Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
L88L.
Nr. 1L1 Zweites Blatt.
t Sch ul st raße v. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Amtlicher HHeil.
Betreffend: Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Militärdienst im Herbst 1882.
Bekanntmachung.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der int Herbst 1882 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meidung des Ausschlusses von dieser Prüfung
spätestens bis zum 1* August 1882
bei der unterzeichneten Prüfungs-Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Speciellen das Folgende bemerkt:
1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs'Commisfion nur daun anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2) Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen.
3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird.
4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
b. Einwilligungs'Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit und Fähigkeit den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen;
e. ein Unbescholtenheitszeugnih, welches von der Polizei-Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist;
d. einen selbstgeschriebenen Lebenslauf.
Zu pos. b wird noch besonders darauf hingewiesen, daß in dem Einwilligungs-Attest die Erklärung des Vaters oder Vormundes, daß er in der Lage sei, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen darf und daß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein muß.
5) In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, Lateinisch oder Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6) Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugnih beizulegen.
Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur Ersatz-Ord. — I Theil der Wehr- Ord. vom 28. September 1875 — Reg.-Bl. Nr. 55 von 1875) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfungs-Termins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt ev. weitere Bekanntmachung; auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.
Darmstadt, den 16. Juni 1882. Großherzogliche Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende:
Gros.
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Wochenschau.
Gießen. 1. Juli.
Der deutsche Kronprinz und seine erlauchte Gemahlin empfingen am Dienstag den Abgesandten des Sultans, Drygalski Pascha, in ihrem Schlosse zu Potsdam und nahmen hierbei die dem hohen Paare vom türkischen Herrscher zum Geschenk gemachten sehr werthvollen Pferde in Augenschein. Am Donnerstag begab sich Drygalski Pascha mit seinem Begleiter Riazim Bey zum Kaiser nach Ems, von wo beide Herren in einigen Tagen nach Berlin zurückkehren werden.
Mit Ablauf dieser Woche hat endlich auch die Session des BundeS- rathes ihr Ende erreicht. Einzelne grundsätzliche Fragen und Anträge sind allerdings unerledigt geblieben, wie z. B. der Antrag Windthorst wegen Aufhebung des E^patriirungsgesetzes, welcher vom Reichstage angenommen worden ist; vermuthuch werden aber die meisten dieser Gegenstände in der nächsten ^effton des Bundesrathes mit zur Erledigung gelangen.
Das Erttlassungsgesuch des preußischen Finanzministers Bitter r .omg genehmigt und hierbei dem zurückgetretenen Minister
Äi- ^M^ochster Anerkennung für seine geleisteten Dienste der Rothe
Aoler-^rden 1. Klasse verliehen worden. Die Ernennung seines Nachfolgers ,oll unmittelbar erfolgen und ist kein Zweifel mehr vorhanden, daß der Staats- secretar des Retchsjchatzamtes, Scholz, die Erbschaft Herrn Bitter's übernehmen wird. Wenn sich mdesien die Nachrichten der „Nat.-Ztg." bestätigen, so würde
Scholz das Finanzministerium nur stellvertretungsweise übernehmen, da
N^lchskanzler den Gedanken hegt, die Leitung der preußischen Finanzen W tn die Hand zu nehmen. Wie das genannte Blatt weiter vernimmt, gehört zu dem Programm des Herrn Scholz u. A. die conseauente Fortführung der Eisenbahnverstaatlichung und die möglichste Verminderung der dem Staate den Zinsenlast^E^^bn Prioritäten der bereits verstaatlichten Bahnen obliegen-
Was dre auswärtige Lage anbelangt, so hat dieselbe in jüngster -M wieder eine Verschärfung erfahren, für welche die kriegerischen Vorbereitungen Englands zum Schutze des Suezkanals ein deutliches Symptom sind. Ein vewasinetes Vorgehen Englands in Egypten würde nun allerdings im Wider- sprucy zu dem von der Botschafter-Conserenz in Konstantinopel gefaßten Beschlüsse stehen, wonach sich alle Mächte jedes isolirten Vorgehens in Egypten während 4/Mer der Conferenz enthalten wollen, ausgenommen für den Fall, daß . ?bryert der europäischen Bevölkerung bedroht wäre. Wahrscheinlich betrachtet man aber im Londoner Cabinet den Suezkanal als gar nicht mehr zu Än ßehong und folgert vielleicht hieraus, daß eine militärische Besetzung Obs ^>uezkanals Nicht im Widerspruch mit dem erwähnten Conferenzbeschlusse
Dre übrigen Cabinete werden indessen schwerlich die eiaenthümliche geographische Auffassung der englischen Staatsmänner theilen.
