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Nr 4.

Donnerstag den 5. Januar

1882

iehener Anzeiger

Amts- und Anzcigeblatt für dm Kreis Gießen.

Bureau r Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHeit.

B e k a n n t m a ch u n fl.

Die parlamentarische Lage nach den Weihnachts- Ferien.

Es ist bereits von verschiedenen Seiten daranf hingewiesen worden, daß der Ziest der Sitzungen, welche der Reichstag vom i). Januar ab in seiner gegenwärtigen Session noch halten wird, von ganz besonderer Wichtigkeit für mehrere Fragen unserer inneren Politik sein würden. Dies wird indessen weni­ger von den noch übrigen Etatsberathungen gelten, die sämmtlich nur eine untergeordnete Bedeutung haben, sondern es ist dies viellnehr der ^all hilljichtliä) einiger Interpellationen, betr. die socialistifchen Reforrnpläne des Reichskanzlers und bezüglich der Hamburger Zollanschlußsrage. Die letztere hat bis jetzt nur in der Commission eine eingehende Berathung erfahren, die Hauptdebatten im Plenum des Reichstages über diese Frage müssen also noch stattfinden ilnd wird es dabei an großen rednerischen Leistungen nicht fehlen, da die staatsrechtliche und wirthschaftliche Seite des Hamburger Zollanschlusses im Reichstage sehr verschiedenartig aufgefaßt wird.

Nächst diesem Berathungs-Gegenstande ift es hauptsächlich die ^iiterpella- tion des Abg. v. Hertlmg, welcher eine große Wichtigkeit beizumessen ist. Diese Interpellation, welche auf der ersten Tagesordnung des Reichstages nach den Weihnachtsserien steht, beschäftigt sich mit einer Reform der Fabrikgesetzgebung uni), kann dieselbe offenbar das Verdienst haben, daß bei der betr. Debatte alle Parteien des Reichstages ihre Stellung zu den socialistischeu Neformplünen des Reichskanzlers klarlegen können, denn die Ziele der zu verbessernden Fabrikgefe^ gebung und diejenigen einer Socialreform für die Arbeiter find so zievilich dieselben. . ,

Sehr wahrscheinlich ist es auch, daß der Nesi der Rerchstags-^effron unsere gesammte politische Lage klären wird, denn lange können die jetzigen schwankenden und unberechenbaren Zustände unserer inneren Politik nicht mehr andauern, wenn dem Lande kein Nachtheil daraus entstehen soll. Wir fmden im Reichstage noch immer den seltsamen und den Gang der Regierungsgeschäste hindernden Umstand vor, daß weder eine leidlich sichere Mehrheit für die Regie­rung vorhanden ist, noch daß die Opposition jo stark und geschlossen auftritt, daß sie die Verhältnisse zu einer Negierungskrisis treiben konnte. Was soll aus diesem Mißverhältnisse werden? Wird sich die Regierung auch fernerhin aus das Lavirsystenr stützen und bald mit den Conservativen und Klerikalen, und bald mit den Conservativen und Liberalen die gesetzlichen Mehrheiten für ihre Vorlagen zu erstreben suchen? Kein einziger deutscher Staatsmann wird diesen Zustand auf die Dauer wünschen und es müssen daher über kurz oder lang in dieser Beziehung diejenigen Veränderungen eintreten, welche den Regierungs- aeschäften einen naturgeinäßeren Gang sichern. Und klärt sich die Stellung der Parteien im Reichstage weder unter einander, noch zur Negierung in der eine Mehrheit garantirenden Weise, so wirb man wohl zu neuen Wahlen für den Reichstag als das weitere Auskunftsmittel schreiten müssen.

Betreffend: Das Ersatz-Geschäft für 1882.

Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr-Ordnung, fordern nur alle im Jahr 1862 geborenen Militärpflichtigen, sowie die in frühe- ren Jahren geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, oder welche hinsichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiung vom Militärdienste noch keine definitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben, oder in demselben als Studenten, Gymnasiasten und Zöglinge anderer Lehranstalten, oder als Haus- und Wirthschaftsbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lehrburschen, Dienstboten, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Eigenschaft sich aufhalten, hiermit auf, sich behufs Eintragung ihrer Namen m die Stammrolle in der Zeit ©om 13 chlanuar bis zum 1. Februar l. I. bei der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres Aufenthaltsortes, zu melden und dabei, wenn sie an diesem Orte nicht geboren sind, ihren Geburtsschein und wenn sie sich bereits bei einer früheren Musterung gestellt haben, ihren Loosungs-Schein oorjnlegen^ darauf aufmerksam, daß Diejenigen, welche die Anmeldung unterlassen, zu gewärtigen haben, daß sie mit einer Strafe bis zu

30 Mart oder mit Haft bis zu drei Tagen belegt, von der Theilnahme an der Loosung ausgeschlossen und ihrer etwaigen Ansprüche auf Zuruckstellung ic.

Bezüglich derjenigen Militärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend sind, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherrn zu diesen An- meldunge^v ^o^e^o^((^en Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lasten. *

Gießen, am 3. Januar 1882. Großherzogliches Krelsamt Gießen.

vr. B o e k m a n n.

