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Dienstag den 15. Februar

1881.

Gießener MWiger

AMige- Mi) IratsMfitt fit den Kreis Gießen.

Ärbadionbburtdu:

Grpedttion»v«r,au r

6chulstraße B. 18.

Erscheint filßlid) nut Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit vringtrlohw Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Amtlicher Hheit.

Das Grotzherzsgliche Steuer-Commiffariat Gießen

an die Grofiherzoglichen Bürgermeistereien des Land-Bezirks.

Die Ihnen dieser Tage zugehenden Patente wollen Sie aussertigen, mit den dazu gelieferten Marken bekleben, die letzteren vorschriftsmäßig entwerthen und die Patente sodann innerhalb 14 Tagen wieder anher, und zwar nach den Nummern geordnet, zurückliefern.

Tie Anwendung von Streusand bittet man zu vermeiden.

I. B. G. St..E.: Schäcker, DistrictS - Einnehmer.

Deutschland.

Berlin, 12. F«binar. Daß d«r Reichskanzler es nicht verschmäht, in leinen wwthschaftlichen Anschauungen mit der Zeit sortzuschreiten, bewe'.st der lheil seiner jüngsten Rede, welcher sich mit den bisherigen Resultaten der neuen Wirthschaftepolitik beschäftigt. Zwar hat Fürst Bismarck in den meisten Punkten an seinen vor zwei Jahren ausgesprochenen Ansichten auch jetzt noch iepgehalten, aber von der Getreideproduction Rußlands und Amerikas gegenüber der deutschen Getreideproduction scheint er doch eine andere Auffasiung gewon- nen zu haben. Im Frühjahre 1879 hörten wir nur von den reichen Ernten, Ne der unerschöpfliche Boden Rußlands und Amerika- jährlich fast umsonst bergebe und mit deren Ueberschüsien Deutschland von Jahr zu Jahr mehr überschwemmt werde. Von der Möglichkeit von Mißernten in Rußland und Amerika war gar nicht die Rede. Jetzt erfahren wir, daß in Rußland die Mißernten im Durchschnitt der Jahre häufiger eintreten werden, al- bei uns. Diese dem Fürsten Bismarck eigene, bei Männern sonst nicht häufige Neigung, cuf einen augenblicklich vorliegenden besonderen Fall sofort eine allgemeine Regel -u begründen, führt natürlich zu den größten Widersprüchen. Vor zwei Jahren mußten die Kcrnzölle eingelührt werben, um den deutschen Landwtrth gegen die Überschwemmung de- Markte- mit fremden Getreiden zu schützen; heute müßten wir sie einsühren, wenn wir sie nicht schon hätten, um ben deut« \ scheu Landw rth auszumuutern, unS durch vermehrten Anbau da- zu schaffen, was uns da- Au-land vielleicht nicht liefern kann. Letztere- bleibt uns freilich, ' so lange Fürst B'Smarck nicht über Regen und Sonnenschein gebietet, ein un- errretchbaier Wunsch; aber vielle'cht geht der Kanzler auf dem jetzt betretenen Weg roch einen kleinen Schritt weiter, und fragt sich in einer guten Stunde, ob cs dein nicht eigentlich dn großer Segen für Europa ist, daß Amerika tteSmal eine gute Ernte hat, und wie hoch wohl in diesem Winter die Tdeue- rvng bei uns gestiegen sein würde, wenn es auch nur 5 Millionen Quarter- Weizen weniger übrig gehabt hätte. Die Erkenntniß, daß die Kornzöle selbst wenn fle Us Miitel zur Aufmunterung des Landbaues wett wirksamer wären, als sie es tbatsächlich sein können, um ihrer weiteren schädlichen Wirkungen rerwerfl'ch sind, wird dann sicher nicht auSbleiben können.

