Khedive hätte ermächtigen lassen, längs des Kanals alle Punkte zu besetzen, welche die englische Negierung zur Vertreibung der Aufständischen. für erforderlich erachtet; wennschon inan weiß, daß die Befehle des Khedivs augenblicklich wohl nicht Folge freier Entschließungen sind, so kann man in der Ermächtigung, welche die Engländer sich haben ertheilen lassen, doch einen Beweis erblicken, daß dieselben bemüht sind, sich so viel wie möglich innerhalb der gesetzlichen Formen zu halten und nicht in so rücksichtsloser Weise vorzugehen, wie ein Theil der englischen Presse dies für nothwendig erklärt.
— Verschiedene Handelskammern hatten sich kürzlich an den Reichskanzler mit dem Ersuchen gewandt, auf diplomatischem Wege eine Protokollirung der Ausstände deutscher Gewerbetreibender in Egypten, — vorbehältlich natürlich der Rechtsbeständigkeit solcher Ausstände an sich — herbeiführen zu wollen. — Wie die „Berl. Polit. Rachr." hören, findet dieses Ersuchen an maßgebender Stelle sympatifches Entgegenkommen.
— lieber das auf Anregung des preußischen Handelsministeriums und im Auftrage des Centralverbandes deutscher Industrieller, sowie des Deutschen Han- delstages herauszugebende Adreßbuch deutscher Export-Firmen wird uns berichtet , daß das Unternehmen in den weitesten Kreisen mehr und mehr Anklang finde und eine sehr rege Betheiligung der Export-Firmen in deren eigenstem Interesse erwarten lasse. Dian erkennt an, daß es sich nicht um ein Privat- Unternehmen im gewöhnlichen Sinne handelt, vielmehr durch das Fernhalten unsolider Firmen und übertriebener Reklame ein wirklich brauchbares und zuverlässiges Werk geschaffen werden soll. Abgesehen davon, daß das Adreßbuch jedes Inserat nicht blos deutsch, sondern in drei, von der Export-Firma beliebig zu wählenden, freunden Sprachen wiedergiebt, liegt der Hauptwerth jedenfalls in der unentgeltlichen Vertheilung von mindestens 1500 completen Exemplaren an alle deutschen Consuln, an die Dampfer-Linien, namhafte deutsche Vereine im Auslande u. f. w., wodurch dem Adreßbuch die Erreichung seines eigentlichen Zwecks: „entsprechende Verbreitung auf der ganzen Erde" gesichert ist. Unter solchen Umständen, namentlich auch unter Berücksichtigung der hohen Kosten für die hier unvermeidliche splendide Ausstattung, dürfte auch die Opposition, die sich hier und da gegen die Höhe der Jnsertionsgebühren geltend machte, weniger berechtigt fein, zumal da jeder Firma, welcher die Aufnahme bewilligt worden ist, überlassen bleibt, wie viel Raum sie ^selbstverständlich innerhalb gewisser Grenzen), beanspruchen will.
Irankreich.
Toulon, 1. August. Die in Port Said befindliche „Sarthe" hat Befehl erhalten, mit dem Ergänzungspersonal, das dem Levantegeschwader zugesandt worden war, hierher zurückzukehren.
tznglaud.
London, 31. Juli. Dle Telegraphen-Agentur, welche uns in der vorigen Woche die Ente von ber Kapitulation Arabi's auftischte, servirt uns dieselbe heute noch einmal mit einer anderen Sauce, obgleich alle directen Nachrichten aus Kairo und Arabi's Hauptquartier gerade das Gegentheil in Aussicht stellen. Der Fanatismus der Bevölkerung wird mit allen Mitteln geschürt. Die arabischen Zeitungen in Kairo beschuldigen die Engländer aller möglichen Schandthaten, der Entweihung von Moscheen und der Verletzung der Heiligkeit des Harems. Glühende Aufforderungen ergehen an die Mohamedaner Indiens, das von den Giaurs bedrohte Egypten zu retten; daß aber der Sultan letzteren seine Hülfe angedeihen lassen könne, gilt für eine Blasphemie. Entsprechend ist die Stimmung in Kafr-Dowar. Arabi hat einen neuen Schritt auf das Prophetenthum zu gemacht, das Ziel seines Ehrgeizes; er hat den Militärrock an den Nagel gehängt und sich den grünen Turban um die Stirn gewunden, welcher den directen Abkömmling Mohameds auszcichnet. Er selbst verlas seinen Soldaten den Aufruf des Khedws, der ihn zum Verräther stempelt; eine Fluth von Schimpfreden gegen Tewfik war deren Antwort. Und wie Arabi es verstanden, sich der religiösen Maschinerie zu seinen Zwecken zu bedienen, so ließ er in Kairo einen großen Mejliß zusammenrufen 360 