dt*. 189. (grftre Blatt. Sonntag den 19. Juni 1991»
Aießener Mnzeiger
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Amlkicher Theik.
Bekanntmachung.
Wir sth-n an« vrranlaßt, darauf hinzuweisen, daß nach § 2 deS LocalreglemenlS von 10. November 1879 die Straßen und Pickße vor dem «ehren Bermeldunq brf Staube« genügend mit Waffer begoffen werden müssen. Da vielfach gegen diese Bestimmung verstoßen wird, haben wir die Srccuiiv- Beamten angewiesen jede Zuwiderhandlung unnachfichtlich zur Anzeige zu bringen. ” S
®*e6,n' &en 3un* 1881- Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
_______Fresenius.
Gefundene Gegcnstäude:
1 Spannt.tte, 1 Sack, 1 Huntemaultorb, 1 Strumpfband, 1 Päckchen Notenpapier, 1 U-berzieher, 1 goldener Ohrring, 1 Täschchen für Bistteatarlen, m_ mehrere Schlüssel.
fiepen, den 17. Juni 1881. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
__ Freseniu S.
Der Reichstagsabfchied.
„Süß ist Trennungswkhe^, fagt zwar Shakespeares, aber bei dem per- sönlichen Abschiede der ReichSboten mag in Rücksicht auf die dazwlschei.liegenden Neuwahlen wohl Mancher gedacht h.ben: „Wer weiß, ob wir m.0 wieder- skhn" — — Die Zukunft ist ja überhaupt unsicher, aber selten war eS bei einem AeichstagSschlusse schwieriger, dle Zusau mensetzung deS künftigen Retchr. tages eimgermaßen richtig zu taxir.n, sei es auch nur, die Chancen einer Partei zu wägen. alS dnSmal. Propheten rechts, Propheten links, decken wir daher. — das Wettkii.o in der Minen muß sich bescheiden, für die Zukunft zu a,betten, seine Pflicht zu thun in der Wahlthätigkeit, rS muß fich begiügen mit einem Rückblick auf die ReichstagSjefsiou. vielleicht daß daraus sich schließen läßt, es sei an der Zett, durch a .tert Männer andere Resultate der gesetz- teberischen Thätlgkeit dis Parlaments zu erzielen.
Line viermvi atliche Session, eine dreijährige Legislaturperiode ist vorüber. Der Charakter der vierten Periode deS deutschen Reichstages ist kein schöpfe- rischer gewesen, denn daS hauptsächliche Werk, die Lteu.r- und Wirthschafts- Rtform. fai n eist alS Schöpfung gelten, wenn sie sich als lebensfähig, als beständig erweist; tm Allgemeinen war der Charakter der Periode, welche mit <imm Ausnahmegesetze begann, nicht aufbauer.d, sondern zerstörend, zerbröckelnd, und eS war nur der LcbenSfähigke t der bisherigen Errungenschaften zu dankens daß sie unter dem vereinten Ansturm der Klerikalen und Conseroativen Stand hielten; eS scheiterten die Versuche, die liberale Gesetzgebung von Grund auS in reauionärem Sinne umwgtfidftn; vergeblich versuchte man, die Reich-Verfassung im Sinne dictatorischer Neigungen zu ändern. ES scheiterten ferner zahlreiche Steuerprojecte, wie die Wehrsteuer und die Brausteuer, welche »war alS Glieder einer Steuerreform angepriesen wurden, aber eigentlich in keiner Beziehung zu einer solchen Reform standen. Indessen blieben unS die traditionellen Gaben einer conservauven Majorität in Parlamenten, Derrneh- rung der Steuern und Vermehrung der Ausgaben für daS Militär nicht erspart.
Für die allg meine Verwirrung war die Berathung deS Unfallversiche- rungS-GesetzeS tm höchsten Grade bezeichnend ; die Debatten und Abstimmungen, die Haltung der Regierung und der Parteien bewies lediglich, daß die geplante Soctalreform nicht genügend vorbereitet und studirt ist; eS liegen in der einschlägigen Gesetzgebung gute Gedanken, aber die Co ificarion ist schwierig, man erblickt wobl die Ansprüche der socialen Gerechtigkeit, aber daS Material ist roch unreif für die Gesetzgebung. So wurde das Gesetz schließlich angenommen, aber nur alS ein Torso; eS bleibt kaum etwas Anderes übrig, als daS Experiment der Durchführung zu machen und an dem Experiment zu experimentiren.
Sn fleißiger Arbeit hat es der Reichstag nicht fehlen lasten; zu bedauern war nur, daß es so häufig hieß: Schade um so viel Arbeit für ein Leichen- tuch. Das Leben des Reiches, welches nun einmal ein lebensfähiger und zwar ein viel- und raschlebender Organismus '.st rastet nicht; dieses Reichsleben fordert neue Formen und neue Gesetze, und in einer neuen Session werden neue dringende Aufgaben an den neuen Reichstag herantreten. Wir fürchten, eS ist in der abgelaufenen Session über der Fluth neuer, voreilig dlscutirter und darum unfruchtbarer Aufgaben, über der Menge überflüssiger Revisionen manche drängende Aufgabe deS Tages vergeffen werden ; die Session war reich an academischen Erörterungen, reich an theoretischer Polemik der Parteien, aber arm an praktischen Resultaten. Der Reichskanzler hatte ein Füllhorn neuer Ideen auSgegoffen, aber alle diese J)een gewannen nicht Gestalt zu einem bescheidenen Goldregen. Möge der nächste Reichstag verdauen können, was ihm sein Vorgänger eingebrockt hat, und, wenn>s nicht anders ist, ehe er fich den Magen verdirbt, lieber die alte Suppe zum Fenster hinauLgüßen; eS ist bester, Schritt für Schritt zu beffern, als weitsichtige Reformen durchzusühren, deren praktische Resultate schon im Anfänge höchst zweifelhafte find.
