Nr. 113. Freitag den 24. Juni 1SS1.
Kichener Mnzeiger
Anzeige- unb Msblntt für ben Kreis Gießen.
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Amtlicher Hyeil.
Bekanntmachung.
Nachdem an mehreren Ortender Provinz Obcrhesscn Erkrankungen an Flecktyphus, einer erfahrungsgemäß höchst ansteckenden Typhusform, vorgekommen find, hat fich die Nothwendigkeit sanitärer Maßnahmen ergeben, deren Wirksamkeit und Erfolg nur dann erwartet werden kann, wenn der einzelne Srkrankungsfall unverzüglich zur Kcnntniß der Polizeibehörde gelangt. Es 'st d'ßhalb auf Grund der Krcisordnung vom 12. Juni 1874, Art. 78, unter Zustimmung des KreiS-AusschusseS und mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 28. Mai 1881 für den Kreis Gießen und zunächst für die Dauer von b Monaten da«
nachstehcndc Polizei-Reglement von unS erlassen worden:
s I. Von jedem Falle einer Erkrankung an einer typhuSartigc» Krankheit (Unterl-ibstvphus, AuckfalltyphuS, »klccktvpbust hat der behandelnde Arzt, sowie Jeder, welcher nach Bcfichtigung eines Kranken auf die Heilung desselben bezügliche Rathschläge enhcilt hat, unverzüglich und zwar unter Angabe des Namens, des Alters unb der Wohnung des i-ikran len an a
KX wi» ml. MH H, 30 M.„ 8.M.«, .1° m.
nicht ein, wenn jene Anzeige zwar nicht von dem Verpflichteten, so doch von anderer Seite unverzüglich erstattet worden ist.
Diese Vorschriften werden hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Gießen, den 15. Juni 1881. GroßherzoglicheS KreiSamt Gießen.
Dr. Bookman n.
worin tu Jioluner zur Rübe und Ordnung ermahnt werden, ist auf Weisung de« italt,Nischen Gesandten Cicldlnt erlaflen worden. In den osfleiellen hiest. gen Kreisen ist man der Meinung, der Vorfall habe keine große Tragweite. Uebrigen« hat ein allgemeiner Zusammenstoß nicht stattgehabt; vielmehr sand zuesst ein Stt.it einiger kleinen Gruppen statt; dann fielen Banden von Franzosen über einzelne Italiener her, die zum großen Theil durch Truppen und Polizei beschützt wurden. Die große Mehrzahl der Italiener hielt fich in den Wohnungen e ngtschlvffen. BlS diesen Nachmittag 1 Uhr kamen in Marseille keine nemir Unordnungen vor, obgleich einzelne Italiener diesen Morgen noch auf den Straßen verfolgt wurden. Die Zahl der Tobten beträgt bis jetzt 10, du Zahl der in den Ho«pitälern liegenden Verwundeten 15. Die letzten Unordnungin in Marseille, welche diesen Morgen in Paris bekannt wurden, haben allgemeinen Unwillen über tit Italiener hervorzerufen. Man verlangt die Ausweisung der Unruhstister. Schon gestern war der Unwille gegen die Italiener groß. In der Rue des Amandiers kam es bereiis zu Austtttten; es hieß, ein Italiener sei durch einen Franzosen ermordet worden, während ein Franzose einen Italiener schwer verwund,t habe. Laut Privatnachrichten aus Rom riesen die Marseiller Vorsälle große «usregung hervor und man fürchtete, daß dacmter die Beziehungen zwischen Frankieich und Italien leiden würden.
— Der italienische Consul in Marseille hat folgenden in italienischer Sprache abgefahren Aufruf anschlagen lassen:
Italienische Arbeiter! Schmerzliche Ereignisse betrüben seit einigen Tagen diese Stadt. Durch böswillige Verleumdungen sucht man zwischen Euch und der großmütbigen Bevölkerung, die un- Gastfreundschaft gewährt, Zwietracht zu säen. Als Dolmetscher der Gefühle der italienischen Colonie beschwöre ich Euch, Ruhe zu wahren und die öffentliche Ordnung zu achten. Eure Haltung bewiise, wie emsernt jedeS Gefühl der Zwietracht von Euren Herzen ist.
Der Generalkonsul von Italien: Spagnolini.
— DaS große Publikum verlangt mit Ungestüm die Ausweisung aller Italiener aus Frankreich. In den DoltSvierteln kam eS bereit- gestern, also nock ehe man die letzten blutigen Sreigntffe in Marseille kannte, zu Thätlich- feiten gegen Italiener. Es war in der Rue des ÄmandierS, dem Haupt- quanier ter hier wohnenden Italiener niederen Stande-, wo fich der Groll Luft wachte. Snlaß dazu gab ein betrunkener Italiener, Name«- Banfellt, Tagelöbner, der auf der Erde lag und auf die Franzosen schimpfte. Es war 8 Uhr Abend-, an 300 Personen waren versammelt und verhöhnten ihn, viele traten ihn mit Füßen. Tie Polizei Agenten eilten auf den Lärm herbei, verhafteten den betrunkenen Italiener und mit ihm einen Franzosen, welcher die Menge aufzureizen versuchte, und brachten fie aus'- Polizeiamt. Die Menge zog nun vor ein WirthShaus der Rue de- ÄmandierS, das von den Italienern besucht wnd und wo gerade vorher im Italiener von einem jungen Franzosen durch einen Schlag schwer rerletzt worden war; so verbreitete fich das Gerücht, daß ein Franzose von einem Italiener erschlagen worden sei. Die Menge wollte daß Wirthshaus stürmen, der Wirth aber schloß rasch die Thür, worauf durch Steinwürfe alle Fenster zertrümmert wurden; die Polizei schritt ein, doch erst um 11 Uhr Abends gelang es, die Menge ganz auseinander zu tteiben.
