzog Bernhard Erich Freund ist am 17. December 1800 zu Meiningen geboren, folgte wegen des frühen Todes seines Vaters, Herzogs Georg, bereits 1803 unter der Vormundschaft seiner Mutter in der Regierung und übernahm dieselbe persönlich 1821. Im Jahre 1866 stand er auf Seiten der Gegner Preußens, zeigte sich bei den Friedensverhandlungen nicht geneigt, dem Norddeutschen Bunde beizutreten, und legte deshalb am 20. September zu Gunsten des Erbprinzen Georg, des jetzigen Herzogs, die Negierung nieder.

Metz, 4. Decbr. Die von dem Bischof Dupont des Loges getroffene Anordnung, daß in allen hiesigen Pfarrkirchen an jedem Sonntag einmal deutsch gepredigt wird, hat Hierselbst in allen Kreisen lebhafte Anerkennung gefunden, die Protestler selbstverständlich ausgenommen. Ebenso erfreute die Aenderung, welche in dem Lehrplane sowohl des bischöflichen kleinen Seminars in dem Vororte Morttigny, als auch des großen Seminars Hierselbst eingetreten ist. Die Erziehung in diesen beiden Seminarien war bisher eine einseitig fran­zösische, so daß die in das deutsche Sprachgebiet entsandten Geistlichen nicht selten unfähig waren, sich mit ihren Gemeinden zu verständigen, wodurch ein großer Theil ihrer seelsorgerischen Thätigkeit unerfüllt bleiben mußte. Jetzt wird nun in den beiden Seminarien das Deutsche soweit gelehrt, daß künftig jeder aus deutschem oder gemischtem Sprachgebiet stammende junge Geistliche deutsch zu predigen im Stande ist. Die in der deutschen Schule Heranwachsende Generation würde der nur französisch ausgebildeten Geistlichkeit mit der Zeit entfr erndet worden sein, und wenn auch die Aenderung des Lehrplans zunächst nur aus diesem Gesichtspunke hervorgegangen ist, so kann sie darum nicht min- der lebhaft begrüßt werden, da sie voraussichtlich auch noch in anderer Hinsicht gute Früchte zeitigen wird.

Arankreich.

Paris, 4. December. In Erwiderung auf die bekannten mysteriösen Gerüchte erklärt jetzt auch dieRepubl. franpaise" kategorisch, daß Gambetta sich selbst verwundet habe; er habe den Revolver, in welchem sich noch eine, und zwar nicht genügend hinuntergestoßene Patrone befand, in der linken Hand gehalten und mit der Rechten den am Scharnier abgebogenen Lauf in seine schießfertige gerade Lage bringen wollen; da Gambetta die hervorstehende Kugel zurückzwängte, so sei durch die entstandene Reibung die Patrone losgegangen und die Kugel in die rechte Hand eingedrungen. Gambetta hat gestern Nach­mittag das Bett verlassen und mehrere Freunde empfangen.

Rußland.

Petersburg, 4. December. Aufsehen erregt in Rußland eine Denk­schrift des Grafen Murawiew, des grausamen Polenfeindes. Am Schluffe seiner Aufzeichnungen spricht er von den Hinrichtungen, die unter seiner Ver­waltung vorgenommen wurden, indem er hervorhebt, daß die Zahl der Opfer eine viel geringere war, als allgemein geglaubt und dergrausamen Verwaltung" vorgeworfen wurde. Leider finden sich darüber in der Denkschrift keine genauen Angaben. Einige Tage nach dem Erscheinen jener Aufzeichnungen in derNuß­kaja Starina" erklärte jedoch dieNeue Zeit", Murawiew habe seiner Zeit der Nedaction desRussischen Invaliden" auf deren Wunsch eine Mittheilung über die Zahl der Opfer zukommen lassen, doch sei die Veröffentlichung aus unbe­kannten Gründen unterblieben. Danach seien nun in der ganzen Zeit der Ver­waltung Murawiew's hingerichtet worden 128 Personen, zu Sträflingsarbeiten verurtheilt 972, zur Ansiedelung in Sibirien verurtheilt 1427, unter die Sol­daten genommen 345, in die Arrestanten-Compagnieen verschickt 864, in die innern Gouvernements verschickt 1529, angesiedelt im Innern des Reiches 4096, Summa 9361. Von den am Aufstande Betheiligten haben die Freiheit erhalten 2929. Wie weit diese Zahlen auf Wahrheit beruhen, läßt sich für's Erste nicht feststellen.

Telegraphische Depeschen,

Wolffs telegr. Eorrespondenz-Burea«.

Berlin, 5. December. Der Kaiser ist mit dem Kronprinzen, dem Prinzen Wil­helm und dcn fürstlichen Gästen heute Nachmittag 3 Uhr nach der Göhrde zur Jagd abgereisi.

Reichstag. Zum Antrag Philipps auf Entschädigung für unschuldig Ver- mtheilte erklärt Staatsfccretär Schelling, der Tendenz des Antrages könne man sym­pathisch gegenüberftehen, die Ausführbarkeit sei aber zu bezweifeln, weil die Voraus­setzungen zu den Entschädigungen nicht greifbar fesizustellen seien. Die bloße Freisprechung nach Wiederaufnahme des Verfahrens reiche nicht aus, darauf werde die Regierung nimmermehr eingehen. Die Freisprechung sei kein Beweis der Nichtschuld, sondern nur ein Beweis, daß die Schuld nicht bewiesen sei. Der Antrag Philipps wird nach längerer Debatte an eine Commission von 14 Mitgliedern verwiesen.

Leipzig, 5. Decbr. Das Reichsgericht hat die Revision des Kutschers Konrad in Berlin, welchen das Berliner Schwurgericht wegen Ermordung seiner Ehefrau und seiner vier Kinder zum Tode verurtheilt hatte, verworfen.

Liverpool, 5. December. Auf dem Mersey erfolgte heute früh ein Zusammenstoß zwischen dem von Amerika zurückkehrenden DampferPeruvian" und dem DampferClanmaclaren" von der indischen Linie. DerPeruvian" wurde beschädigt und um das Sinken zu verhindern, an den Strand gesetzt. Die Passagiere wurden gerettet und in Liverpool gelandet.