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Freitag den 4. August

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Nr. 179

er Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

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Politische Ueberslcht.

Gietzen, 3. August.

Die Rede, welche der fortschrittliche Reichstagsabgeordnete Dr. Hänel in Neumünster gehalten hat, bildet das vielfach variirte Thema in den für die innern Angelegenheiten reservirten Spalten der deutschen Blätter. Es läßt sich nicht leugnen, daß den Aeußerungen Hänel's eine unbestreitbare Wichtigkeit beizumessen ist, denn der Führer der Schleswig-Holstein'schen Fortschrittspartei repräsentrrt innerhalb der Reihen der gesaminten deutschen Fortschrittspartei das gemäßigte Element gegenüber dem auf der Seite von Eugen Richter stehenden Theile der­selben. Herr Hänel hat es stets verstanden, seine selbstständige Meinung zu bewahren und dieser Umstand erhöht noch die Bedeutung der Hänel'schen Rede. Den Kernpunkt derselben bildete die Stelle, in welcher Dr. Hänel seiner inner­sten Ueberzeugung von der Rothwendigkeit eines engeren und planmäßigen Zusammengehens aller liberalen Parteien, namentlich Angesichts der bevorstehen­den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause, Ausdruck verlieh, und diese Stelle wird denn auch von den Blättern am lebhaftesten commentirt.

Die Wieder besetz un g des nahezu seit dreiviertel Jahren verwaisten Deutschen Gesandtschaftspostens im Haag soll in naher Aussicht stehen. Der letzte Vertreter des deutschen Reiches bei der holländischen Regierung, Freiherr v. Canitz, hatte unter eigenthümlichen Verhältnissen seinen Abschied genommen, welche fast darauf schließen ließen, daß ihn persönliche Zerwürfnisse mit dem Fürsten Bismarck zu seiner Demission veranlaßten. Daß man in Berlin es für angezeigt hielt, den Posten im Haag nicht sofort wieder zu besetzen, wurde mit der bald nach der Demission des Frhrn. v. Canitz in Holland eingetretenen Ministerkrisis in Verbindung gebracht; wahrscheinlich wollte die deutsche Regie­rung erst die Klärung der politischen Verhältnisse im Haag abwarten, ehe sie einen neuen Vertreter dorthin sandte. Da man einer Neubildung des holländi­schen Cabinets in allernächster Zeit entgegensieht, so dürfte nunmehr auch bal­digst die Ernennung eines neuen deutschen Gesandten für den Haag erfolgen; über die hierzu designirte Persönlichkeit verlautet jedoch noch nichts Gewisses.

Fürst Bismarck hat in seiner Eigenschaft als preußischer Handels­minister jüngst an die Handelskammern in Preußen ein vertrauliches Rund­schreiben gerichtet, welches sich auf die Handels- und Creditverhältnisse Rußlands bezieht und zu geschärfter Vorsicht im geschäftlichen Verkehr mit Rußland mah­nen dürfte, zumal dort Recht zu nehmen schwierig und Recht zu erlangen noch schwieriger ist. Uebrigens scheint sich die Nachricht, daß die Reform der Han­delskammern durch ein Reichsgesetz ersolgen solle, nicht zu bestätigen, wenigstens deutet bis jetzt noch nicht das Geringste darauf hin, daß man sich an leitender Stelle in Berlin mit einem derartigen Gedanken trägt.