.< 3,n hat der Kampf zwischen Deutschthum und Magyaren-
lyum eme Verschärfung erfahren, indem sich jetzt, als Gegengewicht zum
„Deutschen Schulverein" in Pesth ein „Ungarischer Schulverein" gebildet hat. Während aber der Deutsche Schulverein der Hauptsache nach nur bestrebt ist, die Deutschen in Oesterreich-Ungarn ihrer Nationalität zu erhalten und jeder Eroberungsversuch unter fremdem Volksthum ihm fremd ist, ist der Charakter des Ungarischen Schulvereins ein wesentlich offensiver, denn die Satzungen des Vereins heben ausdrücklich hervor, daß derselbe die „Magyarisirung auf gesellschaftlichem Wege" anstreben soll, womit also sein Ziel, das Deutschthum zu vernichten und in dem Magyarenthum aufgehen zu lassen, deutlich vor Augen liegt. — Kaffer Franz Josef hat den Ministern Graf Falckenhayn, Dr. Prazak und v. Eybesfeld den Orden der Eisernen Krone 1. Klaffe verliehen.
Die Veröffentlichung des französischen Gelbbuches hat einen neuen großen Fleck auf den ohnehin schon lange nicht mehr in seinem alten Hellen Glanze strahlenden Ruhmesschilde Gambetta's geworfen. Die im Gelbbuch über die egyptischen Angelegenheiten enthaltenen Documente beweisen
unwiderlegbar die Unfähigkeit Gambetta's zur Durchführung jeder größeren politischen Action und legen dar, daß der Ex-Dictater durch seine kopflose und dilettantenhafte auswärtige Politik Frankreich in Egypten einem „Abenteuer" zuzuführen drohte, dessen gefährliche Folgen für die europäische Stellung Frankreichs gar nicht abzusehen waren. Man darf nun wohl annehmen, daß Gam- betta nach all' den Schlägen, welche er in letzter Zeit erhalten hat und von denen die Enthüllungen des Gelbbuches der empfindlichste war, für einige Zeit in das Dunkel des Privatlebens zurücktreten werde, was für Frankreich wie für Europa gewiß kein Verlust wäre. Die Franzosen scheinen übrigens zu der Erkenntniß gekommen zu sein, welch' einen zweideutigen Alliirten )ie in England besitzen würden, denn wie das Journal „Paris" wissen will, habe das französische Cabinet die Aufforderung der englischen Regierung, sich an einer unverzüglichen gemeinschaftlichen Action mit England in Egypten zu bethemgen, rund
weg abgelehnt.
Die kriegerischen Vorkehrungen, welche England zur allgemeinen Ueberraschung getroffen hat und noch fortsetzt, lassen die vielgerühmte „Entente der Mächte in der egyptischen Frage in einem sehr zweifelhaften Lichte erscheinen. England glaubt seine Interessen am Suezkanale durch irgendeinen Handstreich der Egypter bedroht und wenn sich die Engländer in ihren Interessen bedroht fühlen oder glauben, pflegen sie bekanntlich energsich vorzugehen, ohne viel nach dem europäischen Concert zu fragen. Sie -nglrsche Regierung hat nn ihrer Absicht, den Suezkanal mllitärisch zu bei-tzen d.e osfentüche Memung nn Lande hinter sick> denn von coniervativer wie von liberaler Seite wird die Regierung zu entschudenE Handln a7gef°rdert Vielleicht wird sich aber Herr Gladstone doch noch einmal besinnen, ehe er sich und das Land in em Abenteuer stürzt, das möglicherweise einen ganz andern Ausgang nehmen konnte, als mau u.ch wahrscheinlich an der Themse träumen läßt.
Die Veränderungen, welche in der letzten Zeit in der Diplomatie wie in verschiedenen höheren Verwaltungsposten Rußlands stattgesunden haben, waren schon seit längerer Zeit in Vorbereitung begriffen. Die Neubesetzung der


