Hierzu wurde beschlossen:
Die Commission spricht sich dahin aus, daß für die Leistungen, die nicht als -ungenügend zu erachten sind, statt der bisherigen drei Stufen: sehr gut, gut und genügend, künftig vier Noten in Anwendung zu dringen seien:
1) sehr gut,
2) gut,
3) im Ganzen gut,
4) genügend, indem sie ter Ansicht ist, daß die Leistungen, die als den Anforderungen der Klasse vollständig entsprechend zu erachten sind, mit einer besseren Note als „genügend" (rote seither üblich) zn bezeichnen sein werden.
m Darmstadt, 3. December. Die von der Regierung niedergesetzt gewesene Commission zur Prüfung der Frage der Ueberbürdung der Schüler höherer Lehranstalten des Großherzogthums, welche in sieben Sitzungen das vorliegende umfangreiche Material einer eingehenden Erörterung unterzog, ernannte in ihrer gestrigen Schlußsitzung eine aus fünf Mitgliedern bestehende Redactionscommtssion, welcher zunächst eine Zusammenstellung der zahlreichen von der Commission gefaßten Beschlüsse obliegt und welche weiter die Endredaction der zur Veröffentlichung bestimmten stenographischen Protokolle der Commissionsverhandlungen zu besorgen Haden wird. Mitglieder dieser Redactions- Commission sind die Herren: Geh. Staatsrath Knorr (Vorsitzender der Mtntfterial- abtheilung für Schulangelegenheiten), Ober-Medicinalrath Dr. Reißner, Oberlandes- gerichtsratb Maurer (Landtagsabgeordncter), Gymnasialdirector Dr. Weidner und Realschuldirector Albert, sämmtltch in Darmstadt. Bei der Wahl der Commision ging man, wie ersichtlich, davon aus, jedem der an der wichtigen Frage beteiligten Kreise eine Vertretung zu gewähren. — Nach Schluß der gestrigen Sitzung vereinigten sich die Mitglieder der Commission za einem gemeinsamen Mittagsmahle im Casino.
Berlin, 2. December. Der Minister des Innern hat dem Kaiser sofort nach seiner Rückkehr aus der Rheinprovinz eingehenden Bericht über seine Wahrnehmungen in dem Ueberschwemmungsgebiete am Rhein gemacht. Es sind bereits Anordnungen zur Ausarbeitung einer Rothstands-Vorlage ergangen, welche sich an die seiner Zeit für Oberschlesien 'ergangenen Anordnungen an- fchließen und nur der Anpassung an die besonders thatsächlichen Verhältnisse bedürfen wird, um zum Abschluß gebracht zu werden.
— Der Reichstag verwies die Petition, wonach die Zinscoupons der Retchs- anleche bei allen Kassen für indirecte Steuern eingelöst werden sollen, unter Zustimmung des Schatzsecretärs der Regierung zur Berücksichtigung, ebenso die Petition wegen Ermäßigung des Zolls auf Anguilottl von 60 auf 3 Mark. Barth befürwortete, der Schatzsecretär Burchard bekämpfte die Petit'on. Sodann beriet der Reichstag die Jnterpellutton Lasker betr. die Wahlagitation des Oberingenieurs Dede in Danzig zu Gunsten conservattver Candtdaten. Minister Bötticher erklärt, es sei keinerlei An- eisung amtlicher Natur von irgend welchem Ressort an irgend welche Werftbeamten in Danzig ergangen, für diesen oder jenen Candidaten einzutreten, und constatirt aus den Akten, daß dem Oberingenieur Dede ein Geltendmachen seiner Amtsautorität zu Gunsten der conservativen Candidaten nicht nachzuweisen gewesen. Lasker erwidert, der Schein der Parteilichkeit sei nickt von der Regierung genommen. Windthorst bedauert, daß die Begeisterung der Liberalen für die Wahlfrciheit damals nicht so groß gewesen fet, als Fürst Bismarck die Wahl Kapp's empfohlen habe, übrigens sei die Tyrannei der Fabrikherren über die Arbeiter nock größer, als die Danziger Beeinflussung. Kapp bemerkt, Fürst Bismarck habe ihn erst empfohlen, als die Wähler eine autoritative Erklärung desselben erbaten. Hänel bemerkt, der Contreadmiral Livonius habe durch den Brief an den Werftdirector die conservative Agitation der Werftbeamten veranlaßt. Bötticher wiederholt, es sei keine Anweisung von oben erfolgt, private Wünsche könne man nicht Wahlbeeinflussungen nennen. Rickert schildert die Vorkommnisse bei seiner Wahl in Danzig und behauptet, auch die preußischen Ministerien seien bei den Unregelmäßigkeiten beteiligt, was Minister Bötticher entschieden zurückweist.
