Ausgabe 
2.11.1881
 
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1881

Mittwoch den 2 November

Nr.

Erscheint täglich mit Ausnahme bco Montag».

Vnrcau: Echutstraße B- 1H.

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anders als tm dauernden Bunde gestellt zu sein wünschen, vereint mit ihr auSrusend:Ewiva il Re! Man sieht: Tempora mulantur--

Em Eabinet Gambetta ist Frankreich nunmehr sicher. Um einer un­liebsamen Debatte in der Kammer aus dem Wege zu gehen, gedenkt man Gambetta schon vorder ein Zeichen großen Vertrauens zu geben. D'.e alte Linke und die republikanische Mion, also die beiden Hauptgruppen der Linken, gedenken eine gemeinsame Versammlung zu arrangiren, welcher Garn- betla prästbiren soll, so daß er als Chef ter Majorität der Republik dadurch pnvklamnt rhb. Die von Gambetta in Havre gehaltene Rde gilt als Programm defielben; es lst mit zwei Worten erschöpft: Friede und Arbeit! Auf diesem Gebiete allein soll Frankreich mit den and ren Nativ- neu wetteifern. Die Bevölkerung jubelt Gambetta zu.

Ja Wien soll der päpstliche Nuntius Vanutelli vom Papste den Befehl erhalten haben, während der Anwesenheit des italienischen König- um em Wort drS Herrn v. Puttkamer zu gebrauchen zuverduften." Ec tnufc aus's Land." m .

Aus Rußland meldet man neue Verschwörungen und neue Verhat- tungcn. Auf einem heimkchrenden Kriegsschiffe soll man Osficiere und viele Mannschaften verhaftet haben. Wann wird endlich der Retter kommen diesem Lande? . , .

Zum Vice.Präsidenten der Vereinigten Staaten ist ein ehrenhafter Mann gewählt worden, Senator Bayard von Delawdre. Da« Andenken Garfield'- macht alle Kandidaten der CorruptionSpartei unmöglich. Ter Proceß Gutteau dürste sich der WahnsinnSsrage halber in die Länge ziehen, sehr zum Aerger der Amerikaner, welche den Patron lieber heute al- morgen hängen würden. e A .

Berlin, 30. Oktober. In Sachen der DampfschiffeSokrates und Diogenes", deren Auslaufen aus dem Kieler Hafen bekanntlich seit längerer Zeit von d<r Regierung gebindert wrd, weil der Verdccht besteht, daß fle in dem Kriege zwischen Peru und Chile Verwendung finden sollen, ist noch immer keine Klarheit vorhanden. Man will, wie ein Erlaß des Ministers des In» nein auLführt, dem Werfibesitzer und Erbauer der Schiffe, Herrn Howaldt, ketnesweas das Etg.nthum an den Schiffen streitig machen; er soll nur an- geben, für wessen Rechnung er sie fertig gestellt hat. Auch verkaufen könne er sie, an wm er wolle, nur behalte sich die Regierung vor. auch dem Käufer den Nachweis abzusordern, zu welchem Zwecke er dieselben zu verwen­den fltb $mtn mischte Tobaksf brikanten entwickelt jetzt eine sehr be- tz-utende Thätigkeit, nm gkg.n das Tabaksmoropol wirk am zu agitiren, und findet S'iter.s ter Tabaks.Jntereffenten fast im aanzen Reiche eine sehr rege Unterstützung. Neuerdings find namentlich viele Beitrittserklärungen aus dem Königreich Sachsen erfolgt, deffen zahlreiche Tabaks-Jnterefsinten auch bei ihrer Regierung vorstell'g werden wollen, um diese gegen das Tabakswonopol beim Bm.desraib vergeben zu lassen. Inzilchen verlautet, daß die Reichsregierung bei dem Bundesrathe nicht aus erheblichen Widerstand »egen daS Tabaks. moncBo! stoßen wird, mäbrenb fie andererseits sich keinen Illusionen über das Schicksal der Beilage im Reitsiage, se lange b.:8 Centrum geschloffen dagegen stimmen wirb, bmaiebt. Ob bas Monopol überhaupt vergelegt wirb, erscheint Angesichts bes Wahlaussalles fraglich.

Hcsterreich.

