Ausgabe 
7.2.1881
 
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Nr. 31. Zweites Blatt.

Sonntag den 6. Februar

1881.

AllM" Hnli AmisblM fit bta Kreis Gikßkn.

Redactio»«bureau i

ExPeditionlburea«:

Schulstraße v. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

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Darmstadt, 2. Februar- Da- Großherzogl. Regierungsblatt (Beilage Nr. 2) enthält:

1. Summarische Übersicht der Rechnung der RegierungSrath Mav'schen SchulunterstützungS-Stiftung für 1879.

2. Zusammenstellung der Ergebnisse der Staatsschulden - Tilgungskaste- Rechnung für 1878 uno 1. Quaital 1879.

3. Ordensverleihungen.

4. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eine- fremden Ordens.

5. Dienstnachrichten. Am 12. I nuar wurde dem Ferdinand Jockel auS AlSfeld da- Patent alS Geometer 1. Klaffe für den KreiS Darmstadt ertheilt; an demf. Tage wurde der von dem Herrn Grafen zu Erbach Erbach auf die Lebrerstelle an der Gemetndeschule zu Erzbach präsenttrte Schulamtsaspirant Karl Schuchmann auS Dieburg bestätigt; am 15. Januar wurde dem Schul- omtSaspiranten Frtedr. Musch auS Hambach eine erledigte Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Beuern, utb tun Schulamlsaspiranten Adam Götz auS Oppenheim die erledigte 2. Turnlehrerstelle an der Volksschule zu Mainz übertragen.

6. Eoncurrenzeröffnung. Erledigt ist: Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Schlitz mit einem jährlichen Gehalt von 1200 JC. Mit dieser Stelle ist die Hälfte des KirchendtensteS zu Schlitz verbunden. Dem Herrn Grafen von Schlitz, genannt von Görtz, fteht da- Präsentation-recht zu derselben zu.

Darmstadt, 2. Februar. Der dem BundeSrath zugegangene Ent­wurf, brtr. die Bestrafung der Trunkenheit, hat eine sehr ausführliche Mott- vtrung. in welcher u. A. bemerkt ist: Ein wichtigeres Anzeichen für die Zunahme der Trunksucht ist die Vermehrung der Verkaufsstellen geistiger Ge­tränke im ganzen Gebiet des Reiches. Sie beträgt:

für Preußen von Ende 1869 bis Anfang 1877 31 pCt.

Bayern von Anfang 1872 b - A» fang 1877 36

Sachsen von Ende 1869 bis Anfang 1878 35 u

Württemberg von Anfang 1872 bis Mitte 1878 44

Baden in derselben Zeit 28

Hessen von Ende 1869 biS Anfang 1878 8

Mecklenburg'Schwertn desgl. 51 n

daS Großherzogthum Schwerin de-gl. 72

die übrigen Bundesstaaten deSgl. 60

Leider gibt diese statistische Notiz keine Auskunft, welchen Procentsatz die einzelnen preußischen Provinzen liefern, wie namentlich das Verhältniß in dem vormaligen Nastau und den südwestlichen Provinzen Preußen- überhaupt sich gestaltet hat. Es wäre die- von besonderem Jntereste zur Beurtheilung, da bas Weinbau und Bier producirende Heffen einen so auffallend niedrigen Pro­centsatz der Vermehrung liefert, daß im Vergleich zur Bevölkerungszunahme von einer relativen Zunahme kaum die Rede sein kann. Die höchsten Zu- nahmeziffern liefern die nordischen vorzugsweise Branntwein producirenden Bundesstaaten. Es läßt fich daraus vermuthen, daß in dem vormaligen Naffau die Verhältniffe ähnlich günstig liegen, um so mehr, alS auch aus daS an Heffen angrenzende Baden die nächste günstige Procentziffer entfällt.

