4tr 1O4 Freitag den 5. Mai 1882 •
Giehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erschein! «»glich mit Ausnahme des.Moniags.
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werden.
Die jüngsten Judenverfolgungen in Rußland nnd die hierbei allmälig bekannt gewordenen Details haben mit Recht im westlichen Europa einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen, so daß sich Gras Jgnatieff, den man als den indirecteu Urheber der Juden-Unruhen bezeichnen muß, sich veranlaßt gefühlt hat, officiell die über jene Ausschreitungen im Umlauf befindlichen Gerüchte abzuschwächen. Es lohnt sich nicht, auf diese ministerielle Darstellung, in welcher der russische Minister des Innern mit gewohnter Virtuosität die Schuld an den Unruhen den Juden zuschreibt, näher einzugehen. Bemerkenswerth ist jedoch, daß einer der Hauptfiihrer der Panslavisten, Katkow, in feinem Organ den Grafen Jgnatieff für diese Unruhen in scharfer Weise verantwortlich macht.
Unter den mannigfachen, im Bereiche der orientalischen Angelegenheiten spielenden Fragen scheint endlich die Donaufrage ihrer Lösung entgegenzugehen. Die Frage, wer den Vorsitz und die entscheidende Stimme in der Donaucoimnission haben solle, bildete den Kernpunkt der Streitigkeiten zwischen Oesterreich und Serbien, welche jedes jene Privilegien für sich beanspruchte. Frankreich hat nun den Vorschlag gemacht, daß im Vorsitz der Commission die Vertreter der Mächte alljährlich abwechseln sollen, welchem Vorschlag England, Oesterreich nnd Rußland im Princip zugestünint haben. Da auch die Zustimmung Deutschlands und Italiens erwartet wird, so fällt der noch andauernde Widerstand Rumäniens bezüglich einzelner Punkte der Donauschifffahrts-Acte nicht mehr in's Gewicht.
Der Senat der Vereinigten Staaten hat die Anti-Chinesen- Bill, welche die Einwanderung der Chinesen in das Gebiet der Vereinigten Staaten auf 10 Jahre verbietet, im Wesentlichen in derselben Form angenommen, wie das Repräsentantenhaus. Eine in San Francisco tagende und aus Delegirten der Gewerkvereine bestehende Anti-Chinefen-Convention hat ein Programm angenommen, welches auf die nöthigenfalls gewaltfame Vertreibung der Chinesen aus den Vereinigten Staaten abzielt. Die Bewegung gegen die eingewanderten Söhne des himmlischen Reiches der Mitte ist demnach in Nord- Amerika im Wachsen begriffen.
Deutschland.
Darmstadt, 2. Mai. Nach Beschluß der Prüfungs-Commission für das Justiz- und Verwaltungsfach wird die nächste zweite Prüfung in diesem Jahre nach Ablauf der Gerichtsferien stattfinden.