Wien, 30. Okieber. Heute Mittag empfing bet Kaiser ben siamefi. sch.n Prinzen Pridaiang, welcher in Begleitung bes fiamesischen Gesanbten ven Lenden emflen offen war unb ein Hanbschreiben bes Königs von Siam überreichte. P-in, Pnbasang übeibiingt mehrere aus kunstvelleu Arbeiten der fiamesischen Goldaibeiierkuvst bestehende Geschenke, welche für das krenprinz. liche $air bist mmt find.

Wien, 31 October. Der: i; und die Königin von Italien traten beute Vormittag 9 Uhr die Rückreise an. Aus dem Südbah-.hose waren der Kaser und sämmiliche Er,Herzöge zur Verabschiedung anwesend. Der Kaiser reichte der Kvn g-n den Arm, während König Humbert, welcher die Oberst- Uniform sei, es österrechiscken Reg ments trug, der Erzherzogin Rainer den Arm bot. D r Ka ser küßte der Königin Margeritha die Hand. Die beiden Monarchen umarmten und küßten sich und waren sichtlich sehr bewegt.

Krankreich.

Paris, 29. Oktober. Aus Tunis wirb gemeldet: Die Nachricht vom Tode Al, Ben Arnars, des Führers der tunesischen AufstLndrschen, werd b-stä>iqt, d e Ausstär bischen sollen sehr entmuthigt fein. Dw französischen Militärbehörden haben beschlossen, die tunesischen Truppen mit Unterhalt zu versehen. Ter B>y hat eine Proklawaiion erlassen, rn welcher das Gerücht, daß türkische Truppen nach Tunis kommen würden, für gänzlich unbegründet erklärt wird; die zur Auftechterhaltung der Ordnung nach Tripolis gesendtten türkischen Trurpen würden in der Kürze nach der Twrkel zuruckkehren. Dte Truppenabtheilunq des Generals Forgemol, die in Guehia Biba angekommen war, wollte am 25. ds. in Oued el Hatef bei Candiatelalfa eintreffen.

N^ch hier eingegang'nen Nachrichten aus Sfax find unter den fron» zSsischen Mitgliedern der dortigen Untersuchungs-Commisfion Mißhelligkeiten

König Humbert in Wien.