Würdenträger erschienen, die Vertreter der Ulemas, der Kadis, der koptische Patriarch, die religiösen Vorsteher der Armenier, Griechen und Maromten, die Mudirs von Ober- und Nieder-Egypten, Notabeln und hervorragende Kaufleute; alle erschienen und ließen sich, wie der officielle Bericht sagt, bis zu Thränen rühren durch die Rede Ali Pascha's, welche die Bedrängnisse türkischer Weiber durch englische Soldaten beschrieb und des Unterschiedes der Zeiten wehmüthig gedachte, als die Mameluken Egypten gegen die Franzosen beschirmten. Die Versammlung beschloß ein- müth'g — bis auf dre». Stimmen — Arabi's Vorgehen gutzuheißen: Krieg bis zur Besreiung des Landes oder zum Untergänge. Selbst d e leiblichen Vettern des Khedivs, die Prinzen Ibrahim und Kiamil, verwarfen des Khedivs Machtspruch, da er entweder machtloser Gefangener oder williges Werkzeug in den britischen Händen sei. Und während diese rührende Scene im Innern vorging, riefen draußen große Volksmassen begeistert aus: „Sieg für die Egypter und die Freunde Egyptens gegen ihre Angreifer!" Der Kern der Sache ist offenbar richtig, denn so lange keine Hungersnoth in Kairo eintritt, übt die Verkündigung des heiligen Krieges ihre begeisternde und einigende Wirkung. Daß der werkthätigen Bundesgenossenschaft des Herrn v Lesseps im Lager ein großer Werth beigelegt wird, ist bei dem Rufe und dem Ansehen desselben in Egypten sehr begreiflich und wird von Reuf Pascha, einem der Sendboten aus Kairo, bestätigt. Lesseps reist wie ein Geplagter hin und her, ist bald in Js- mailia, bald in Kafr-Dowa, bald in Alexandrien zu treffen, überall seine Lanze <\xv- legend für die Unverletzlichkeit des Suez Kanals „Schutz für den Kanal, mag auch Egypten verderben", ist feine Losung. Ist es Wahrheit oder bloßer Spott, wenn ihm die Worte zugesprochen werden, daß nur über feine und seines Sohnes Victor Leiche die Engländer ihre Landung bewerkstelligen würden! Dem Admiral Konrad soll seine Uebergeschästigkett nachgerade lästig geworden sein; daher er nach Paris telegraphirte, Lesseps vermehre die Gefahr und erschwere sein (des Admirals) Amt Um den bösen Eindruck seiner diplomatischen Freib uteiei etwas abzuschwächen, läßt Lesseps als den Zweck seiner Verhandlungen mit Arabi das sichere Geleit von 120 Griechen, 35 Kranken und 11 barmherzigen Schwestern aus Kairo angeben.
London, 2. August. In der vergangenen Nacht überrumpelte eine Abtheilung von Arabis Infanterie und Kavallerie einen Posten britischer Scharfschützen, der aufbrach und floh, nachdem er eine Salve abgegeben hatte. Die Egypter zogen sich zurück, nachdem sie sich einiger Flinten und Munition bemächtigt hatten. Niemand wurde gelobtet noch verwunbet. (Frkf. Ztg.)
London, 2. August. Das britische Piquet, welches in ber letzten Nacht floh, ist unter Arrest gestellt worben. — Die Knglänbcr besetzten bte Forts von Mcx. — Wolseley ist heute nach Egypten abgereift
— Im Unterhaufe fragte Northcote an, ob es wahr fei, baß britische Posten geflohen waren. Grosvenor versprach eine kriegsgerichtliche Untersuchung.
— Der „Times" wird aus Konstantinopel berichtet, daß der russische Bevollmächtigte neue Instructionen erhalten habe und heuie wieder in der Konferenz erscheinen werde.
— Aus Paris wird hierher gemeldet, daß Grevy, nachdem Freycinet wiederholt abgelehnt hat, ein neutral republikanisches Geschäftsministerium bilden wird, das zur Nichtintervention verpflichtet ist.
Türkei.
Konstantinopel, 1. August. Die Pforte hat auf das Anverlangen Englands, daß ber Sultan in einer Proklamation Arabi Pascha zum Rebellen erklären möge, heute^ geantwortet, eine derartige Proklamation werde nach dem Erheischen der Umstande erst nach der Ankunft der türkischen Truppen in Egypten erlassen werden rönnen.
— Der Kriegsminifter hat für morgen die Abfahrt der Transportschiffe mit vier Batterien, welche hier in Garnison stehen, angeordnet. Dieselben sollen m Salomchi fünf Bataillone und in Skutar:, in Albanien, drei Bataillone aufnehmen und sodann nach Alexandrien gehen. Weitere Truppensenbungen werben folgen.
Telegraphische Depesche«.
Wolffs telegr. Correspondenz-Bnreau.