Davmst«dt, 3. Februar. Zur Mainbrückenfrage in Offenbach wird demPfälzer Sour.* von hier geschrieben : Bktm Lesen der kürzlich im preußi­schen Abgeordnetenhaus stattgebabten Verhandlung über die Verailli^ung einer Summe zum Dau einer Drücke über den Main bet Offenbach (wozu die hessi- schen Kammern die andere Hälfte bereits verwilligt haben), fiel unS unwill­kürlich die unsterbliche Fabel von dem Wolf ein, dem ein weiter unten im Fluß stehendes Lamm das Wasser getrübt haben sollte. Das preußische Abgeordnetenhaus lehnte die Derwilligung ob, weil die hessische Regierung die von Preußen beschloffene Eanaltfirung des Mains von Frankfurt bis Mainz mit chicanösen Einwänden zu hindern suche. Und worin bestehen die­selben ? Preußen will (sein Fmanzminister erklärte dies jetzt zum Ueberfluß im preußischen Abgeordnetenhaus) diese Strecke deö Mains derart tiefer legen und canalifiren, daß die größeren Rhcinfch ffe ungeh ndert und ohne weiter, wie seither bei Mainz, um- und überladen zu müffrn, direct bis Frrankfun fahren können; die reiche Stadt Frankfurt ernchtel dafür die nöthigen Hasen- anlagen. Heffen, alS Eigenthümer des linken Mainufers von Mainz bis dicht vor Frankfurt, muß dies geschehen laffen, zum großen Nachtheil von Mainz und nicht zum Vortheil seiner oberhalb Frankfurt gelegenen bedeutendsten In­dustriestadt Offenbach. Wollte Preußen es ihm unerklärlicher Weise schon verübeln, daß es fich an den Kosten dieser Main-Eanalisation nicht betheiligt, so findet man es in Berlin jetzt ungeheuerlich, daß Heffen derart breit u. s. w., angelegte Schleußen auf dieser Strecke fordert, daß die in Vorbereitung be­griffene Main-Kettenschifffahrt künftig dort ungehindert betrieben werden kann. Ja selbst gegen die geringere Forderung, wenigstens sofort so viel Baucapital zu reserviren, daß, sobald erforderlich', ohne weitere Befragung der Volks- Vertretung diese Verbreiterung der Schleußen vorgenommen werden könnte, selbst dagegen sperrt man sich, als der Stärkere, in Berlin, und eS drohten preußische Abgeordnete sogar mit dem Bundesrath, mit bundeSräthlichem Aus- trag und Zwang. Nun, zu einer Execution wird's nicht kommen. Danach sind weder Zeit noch Umstände angethan. Aber charakteristisch bleibt der Vor­gang. Als Heffen auf demVertragsweg" in der Verwaltung der Main-

Weser-Bahn so etwa- wie vergewaltigt und schließlich zum Verkauf feinet AntheilS daran fast gezwungen wurde, alS unlängst die Hessische LudwigSbahn mit ihrem den Kern des Geschäft- auSmachenden Gütertran-port von der preußischenRheinischen StaatSbabn" u. s. w. trocken gelegt werden sollte und war, wer dachte denn damals zu Berlin an ein Einschreiten de- Bunde-- rathS? Solche bundeSfreundliche Vorgänge zwischen Großen und Kleinen traten zwar zu asten Zeiten aus; aber, aber die Moral von der Geschichte

Gingesandt.

Kiepen 5. Februar.

Gor wenigen Tagen meldeten unsere Localblätter etwa.DaS Ei« der Lahn hat sich oberhalb des WebrrS gestellt, trotz deS verhältnißmäßig niedrigen WasierstandeS ergießt sich die Lahn in daS Neustädter Feld." Damit scheint auch in diesem Jahr nach alter guter Gewohn- hrit daS Sreigniß abgethan zu sein.

Rathsam ist eS für Den, der sich für da- Wohl und Wehe der Stadt interessirt, mit mir an den Ort zu gehen, an dem sich ein so unbedeutendes Ereigniß,ein Erguß der Lahn in'S Reustädter Feld" begiebt, resp. vorbereitet.

