Einzelbild herunterladen

Die Seffel über die Köpfe haltend, suchten sich die Deutschen durch die fana- tisirte Menge zu dew Schiffe zu begeben. Doch auch dieses letzten Schutz­mittels, nämlich der Seffel, mußten sie sich in Folge Protestes des herbeieilenden Wirthes begeben. Gläser, Flaschen, Steine flogen den Flüchtenden nach, wobei der deutsche Techniker, Herr Lumpe, von einem schweren Steine am Kopfe ge­troffen, ohnmächtig zu Boden stürzte. Zufällig kam Dr. Sievert aus Greiss. Wald (Preußens hinzu, welcher den Ohnmächtigen, dessen Verletzung eine schwere ist, aushob und zum Schiffe trug. Dem deutschen Juristen Herrn Pick wurde mit einem Knittel ein so wuchtiger Hieb über den Kopf versetzt, daß er ebenfalls bewußtlos zusammenstürzte. Nachdem er das Bewußtsein wieder erlangt, wurde er von einem Czechen gerüttelt und mißhandelt. Seine Ver. letzung, ebenso wie die von zwei anderen Deutschen, ist bedeutend. Indessen eilten die Corps-Studenten über die Bahndämme, Felder, Straßendämme in ungeregelter Flucht aus die bewaldeten Abhänge, fortwährend verfolgt von dem Gejohle und den Steinwürfen des fanatischen Pöbels. Wenige der Flüchtlinge kamen mit heiler Haut davon. Als endlich die Verfolgung ein wenig nachge- lasien hatte, wagten sich die in der Minderzahl befindlichen Deutschen auS ihren Verstecken und begaben sich verstohlen zum Dampfschiff, wo die Verwun­deten in der Kajüte lagen und vom Dr. Sievert gepflegt wurden.

Um 11 Uhr NachtS erfolgte die Rückfahrt des Dampfers nach Prag. Als derselbe in Prag ankam, unter der Podjkaler Brücke passtrte, wurden von dieser große Steine in reichlicher Menge aus das Schiff hinabgeschleudert. Ein Bootsmann wu.de nicht unbedeutend verletzt. Die Schwerverletzten wur­den auS dem Schiffe gehoben und zu bereitstehenven Wagen und in bas Kran­kenhaus gesührt ....

So die Prager Berichte, die nicht nur bei dm Deutschen in Böhmen selbst, sondern auch in Wien eine gerechtfertigte Entrüstung hervorgerufen haben, die sich u. A. in heftigen Klagen über die kaum glaubliche Nachlässigkeit der Prager Behörden Lust macht. Zwei ministerielle Blätter, das Prager Abend- blatt und die Wiener Abendpost brechen sogar das Schweigen, kritisiren indeß nur das Gebühren drr Czechrn. DasPrager Abendblatt" beklagt die statt­gehabten Exceffe der czechischen Studenten und bemerkt gleichzeitig, daß die­selben von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung Prags, ohne Unter- schied der Nationalität verurtheilt werden. DieWiener Abmdpost" unter- zieht die Exceffe der Prager Studenten einer verurthetlendm Krcktk und erklärt, die Regierung werde ihre Pfl-cht erfüllen und auch, wie dies namentlich in Momenten einer factisch vorhandenen und vielleicht künstlich gesteigerten Auf­regung geboien erscheine, den Ursachen zu iolchm Exceffen vorzubeugea wifien. Dem vereinten Bemühen aller patriotischen Kreise ohne Rücksicht auf die Na tv- nalität werde es zweifellos gelingen, die Ursachen und Wirkungen der bekla- genswerthen Ausschreitungen gleichmäßig zu beseitigen.

Deutschland.

Gießen, 4. Juli. Morgen, Dienstag. Abends 8 Uhr, findet in Wen- zel's Saale die Generalversammlung des Vereins der nationalen unb librralm Partei statt. Wer die politischen Vorgänge in Deutschland und auch in un- (crem Wahlkreise während der letzten Wochen und Monate beobachtet hat, der wird wissen, von welch' hohem Interesse die Wahl eines Candidaten für den demnächstigen Reichstag ist. Da die Gmeralversammlung sich vorzugsweise mit der Ausstellung eines sreisinntgen Candidaten für unfern Wahlkreis zu beschäftigen hat, wird es wohl jedes freisin­nige Mitglied des genannten Vereins für eine patriotische Pflicht halten, der Generalversammlung beizuwohnen.