Berlin, 2. August. Die „Prov.-Eorresp." weift auf bie jüngste Rebe Hänel's hin unb sagt, bas positive Ziel der Liberalen gehe darauf hinaus, die Leitung der Regierung in die Hand zu bekommen. Damit sei der Gegensatz zwischen den Liberalen unb ihren Gegnern gegeben, dort die Erhöhung der Macht des Parlaments unb die parlamentarische Herrschaft, hier die Stärkung unb ungeschwächte Erhaltung bes Königtums unb ber Rechte der Krone. Das Gewissen bes preußischen Volkes warne auf Grunb ber Erfahrungen unb ber Geschichte einbringlichst vor ber Verwirklichung der Ideen des Liberalismus, vor den Bestrebungen nach Stärkung der parlamentarischen Macht unb spreche ebenso einbringlich für bie volle uneingeschränkte Erhaltung des Wesens des Königthums.
Würzburg, 2. August. Universitäts-Jubiläum. Der Festactus in ber in eine Aula umgewandelten Unioersitätskirche ist glänzend verlausen. Die Festrede des Rectors betont die academische Freiheit und den auf der Hochschule herrschenden Geist. Zu Ehrendoctoren wurden promovirt: von der theologischen Facultät Domcapitular Jacob in Regensburg, Professor Jansen in Frankfurt, Domprobft Heinrich in Mainz; von der juristischen Facultät: Botschafter Fürst Hohenlohe in Paris, Oberstaatsanwalt Hauck in München, Abg. Freiherr von Stauffenberg, Professor Müller in Halle, Rcichsrath Haubenschmied in München, Professor Sickel in Wien, Professor v. Sybel in Berlin und Emil Rohs, englisches Parlamentsmitglied; von der medicinischen Facultät: Buchhändler Braumiller in Wien, Professor Eharcot in Paris, Professor Elausius m Bonn, Professor Quincke in Heidelberg; von der philosophischen Facultät: Professor Ascoli in Mailand, Architect Jürgens in Athen, Ministerialrat Girl in München, Professor Jhering in Wien, Director Lanioni in Rom, Professor Maurer in München, Staatsarchioar Poppinger in München, Senator Waddington in Paris, Professor de Barry in Straßburg, Bell in Edinburg, Eremit, Mitglied der Academie in Paris, Professor Oepoining in Lüttich, Fabrikant Otto in Deutz, Ehemtker Porting und Siemens in London.
Paris, 2. August. Der „Agence Havas" wird aus London gemeldet, der türkische Botichaster Musurus Pascha habe Lord Granville nochmals ersucht, bie englischen Truppen aus Egypten zurückzuziehen, ba die bevorstehende Intervention des Sultans eine weitere Action überflüssig machen würde, Lord Granville habe sich jedoch ablehnend geäußert
— Die Gerüchte, wonach die Bildung eines Geschästsministeriums zu erwarten sei, welchem mehrere Mitglieder des bisherigen Kabinett, namentlich Billot und Jaureguiberry, angehören würden, gewinnen an Bestand. Vom Präsidenten Grevy ist indeß bis jetzt noch Niemand mit der Bildung des neuen Eabinets beauftragt worden.
London, 2. August. Nach einer Mittheilung des Reuter'schen Bureaus aus Konstantinopel wäre Lord Dufferin von der neuerlichen Haltung der Pforte Arabi Pascha gegenüber befriedigt, wenn er auch nicht die Ansicht theilen könne, daß die Erklärung Arabi Paschas zum Rebellen erst nach dem Landen türkischer Truppen erlassen werden solle. Die bezüglichen Unterhandlungen mit der Pforte würden fortgesetzt unb ließen einen befriebigenben Ausgang erwarten.
— Die „Daily News" wieberholt, bte englische Negierung werde bie Kooperation ber Türkei in Egypten von ber Bebingung abhängig machen, baß bie Pforte burch eine abzuschließenbe militärische Konvention sich verpflichte, die türkischen Truppen unter den Befehl General Wolfeley's zu stellen.
Rom, 2. August. Meldung der „Agenzia Stefani": Italien beantwortete die bekannten Mittheilungen Englands unb Frankreichs mit ber Eingabe eines formulirten Antrages, betreffenb bie Eollectivaction ber Mächte zum Schutz ber freien Schifffahrt im L>uez-Kanal. Dnsem Anträge haben nunmehr alle Mächte zuge- ftunmt Der italienische Botschafter, Graf Koiti, ist Inftrutrt, ben Antrag in ber nächsten Sitzung ber Konferenz vorzulegen. Die wesentlichsten Punkle bes italienischen Antrages finb: Ausschluß einer ßanbung, sowie eines anderen militärischen Acttons- mittels, ferner Mitwirkung aller Machte einschließlich ber Türkei; ferner soll ber polizeiliche Ueberwachungsbienst am Kanal ausschließlich ein maritimer sein unb nach vorher festgesetzten Regeln ansgeübt werben mit dem Vorbehalte, bnß bie Kabinete ent- sch.iben sollen, falls biefe Regeln sich als unzulänglich erweisen sollten.
