1 Nr. IS1 Erstes Blatt. Sonntag den 2. Juli 1882.
ZMchener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
n Schulstraße v. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. $rei* vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Vringerlohn.
9 M. FW H Durch bte Post bezogen vierteljährlich 2 Mar-k 50 Pf.
Amtlicher Hheit.
Betreffend: Die Tilgung der Schaftäude. Gießen, am 30. Juni 1882.
Barßmdes. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
rr.
tung!
Dr. Boekmann.
vom 1. Juli an uh
; dem verehrten Publik.
M*. Gonder.
Diejenigen von Ihnen, in deren Gemeinden unreines Schafvieh gehalten wird, wollen die Eigenthümer von solchem davon in Kenntniß setzen, daß nach Mittheilung des Reichskanzlers zur Tilgung der Schafräude das Hellverfahren im nächsten Jahre für die Zeit nach beendigter Schafschur angeordnet werde,
yi[M »r , _ ---------------- -----.....------- --------------------------------"..... .vuuv,
-W aber alsdann alle etwa einlaufenden Gesuche um weitere Verschiebung oder Einstellung des Verfahrens ohne Berücksichtigung bleiben würden, weshalb die Abschaffung des unreinen Viehes bis zum genannten Termine dringend empfohlen werde.
Bekanntmachung.
Gefunden: 1 Briefmarke, 1 Mütze, 1 Schürze, 1 Binde, 1 Regenschirm, 1 goldner Ohrring* 1 Sonnenschirmchen, mehrere Schlüssel.
Zugeflogen: 2 Kanarienvögel.
M ün-
Was ist nun, frage ich, inzwischen zur Sicherung von Leben und Ementbum
1 r nnrtov T.tktuns 111t* (Kirthmnn rc.t rr... . , ii .. . _
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bureau.
München, 30. Juni. Das Magistrats-Collegium hat heute den Antrag, den Altkatholiken die ihnen seit dem Jahre 1871 zur Benutzung einge- cbmtte Kirche wieder zu entziehen, mit 16 gegen 6 Stimmen angenommen.
Nürnberg, 30. Juni. Der deutsche Aerztetag hat, nachdem derselbe tyjiern durch eine Vorfestlichkeit eingeleitet worden, heute seine erste Versamm- Äiig mbgehalten, bei welcher 84 Delegirte und 113 andere Theilnehmer an- «escnd waren. Den Vorsitz führt Sanitätsrath Dr. Graf (Elberfeld), Schrift- ftfiriT ist Dr. Heinze (Leipzig). Die Versammlung beschloß die Wiederaufnahme HewMUtifcher Artikel in das ärztliche Vereinsblatt und begann die Verathung Entwurfs einer Aerzteordnung, deren erster Theil angenommen wurde. Die 'grrachung wird morgen fortgesetzt.
London, 30. Juni. Unterhaus. Gladstone erklärt auf eine Anfrage -Firtlett's, er könne wegen dessen, was die Conferenz thun werde, keine Ver- Hfymng geben und nur auf die Thatsache Hinweisen, daß die englische Regie- mg die ganze Zeit hindurch eine Intervention des Sultans in Egypten vor iifcn andern Maßregeln begünstigt habe.
(13), T Alk
Aus Aegypten.
ii.
— Das Central-Criminalgericht hat heute den Drucker des Blattes „Die ;ftiheit", Schwelm, wegen eines Artikels über die Ermordung von Cavendish nnb Bourke zu 1 Monatlichem Gefängniß verurtheilt. Ein zweiter Drucker, -.kniend Ärertens, wurde, nachdem er dafür, daß er bei der nächsten Gerichts- s'itziiiig sich persönlich stellen werde, Caution geleistet, auf freien Fuß gesetzt.
■eBt-Comite — Die „Times" sagt, wenn die Pforte in Egygten unter Europa befrie- tSigeubtn Bedingungen vorgehen wolle, so sei dies desto besser. Andern Falles . mild als F^'Eten andere Maßregeln erforderlich werden und England werde der Welt E • tM daß es bereit sei, seine Ehre und seine Interessen zu vertheidigen. Das
oor$U9l,ltc Al-li fügt hinzu, es glaube, die Negierung sei nunmehr entschlossen, wirksame MM zur endgiltigen Regelung der egpptischen Frage in Anwendung zu
,, HMgeu.
Konstantinopel, 30. Juni (Meldung der „Agence Havas"). Die EMIferenj soll sich in ihrer gestrigen Sitzung mit dem Vorschläge Englands l-.ßrnüin iM eme bewaffnete Intervention der Pforte, beschäftigt haben und dabei der |(ll IPIU Anschl gewesen sein, daß eine solche Intervention an Bedingungen zu knüpfen . »NN Gießk» welche verhindern, daß sie in keinem Falle in eine Occupation Egyptens F”" , 6i« und so die Stellung des Landes irgendwie ändern könne.
.ji’.jy ' ' New-York, 30. Juni. Guiteau, der Mörder des Präsidenten Gar- \u, T*;7' wurde heute gehängt.
