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1882.
Rr. 207.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schulstraßa B. Ist.
Erscheint täglich mit Ausnahme des «sutag».
Preis vierteiMrlich 2 Mark 20 Pf. mit Vringerlohu.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar? 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Fleischbeschau. Gießen, am 4. September 1882.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoalichen Bürgermeistereien Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Hungen, Inheiden, Langd, Larm-Gön«, Lich (mit Kolnhausen), Muschenheim (mit Hof-Güll), Obbornhofen, Ober.Hörgern, Rabertshausen (mit Mngelshausen), Rodhe.m (mit Hof Graß), Steinheim, TraiS-Horloff und Utphe.
Nach § 8 der Fleischbeschauordnung vom 10. April 1880 (Regierungsblatt Seite 57) darf das Fleisch eines krank befundenen Thieres nur durch den Spruch eines hierzu ermächtigten approbirten Thierarztes für genießbar erklärt werden. Wir haben hierzu den praktischen Veterinärarzt Dr. Schneider in Lich für Ihre Gemeinden ermächtigt und beauftragen Sie, dies zur Kenntniß Ihrer Gemeinde-Angehörigen zu bringen. .
Selbstverständlich verbleibt jedoch die technische Ueberwachung der Fleischbeschauer (s. § 4 genannter Verordnung) auch in Ihren Gemeinden dem Kreis- veterinär- und Kreis-Arzte.
________T)r. Boekmann.________________________
Betreffend: Den Rundgang der Feldgefchwornen im September und Oktober. Gießen, am 3. September 1882.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Gr otzherzo glichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir empfehlen Ihnen die Feldgefchwornen zu veranlassen, nach § 20 der Instruction vom 23. Februar 1833 ^Regierungsblatt S. 105) im Laufe dieses und kommenden Monats die Gemarkungen zu begehen, um sich von dem Zustande der Grenzen zu unterrichten, und über den Befund m iyr nach $ daselbst zu führendes Tagebuch ein Protokoll aufzunehmen. Wir machen dabei darauf aufmerksam, daß zwar zu einem Steinfatze wenigstens drei Fewgefchworene beisammen sein müffen, daß aber zu dem Rundgange, wenn dabei nicht zugleich Steine gesetzt werden sollen, eine geringere Anzahl Feldgeschworener genügt. Wegen Beseitigung der vorgefundenen Mängel wollen Sie das Geeignete veranlassen, wobei namentlich die Ausräumung, Geraderichtung und Erneuerung der Grenzsteine ins Auge zu fassen ist. An den Dreieck-, Gemarkungs-, Flur- und Gewanngrenzsteinen darf jedoch feine Veränderung ohne Mitwirkung eines Geometers I. Elaste vo» genommen werden Die Wahl und Zuziehung desselben bleibt Ihnen überlassen. Doch wollen Sie da, wo es sich um Orenzfteine mehrerer Gemarkungen handelt, sich unter einander desfalls benehmen. Für die Erhaltung der Parzellengrenzsteine des Gemeindeeigenthums ist auf ^erneinoe- kosten von Ihnen Sorge zu tragen. Wo noch keine Aussteinung des Gemeinde - Eigenthums ftattgef'unden hat, beauftragen wir Sw, den Gememderaty desfalls zu vernehmen, nnd dessen Beschluß zu vollziehen. Die an den Parzellengrenzsteinen der Privaten vorgefundenen Mängel sind den Bethemgten zur Beseitigung zu eröffnen. Im Uebrigen verweisen wir Sie auf das Gesetz vom 23. Oktober 1830 (Reg.-Bl. S. 463) und die vorgenannte Instruction vom 23. Februar 1833 (Reg.-Bl. S. 105), sowie wegen der Kostenverzeichniffe auf die Bekanntmachung vom 18. December 1874 (Reg.-Bl. S. 784).
Zu Ende des kommenden Monats find uns Abschriften der in die Tagebücher der Feldgefchwornen aufgenommenen Protokolle nut Bericht über ^zhre dessalls getroffenen Anordnungen sammt den Kostenverzeichnissen von Ihnen vorzulegen.
Politische Ueberfkcht.
Gietzen, 5. September.
Herr v. Schlözer, der Vertreter Preußens beim Vatikan, hat Ende voriger Woche seine Rückreise nach Rom angetreten. Die Meinungen darüber, ob er in den Falten seiner Toga dem heil. Stuhl Frieden oder aber Krieg mitbringt, sind gethellt, vorläufig glauben wir das Erstere, denn trotz der heftigen Artikel, welche die „Rordd. Allg. Ztg." in der jüngsten Zeit gegen die „Germania" und somit gegen die Kurie brachte, ist nicht anzunehmen, daß die preußische Regierung sich wieder auf den Kriegsfuß mit dem Vatikan stellen sollte, zumal nach der Versicherung der „Germania" die Unterhandlungen zwischen Preußen und Rom noch keinen Augenblick in's Stocken gekommen sind. Allerdings herrscht über die neuen Instructionen, welche sich Herr v. Schlözer in Varzin geholt hat, noch völlige Ungewißheit, doch werden wohl schon die nächsten Wochen hierüber Gewißheit bringen und hoffentlich wird dann auch der Misch-Ehen-Streit in das entscheidende Stadium treten.