Darmstadt, 2. Mai. Als Betriebsüberschuß der Oberhessischen Eisenbahnen sind in dem Einnahmebudget für die Fianzperiooe 1882—85 27,630 X per Jahr eingestellt' im Buda t der außerordentlichen Ausgaben erscheinen 47,500 X für: ®r= oänzunas- und Enveiterurgebauten im Babnhos Gießen und 90,t)00 X für Anschaffung neuer Betriebsmittel. Beide Kammern der Stände setzten bei der Budgetberathung die d-stnitioe Enischeidung über diese Posten bis nach erfolgter Beschlußfassung über den in der kommenden Woche zur Verhandlung gelangenden Antrag des Abgeordneten Ku al er aus welcher den S-cundär betrieb bei den Oberhessischen Eisenbahnen em- acführt den Betriebsüberschuß anstatt mit 27,630 X mit 220,000 X eingestellt und die aanze Anforderung für den Baufonds der Ob-rhefsischen Eisenbahnen tm außerordentlichen Budget abgelehnt wissen will. Uebcr diesen Antrag und damit in Verbindung über die genannten Positionen des Staatsbudgets hat nunmehr Namens des Finanzausschusses zweiter Kammer der Abg. Wolfskehl einen sehr eingehenden Bericht erstattet dem wir bei der Wichtigkeit des Gegenstandes für das ganze Land das
b Zunächst spricht sich der Bericht dahin aus, die Tendenz des Ku gl e r scheu An
trags dne Herabminderung der dem Land- durch di- Ob-rh-sslsch-n Eisenbahnen auf- erleaten Lasten ohne Schädigung der Verkehrsinteresseu herbeizuführen, könne nur gebilligt werden. Lege man die Ziffern des Hauptvoraufchlags far 1882—So }U Grunde, io beirage di- durch die Ob-rh-fsisch-n Eisenbahnen dem Staate nerursachte sich auf 1,557,945 X belaufende Zinfenlast 9.19 pCt. aller ordentlichen Staatsausgaben, 9.18 pCt. aller ordentlichen Staatseinnahmen, 16.58 pCt. aller ordentlichen Staatseinnahmen mit Ausnahme der directen Steuern und 19.72 pCt. des Ertrages an directen Steuern. Wie sich in der Zukunft die-Betriebsresultate stellen werden fei natürlich nicht mit Bestimmtheit vorhcrzusagen. Die Wahrscheinlichkeit spreche dafür daß in der nächsten Zeit eher eine Abnahme als ein- Zunahme stattstnden werde, veranlaßt durch die bereits erwähnte Eröffnung der Linie Friedberg-Hanau, welche einen erheblichen Theil des seitherigen Güterverkehrs, namentlich des Steinkohlenverkehrs, wegnehmen werde. In der dem Berichterstatter von Großh. Regieruns, zugegang-n-n Mitthellung nach w lcher der zu erwartende Emnahmeausfall auf etwa 100,000 X pro Jahr zu veranschlagen ist, wird hinzugefügt, daß zur Zeit Verhandlungen mst der Kgl. preußischen Regierung im Gange seien, welche bezwecken, eine günstigere Be- rheiligung der Oberhessischen Bahnen an den directen Verkehren herbeizuführen. Der Ausschuß vermuthet, daß es auch diese wenig erfreuliche Aussicht gewesen sei, welche die Großh. Regierung zu dem Project der Anschaffung und Verwendung t"cht"-r Betriebsmittel veranlaßt hat, wofür in dem Budget der außerordentlichen Ausgabe sich die Summe von 90,000 X eingestellt findet.
Der Bericht fährt sodann wörtlich fort: „Ob durch diese Maßregel unter tonst «r veränderter Beibehaltung der seitherigen Betriebsweise. etti‘ «W‘<& Betriebsergebniß zu erzielen fein wird, ist allerdings sehr zweifelhaft, wie es auch von dem Antragsteller auf das Bestimmteste verneint wird. Wenn auch auf diesem Wege eine gewisse Ersparniß an Heizmaterial, vielleicht auch eine etwas geringere Abnutzung des Betriebsmaterials und des Oberbaues erricht werden kann, so werden doch bei Aufrechterhaltung des Vollbetriebs mit ->n-r Geschwindigkeit von 40 Kilo- meter in der Stunde auch nicht annähernd diejenigen Erspanusie zu "zielen sein, welche der eigentliche Secundärbetrieb zuläßt, dessen Kern die verminderte Gefchwindig- keit ausmacht. Freilich darf man sich hierbei nicht ohne Weiteres aus d'e günstigen Resultate anderer Secundärbabnen berufen- Dieselben können hier schon deßhalb nicht maßgebend fein, weil solche Bahnen als Secundärbahnen, also mit weit geringeren Kosten gebaut find und somit ein verhältnißmäßig niedriges Anlagekapital zu verzinsen haben während die Oberhessischen Eisenbahnen nicht nur als Vollbahnen gebaut nd sondern auch ein selbst für Vollbahnen hohes Anlagecapstal reprasentiren, Allem wenn hiernach auch nicht sämmtliche Vortheile, die man sonst aus Secundarbabnen lieben kann in vorliegendem Falle zu erzielen sind, so find sie es doch ohne Zweifel theilweise denn alle Ersparnisse, die der Secundärbetrieb mit sich führt, lassen sich auch bei einer 'Vollbahn erreichen, wenn man den Betrieb streng nach den Grundsätzen der Secundärbahnen organisirt. Es fragt sich nur, ob dem ledenfalls willkommenen th-ilweisen Vortheil Mcht auf der anbern ©eite ^0(6^116
wiegen, und hiermit kommen wir auf den allerdings sehr wichtigen Punkt der wirth. schaftlichen, insbesondere der Verkehrsinteresien und deren Beeinflussung durch eine etwaige Einsührung des Secundärbetriebs auf den Oberhessischen Eilenbahnen.