In Beantwortung der Interpellation Sckulze-Delitzsch erklärt Staatssecretär Schelling, das neue Genossenschaftsgesetz, nicht eine bloße Novelle, sei bereits in vorgeschrittenen Stadien der Vorarbeit.
Nächste Sitzung Dienstag.
— Die Fortschrittspartei des Reichstages Hai gestern Nacht mi* 33 gegen 13 Stimmen die Resolution Rickter's angenommen, welche besagt: Die Fortschrittspartei hat sich stets in allen Fällen vorhandener grundsätzlicher Uebercinftimmuug mit anderen liberalen Parteien die Verständigung über ein gemeinsames Vorgehen sieh angelegen sein lassen und wird auch in Zukunft hierbei beharren; dagegen erscheint eine allgemeine, die Selbstständigkeit des Handelns beschränkende Verpflichtung zu Vorverhandlungen mit allen übrigen liberalen Parteien weder lOthwendig noch zweckmäßig. Der Antrag Hoffmann, welcher sich mit dem von der Fortschrittspartei des Abgeordnetenhauses angenommenen deckt, wurde abgelehnt.
Köln, 2. December. Der Wasserstand des Rheins betrug heute Vormittag hier 787 Ctm., bei Mannheim 790 Ctm., bei Mainz 500 Ctm., bei Bingerbrück 510 Ctm. und bei Koblenz 689 Ctm.
Arankreich.
Paris, 2. December. Ein in der „Revue publique" veröffentlichter Artikel Reinach's reproducirt die unterm 1. August 1877 in dem Journal „Rineteenth Century" von Gladstone über Egypten geäußerten Ansichten und constatirt, daß England, wenn es Egypten sich aneigne, sich Frankreich vollständig entfremden und die Orientsrage in viel größerem Umfange wieder ausleben lassen werde. Es sei zu hoffen, daß Gladstone, der im Jahre 1877 die Politik, die man ihm jetzt anrathe, in bewunderungswürdiger Weise verworfen habe, im wohlverstandenen Interesse Englands nicht einen Wechsel feiner politischen Ansichten werde verwirklichen wollen, der von England die Quelle ernster Schwierigkeiten und für den Orient die sichere Ursache von einer mehr oder weniger nahen allgemeinen Konflagration sein würde-
England.
London, 2. December. Regierung und Parteien in England schenken den von der irischen Schwesterinsel kommenden Situations-Nachrichten ernsteste Aufmerksamkeit. Whigs, Tories und Radikale stimmten darin überein, daß das Fenierthum wie auch die Landliga jedes für sich schon ein furchtbarer Gegner sei, daß aber ihr Zusammenwirken im Moment einer etwa von Außen hereinbrechenden politischen Krise einen unheilbaren Riß in das Großbritannien mit Irland verbindende staatsrechtliche Verhältniß machen könne. Im Bewußtsein dieser Gefahr vollzieht sich ein wahrnehmbarer Umschwung in der öffentlchen Meinung zu Gunsten der Ertheilung möglichst ausgedehnter Vollmachten an die Executiv- gewalt. Die dem Engländer sozusagen angeborene Ehrfurcht vor der Habeas- Corpus-Akte ist mit Bezug aus Irland in rapidem Schwinden begriffen und eme Regierung, welche es durchsetzte, aus der Smaragdinsel definitive Ruhe und Ordnung zu schaffen, würde jedes zweckdienliche Mittel anwenden dürfen, ohne um ihre Rechtfertigung vor der öffentlichen Meinung sich Sorge machen zu brauchen. Der Cultus parlamentarischer Institutionen hört bei den Engländern in dem Moment aus, wo das Interesse der Selbsterhaltung in's Spiel geräth.
Rußland.
Petersburg, 2. December. Wie der „Regier.-Anz." meldet, wurden am 29. November auf der Universität Kiew und am 27., 28. und 29. November auf der Universität Charkow von Studenten Versuche zu Zusammenrottungen gemacht. In allen Fällen gingen die Studenten jedoch beim Erscheinen der
Polizei und des Militärs auseinander mit dem Versprechen, keine weiteren Zusammenrottungen zu veranstalten. Die Vorlesungen wurden von keiner Seite unterbrochen._________________________
Telegraphische Depeschm.
Wslff's telegr. Eorrespondenz-Bureau.