Das Tages-Erergniß in Frankreich, der Sturz des Cabinets Freycinet, hat seine tiefgehende Bedeutung nicht nur für Frankreich selbst, son­dern es beeinflußt auch die egyptische Frage in nicht unerheblicher Weise. Was zunächst den ersteren Punkt anbelangt, so hat der Sturz des bisherigen franzö­sischen Cabinets die ungemein verwickelte parlamentarische Lage in Frankreich nur zu einem scharfen Ausdruck gebracht, dagegen zur Beseitigung der vorhan­denen Schwierigkeiten nicht das Geringste beigetragen. Die erdrückende Mehr­heit von 450 Stimmen, mit welcher am vergangenen Sonnabend die französische Deputirtenkammer die Creditforderung von 9 y2 Mill. Frcs. ablehnte und hier­durch den Fall Freycinet's herbeisührte, kann nicht als der feste Ausdruck des Willens der Deputirtenkammer betrachtet werden, denn in dieser Majorität fanden sich die Gambettisten, welche für eine umfassende Intervention Frankreichs in Egypten sind, und die Anhänger einer entschiedenen Enthaltungs-Politik zu­sammen. Ferner werden sich aber auch an den Sturz Freycinet's mehr oder minder weittragende Folgen für die allgemeine politische Lage knüpfen, worüber sich jedoch vorläufig noch kein Urtheil fällen läßt. Ueber den eventuellen Nach­folger sind die verschiedensten Vermuthungen im Umlauf, doch müssen alle hierauf bezüglichen Gerüchte mit der größten Reserve ausgenommen werden. Präsident Grövy will, ehe er den Versuch zur Bildung eines neuen Cabinets macht, erst die Sitzung der Deputirtenkammer am Donnerstag, den 3. August, abwarten, bis zu welchem Tage sich die Kammer am Montag vertagte, um die Stimmung der Kammer bezüglich der Zusammensetzung des neuen Cabinets kennen zu lernen. Jedenfalls ist die Beilegung der Ministerkrisis erst in einigen Tagen zu erwar­ten, alles Andere muß man vorläufig abwarten.

England wird von dem Sturze des bisherigen französischen Cabi- nets entschieden in erster Linie berührt. Die Jsolirung Englands in Egypten ist hierdurch bis zu einem bedenklichen Grad gewachsen, denn die bedingte Mit­wirkung Frankreichs ist durch das die abermalige Creditforderung ablehnende Votum der französischen Deputirtenkammer, wenn auch nicht aufgehoben, so doch aufgeschoben. Trotz alledem, und trotz auch der ablehnenden Haltung Italiens scheint die englische Regierung nicht gewillt zu sein, auf ein weiteres offensives Vorgehen in Egypten zu verzichten, die Truppentransporte von England nach Alexandrien dauern fort erst am Sonntag ist der DampferOrient" mit einem Bataillon schottischer Garde, dem Herzog von Connaught und dem Stabe der ersten Division nach Egypten abgegangen und erwartet man jeden Tag das Bombardement der Forts von Abukir durch die englischen Panzerschiffe.

Die Frage der Theilnahme Italiens an der egyptischen Expe­dition der Engländer ist in jüngster Zeit in der europäischen Presse lebhaft besprochen worden. Das allgemeine Urtheil geht nun dahin, daß Italien, ob­wohl es weder mit einem strittenJa" nochNein" auf die Sondirungen des

englischen Cabinets geantwortet hat, sich an einer militärischen Intervention in Egypten nicht betheiligen und vielmehr an der Politik der Westmächte festhalten wird, was dem bisherigen reservirten Verhalten der italienischen Regierung in der egyptischen Frage durchaus entsprechen würde.

Das Gesammtresultat der in der Schweiz kürzlich stattgefun­denen Volksabstimmung über zwei dem Schweizer Volke vorgelegte neue Gesetze ist nunmehr bekannt. Das Epidemiegesetz (mit Impfzwang) wurde mit 246,267 gegen 66,978 Stimmen und das Gesetz behufs Einführung des Erfindungs- Schutzes mit 150,036 gegen 139,005 Stimmen verworfen. Gegen das erst­erwähnte Gesetz stimmten alle Cantone, gegen das zweite zumeist die nichtindu­striellen Cantone.

Die Pforte setzt ihre Vorbereitungen zum militärischen Eingreifen in Egypten eifrig fort, obwohl England dieselben mit schlechtverhüll­tem Mißmuthe betrachtet; schon in diesen Tagen soll die erste Abtheilung des türkischen Expeditions-Corps, dessen Stärke 20,000 Mann betragen soll, nach Egypten abgehen. Wie sich das Verhältniß der Türkei in Egypten zu den dort befindlichen englischen Truppen gestalten wird, darauf kann man allerdings ge­spannt sein.

Die Mittheilungen von dem Friedensbedürfnisse Arabi Pascha's haben sich als höchst übertrieben erwiesen. Der egyptische Dictator denkt gar nicht daran, sich in ein Kloster zurückzuziehen, er verstärkt vielmehr täglich seine Streitkräfte und läßt außerdem in der Nähe von Port Said am Suezkanal Verschanzungen aufwerfen. Dem gegenüber sind die Engländer auch nicht müßig und setzen sich in den von ihnen eingenommenen Punkten fest. Auch haben sie vom Khedive die Erlaubniß erlangt, längs des Suezkanals alle Stellen zu besetzen, welche zur Vertreibung derInsurgenten" erforderlich sind.