B-kannilich sind diese letzteren gebaut worden, um der Provinz Ob-rhessen, welche bis vor kurzer Zeit nur eine einzige, an ihrer Westgrenze herziehende Eisenbahnlinie besaß. d°e Vortbeile eines auch dem Innern der Provinz dienenden Eisenbahnverkehrs und des Anschlusses an das mittel- und norddeutsche Bahnnetz znzuwenden Zu diesem Zwecke hat sich das Land nicht gescheut, eine für feine Verhältnisse sehr bedeutend- Garanstevervslichtung zu übernehmen, wenn auch zweifellos nicht trn Ernste daran gedacht worden ist, daß diese Verpflichtung so große Opfer erfordern wurde wie dies nachmals thatsächlich der Fall gewesen ist. Man "wartet daß die neuen Eisenbahnlinien nicht tm Wesentlichen nur dem Localverkehr di-n-n, sondern daß sie auch durch den Transitverkehr erheblich alimentirt werden würden. Diese Erwartung ist aber bei Weitem nicht in dem gehofften Maße in Erfüllung gegangen, ^s den Jahresbenchten der Oberbessifchen Eifenbahnen ergibt sich, daß der durchgehende Personen, und Güterverkehr niemals eine bedeutende Rolle gespielt hat und die Eröffnung der Lime Fried. berg-Hanau wird, wie schon erwähnt, einen weiteren Ausfall hierin zur Folge haben. __ Der Schwerpunkt liegt hiernach und wird in Zukunft noch mehr m dem Local- verkehr liegen Allerdings soll die Bedeutung des letzteren nicht unterschätzt werden. Durch Hebung der Steuerkraft, durch verbessertes Erträgniß der dortigen Domanial- nutzungen haben die Oberhessischen Bahnen ohne Zweifel tn «,eI'r trott rfn gewirkt und es muß Ausgabe des Staates sein Fürsorge zuTreffen, daß «4 etma ein Rückschlag in den gebesserten Verhältnissen eintrete. Würden stch iet»» di- hierdurch gebotenen Rücksichten mit einer veränderten, erheblich "ÄTg
Betriebsweise vereinigen lassen, so wäre es unseres Erachtens die Pflicht des Staates, diesen ©eiteren aus, wie der Antragsteller denn auch in seiner
Begründung von dieser Voraussetzung ausgebe und d'-Besürchtuug, daß die Em ührung
25 K lometer"eruhend-n Fahrplan nachzuweisen, daß sich di- gegenwarfig bestehenden Verbindungen und AnschÄse nicht nur ausrecht "halten, sondern möglicherweise noch verbessern lietzeN- bk aI3 Anlage beigegebenen Bemerkungen,
welches Großh Regierung ans den ihr: zur M-Mungsäußerung mitgetheilten Antrag . erwidert hat. Es heißt in diesem Actenstück: „Die Gründe, welche gegenwärtig und | tn lanae als nickt durch den Bau von Secundärbahnen andere Derkehrsverhältnisse i n der ^Provinz Oberhessen ^schaffen worden, gegen Einführung des Secundärbetriebs I auf den als vauptbahmn erbauten und ausgerüsteten Oberhefsischen Eisenbahnen
Politiscke Ueberskcht.