Berlin, 12. Februar. Das Abgeordnetenhaus genehmigte das Gesetz über die gemeinschaftlichen Holzungen und baS Pfandleihgesetz in zweiter Lesung nach den Vorschlägen der Commission. Die zu der ersteren Vorlage gestellten Abänterungsanträge, welche Minister Lucius b.kämpfte, wurden abgelehnt. Der Abg. v. Zastrow zog einen zum Psandlechegesetz von ihm gestellten Abän» derungsantrag zurück. D>e kurhesfische Fideicommiß^orlage pasfirie debatteloS unb unverändert die dritte Lesung; ebenso wurde in -weiter Lesung der Vor­lage, betr. die Vereinigung von Oderbonsfeld mil L wgenberg uud der Gemein- den Oberstoppel und Unterstoppel mit dem Kreise Hünfeld, der S 1 derselben, welcher die Vereinigung ausspricht, mit 140 g-gen 122 Stimmen angenommen. Nächste S'tzung Montag.

Das Herrenhaus genehmigte das Schlachthausgesrtz nach dem Antrag seiner Commission und erledigte sodann noch mehrere Rechnungssachen, sowie eine Petition. ,

Berlin, 12. Februar. Mit Bezugnahme auf bte tn Nr. 3 be- Reichs- Gesetzblattes verkünbete kaiserliche Verordnung vom 7. bs., burch welche bet Reichstag berufen ist, am 15. Februar in Berlin zusammen zu treten, wird bierburch bekannt gemacht, baß die Eröffnung des Reichstags an diesemTage «m 2 Uhr Nachmittags im Weißen Saale des königlichen L-chloffcs stattstnben vkd. Die weiteren Mittheilungen über die Eröffnungssitzung erfolgen tn dem Bureau des Reichstags, Leipzigerstr. 4, am 14. Februar in den Stunden von 9 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends und am 15. Februar Vormittag- von 8 Uhr ab- In diesem Bureau werden auch bte Legitimlionskarten für bte Eröffnungssitzung und die Einlaßkarten für Zuschauer ausgegeben, auch alle sonst erforderlichen Mittheilungen gemacht werden.

Der Reichskanzler.

In Vertretung: v. Bötticher.

München, 11. Februar. In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer beant­wortete der Vorsitzende des Mmisterraths, v. Lutz, die Jörg'sche Interpellation über dre Stellung der Regierung zum Reichs-Unfallverficherungs-Gesetz dahm, baß der iraguche Gesetzentwurf dem Bundesrathe bereits vorliege, daß aber noch keinerlei Berathungen über denselben stattgefunden hätten und daß sich augenblicklich auch noch nicht übersehen lasse mit welchen Modificationen der Gesetzentwurf Aussicht aus Annahme im Lundes- ratb'e haben werde. Unter diesen Umständen sei eine Beantwortung der ^rage in der Zorm, wie dieselbe gestellt sei, gegenwärtig unmöglich. Das Gesammt-Mmlsterium i befinde sich bei der von Jörg gestellten Frage tn derselben Lage, wie s. Z. bet der

Interpellation über die Vertretung des Reichskanzlers und die Regierung könne nicht verhehlen, daß sie auch künftighin solche Interpellationen nicht einfach mit Ja oder Nein werde beantworten können, um so weniger. q18" ein verfrühtes Darlegen der Ab­sichten der Regierung geradezu nachtheilig fein könne. Gleichwohl wolle die Regieiung ihre Haltung im Allgemeinen kennzeichnen. Das Ministerium werde die Reichsver­fassung fest im Auge behalten und die berechtigte Selbstständigkeit des Landes zu wahren wissen, halte es aber für möglich, den Gesetzentwurf in einer Weise zu gestalten, welche die Erreichung seines Zweckes ohne Schädigung der berechtigten Selbstständigkeit der Einzelstaaten und ohne Beeinträchtigung der bayerischen Refervatrechte sichere. Was die Frage in der Interpellation anlutreffe, wofür denn, wenn eine Eentral-Versicher- ungsanftalt gegründet werde, die Einzelstaatcn überhaupt noch da und wozu dieselben gut seien, so könne das Ministerium nur versichern, daß dasselbe es für feine heiligste Pflicht erachte, für den Foitbestand des engeren Vaterlandes einzutreten, soweit dies nur immer in seiner Kraft stehe, die bloße Negation gehöre aber nicht zu den hiefzu bienfamen Mitteln, untergrabe im Gegentheil unter Umständen die Existenz der Partl- fularftaaten. Ein solcher Fall liege hier vor. Jedermann kenne die Gefahren der socialen Bewegung, mit Prohibitiv- und Strafgesetzen sei nichts gethan, vielmehr mußten die berechtigten Desiderien der Arbeiter erfüllt weiden. Dieser Weg fei hier zum ersten Male betreten und dem Reiche dabei mit der einfachen Negation entgegentreten, hieße, den Weg zur Hilfeleistung versperren. Nur dann, wenn das Reich diesen legislatorischen Akt vollziehe, sei die Erreichung des Zieles verbürgt. Wenn das Projekt wünschens- werth sei, werde man sich mit der Competenz des Reichs zur Gesetzgebung darüber versöbnen müssen. Ueber die Frage der Errichtung einer einzelstaatlichen oder Reichs- Versicherungsanstalt sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Minister schloß mit der Erklärung: Wenn unsere noch obwaltenden Bedenken gehoben werden und wir der Krone rathen, die fraglichen Bestrebungrn des Reichskanzlers zu unterstützen, so f.laudt das Gesammt-Ministerium nicht an den Grundfesten unseres Staates zu rütteln, andern einen Akt eminent konservativer Politik zu üben

