#r. 111. Samstag ben 14. Mat 1881.
Kießemr Wi;eiger
Anikigk- und Imtablatt für den Krris Gießen.
, . « 7 " ' Crell vierteljübrlich 2 Marl 20 Pf. mit Bringer lohn.
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Der tunesiscbe Krieg.
Der Verlaus deS Änegtb — wenn man eS so nennen darf — Im tune* fisch,n Gebiet be reist, daß die Bedeutung der Volksstämme, die von den Fran- zoten .gezüchtigt" werden sollten, vielfach, ja ungeheuerlich übertrieben ifl. Diese Lhrumtr- haben in keiner Weise die furch baren kriegerischen Eigen- schäften an den Tag gelegt, die man ihnen jedenfalls in der Absicht zuschrieb, ote Größe des gegen sie ausgebotenen u iltlä ischen Apparat- zu rechtfertigen. Man hat die LyrumirS mit den Lobylen verglichen. Aber zunächst fehlte tesen mlb-n mb ungeordiieten Stämu en ein politische- und militärisches Haupt, nie es ernst Abdel Lader den Labylen gewesen. Sodai n fehlte ihnen bie geschickte LawpseSweise, der Todesmuth und die sanatifche Begeisterung der Sabylei. S.e gaben woh^ ihre Dörfer dem geh be preis, aber im Uebrigen war ihre erste Sorge, mit ihrem beweglichen Hab unb Gut auch ihr L.ben rn S cherheit zu br.ngen, em Gegensatz zu ben Labylen, die es in stoischer Opserwill gkeit für ihre Unabhäi gigkeit Eingaben. Man muß allerdings auch in Erwägung ziehen, daß die gewaltige Ueberlegenhett der französischen Be- waffnung und HeeresauSrüstung den Lhrumirs eS unu -glich machte, einen Lamps iw c ff ereil Felde zu u agrn. So beschränkte sich der ganze Liieg n tlurgeo äß auf einige Scharmütz l, bei brr en die Lhrumirs immer den Lür- zereu zogen und große Verluste hatten, wäbrei.d die Franzosen nur ganz wenige Mannschaft verloren. Schließlich ist auch die Einnahme der besipigten Stellung, wo die Hauptmacht der Lhrum»rS verschanzt war. ohne eigentlichen Lamps erwirkt worden, zum großen Verdruß gewisser Partfer Blätter, welche gerne eine große „glorreiche Action" gehabt hätten. Gegenüber dieser rihtn Anschauung. welche den Lr eg mit feinen Menschei Verlusten als Eircusspiel betrachtet, lann n an sich freuen, daß der Lrieg nicht mehr Blut gekostet bat. Umsomehr ist die unbarnherzize Praxi- der französischen Generale zu bedauern, welche alle Dörfer d.r Lhrumiis, d.e man erreichte, ntederbrennen und all' ihre m.bewegliche H^be zerstören ließen. Man kann doch für eine Mifsechai Einzelner > icht einen ganz,n Stamm verantwortlich machen I Die ^afrikanische Schule- im französischen Heere scheint immer noch im Geiste Peltffier'S gebildet zu werden.
Life Dnge stehen der Republik schlecht an, denn eS tritt zu sehr in den Vordergrund, daß eS mit diesem Lriege auf e»u aS ganz Andere- abge« sehen ist. al- auf die bloße Bestrafung der Lhrumirsstäa me; eS handelt sich der That um die Eroberung von Tunis, auf welches die französischen Machthaber dock schließlich ebenso wer ig Anspruch haben, wie die Türken oder die Italiener. D'.e Türken und der Bey haben ohn.hin roch das historische Recht für sich, weiches zwar nicht allgen ein anerkannt wird, da- In diesem gaDe aber immer noch schwerer wiegt, als gar Nichts.