£ s
11,
750 905, Ö22* !*• . ‘I* """/ 'lMbv uun ^cuen uno
' bis DM b'trc Europäer Hierselbst geschehen, was zur Wahrung der Ehre Europas! Für das eWl btMw°Mg, für das zweite gar Nichts. Der Zwiespalt der Mächte hat zu? Folge, dWauf lange alles Ansehen der Europäer in mohamedanischen Ländern untergraben eiwn t. Engländer und Franzosen haben sich hier eingemischt, haben den Trotz einer shren Glaubenselfer überaus hartnäckigen Bevölkerung übermüthia heraus- gWi^errt; wer aber trägt hier dem Unterschiede der Nationalitäten Rechnung, welcher »tfÄÄWdWföKr
llD Q39*, U“ , , . Was also thaten die Consuln, als ihnen am 11., unmittelbar nach dem Aus- ifi 8l3< bllkUllbe.dis Gemetzels, die ersten Nachrichten davon in Kairo zugegangen? Zunächst L to58/ A ur«rde -Derwisch Pascha bestürmt um Hülfe. Ec erklärte, keine Macht zu besitzen. Da z .r 7^'« S111 T” ^Q&t_bereip früher die Gewährleistung einer Bürgschaft für Leden und
11'* 1^* der Europäer eingeholt, blieb trotzdem kein anderer Ausweg übrig als sich
C' WV -m Commisiar des Sultans und den Khedwe zu wenden. Endlich gelang es von .,J Miß Vie Zusage zu erkalten, sie nähmen die Bürgschaft auf sich in G^a t einer
1^11^ Mchgarantre. Der Khedw und Derwisch Pascha richteten an Arabi Tinen Vrlaß
,enJ bcufim Ibie Verantwortlichkeit seinerseits aufbürdend, Arabt gab wieder Befehl an seine
und so ging es weiter von „Garantie zu Garantie" Was war mit Mim Mathselwort gemeint? Man weife es hier selbst bis zur Stunde noch nicht Schritt war die Versöhnung von Arabi, Khediv uni) 60^^.
#2 morgens die ägyptischen Duumvirt nach Alexandrien abfuhren —
,M-Obi iillfe m einem Wagen m t dem Khediv — verabschiedeten sie Arabi im Bahnhofe Händedruck. Er war nun Herr von Kairo und hatte als solcher aMs Meresie, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Aber der Glaube an seinen Schutz
iM
fall fiatt^enten igSfesic, aauturn: icr Dorsta"i
।Mm für du twti- Lem, S-Dick
fl€
ü. M
war dahin. Nun erfolgten die Proclamationen, die sammtlich, je mehr sie dielStratzen- ecken bedeckten, immer mehr zur Erregung der Gemüiher beitrugen, bis die Flucht der Europäer, dieser moderne Exodus, die größten Verhältnisse annahm. 20,000 Europäer haben bereits das Land verlassen. Das gesammte Consularcorps erliefe eine Kundmachung an ihre lieben und theuren Schutzbefohlenen, die Jeden, der sie las, wie mit kaltem Wasser überrieseln mußte. Darin war em förmliches Vertrauensvotum gegeben der ägyptischen Armee, der man als Wächter auf der Straße das Schicksal der Europäer überließ, ohne daß man doch begreifen konnte, wodurch sich diese Soldaten der Garnison eigentlich von jenen Gensdarmen unterschieden, weltfie die Hülflosen, die sich, auf ihren Schutz vertrauend, zu ihnen geflüchtet, hausenweise niederstachen; etwa durch die Disciplin, von welcher der arme Khediv genugsam zu kosten bekommen? Die einzige wirkliche Maßregel, welche von den Consuln ergriffen wurde, war gegen die Europäer gerichtet, indem sie auf die Erklärung hin, die Armee könne für nichts bürgen, so lange erstere unter Waffen blieben, e ne Entwaffnung aller Europäer auf offener Straße zuließen. Sogar Spazicrstöcke werden heute noch allen, die ihr Haus verlassen, von den Soldaten aus der Hand gerissen. Wer vom Hafen oder vom Bahnhof m die Stadt will, muß sich einer Durchsuchung nach Waffen am Leibe und im Gepäck ulsierztehen. In der Nacht vom 11. zum 12. hatten der Khediv Md Derwisch Pascha bereits eine Commission zur Untersuchung der ftattgehabten Greuel nach Alexandrien beordert. In dieser Untersuchungs-Commission sollten alle Consulate durch Delegirte vertreten fein. Vier Tage verflossen, bis sie sich überhaupt erst versammelte, und bis auf den heutigen Tag verlautet noch nichts über ihren Erfolg. Man nennt sie bereits eine Vertuschungs-Commission. Arabischerseils wirb frech geleugnet und frech geschworen wie gewöhnlich; da befinden sich die europäischen Herren vor einem unausführbaren Werke und haben der Entschuldigungen viele. Die hiesigen Zeitungen, die in zaghaftestem Tone allmählich wieder aufzuleben beginnen, klugen darüber, daß die Consulate keine Aufforderung an ihre Angehörigen ergehen lassen zu dem Zwecke, es möge ein Jeder, der -Augenzeuge der Greuel am 11. gewesen, kommen und seine Aussagen machen. Es ist nicht geschehen. Man hat geglaubt, mit jedem neugewonnenen Tage ungestörter Straßenruhe würbe auch eine Beruhigung der Gemüther Platz greifen. Mit Nichten, die Panik nimmt zu und der Uebermuth ber Eingeborenen gleichfalls. Da man hier überall unb zu jeder Zeit nur hört und sieht, was dazu angethan ist, sie zu fördern, so nimmt sie einen immer ernsteren Character an.