Die Lahn, aufgestaut durch daS Wehr von diesem bis zumSteinköpprl", Hot hier kaum erkennbaren Fall. Bet einigen Graden unter Null bildet sich auf jener Strecke schon eine Eisschicht, die eine sehr bedeutende Stärke erreicht, ehe die Lahn weiter oberhalb zufriert. Nach wochenlanger starker Kälte tritt plötzlich Tbauwetter ein. Das schwächere EiS oberhalb des SteinköppelS zrrbricht bald durch den Druck deS anschwellenden WafferS, dn heftig strömende Fluß reißt gewaltige Sckollen Ei« mit sich und setzt sie in der Nähe deS Stein- köppels auf das noch ruhig und fest auf dem Wasier liegend« sehr dicke EiS ab. Bald thürmt sich Eis auf EiS, verstopft den Wasserlauf, die Lahn staut zurück, daS Wasier ergießt sich in'S Neustädter Feld.

Crofdorfer Straße und Gleiberger Weg stehen unter Wasier, die Fabrikarbeiter rc. auS der Umgegend geben über das Hardtplateau dem alten Gleiberger Weg entlang über die Rod- Heimer Straße nach Gießen und kommen an ibren Arbeitsstellen günstigenfalls mit 1>/z Stunden Verspätung an. Die Rodheimer Post bleibt im Wasier sieben, Pasiagiere und Postsachen rettet man auf den außgespannten Pferden, wenn diese nicht vorher ertrinken, der Gießener sieht sich das grandiose Schauspiel an. Die Wasier verlaufen fick, wenn'S gut geht, nach 48 Stunden und man lebt weiter in der frohen Erwartung, daß daS alles fich sei erster Gelegenheit wiederholen wird.

MitWasserdichten" an unseren Füßen sehen wir uns nun die Sache etwaS näher an am folgenden Tage. Vierundzwanzig städtische Arbeiter haben inzwischen die Eisschollen von den Straßen geräumt, wäbrend die Feldwege gesperrt bleiben bis mildere Lüfte wehen. So­weit das Wasser sich im Felde verbreitet hat ist alle« übersäet mit riesigen Eistafeln. DaS Wasier hat sie dahin geführt und dafür die Wintersaat Weizen und Korn die Acker­krume birr mehr, hier weniger mitgenommen. Nun, daS interessirt unS nicht so sehr, der Bauer fährt wieder Dünger oder Erde dahin, säet und hofft von Neuem. DaS thut un8 ntchtS, daS kann der Bauer mit sich und seinem Geldbeutel abmachen Steuern zahlt er aber auf alle Fälle. Was urS räber angeht, daS sind die städtischen Wege: wie sehen die aus! Der Kies ist in der Labn mühiam gebaggert, theuer bezahlt und nicht billig zur sogen. Befferung auf den Wismarer Weg gefahren, wo ist er hn? In sein Bett zurück, tief in die Lahn. Der Eroftoifer und'Gleiberger Weg waren väterlich mit neuen Aufschüttungen bedacht, die Basaltsteine werden zu diesem Zweck alljährlich aus dem Hangelsteiner Walde ge­holt, mübsam zrrkleinert auf den Fahrdamm geschüttet. Alljährlich ist dle Lahn so gefällig, diese Steine wtedrr weazuräumen, fortzuführen. Das ist in den vergangene» Jahren regel­mäßig und in gründlichrr Welle geschehen, obwohl auch dieSmal die aufgeschütteten Steine strichweise weggespült sind bis auf die Packlage. Die mangelhaft angelegten Durchlässe an den gen. Straßen stürzen selbstverständlich em, werden reparirt und stürzen wieder «in immer nach alter guter Gewoknheit