Mainz, 3. December. Der Großherzog traf heute von Darmstadt hier ein und nahm die vom Hochwasser hier angerichteten Verwüstungen persönlich in Augenschein. Von hier aus hat sich der Großherzog auch nach Laubenheim und Bodenheim begeben, Die hiesige Stadt ist jetzt nahezu wieder frei vom Wasser, das ausgedehnte Jnundationsgebiet im Gartenseld bildet eine Eisfläche. Die Bahnstrecke Wiesbaden—Frankfurt ist heute wieder eröffnet worden.
Frankfurt, 3. December' Die Special-Direction der Hessischen Lud- wigsbahn macht bekannt, daß von morgen ab der fahrplanmäßige Verkehr aus den Strecken von Frankfurt und Aschaffenburg—Darmstadt nach Mainz und in der Richtung über Bingen wieder eröffnet wird.
Kairo, 3. December. In dem Processe gegen Arabi sind mit Ausnahme der Anklage wegen bewaffneter Rebellion alle übrigen Anklagepunkte fallen gelassen worden. Arabi wurde unter Zustimmung des Advokaten Broadley heute Vormittag 9 Uhr in der Halle des alten Dairagebäudes vor das Kriegsgericht gestellt, den Vorsitz bei dem Kriegsgerichte führte Raouf Pascha. Arabi bekannte sich der gegen ihn erhobenen Anklage schuldig. Der Vorsitzende erklärte, das Gericht werde von seiner Schuldig-Ecklärung Akt nehmen; das Urtheil wurde bis heute Nachmittag 5 Uhr ausgesetzt. Die Gerichtsverhandlung dauerte nur 5 Minuten, es wohnten derselben nur wenige Europäer bei.
— Das Kriegsgericht gegen Arabi trat schon heute Nachmittag 3 Uhr wieder zusammen. Der Präsident verlas das Erkenntniß, in welchem es heißt, daß Arabi, weil er sich der Anklage schuldig bekannt, habe zittn Tode verur- theilt werden müssen, daß die Todesstrafe vom Khedive aber in lebenslängliche Verbannung umgewandelt worden fei, welche hiermit ausgesprochen werde.
New-Uork, 3. December. Auf dem Michigan-See fand die Dampf- Schaluppe „Peters" durch eine Feuersbrunst ihren Untergang, es haben dabei 13 Personen das Leben eingebüßt.
Aus Panama wird gemeldet, daß der Präsident der Vereinigten Staaten von Columbia, Nunez, sein Amt niedergelegt hat.___________________________
Lokales.
Gießen, 4. December. Se. Königliche Hoheit der Großherzog trafen heute Morgen 7 Uhr 20 Mtn. auf hiesiger Station mitt Ist Extrazugs em und reiften alsbald in Begleitung Sr. Durchlaucht des Fürsten von L.ch, Prinz Wittgenstein und Baron von Collas, Oberst des 116. Regiments, nach Station Renzendorf weiter, um in dortiger Gegend eine Jagd auf Hochwild abzuhalten.
— Seit ca. 3 Wochen beliebt cs einer gewissen Klasse von jungen Leuten, Studirenden und jungen Kaufleuten, sich auf offener Straße Nachts regelrechte Keilereien zu liefern. Wenn man zur Musterungszeit angetrunkene Bauernbursche sich auf diese Art vergnügen sieht, so denkt man eben, es sind ungebildete Menschen, aber d^ß Leute, welche die Hochschule besuchen, ober andere, welche Realschule und Gymnasium abfoloirt und ihren „Einjährigen" gemacht haben, sich wie dumme Jungen auf der Straße herumhauen, ist doch gewiß fein Ruhm, welcher dem Stande Ehre macht, dem sie angehören wollen. So fanden in der Nacht vom (Sonntag den 19., do. am 25., am 26., am 30. November und schließlich in der Nacht vom 2. zum 3. December derartige Schlägereien statt, bei weich' letzterer es nur gelang. einen der Haupt-Schlager festzustellen. Die Schutzmannschaft kann nicht überall sein und Schlägereien ober dergleichen verhinbern. Man muß verlangen, daß gebildete Leute berartige Rülpeleien unterlassen und nickt die Ruhe der Einwohner stören.
— Bei dem Wohlthätigkeits-Conc<rt des Gesangvereins „Liederkcanz" am Samstag Abend ist die hübsche Summe von 251,44 <X eingegangen.
— In der gestrigen außerordentlichen Generalversammlung der Gewerbebank wurde der seitherige Conti oleur Herr H. Wagner als Rechner mit 152 von 173 abgegebenen Stimmen gewählt.
Vermischt* H.