Entsprechend der in der letzten Session des Reichstags Seitens der Reichsregierung gemachten Zusage sollen nunmehr die Ausführungs-Bestimmungen zu dem Gesetze, betr. den Verkehr mit Rahrungs- und Genußmitteln, in Bälde erlaffen werden. Wie die „Berl. Polü. Rachr." hören, werden aus Veranlassung des Reichsamts des Innern noch im Laufe dieses Monats Commissionen aus Sachverständigen zusammentreten, um ähnlich, wie dies bei der Verordnung, betr. den Verkehr mit Petroleum, der Fall gewesen, ihre Gutachten über die Einzelbestimmungen abzugeben. Dem Vernehmen nach handelt es sich in erster Reihe um die Verordnungen über Milch, Bier und Wein, für welche selbstredend drei verschiedene Gruppen von Sachverständigen berufen werden.
In Wien erwartet man in diesen Tagen das Eintreffen der türkischen Mission, welche Kaiser Franz Josef den Groß-Cordon des türkischen Nischan-Jmtiaz-Ordens überbringt. Die Mission besteht dem Vernehmen nach aus dem Muschir (Feldmarschall), Fuad Pascha und den Generalstabs-Officieren Nazim Bey und Zekim Bey. Wie erinnerlich, wurden die Insignien dieses höchsten türkischen Ordens vor einigen Monaten auch Kaiser Wllhetm rurch einen Special-Gesandten des Sultans überreicht; daß jetzt dem erlauchten Freund und Alliirten des deutschen Kaisers diese höchste Auszeichnung, welche der türkische Herrfcher zu vergeben hat, zu Theil wird, ist sicher nicht ohne Bedeutung für die zwischen Deutschland-Oesterreich uno der Pforte obwaltenden Beziehungen.
Der Feldzug, den die „Revanchepresfe" von Paris im Verein mit der „Liga der Patrioten" gegen den deutschen Turnverein in Paris und die Deutschen überhaupt eröffnet hat, fängt nun doch an, das Bedenken einiger Pariser zu erregen. So greifen z. B. das Witzblatt „Figaro" — dieses in überaus sarkastischer Weise — und einige radikale Organe, wie die „Lanterne", die Liga und die gegen Deutschland eifernden Blätter an, hauptsächlich wohl, weil letztere meist im Sinne Gambetta's redigirt werden. Das Banket, welches die „Liga der Patrioten" in dem bisherigen Lokale des deutschen Turnvereins
in der Rue St. Marc vergangene Woche veranstaltete, wird von der gebildeteren Bevölkerung der französischen Hauptstadt fast allgemein verurtheilt.
Das französische Justiz-Ministerium veröffentlicht soeben eine Statistik über auf die Straf- und auf die Civilgerichtsbarkeit bezügliche Verhältnisse. lieber die entsetzliche Zunahme der Selbstmorde in Frankreich meldet dieselbe, daß von 100,000 Franzosen im Jahre 1830 5, 1850 10, 1860 11, 1870 13, 1880 15 sich selbst um's Leben brachten, und daß die Zahl der Selbstmorde im Jahre 1880 6650 betrug, was eine Zunahme von mehr als 200 pCt. gegen 1830 ausmacht. Unter 100 Selbstmördern befanden sich 79 männliche, 21 weibliche. Am schrecklichsten ist aber die Zunahme der jugendlichen Selbstmorde. In den 5 Jahren, von 1876—80, kamen in Frankreich vor 103 Selbstmorde im Alter von 15 Jahren, 66 im Alter von 14 Jahren, 40 im Alter von 13 Jahren, 21 im Alter von 12 Jahren, 4 im Alter von 10 Jahren, 4 im Alter von 9 Jahren, 1 im Alter von 8 Jahren, 1 im
Alter von 7 Jahren.
Obwohl man in Griechenland wegen der blutigen Zusammenstöße zwischen den griechischen und türkischen Truppen an der griechisch-türkischen Grenze gewaltig die Lärmtrommel rührt, scheinen diese Vorfälle doch zu keinem ernsteren Consticte zwischen Griechenland und der Pforte führen zu wollen. Wenigstens sind von Athen wie von Konstantinopel aus an die beiderseitigen Commandanten an der Grenze die strengsten Befehle ergangen, die weittren Feindseligkeiten einzustellen, und da auch die englische Regierung nach dieser Dichtung beim Athener Cabinet Schritte gethan hat, so wird hoffentlich ine ganze Rauferei keine ernstlicheren Folgen haben.
Die Verhandlungen zwischen der Pforte und England bezüglich der Militär-Convention stehen noch immer auf dem alten Flecke. Bekanntlich hat die Pforte die englischen Vorschläge „im Princip" angenommen, das ist aber auch Alles. Von einer Unterzeichnung ist noch keine Rede , nam ntttch null sich die Türkei nicht die Orte vorschreiben lassen, an dmm die tuttpchen gruppen in Egypten landen sollen. Neuerdings hat nun die Psorte wieder ven Vonchlag gemacht, die Ausschiffung ihrer Truppen m Alexandrien sWen fassen, entweder unter der Bedingung, sofort nach Abukir zu^ marschiren, oder im Falle schlechten Wetters, dieselben einstweilen bei Alexandrien campiren $u laffen; über letzteren Punkt drücken sich die Depeschen -tw°s undeutlich aus. Von Eng- land ist eine Antwort auf diesen Vorschlag noch Nicht bekannt.
Die TbatsaLe, daß General Wolseley zu semer Verstärkung die schottische Briaade welche bis jetzt in den Positionen von Rainleh, also bei Alexandrien stand nach Jsmallia beordert hat, beweist, wie dringens der enalffche Oberbefehlshaber der Verstärkungen bedarff Der Marsch vom suez- des Nils bei Kairo erweist sich eben als keine militarstche Promenade ^und sowohl die Verschanzungen von Tel - el - Kebir, wie auch die eayptische^Sonne und der sich immer sühlbarer machende Mangel an Trink- waffer sind Hindernisse, welche den Vormarsch der Engländer gegen die egyptlsche