Aus Karlsruhe wird derKöln. Ztg^ gemeldet: Dem Vernehmen nach ist die Abreise des Großherzogs nach dem Süden etwa auf den 5. Januar in Aussicht genommen. Als Ziel der Reise, die der Großherzog in seinem Salonwagen zurücklegen wird, ist Cannes in6 Auge gefaßt. Obwohl die Besse­rung des Großherzogs stetig fortschreitet, nehmen die Kräfte doch noch sehr langsam zu. Die Großherzogin verläßt ihren Gemahl auch während seiner Reeonvalescenz nicht. Sie har sich deshalb auch die Freude versagt, den Be- scheerungen in den unter ihrem Patronat stehenden Wohlthätigkeits-Anstaltnr und Schulen beizuwohnen, was sie sonst nie versäumt. Den Aerzteu, welche den Großherzog während seiner schweren Krankheit behandelten, sind Auszeich­nungen zu Theil geworden: die Geheimräthe Friedrich und Kußmaul erhielten das Großkreuz des Zähringer Löwenordens, der Leibarzt Dr. Tenne wurde zum Geheimrath, der Badearzt Dr. Heiligenthal zum Hofrath befördert, auch Professor Dr. Baumker in Freiburg erhielt einen Orden.

Ein Bericht derRational-Zeitung" aus Warschau eonstatirt die fa,t eiumülhige Berurtheilung der Tumulte durch die Presse. Besonders scharf äußert sich in dieser Beziehung die zumeist in polnischen Gutsbesitzerkreyen ge­leseneGazeta Warszawska", eine Ausnahme davon macht derWiek", welcher das kuudgegebeue Mitleid für die verfolgte israelitische Bevölkerung für uumo- tivirt erklärt unb feine Spalten weiteren Hetzartikeln öffnet. 6000 p><rjomn ftnb bei der jüdischen Gemeinde-Verwaltung, als durch die Ereignisse obdachlos geworden, angemeldet worden. Im Ganzen sollen 2000 Personen verhaftet worden sein, darunter gegen 1000, wie es heißt, welche für die Juden harter ergriffen haben. . ,,

In den letzten Tagen wurde in Petersburg wieder, eine Anzahl Nihi­listen aufgehoben, deren Jnhaftirung auch für weitere Preise, von besonderem Interesse fein dürfte, da sie zu einer höchst charakteristischen Enthüllung führte. Rian fand bei denselben Werkzeuge, Batterien und Drähte für Mineulegungen, Typen, Druckfacheu und Briefschaften. Die, Betretenen wurden in das Geping- uiß gebracht nnb dort mit anderen nihilistischer Umtriebe Verdächtigen emge« sperrt. Erst bevor es zur eigentlichen Vernehmung kam, stellte es ,ich heraus, daß mau es mit falschen Nihilisten zu thnn habe, d. h. mit solchen, die von dem obersten Chef der Polizei für Entdeckungszwecke und dazu benutzt werden, die Polizei selbst auf die Probe zu stellen. Es ist kaum anzunehmen, daß; mau sich dieses, wie es heißt, von dem Grafen Jguatieff selbst inaugurirten Manö­vers zum ersten Riale bedient habe; es liegt vielmehr die Vermut huug nahe, daß dieses Experiment schon früher versucht worden, und day es dem eerMu falscher Nihilisten mit den wirklich nihilistischer Umtriebe Verdächtigen, welchem die gemeinsame Jnhaftirung führte, zu danken sei, wenn m der letzte^ Zeck mancherlei entdeckt worden, was vielleicht im gewohickichen poli^üichen -ege nicht ermittelt worden wäre. Das ist aber auch ^echt rufin r ß.

- Es ist eine nunmehr nicht zu bestreitende ^hatache, da« leit LMuh ruug des neuen Jmpfgesetzes in Deutschland

teilt) im Zurückweichen geblieben sind. Wahrend m m l e t 1 f ogieu, mit Recht gefürchtete Krankheit, besonders in den größeren«stadckn, wie Prag, Pesch, Warschau, Petersburg und Pans epide,mlch a fftickt, ft> vag all^ wöchentlich eine sehr erhebliche Anzahl von Tadesfallen an Pocken au »W nen ist, ist in deutschen Städten feit ^^S^XrXimUn

kommen von Pocken nur ein sehr geringes. l ' ^rnn|W lH

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Berlin stärker auftrat, war b 3 ) herrfdit auch in Warschau eine

Jülich'OhchiP ^ckeuA^ni^ welche seit Anfang November Allwöchentlich Ä> bis 30 Menschenleben fordert. Die uns vorliegende aucklichc vistr M kom v Ävember bis 17- Deeember El als an Pocken verstorben 189 Personen auf.

AeutMund.

Berlin, 2. Januar. Eine bedeutungsvolle Feier beging unser Kaiser am Neujahrstage.' 75 Jahre sind an diesem Tage vergangen, feit er am I Januar 1807 in die preußische Armee eingetreten ist. In Königsberg hatte Friedrich Wilhelm Ul. feinen Sohn zum Officier ernannt. Schlimme Zeiten waren es damals für die preußische Königsfamilie, die vor dem siegreichen Na- poleou flüchten mußte bis an die äußerste Grenze des Königreichs. Drei Viertel- uihrhundert sind seitdem vergangen, aus dem Prinzen Wilhelm i|t der deutsche Kaiser Wilhelm geworden, der die Schmach des Jahres 1806 gerächt und Deutschland geeinigt hat. Wöge unser Kaiser uns noch recht lauge erhalten bleiben.