Ews, 2. Juli. Se. Majestät der Kaiser begab sich gestern Mittag gegen 12V2 Uhr zu Wagen nach Koblenz zu Ihrer Majestät der Kaiserin und kehrte am Abend um 8 Uhr hierher zurück. Heute machte Se. Majestät die regelmäßige Brunnenpromenade unb empfing später Se. K. K. Hohe t den Kronprinzen, welcher um 10 Uhr 41 Min. hier etntraf.

Koblenz, 2. Juli. Das heuttae Bulletin über das Befinden Ihrer Majestät der Kaiserin lautet: Ihre Majestät die Katserm hat nach einem unruhigen Tage eine bessere Nacht verbracht. Schlaf erquickender, Apprtit rege, Zustand der Wunde gut, Temperatur normal, Kräfte geben sich.

Berlin, 2. Juli. Die Verhar dlurgen über den Zollanschluß von Bre­men (wenn man überhaupt die vertraulichen Pourparlers, die bis jetzt gepflo­gen wurden, Verhandlungen nennen will) sind theils wegen der vorgerückten Saison, theils auch wohl wegen der krankhaften Abspannung des Reichskanz­lers, die ihn gerade derartige Geschäfte meiden läßt, biL zum Herbste vertagt worden. Urber die Hauptsache, daß Bremen dem Zollvereine angeschlvffm werden muß unb soll, ist man selbstverständlich einig, zumal ba in Bremen schon seit Jahrzehnten eine sehr einflußreiche Anschlußpartei bestaub.

Hesterreich.

Prag, 2. Juli. Gestern Abend würben 4 Personen verhaftet wegen Ruhestörungen und weil dieselben den Aufforderungen von Wachtmanaschasten nicht Folge leisteten. Von den vorgestern verhafteten 27 Personen sind bereits 15 dem Strafgerichte eingeliefert worden.

In Folge der Dcutschenhetze in Prag, über die wir an anderer Stelle ausführlich berichten, hat der Senat der Prager Universität beschloffen, sämmtliche Collegien zu sistiren unb bei bem Unterrichts-Ministerium bie Be­willigung zu sofortiger Schließung bcs Svmmersemesteis, sowie zur Einleitung der strengsten Disciplinar-Unlersuchung anläßlich der jüngsten Ausschreitungen der Studenten zu beantragen. DasReichsgesetzblatt" veröffentlicht den Handelsvertrag mit Deutschland, das Gesetz, betr. den VeredelungSoerkehr und zwei Mtntsterial-Verordnungen, in welchen bie bisherigen Bestimmungen über den Appreturverkehr bis zum Ende di-scs Jahres erneuert werden. Die Publi­kation in den Amtsblättern von Wien und Pesth erfolgte am vergangenen Freitag.

Prag, 2. Juli. Für morgen ist hier eine Versammlung sämmtlicher deutscher Abgeordneten Böhmens projectirt. Für dieselbe sind zwei Anträge vorbereitet. Nach dem ersten Anträge sollen btc Abgeordneten eine Deputation an den Kaiser entsenden, um einen ausgiebigen Schutz der Deutschen in Böh- men zu erbitten. Nach dem zweiten Anträge soll jeder Abgeordnete in seinem Wahlbezirke aus das Schleunigste Wählerversammlungen einberufen, damit bie Wähler selbst durch Deputationen für ihre in Prag studirenden Söhne und ihre dort wohnenden Stammesgenoffen Schutz unb Sicherheit erbitten.

Eine Deputation czechischer Studenten erschien bei bem Statthalterei-

Vicepräsibenten und erklärte Namens der czechischrn Studentenschaft, daß sie die Ausschreitungen einzelner ihrer Commilitonen entschieden mißbillige und sich bemühen werde, die Eintracht unter den Studenten der Prager Hochschule wieder herzustellen.

Rußland.

Petersburg, 2. Juli. Der Minister des Innern suspendirte die in Odeffa erscheinende ZeitungOdeßky Listok" auf 4 Monate.

Stlrgraphischr Vepeitzm.

Wolff'« telegr. fcemfoouttwyBwttau;

Ems, 3. Juli. An dem gestrigen Diner bei Sr. Maj. dem Kaiser nahmen die Generäle v. Schlotheim unb v. Rauch, sowie der Botschafter Graf Hatzfeld Theil. Heute machte Se. Majestät die gewohnte Brunnenpromenade und begab sich sodann zur K rche. Se. K. K. Hoheit der Kronprinz kehrte gestern Abend aus Koblenz zurück und fuhr heute wiederum zum Besuche Ihrer Majestät der Kaiserin nach Koblenz.