Gießen, -1. Mat.
Das frühe Hinscheiden der Prinzessin Marie von Württem- berq hat das württembergische Land in große grauer versetzt. Prinzess Marie zweite Tochter des regierenden Fürsten von Waldeck, war mit dem Printen Wilhelm, welcher als präsuintiver Thronfolger in Württemberg gilt, da die Ehe König Karls kinderlos geblieben ist, vermählt und setzte das Lau, große Hoffnungen auf die Verbindung zwischen Prinz Wilhelm und der scheu Mrstentochter. Dieser Ehe ist indessen kein männlicher Nachkommen sondern nur eine Prinzessin von etwa 4- Jahren entsprossen. Prinzessin Mane starb an den Folgen ihrer letzten Entbindung von einer todten Prinzes in und in Folge dieser Tranernachricht find sowohl der Fürst und die Fürstin von Waldeck von den Hochzeitsfeierlichkeiten in Windsor, als auch König Karl von seiner italienischen Reise unverzüglich nach Deutschland zuruckgekehrt.
lemer itanenucy «„db ohmischen Kohlenrevieren
scheint friedlich verlaufen zu wollen. In Folge des energifchen Eingreifens der Behörden weicht die Erregung allenthalben einer beruhigenderen Stimmung. In sämmtlichen Revieren wird in einzelnen Schachten unter vollkommen auSr*= den, militärischem Schutze theilweise gearbeitet. Einzelnen Ersuchen, vie Ruhe zu stören, wurde durch sofortige Verhaftung der Aufwiegler vorgebeugt. In Aussig wird bereits in diesen Tagen die Wiederaufnahme der Arbeit erwatiei. Die Behörden werden durch Plakate zur Wiederaufnahme der Arbeit mit der Androhung auffordern, daß andernfalls die Bestimmungen des Schubges-tzes zur Anwendung gelangen würden. — Das österreichische Abgeordnetenhaus beschloß aiu Montag einstimmig, in die Specialdebatte über die Zolltarif-Vorlage einzugehen. — Aus dem aufständischen Gebiete werden nur unbedeutende HU- sammenstöße der Truppen mit vereinzelt noch auftauchenden Jnsurgenteubanden gemeldet ■ die Kraft des Aufstandes scheint überall definitiv gebrochen zu fein
Das Gladstone'sche Cabinet fahrt in seiner Versöhnuugspolitik gegenüber den Iren fort, obwohl die fortdauernd ernste Lage in Irland diese PÄitik nicht zu rechtfertigen scheint. Die Ersetzung des bisherigen Vicekömgs von Irland, Cowper, durch den Lord-Präsidenten des Geh. Rathes, Earl Spencer, wird als eine sehr wichtige Concesfion an die Partei Parnell betrachtet und nimmt man allgemein an, daß der neue Vicekönig zunächst die Freilassung der im Gefängisse von Kilrnainham inhastirten Häupter Der irischen Landliga verfügen werde. (Ist geschehen.) Ferner verlautet, daß Mr. Forster, der Staatssecretär für Irland, der von den Iren besonders gehaßt wird, Da er im Unterhause energischere Maßregeln gegen Irland enipfahl, demnächst durch eine Persönlichkeit ersetzt werden solle, die unbedingt für versöhnliche Schritte gegen die Landliga sei. Der fernere Verlauf der Dinge auf der „grünen Insel" wird aber zeigen, daß die Iren durch diese Concessionen nur zu neuen Forderungen ermuthigt