Wie hoch sich der Schaden, an Geld berechnet, beläuft, den die Stadt direct durch daS Hockwasier an den gen. Punkten erleivet will ich nicht ausführlich berechnen. Einige Hundert Mark wobl zweifellos. Jetzt kommt cer Bauer, der unS freilich nichts angebt. Vom Lahn- waffer werden an Ackerland überspült ca. 200 Morgen = 50 H., ganz abgesehen von den Arckeen der Gießener Gemarkung, die Heuchelheimer Bauern gehören, denn diese gehen unS erst recht nichts an. Rebmrn wir den Werth jener 200 Morgen i 300 JL an, wen» daS Land durch Labnwasier entkräftet ist. so muffen wir wohl weiter annebmen, daß die Besitzer mindestens «in Dünger- und Meliorationskapital von 75 JL in jeden Morgen stecken, um auf eine bescheidene rentable Ernte rechnen zu können Dies in den Grund und Boden gesteckte Capital, ca. 15,0'»0 JL. geht gan, oder zum größten Dhetie verloren durch den sogen. Erguß der Labn in s Neustädter Feld Solche Ereignisse, die den Bauern der Provtnzialhauptstabt Gießen unmittelbar vor dem Thore der Stadt treffen, sollen diesen gerade nicht Unternehmung«' lustiger machen.

Der Schaden ist du, wer s richt glaubt, der gebe hin und sehe, nicht erst im Hoch­sommer, wenn der Schaden reparirt ist oder reparirt scheint. Lust am Raiffoniren treibt den Schreiber diese« nicht, sondern die fest« Ueberzeugung, daß es ander« sein könnte, daß es ander« werden muß, daß die betroffenen Grundbesitzer das Recht haben, zu fordern, was man zu thun gewohnheitsmäßig unterläßt.

Wie e« anders werden muß, wie zu verhindern ist, daß städtisches und Privateigenthum alljährlich verwüstet wird, ist auch für den Laien unschwer einzusehrn: Sobald die Lahn durch anbaltende Regengüsse oder durch Eisstauungen tteentbdb anschwillt, bitt das Wasser über der Gail schen Woll'pmnerei bier ist Gelände ausgeziegelt und dem< Hochwasser der Weg pe» öffnet und an der Launsbacher Grenze aus und verbreitet stch in das Neustädter Feld. Schvtz- dämme von zusammen ca. 600 Meter Länge, 1 Meter Höhe an den bezeichneten Punkten würden daS verhindern. Material gibt« kostenlos an den Hardtabhärgen, Fuhrlöhae und Arbeitskräfte find zur Zeit niedrig genug.

Liegt ungewöhnlich dickes Eis auf der Lahn, wie in diesem Winter, so genügt ein Suf- sprengen des Eises vom Wehr bis zum Steinkövpel vermittelst Dynamit, um dir Eisschollen zum A^ treiben zu bringen, ehe das obere Lahneis kommt. Kostet diese Arbeit wirklich 100 bl« 300 JL, so ist das eben unvermeidlich, ebenso unvermeidlich wie die Kosten des Weglchaffen« von Straßenkehricht aus den Straßen der Stadt, das Bestreuen der Promenaden mit Sand bei Wir.tnkälte :c. rc. Geht die Stadt der Sahnfluß nichts an. so würde durch rechtzeitige geeignete Vorstellungen bei der zuständigen Behörde ein gemeinschaftliches Vorgehen gewiß beicht bewerkstelligt werden können.

Ueberhaupt bte ernste Erkenntniß, die Heb die maßgebenden Persönlichkeiten jetzt durch Augerlickein verschaffen können, daß man nämlich solche Zustände abänvern muß, daß man im eigenen Interesie, wie im Interesse einet sehr großen Zahl steuerzahlender Bürger auch dme Verpflichtung bat, wird alle im Wege stehenden Hindernisse wegzuräumen wissen, damit ntcfct alljährlich ein oder mehrere Mal die Notiz imGießener Anzeiger" wiederkehrt:Die Lahn ergießt sich in'S Neustädter Feld."