Die französischen Ltaatsmäni er haben in der letzten Zeit febr viel von grüben und friedlichen Absich en gesprochen und sich den Anschein gegeben, als wollten sie eine Bewegung m Fluß bringen, deren Zi l die desinit ve Pacifica» tion und Abrüstung für ganz Europa sei. An dem freubiaen Widerhall, den jene Versicherungen in ganz Europa, in der ganzen civil sirlen Welt fanden, hätten st« erkennen sollen, baß sie ihrem Daterlande mit friedlichen Bestrebungen einen größeren Dienst leisten, al- mit kriegerischen „Abenteuern", um mtl Gambetla zu reden. Run bat man sich über Hals und Sops in die tumsiiche Frage hinemge iürzt; aber Niemand wird heute mehr verkennen, daß die LhiU- mirS nur den Vorwand a6 tebea wußten, um in Tunis einrüden zu können. Der Bey. welcher weiß, daß er die Franzosen nicht so leicht wieder zum Lande hinaus bringen wird, hat die Pforte um Hülfe angegangen und diese scheint ihm auch Helsen zu wollen. Für diesen Frll erk.ären die Franzosen, aus die türkischen Schiffe feuern zu wollen. Drs wäre ^das S gnal zu einer der schönsten europäischen Le w ckelungen. Wenn die Türken m t Frankreich in Streit gerathen. werden die Griechen wieder von krieger.schen G lüsten befallen werden und es fragt sich sehr, ob die Abtretung des von den Mächten Gne- chenlai d zugesprochenen Gebiet- ohne alle Zwischenfälle abgehen wird. Wenn Rußland jetzt nicht genöthigt wäre, sich mit den inneren Unruhen zu beschäf- tigen, so würde es stch diese schöne G'legenheit, die Pforte zwischen zwei Feuer zu bringen, heute nicht entgehen lasten und wer weiß, ob der Versuch nicht trotz alledem gemacht wird. Wenn nicht, dann sind — traurig ist'- zu sagen — die Nihilisten die unfreiwilligen Verhüter eines tiefgebenden europäi. schen Eonst'.cteS. So hängt oft die Entscheidung an einem Haar, ob nicht au- einer anscheinend unbedeutenden Affaire. wie dieser tunesische Feldzug ist, große Verwickelungen erwachsen, und die französischen Machthaber sollten sich doch hüten, ihre Thaten so sehr mit ihren Worten contraftiren zu lasten.
Die Lhrumirs sind nun gestraft; es w.rd sich zeigen, ob man dem Rathe des Gambetta'schen Blattes in Paris folgen und Tunis mit Waffengewalt in dasselbe BerhLltniß zu Frankreich bringen wird, in dem Bosnien zu Oesterreich steht. Wahrscheinlich wird es so kommen unb im Grunde wird Frankreich dafür keine anderen Motive anzugeben haben, als daß Tunis ihm zur Vergrößerung seiner Macht in Rordafr.ka unentbehrlich erscheine, daß diese Vergrößerung nothwerdiz sei unb baß bet Dry, ber ohnehin schlecht regiere, fein Land nicht gutw ll-g hergeben wolle und de-halb mit Waffengewalt dazu gezwungen werden müste — alle- Dinge, die man unter der Herrschaft der Napoleon's schon ost erlebt hat, die man aber unter der dritten Republik nicht wieder zu erleben erwarten dürste. Dies Tunis wird ein Zankapfel sein und
bleiben und so scheint es. al- ob Alle- zusammenwirkte, um die Unsicherheit in der politischen Welt Europas zu vermehren.
Deutschland.
Darrnstadt, 11. Mai. Seine Lönigl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädtgst geruht:
Am 30. April den Hauptsteueramts-Assistenten 1. Llaffe bei dem Haupt- fleueramt Offenbach, Hermann Lang, zum Rechner de- Landeszuchthause- zu ernennen.
Darmstadt, 12. Mai. Das heute ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 10 enthält das Gesetz, die Ausübung und den Schutz ber Fischerei betr.ffend-
Berlin, 11. Mai. Die Probefahrt aus d-r von Dr. Werner Siemens erbauten clectrischen Bahn von Steglitz nach Lichterfelbe bat am Lon:.- tag staitgefunben. Die Strecke ist ca. V< Meile lang, bie Dauer ber Fahrt beträgt 5 Minuten. ES werden aus einmal 20 Personen befördert. In nächster Zeit wird eine zweite elektrische Bahn von Eharlottenburg nach Westend gebau».
— Die „Nat.-Ztg." schreibt: „Die neuesten Nachrichten au- PeterS- bürg stimmen dann überein, daß an ben Erlaß einer Verfassung nicht zu denken ist. Alexander III. will die Pfa^e feiner Väter wandeln. Aber der Ezar ist en.scklosten, die Mißstände, welche in der Administration, sowie in der Finanz- verwaliung zu Tage getreten find, durch entsprechende Reformen zu beseitigen. Daraus wird fich daS liberale Lystem beschränken, besten Einführung m.in neuerdingS in Aussicht pellt.