Aeutschtand.

Darmstadt, 1. August. Wie als feststehend angenommen werden kann, wird den Ständen in nicht allzu ferner Zeit eine Vorlage wegen Erbauung verschiedener Secundärbahnen, sowie ein Gesetz über den Bau und Betrieb solcher Bahnen unterbreitet werden und hierbei auch das Printtp zum Austrag kommen, ob schmalspurige oder Bahnen von normaler Spurweite gebaut werden sollen. Die Entscheidung dürfte bei unseren Verhältnissen nicht schwer fallen, denn wenn auch für die schmalspurigen Bahnen der Umstand spricht, daß sie bei ihrer Anlage erheblich wohlfeiler zu stehen kommen, so sind doch ihre Be­triebskosten, im Verhältniß zur Transportmenge, weit größer wie bei der nor­malspurigen Bahn; ganz abgesehen davon, daß die Leistungsfähigkeit der Locomotiven der Schmalspurbahnen eine wesentlich geringere ist. Das wesent­lichste Moment, welches jedoch zu Gunsten oer Normalspur spricht, ist, daß hierbei die Umladung der Güter beim Uebergang auf die Vollbahn wegfällt, eine Manipulation, die stets Zeit- und Geldverlust, Verspätungen und Erschwe­rung des Betriebs zur Folge hat, was um so mehr in Betracht zu ziehen ist, als unsere zu erbauenden Secundärbahnen weniger auf den Personen-, wie den Massentransport von Gütern, und zwar solchen angewiesen sind, die hohe Fracht­spesen nicht vertragen. Diese Rücksichten und Erwägungen haben denn auch vielfach dazu geführt, daß ursprüngliche Schmalspurbahnen soweit es sich nicht um isolirte Industriebahnen handelt mit dem Zunehmen des Verkehrs, dessen Belebung ja Aufgabe der Secundärbahnen ist, mit verhältnißmäßig großen Kosten in normalspurige umgebaut wurden. Wir glauben nicht zu irren, daß diese nur kurz angedeuteten Momente auch von den Ständen gewürdigt werden und diese sich mit der Regierung für normalspurige Secundärbahnen entscheiden werden, zumal auch noch eine Reihe militärischer Gründe solchen wird in der Neuzeit ja ein Hauptgewicht beigelegt die Normalspur dringend wün- schenswerth erscheinen lassen. (N. Hess. Volksbl.).

Berlin, 1. April. DemD. M. B." wird geschrieben: Ich bin in der Lage, ^hnen einige Notizen über den Reichskanzler Fürsten Bismarck zu senden, die aus guter Quelle aus Varzin stammen. Dem Fürsten bekommt der Aufenthalt aus seinem Tuskulum ganz vorzüglich und er hat wiederholt zu seiner Umgebung geäußert, daß er sich freut, dem Rath seines neuesten allopatischen Arztes Dr. Frerichs nachgekommen zu sein und für diesen Sommer von einer Badereise nach Kissingen Abstand genommen ,u haben. Dahin geht er unter keinen Umständen, denn zu Mitte August bat er seinen Schwiegersohn, den Legationsrath Graf Cuno zu Rantzau, der gegenwärtig mit seiner Familie auf der Seeburg bei Kiel weilt, mit Frau und Kindern nach Varzm em- geladen; Graf Rantzau soll dann den Chiffrirdienst beim Fürsten^übernehmen,, ber bis dahin von Graf Herbert Bismarck versehen wird, nachdem Geheimratf^Rottmburg vor einigen Tagen nach Berlin zurückgekehrt ist, der sich wahrend seines Aufenthalts m

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feinen gewichtigen Rathi in nbr6^ormittag§ im Parke vor dem Herrenhause, wo ihn Staate treu-rOb-rfö?st-r W-strhal gewöhnlich lchon erwartet und dann einen Rund- gang imt ihm .t Das noch nicht begründete Ausfallen der Conferenz-

fifumn metoc aestern stattfinden sollte, läßt die egyptischen Angelegenheiten, die ^ltuna Emilands zur Türkei in derselben Lage wie gestern. Neuigkeiten liegen Mt vor jedoch ist die Mittheilung bemerkt worden, wonach England sich vom