Se. Majestät der Kaiser begab sich heute Abend, begleitet von Sr. K. K. Hoheit bem Kronprinzen nach Koblenz. Der heute veranstalteten Re­gatta, bei welcher die Frankfurter Rudergffellschaft den Kafterp.eis gewann, hat der Kaiser nicht beigewohnt.

Koblenz, 3 Juli. Das heute Vormittag 10 Uhr über daS Befinben Ihrer Majestät ber Kaiserin ausgegebene Bulletin lautet: Was bas U bei betrifft, welches bie Operation erforderlich machte, so ist der Verlauf der Hei­lung zufriedenstellend. Dagegen traten gestern Abend nervöse Athembeschwerden auf, welche Ihre Majestät tn hohem Grade belästigten unb die Nacht unruhi­ger gestalteten, als die beiden vorhergehenden. Gegen Morgen minderten sich diese Erscheinungen unb nach Aufnahme von Nahrung ist bas Allgemeinbe- finden zur Zeit ein befriedigendes.

Berlin, 3. Juli. Auf die Nachricht von der Wegführung des deutschen Staatsangehörigen, Forstmeister Bernges (Bernius?), durch eine Räuberbande, die tn Ostrumelien ihr Wesen treibt, sind Seitens des Auswärtigen Amtes sofort Er­mittelungen angestellt, sowie Schritte behufs Befreiung deS Gefangenen einge- leitet worden. Wie der genannten Behörde heute aus Konstantinopel gemeloet wird, soll Bernges bereits wieder in Freiheit gesetzt sein und sich in Bellova befinden.

Prag, 3. Juli. Anläßlich der Ereigntffe der letzten Tage versammeltea sich heute die böhmischen Reichsraths- unb Landtagsvertreter deutscher Natio­nalität im deutschen Hause Hierselbst unb beschloffen, ein Manifest au die Dänischen in Böhmen zu richten.

Die öffentliche Ruhe ist seit gestern Abend nicht gestört worden.

Kronstadt, 3. Juli. Das englische Geschwader unter bem Commando des Herzogs von Edinburgh ist gestern Nachmittag 3 Uhr hier eingetroffen.

Lokales.

Gießen, 4. Jult. Die Bethelligung an den Pfennigsparkaffen hat am verflossenen Samstag einen sebr erfreulichen Anfang genommen. Bcl den 4 Sparstationen wurden von 383 Einlegern 175 JL eingelegt. Wie schon öfters mitgetheilt, befinden sich Sparstationcn bei den Herren E Fischbach, Seltersweg, Carl Hensel, Walllhorstraße, W. Kurz, Neu­stadt und Chr. Schopbach, Neuenbäuen

Ein heute Nacht am Wiesecker Weg ausgebrochener Straßentumult, verüb» von drei Arbeitern, endete mit der schließlichen Verhaftung derselben. Das Amtsgericht gab heute Morgen jevern wegen Ruhestörung <> Taqe Hast, sofort zu verbüßen; außerdem ist gegen den einen wegen Widerstands gegen bie Staatsgewalt, gegen den andern wegen Versuchs zur Befreiung von Gefangenen Anklage erhoben

ZZerWischtes.

Ems, 3. Juli. Die Regatta, bei der im Ganzen sieben Rennen stattfanden, gestaltete sich zu einem glänzenden Siege der Frankfurter Rudergesellschaft Germania, die in drei Rennen den Preis errang Auch bie Rubergesellschaft Sachienhausen hat zwei Siege zu verze.chnen, während die Cölner, Bonner unb Trarbacher wemg Ruhm ernteten. Die Rennen begannen statt um 1, um 4 Uhr. Der Kaiser war nicht anwesenb, er reiste vielmehr mit bem 5bon= vrinzen um halb sechs Uhr nach Koblenz. Die Preise, theils von ber Kurverwaliung, lheUS