Nmt/chlLud.
Darmstadt, 16. Juni. Dem Vernehmen nach soll in dem nächsten Landtag, in welchen diesmal auch einige tüchtige Techniker berufen sind, die wichtige Frage zur Entscheidung kommen, ob normal- oder schmalspurige Bahnen
in unserem Lande gebaut werden sollen. Man ist sehr gespannt auf die Lösung dieser Aufgabe, zumal sich hier zwei ganz verschiedene Bahnsysteme einan- d«r gegenüber stehen. Während bei der Normalspur ein Umlaben der Güter vermieden wird, find tie Schmalspur-Bahnen wesentlich billiger, erfordern weniger Ingenieur-Arbeiten und können an kleinere Unternehmer vergeb« n werden-
AuS Thüringen, 15. Juni, wird der „Magdeb. gtg." geschrieben: Als im vorigen Winter die Antisemiten Agitation auch in Thüringen zu Tage trat, ließ der Herzog Georg von Meiningen die Directoren der dortigen Schulen zu sich entbieten und legte ihnen sehr ernst an'6 Herz, daß sie keinerlei Unduldsau k.it gegen die jüdischen Schüler zulasten und von diesem Augenblicke an war die Aniisemitenbewegung in Meiningen im Reime erstickt. Ls bedurfte nur de- einen Wortes deS Herzogs, und Jedermann wvßte, woran er war.
Frankreich.
Paris, 16. Juni. Dem „National" zufolge ist in der vergangenen Nacht in St- Germain der Versuch gemacht worden, bte Statue Thiers' durch Pulver in bte Uuit zu sprengen: die Statue habe tndeß nur unerhebliche Beschädigungen erlitten, die Untersuchung sei im Gange. — Der Ches der tunesischen Mission, Mustapha Pascha, ist heute in Marseille geblieben, begibt sich morgen nach L'pon und wird erst am Sonnabend in Paris eintreffen.
— Ein amtlicher Bericht aus Algier bestätiat, daß der aufständische Stamm der Laabouat nahezu vollständig vernichtet worden ist. Derselbe verlor 66 Mann an Tobten, hatte sehr viel Verwundete und liefe eine große Anzahl von Frauen und Kindern, sowie 1500 Äameele in den Händen der (Sieger. Der Steg wurde von den algierschen Eingeborenen errungen, die französische Truppenabtheilung war nicht geiiSthigt, in da« Gefecht einzugreifen Wie verlautet, soll ein Theil des erbeuteten Gepäckes Boumema gehört haben. Boumema selbst hätte sich, da er alle Wege nach den SchottS defekt gesunden, letzt nach Westen gewendet, werde aber von den durch eine französische Truppenabtheilung unterstützten Eingeborenen von Saitda verfolgt-
lelrgraphischr Vepcschra.
BolfFI ttlegr. E»rrespo»tze»z-W»reau.
17. Juni. Se. Majestät der Kaiser nahm gestern vor dem Diner bet de« Könige von Schweden den Vortrag de- Wirkl- Geh. LeMionS- raths v. Bülow entgegen und besuchte später mit dem Könige von Schweden die Promenade und daS Theater. Heute setzte Se. Majestät die Brunnenkur fort und empfing sodann den Hofmarschall Grafen Perponcher, sowie den Chef deS C'vtlcabinets v. WilmowSki zum Vonrag. Prinz Hermann von Sachsen- Weimar ist von hier abgereist.
Petersburg, 17. Juri. Der „RegierungSbote" macht das Unheil bekannt, welches in kern vor dem Kriegsgerichte in Kiew anhängigen politischen Proteste gefällt worden ist. Don zehn Angeklagten, darunter vier Frauen, wurden zwei zum Tode, die übrigen zu Zwangsarbeit, resp. Verbannung nach Sibirien verurtheilt. Die Todesstrafen sind vom Kaiser in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt worden.
London, 17. Juni. Den „Daily News" zufolge hat die englische Regierung eine Note an die Regierung der Vereinigten Staaten gerichtet, in welcher die Aufmerksamkeit der letzteren auf die Umtriebe der sentschen Organisation und deren Hauptfitz in New Dork gelenkt wird.
^New-Aork, 16. Juni- Das Journal ^Panama Star and Herald" vom 7.^Juni meldet, daß die Arbeiten am Panama-Canal einen sehr langsamen Fortgang rähmen. Unter den Angestellten fei Unzufriedenheit und Unordnung eingerreten. Das genannte Blatt fügt hinzu, daß der Arbeitsplatz verlasten sei. Ganze Abtheilungen von Arbeiter seien entlasten und viele Arbeiter beurlaubt. Auch sei eine erhebliche Anzahl der Ingenieure bereits abgereisi.
Bukarest, 17. Juni. Der Senat hatte sich durch die Antwort des Kriegsmmistrrs Slaniceanu auf eine Jnterpellat on, betr. eine Licitation zu Armee!,eferunqen, für nicht befriedigt erklärt, der Kriegsminister hat in Folge desten feine Demission gegeben.
London, 17. Juni. Im Unterhause beantwortete Unterstaatssecretär Dilke v-ehrere Interpellationen, indem er sagte, er wisse nicht, daß der Bey von Tunis den bisherigen Gebrauch beim Empfange des britischen Vertreters geändett habe; er kenne keinen Präcedenzfall, wo der Vertreter einer fremden