England.
London, 9. Mai. DaS .Reuter'iche Bureau" meldet aus Lor.ftoR- ^rinopich vom 7. Mai: „Räuberische Arabcrstämme find in Mekka eingedrungen und haben die heilige Stadt gep'ündert und die Postverbindungen zerstört. Eire Larawane mohamebanifcher Pilger auS Indien ist ebenfalls von Arabern überfallen unb ihre- BefitzthumS beraubt worden."
Zlußland.
Petersburg, 10. Mat. lieber da- Schicksal des Großfürsten Nikolai Lonstaniirowitsch wird in diesen Tagm die Entscheidung gefällt werden; daß er in enge Hast gebracht ober mindesten- nach einem ganz abgelegenen, streng bcwachten Orte verbai nt werben wird, erscheint zweifellos.— Alle Meldungen über ben bevorstehenden Austritt deS Fürsten Gortschakoff aus dem Eabinet sind mit großer Vorsicht aufzunehmen; jedenfalls hat man von Petersburg aus b'in greisen L nzler nicht ben leisesten Wink gegeben, er möge feine Entlastung nehmen, u b bieS wird auch niemals gesch hen. Gortschakoff selbst hat erklärt, er wünsche dem Laiser unb bem Daterlanbe bi- zu feinem letzten Äthemzuae zu bienen.
Archangel, 11. Mai. DaS Wüster ber Dwina ist stark gestiegen und ist in Folge davon ein großer Theil der Stadt überschwemmt. Die Noth ist sehr groß.
Bulgarien.
Sofia, 10. Mai. G<stern Abend fand trotz des Regenwetter- vor bem Palais des Fürsten eine großartige Demonstration statt. Die Volksmenge brachte er thusi stische Hochrufe auf den Fürsten auS. Der Fürst zeigte fich der Volksmenge dreimal und dankte für die ihm dargebrachten sympathischen Lundgebunge . Der Mettopolit bat ben Fürsten, die Absicht, abzudanken, aufzugeben und Bulgarien nicht zu verlasten. Die Menge brachte hieraus auch dem Ministerpräsidenten eine Ovation dar.
Amerika.
New-Aork, 11. Mai. Die Große Jury des New-Aorker Bezirks- genchtshofS erhob Anklage gegen die EapitLne mehrerer brutschen unb engli» schen Tampser wegen Desörderung größerer alS gesetzlich gestatteter Anzahl P a ff a a irre.
Telegraphische Pepescheu.
®olfF< ttlear. OT
Verlin, 12. Mai Heute Mittag sand in Lichterfelde die Eröffnung der von Siemens und Halske gebauten elertnschen Eisenbahn statt, der ersten solchen für den öffentlichen Betrieb. Unter den zahlreich anwesenden geladenen Gästen befanden sich Staalsiecretär Stephan, militärische Lertteter, hervorragende Vertreter der Wissenschaft, Technik und Industrie, der Landrath des Kreises Zeltern Prinz Handjery. Auf der 2* , Kilometer langen Bahn fanden mit allgemein befriedigendem Erfolge mehrere Hin- und Herfahrten statt. Auf dem fob-nn folgenden Dejeuner in der festlich becorirten Halle toastete Prinz Handjerv auf das neueste zukunftsreiche Unternehmen der Firma Siemens und Halske, worauf Dr Siemens bie wirkungsvolle Unterstützung d<s Unternehmens seitens ber Behörden hervorhob. Der Eisenbahnminister Maybach hatte bie Bahn bereits vor ber Eröffnung befahren unb feine hohe Sefriebigung über dieselbe ausgesprochen-
— Die „Prov.-Corrcsp." sagt über ben Beschluß bes Reichstags wegen Ein- I berufung bes Bunbesratbs unb Reichstags im October, biefe Bestimmung sei für Bundesrath ganz unhaltbar und für ben Kaiser eine Beeintracht'gung feiner Macht- I Vollkommenheiten, wozu ber Reichstag bie Initiative zu ergreifen nicht berechtigt sei