von Emser Damen ausgesetzt, bestehen in Humpen, Kannen re.; der Ehrenpreis beS Kaisers ist ein silberner Tafelaufsatz. Der Verlauf der Regatta war folgender: 1) Zweiruderige Jnrtgged Raeeboote: Frankfurter Germania siegt leicht über Bonner Ruderclub mit zehn Bootslängen. 2) Vierrudertge Jnrigged Raeeboote gestaltet sich zum interesianten Wettkampf zwischen Mannheimer Ruderclub und Sachsenhausen. Letzteres siegt nach hartem Ringen mit zwei Bootslängen. 3) Vierrudertge Jnrigged Gigs: Koblenzer Rudergesellschaft siegte bequem über Trarbach und Trabener Ruderclub. 4) Vierruderige Jnrigged Raceboot sur Jüngere: Frankfurter Girmania schlägt spielend den Bonner Ruderclub. 5) Outrigged Gigs: Offen­bacher Ruderver^in siegt bequem über der den Mainzer Ruderclub. 6) Dierniderrige Outngged Raceboote (Ehrenpreis des Kaisers) endet mit einem schönen Siege der Flanksurter Ruder- gesellschaft Germania über die Kölner Rudergesellschaft. 7) Einruderigc Raceboote:

Boot von Sachsenhausen (Fahrer Biersack) schlägt den Kölner Ruderclub (v^hrer Patton) mit fünf Bootslängen. Heule Abend findet große Illumination des Kurgarlens statt, (y. Z ) Wie unser Kaiser in Ems wohnt, erzählt dasBerl. Tagebl." Die Einfachheit und die Anspruchslosigkeit der Zimmereinrichtungen - der Kaiser bewohnt den ersten Stock des Flüqelbaues am Kurhause muß Jedem ber die Räume zum ersten Male betritt einen Ausdruck gelinden Erstaunens abnöthigen. Die bekannten rothen Plüjchgarnituren sind so zu sagen in Permanenz erklärt. Ebenso schmucklos ist auch der übrige Hausrath, .-.ußer dm Porträts unseres kronprinzlichen Paares, einigen kleinen GypSfiguren, welche auf Schränken oder Spiegelkonsolen unt-rgedrackt sind, haben wir nur das W-rnrr'sche Kaiserproclamations- bild bemerkt. Aber Eines hat die kaiserliche Wohnung tn Ems mit dem Berliner Palais gemeinsam nämlich das historische Eckfenster. Hier tst unseres alten Kaisers Lieblingsplätzchen, hier kann man den Kaiser jeden Vormittag zwischen 1U und 11 sitzen sehen Er ist in un­unterbrochener Thätigkeit, er liest, unterzeichnet Regierungsacte und dergleicken mehr. Ein alter, im Ehrendienst ergrauter Holzfissel mit einem Sitze aus Strohgefl cht, daS ist der Emser Kaiserstuhl und der Scyreidtisck, vor welchem der Kaiser sitzt., hat Die sattsam bekannte Form jener Damenscbrcibtische, welche wir tn den bescheidensten Bürgerwohnungen antreffen Unwill­kürlich blickt jeder Dorübergebende nach jenem Eckfenster, um seinen greisen Helbenkaiser einmal so recht con amore betrachten zu können. Man freut sich im Herzen über dies wirklich ungemein anheimelnde Genrebild. Rücksichtsvolle Besucher wenden ihren Blick rasch wieder weg, um den alten Herrn nicht zu belästigen. Leider bildet diese die Minderzahl. Weitaus die Meisten bleiben minutenlang vor dem Fenster stehen. Man muß eS aber eben selbst mit angesehen haben, in welcher Weise unser Kaiser jeden einzelnen Gruß erwidert um im Stillen den Wunsch zu hegen, daß man dem greisen Monarchen auch nach d.e,er Richtung hin em wenig mehr Schonung gönnen sollte. Vor einigen Tagen ist es sogar vorgekommen daß ein vorüberfahrender Herr sich mit wenig beneidenswrrther Ungenirlheit sein Opernglas an die Augen setzte und daffelbe auf den Kaiser richtete

Rüdcsheim Der Weinstock steht run, Dank der tropischen Hitze, in voller Bmthe, welche, wenn die Witterung sich noch einige Tage hält, günstig und rasch verlauft. Die zum Theil bereits verblühten Gescheine sind in seltener Menge und merkwürdiger Große vorhanden und verbreiten einen köstlichen, herzerf, euenden und hoffnungerweckenden Blüthenduft. Im Rüdesheimer Berg befinden sich Gescheine bis zu 25 Cm. Große. Mögen unsere Wünsche und Hoffnungen auf einen Treffer sich erfüllen

Der Hamburger DampferVandalia" von Hamburg nach New-York mit tausend Paffagieren affo einschließlich der Bemannung mit zwölfhundert Seelen an Bord ist von einem Unfall betroffen worden, der hoffentlich und voraussichtlich ohne weitere schlimme Folgen