Petersburg, 2. August. In bem französischen Gelbbuche befinbet sich eine Depesche bes hiesigen Botschafters, Abmiral Jaurös, vom 16. Mai, laut welcher der Minister v. ®:er§ anläßlich der damals unternommenen englisch-französischen Flotten- demonftration erklärt haben soll, Rußland würde in keinem Falle Instructionen ertheilen, welche denen der Westmächte entgegengesetzt wären; man würde entweder in Zurückhaltung verharren oder sich im Sinne Frankreichs und Englands äußern. Wie glaubhaft versichert wird, ist diese Angabe nicht correct. Die Mittheilung von ber französisch- englischen Flottensenbung sei vielmehr russischerseits mit bem Bemerken entgegengenommen woiben, daß man nickt oppontren wolle, aber auch niemals eine ifolirte Action ermuthigen werbe. Dies sei auch heute noch ber Stanbpunkt ber russischen Regierung, deren Politik barauf gerichtet sei, im Verein mit den Mächten bas englische Kabinet zu vermögen, sich bem europäischen Programm wieder einzufügen unb seine Action berjenigen ber Pforte anzuschließerr auf Grund der Konfirenzbeschlüsse. In Bezug auf den Suezkanal sei bereits frcmwsischerseils angedeutet worden, baß ein gemeinschaftlicher Schutz burch sämmtliche Flotten in Aussicht genommen sei.
Alexandrien, 2. August. Admiral Seymour hat heute früh bie von den Egyv' fern aufgegebenen Forts von Mex besichtigt unb darauf eine Marineabtheilung bei Gabari landen lassen, von wo dieselbe mittels eines Eisenbahnzuges nach Mex befördert wurde und die Forts besetzte, um die Beduinen im Schack zu halten.
Konstantinopel, 2. August. Nachdem der russische Vertreter neue Instructionen erhalten bat, ist auf heute Nachmittag eine Sitzung der Konferenz beim Grafen Kortt anberaumt worden.
Port-Said, 2. August. Das französische Panzerschiff „Alma" ist nach dem Piräus in See gegangen. Der Transportdampfer „Sarthe", welcher Marinesolbaten nach Frankreich zurückbringen soll, ist abgesegelt. Englische Schiffe halten ben Kanal hier, bei Jsmailia unb bei Suez, besetzt Letztere Stabt ist von Europäern verlassen. Die Sicherheit bes Kanals ist eine befriebigenbe.
Lokales.
Gießen, 3. August. In Anbetracht des am Sonntag den 6. August er. statt- findenden Preisschießens der hiesigen Schützengesellschaft, sowie der anhaltenden ungünstigen Witterung hat unsere Rudergesellschafl in gestern Abend abgehaltener außerordentlicher Generalversammlung beschlossen, das in Nauheim projectirte Ruderfest auf Sonntag den 27. August zu verlegen. —h.
Verwischtes.
Hünfeld, 1. August. Gestern Morgen wurde ein hiesiges 14jähriges Juden- mädchen per Bahn nach Marburg gebracht, wo dasselbe in bie Irrenanstalt ausgenommen wird. Diese Sache ist deßhalb der öffentlichen Mittheilung werth, weil die Geisteskrankheit des armen Kindes eine Folge von ähnlichen Erschütterungen des Kopses ist, wie sie durch Rupfen an den Haaren, Ohrfeigen u. bergt, hervorgebracht werben, und mithin Eltern Erzieher rc. ermahnt, beim Strafen ber Kinder neben ber Strenge auch Vorsicht unb'Klugheit walten zu lassen.
— fEine glückliche Familie.) Eine Bäuerin, bie sich durch große Unsauberkeit auszeichnete, verlor ihr einziges Muttersckwein, als es gerade Junge geworfen hatte. Um bie kleinen Weltbürger nicht zu verlieren, entschloß sie sich, biefelben mit der Flasche groß zu ziehen, was eben nicht ungewöhnlich ist und ziemlich häufig stattfinbet. Die Bauern, die sich im Sckweinestalle äußerst heimisch fühlte, saß ftunbenlang in demselben und zog die kleinen Grunzer mit mütterlicher Sorgfalt auf. Als nun eine Nachbarin sich bei ihr nach dem Befinden der Ferkel erkundigte, erwiderte sie derselben gerührt: „Ach, Ihr wißt gar nicht, welche Freude ich an den lieben Thierchen erlebe; kaum trete ich in den Stall, so kommen sie aus mich losgesprungen und meinen, ich sei die alte Sau."