Paris, 21. Juni. Der Präsident der Republik empfing heute Nachmittag 2 Uhr die tunesische Mission unte Mustapha Pascha. Dieser sagte in seiner Ansprache, er schätze fich glücklich, den Präfidenten der Republik, den er seit 3 Jahren kenne, begrüßen zu dürfen. Tunis sei mit Frankreich durch die Bande inniger Freundschaft verknüpft. Es rechne aus Erwiederung dieser Freundschaft von Seiten seiner mächtigen Beschützerin. Mustapha betonte
Deut/chland.
Berlin, 21. Juni. Tie Leitung der Reich-tag-geschäste ist, bi- zum Ablauf tej Legislaturperiode, auf den Dicepräfidtnten v. Fra, cke, stein überge- gangen, nacht em Herr v. Goß'.er in Folge seiner Ernennung zum CultuSmiui. per sein Re.chStagemandat niedergele^t bat.
__ Der Antrag Buhl, betr. die Brstrafung der sckädlichen Fabr>katicn von Sunpwemen, welcher bekanntlich an ttre Commission verwiesen und hier nach einigen Veränderung«« angenommen, auch ton den Regierung-Vertretern aut geheißen ward, hat, wie sich durch die zahlreichen aif ibn bezüglichen Petiticnen herausstellt, in den Wem bauenden Landstrichen des Reichs starken Nachhall gefunden. Da- Vorgehen d s Abg. Buhl in dieser seit langer Zeit viel veniilirten aber bisher noch nicht richtig und energisch angesaßten Lache beweist in seiner Wirkung schon jetzt, wie dringend die Angelegenheit war. Bekanntlich ist rur Zeitmangel-, d. b- les raschen Schlüsse- der Lesflon halber des Gesetz nicht zu Stande gekommen. In der nächsten Session des Reichstage- erwartet man allgemein eine den Commiffio, S-Beichlüssen entspre- chende Vmlage der Reichsregierung und deren Annahme durch d,^überwiegende Mehiheit deS Parlaments. In dem jetzt noch nach Schluß der Zession erschienenen letzten Petitionsverzeichnisse finden fich abirmal- eine reiche Zahl (32l) Petitionen von Bürgermeistern, Gemeinderäthen, Wrinbergbefitzern ui d »and- wirthschastlichen Vereinen, welche fich gegen die Weinfab^katwn richten. Rur eine Petition spricht sich gegen das Vorgehen deS Abg. Buhl aus.
— Tit „9iorbb. Alla- Ztg." schreibt vfficiös : „Mit Recht wirb barufcer aeriagt, baß unfer Eanalsnsttm im Vergleich mit temjenia«n «"Ambs, Frankreichs unb HollanbS in ferner Snttridelung zurückgeblieben fei. Namentlich im norbwestlichtn Demschlanb, beffen TerrainverhLltmffe dte Anlegung von Wasser- straßen vorzugsweise begünstigen, empfindet trän den M°nz-I d«rlelben da selbst baS ausgedehnteste Eisenbahnnetz bezüglich des Transport« von^Mafien güietn, wie ©«treibt, Kohlen, Hol; u. f. ff. lewen Ersetz für Canält buttn kann. Man bcschLfligt fich deshalb, wie wir hören innerhalb b<s L taats- müifltriuu« schon längere Zeit mit tem Plane, bas preußische ^anal vstem in großartiger Weise zu vervollkommnen- Im Ministerium der cnentl chen Arbeiten sollen Projekte iheil« bereit« 'erttggestellt, th'ils „L bn
begriffen sein, welche bezwecken, bie Elbe mit bet Weser, bie —'£,<t 011 . Smi, bie Ems mit bem Rhein zu verbinden. Hand in vand damit würbe ber Bau des seit einer Reihe von Jahren projectirten Nordoßfte-S.na s gehen, zu besten Ausführung jetzt englische Sanitalien zur Verfügung steh'N ft llen, unb gleichzeitig würbe ber Versuch gemacht werben, du ^chffun>-k-.ten ,u überwinben, welche bie holländische Regierung b Lher bem Projekt eint«JRbetn Maas-Sanal« entgegergesttllt bat. Gelingt is, diese Plane zu realckren, so würbe damit eine bincte Wafferoerbinbung zwischen Kiel unb bem Roe unb der Anschluß ber beutschen Sanäle an bas holländische, belgische u r- zöfische Sanalnetz hergestellt fein."
ArauTreiH.
Paris, 20. Juni. Die Äuftegung in Marseille, woselbst ^.0M Jta- liener wohnen, ist sehr groß. Präsect und Maire verlangeni «m ‘ ‘ des Innern Verstärkung ber Polizeimannschaflen, um die blrbeUerst Docks, auf denen Franzosen und Italiener angefangen, vom Messer G ru machen, und daß dann die Franzosen über alle Italiener Heraef^lle . •
Die Polizeittuppen und viele Bürger beschützten aufts Heldenmuthigst Italiener, sonst wäre die Zahl der Todten und Verwundeten wett gr v - Die Zahl ber Verhafteten beträgt 200. Der Aufruf bes italienischen Konsuls,