Hinsichtlich des Verhaltens der einheimischen Bevölkerung im gegenwärtigen Augenblick will ich mich auf wenige Bemerkungen beschränken. Zunächst ist mir der Unterschied zwischen dem Aussehen der Leute hier unb in Kairo in die Augen gefallen. In Kairo ist es bange Erwartung, die auf allen Gemüthern zu lasten scheint, hier ein freudiges Aufjauchzen, wie nach einem großen Siege, dessen sich ein ganzes Volk erfreut. Die laute Sprache des Volkes auf d.n Straßen, seine lustigen Zurufe, das Geplauder mit den in Posten von zwei bis alle zwanzig Schritte vertheilten Soldaten, alles das beweist eine innere Spannung des Behagens, die ihm sonst fremd war. Wie lange wohl wirb bie Freube währen? Bald werben knappe Tage kommen gerabe für biese Straßenbewohner. Dazwischen trippeln bie Europäer kleinlaut unb verzagten Herzens umher, Karren nach Karren burchziehen m't Bergen von Gepäck bie Straßen, bes Rollens ber Wagen zum Hafen nimmt es kein Ende. Man spricht von nichts,
benft an nichts anderes, als an das eine Schreckliche, früher nie Geglaubte. Nichts ist ansteckender, als bas Gefühl ber Entmuthigung. An den Bahnstationen sieht man die Dorfscheiks in Gruppen plaudernd mit nachdenklicher Miene. Alles geht außer Landes. Selbst die Werthpapiere sind fast sämmtlich nach Europa geschäfft worden. Man kann annehmcn, daß mit den 20,000 Geflohenen die Hälfte des im Umlaufe befindlichen Geldes aus Aegypten geschwunden ist, vielleicht gar die Hälfte alles Geldes. Die reiche Ernte des Jahres verheißt den Armen das billigste Brot, das wir feit lange gegessen, aber auch das billigste will gekauft sein. Aengstlich wirb ber Besitzenbe auf seinem Gelbkasten sitzen. Alle Arbeiten sinb eingestellt unb kein Taglohner finbet mehr Beschäftigung. Dies wirb bie schwerwiegrnbste Rache fein für bas vergossene Blut.
In Kairo ist die öffentliche Ruhe burch feinen ärgerlichen V0rfall gestort worden unb bie Militärgewalt erfüllt vorläufig ihren Zweck, indem sie arbeitslose Leute aufgreifen unb unter die Soldaten stecken läßt und auf alle Handhaber der niederen Obrigkeit einen heilsamen Druck ausübt. Dennoch ist die Vorstellung, welche die Europäer von der dortigen Lage haben, allgemein die, daß es nur eines bedürfte,
um auch in Kairo bie schrecklichsten Otraienfeenen feiten. Das europäische Viertel in Kairo ist fast buchstäblich verlast en und nur wen ge Häuser sind namhaft zu machen, wo vereinzelte ÄnsMen zurückgeblieben. Die Wohnungen mit allem, was sie enthalten, werben ber öbbut oon ^5."
und Thürhütern übergeben. Tritt keine Plunberung ein, io können dl. Besitzer ziemlich ruhig der Wiederkehr besserer Zeiten entgegensehen Unter allenTlmstanden werden immerhin Tausende von Europäern m ber Hauptstabt U^lelben, mag n zu bewaffnetem Einschreiten ber Mächte kommen ober zu Mord und Rauvscenen, oder zu Militäraufruhr. Auch für bie kostenfreie Fortschaffung unbemittelter Deutschen ist gesorgt worden. Dieselbe soll theils auf englischen Transportdampfern. theils auf -m-m ei0in§O$3^ unb Derwffck Nascha tn die Berufung eines neuen Ministeriums ober vielmehr eines Ministeriums benn Seaupt-n bat seit drei Wochen gar keins mehr, gewilligt und Rag. b7b^ ®wr Se? sich bereit erklärt, an die Spitze eines solchen zu treten Ragbeb ailt für den politisch am meisten befähigten der vorhandenen Staatsmänner Anvtens Trotz seines hohen Alters und unbeschadet seines hinfälligen Aeußeren soll er sich dennoch einen klaren und durchdringenden Verstand erhalten