Offenbach, 2- December. Das Wasser ist glücklich aus den Mauern der Stabt gew'chen, ber Main ist nnebtr in feine Ufer jürücfgetreten Das Pegel zeigte heute Mittag 1 Uhr eine Höhe von 3,70 Mete n In ben überschwemmt gewesenen Straßen regen sich hunberte Hände, um ben von bem Wasser zurückgelassenen, stellenweise fußhohen Schlamm, megzuschaffen, ganze Colonnen städtischer Arbeiter finb bort thätig, so baß sich hoffen läßt, unsere Stabt am Sonntag wieder überall gangbar zu finden. Damit wäre aber erst das äußere für Jeden in die Augen springende Uebel beseitigt, das nachhaltigere dagegen, die feuchten Wohnungen, bi enftanbene Noth, bleiben und bas neugebilbete Hilsscomitä wirb nicht Hänbe genug haben, überall ba einzugreifen, roo es Noth thut 2Dl- Sp cialcommissivn, welche sich mit ber Untersuchung ber durchnäßten Hauser zu tef off en und für beziehbare Wohnungen zu sorgen Hai, steht vor einer nicht mürber schweren Aufgabe, vor einer um so schwereren, als ber Winter vor der Thür steht und anhaltenbes Frvstwetter einzutreten scheint- Dennoch aber haben rolr die feste Hoffnung unb bfe gegiünbete Aussicht, binnen verhültn ßmäßig kurzer Zeit alles Elend unb alle Noth, wenn auch nicht ganz beseitigt, so boch gelmbert zu sehen; regen sich doch alle Hänbe, ben Bedrängten Hülfe zu billigen, hat sich boch die Privat- wohlthättgke t bereits in erfreulichster Weise betätigt.
In unserer Nachbargemeinbe Bürgel hat bas Wasser, rote die erst jetzt zu uns dringenden zuverlässigen Mitthetlungen ergeben, arg gehaust. Nicht weniger als 35 Häuser mußten geräumt werden, 4 davon sind eingestürzt unb bet 19 finb bie Keller- aemolbe in einem beraitigen Zustand, baß ber Emstu z jeden Augenblick erfolgen fann. Die Bewohner dieser Häuser finb vorläufig in ber Schule unb in ben Tanzsälen untergebracht. — Auch in ben Landgemeinden r egt sich die Privatwohlthätigkest merklich, so hat daS kleine Numpenheim bis heute schon 400 zusammeugebl acht und außerdem finb Wagen voll Brob und Steinkohlen von bort nach Bürgel geschafft worden Vivat sequens!
Mainz, 1. December. Im Namen des Cvmites macht Herr Oberbürgermeister Dr. DuMont betreffs der Sammlung zum Besten der Ueberfcbroemmten in Tyrol und Kärnthen Folgendes bekannt: „Von den auf unserem Sekretariate eingesendeten Gaben zu Gunsten ber Wasserbeschädigten in Ty ol unb Kärnthen erübrigen nach lieber; mittlung von 1200 JL an ben Bürgermeister von Innsbruck noch 419.75 JL Nach ber inzwischen in unserer Vaterstadt selbst eingetretenen Wassersnvth glauben wir im Sinne der wohlthätigen Spender zu handeln, wenn wir obigen Rest ber Gaben für unsere hiesigen Wasserbeschädigten verwenden, sofern nicht ein gegenteiliger Wunsch uns zu erkennen gegeben wird." c
Mainz, 2. December. Die Arbeiten zur Wiederherstellung der durch Hochwasser - beschädigten Bahnlin e Bischofsheim-Bingen sind bereits so weit vorgeschritten, daß der durchgehende Verkehr von Frankfurt, Darmstadt, Aschaffenburg und Mannheim über Mainz-Bingen voraussichtlich am 4 December er. ohne Umsteigen wieder ausgenommen wird
Laubenheim, 29. November. Am 28., Nachmittags gegen 4 Uhr, brach trotz Aufbietung aller Kräfte (denn man kann sagen, daß nur Wenige davon zurückgeblieben waren, durck angestrengte Arbeit das Unglück zu vermeiden) der gemeinschastttche Damm der Gemeinden Laubenheim, Bodenheim und Nackenheim tn der Nahe letzteren Ortes. Das Wasser überflieg längere Zeit vorher den 22 Fuß hohcu Damm an genannter Stelle, bis schl'eßttck die sta.ke Grundmasse dem ungeheueren Wasserandrange nicht länger widerstehen konnte. Unter furchtbarem, weithinschallendem Getose vayme sich die gelbliche Fluth in der Länge von ungefähr 60 Metern eine Oeffnung und überströmte nunmehr innerhalb 3 Stunden die ca. 3000 Morgen betragende tflädje Der G markungen genannter Gemeinden. Die Bewohner von Laubenheim, die gi!ope c emo nicht im entferntesten chnend, dachten erst an Vorsichtsmaßregeln, als cs bereits zu