lieber diese Antwort der dayertfchen Regierung aus bte Iörg'sche In­terpellation bemerkt derEchwäb. Merkur": Mit den Schlußworten der Erklärung der bayerischen Regierung werde b't Nagel auf den Kops getroffen, die Einzelstaaten trürben gegen ihr eigenes Wohl blindlings ankämpfen, wenn sie aus VersaffungSbedenktN, welch? ja gründlich untersucht eventuell btsettigt werden könnten, das Zustandekommen einer heilvollen Vorlage verhinderten. Alles in Allem genommen habe die bayerische Regierung die Streitfrage in musterhafter Weise zur Lösung gestellt.

Stuttgürt, 12. Februar. DerStaats-Anzeiger für Württemberg" schreibt: Die Nachrichten ouS Cannes über das Befinden des König- und der Königin lauten fortwährend günstig, die entgegenstehenden, von den Zei­tungen gebrachten Gerüchte können erfreulicher Weise al- grundlos bezeichnet werden. Das eingetretene Ftühlingswetter gestattet längere Bewegung im Freien und wird täglich zu größeren Spaziersahrten und Fußpromenaden benutzt.

Arankreich.

PariS, 12. Februar. Tie Deputirtenkammtr beschloß, den Antrag Louis Blanc's aus Abschaffung der Todcsstrase in Erwägung zu ziehen. Der Antrag deS D^vutirten Dardoux, betr. bte Wiederherstellung des Ltsten-Scruti- niums soll am nächsten Donnerstag zur Beratbung kommen.

Paris, 12. Februar. DerAgence HavaS" wird aus Ragusa ge- meldet, von den katholischen Bergbewohnern Albaniers wäre ein größerer für Tust bestimmter Transport mit Munition unb Lebensmitteln weggenommen, bte benselb'n begleitende militärische Eskorte sei gefangen genommen worben.

Bayovne, 12. Februar. Die beutsche BarkeAugust" auS Stral­sund, welche mit ©errette an Bord sich auf der Fahrt von Baltimore nach Bayonne befand, ist gestern Abend am Socoa-Felsen gescheitert. Tie Besatzung lst gerettet, die Labung aber verloren.

England.

London, 12. Februar. DerGlobe" erklärt das Gerücht von einem Fenier Complott, durch welches bas Schloß Winbsor in bte Lust gesprengt werden sollte, für erfunben. Die Königin werbe am 17. ds. borthin zurück­kehren. Die Zahl der stnkend.n Bergleute tn ber Grafschaft Lancaster be­trägt circa 3500. Die öffentliche Ordnung ist bis jetzt habet nicht gestört worden.

London, 12. F bruar. Dem Staatssekretär des Krieges, Ehilders, ist eine Depesche des englischen (Scmmanbanten im Transoaal-Lanbe, General Colley, zugegangen, in w-lcher berfelbe um Verstärkungen bittet.

Eine Depesche des Generals Collky vom 11. ds. meldet, bte Boers hätten das Schlachtfeld besetzt, eine beträchtliche Abtheilung berfelben solle in der Umgeg-nd von Newcastle corcenttirt sein. Colley hatte dem Befehlthaber der Boers nach dem letzten Gefechte medicinifche Hülfe angeboten; das An- erbieten wurde indeffen abgelehnt.