Unter der gewaltsamen Aufregung der demfcken ReichStagswabl hat die siüher to viel besprochene Reite d(S Söng» von Italien nach Wien fast o ar keine Beachtung gefunden. Pflichtgetreu haben die Zeitungen die offic^öfen Wiener Telegramme veröffentlicht, ohne weit r Überhaupt em fernere- Wort an daS Ereigrtß selbst zu knüpfen, das dock eine neue Phase in der europäi­schen Politik bedeutet und tm eigentlichsten Sinne des Wortes eine Friedens, bürgschast ist. Gerade so, wie Frankreich ist Italien stetS als Unruhestffl r bekannt gewesen. unb man bat von Rom aus stetS versucht, in olle möglichen , del sich emzumischen, um für Hallen etn»n MachtzuwachS zu erhalten. Frankreich unb Preußen hat das jule Königreich seine Machtstellung au ver­danken ; so hätte <6 besonders ob* den Sieg der preußischen Waffen bei SÜmggrätz niemals bie Lombards ohne die Schlacht bei S.dan kaum jemals daS Patrimonium Petri, den Kirchenstaat unb Rom, erhalten. Dafür haben wir in Deulsckland unS bisher kaum großer Sympathien Seitens der ltatie- nischen Staatsmänner erfreut, man war in Rom bind) unb durch französisch g.sinnt, unb gern bereit, den Ränk.stiftern der Republ k bei jeder Gclegenhe t dienstwillig zur Hand zu gehen. Wie sehr Italien in den onei talischen Ange- lege:.Helten gewühlt hat, u, d dra^s unb dran war, die Mächte gegen nnander zu h-tzen, um nur für sich selbst (in gute- Stück Beute zu erjagen, .st ja zu bekannt, als daß wir dies noch weiter ouseir.anderzusetzen brauchten, unb rbrnlo das Treiben der halb von dem Minister um prw legirten Haha irndenta , b:e eine Zeit «ang geradezu und ganz offen emen Emsall in die Umgegend von Trient vorbereitete So sand daS italienische Cabmet längere Zeit, welcher Partei die Minister auch angehören mochten, sei. e Ausgabe darin, überall im Geheimen zu agitiren und d>e Zwietracht auf rol.tischem Gebt te in selbstsuch. nfltm Intereffe, zu schüren. , Aber die klugen Diplomaten fanden endlich ihren Mester, wo sie ihn zu, äckft am wenigsten erwartet hatten, in Frankreich. So grcßmüthig sich die Republik immer dem bencchbarten, wett schwächeren Königreiche g.genübergestellt hatte, so wadue sie doch vor Alllm ihr eigenes Interrffe unb da auch Frankreich niv mt, wo es nur etwas bekommen kann, so mußte nothwendu er Weife endlich einmal ein Bruch eir.treten, unb die- Tschad schneller, als man erwarten konnte. Jtal en war im besten Begaff, die Regentschaft Tunis in Afrika unter feinen Schutz zu nehmen, als Frank- reich ihm zuvor kam unb mit Hülfe der ichnell erfundenen .Khrumns Tunt- nicht nur protegirte, sondern es auch, wenn auch nicht gerade btm Namen, so doch der Thal nach, annectirte. Daait war das gegenseitige FreundschastS» band, welck'S d,e beiden Reiche bisher verknüpft h.tte, zerr.ffen, die bekannten Marseiller Italienerhetzen, durch welche der Haß der Nationen rmmer böher aeüeiaert wurde, folgten; Italien und Frankreich standen einander schließ.ich schrcff gegenüber. In Rom begannen sitzt diplomatische Versuche, um Frank- reich au« dem gewaltsam angemaßten Terrain zu vertreiben, doch war alle Mühe vergebens, kein Staat hatte Lust, Tunis' wegen einen emopäischrn Krieg zu beginnen. Allein auf sich selbst angewiesen, kann Italien jedoch der seiner inneren Schwäche niemals ewe Rolle spielen unb so suchte eS denn ben An­schluß on Deutschland-Oesterreich, ber sitzt burck dre Reffe des Königs nach Wien factlsch bethätigt ist. Wenn nun aus der einen Seite die Dorbcdingung des Bündniffes war, daß das Treiben ber Irredentisten in Italien gänzlich au,hören muffe, so wird andererseits kaum von Wien und Berlin aus die Zu­stimmung erfolgt sein, bevor man sich in Rom nicht verpflichtete, der friedlichen Politik der beiden Kaiserwächte sich anzuschlreßen. Dadurch ist em fester, starker, friedliebender Staatenbur.d geschaffen, der in Europa jederznt für Aufreckterha'dung der Ruhe sorgen kann, unb gegen den alles Anstürmen un- ruhiger Mächle vergeblich ist-

Aeutschland.

Berlin 31. Oktober- Der 27. Oktober 1881 wirb in ber Geschickte Deutichlanbs eine Rolle fpielen. Wie auch bei Ausfall ist. e ne ber.kwürbigere Wabl bat nie stattgefunben. In Wabrhett >st bas Ergebmß bes Tages em klärendes Sreigmß, unb bie politische Albe t, welche burch bie lebhafte Wahl- aaitation verrecktet würbe, hat Teutschlanb auf alle Fälle um ein gut' Therl politischer Bilbung unb Erkeuntniß bereichert. Die Sntscherbung >st gefallen, rnrt ihr muffen alle Partien sich abfinben, u:.b auf ber TageSorbnung steht in Qutunft nur noch der eine Wunsch, baß alle Kämpfe unb auch bas Resultat derselben heilbringend fein mögen für die Gestaltung der Derhältmffe m unfe. rem lieben Vaterlanbe. . . , . ,

Alle Blätter in Oesterreich unb in Italien, natürlich mit Ausnabme bet rabikalen Presse, feiern bie Reise des Königs Humbert nach Wien. Die österreichische .Wehrzeitung", em miiilärilches Blair, dem man eine Vorliebe für Italien nicht nachrühmen konnte, schreibt:Savoyen immer voian!" so tief vor Kurzem aus bewegter stürmischer See bie murhige Königin des Ichöneu italienischen Lanbes, unb abermals ist es ein muthiger entsckloffener Sckritt wen nach vorwärts, welchen Savoyen-Jlalien im gegenwärtigen Moment vollsührt. Italiens weise Regierung hat die Bahn ernst,r ruh.ger Politik b:> treten. Mir dem König unb seinen Ministern begrüßen wir aber auch bie m feinem Gefolge hier anlangenden Vertreter ber italienischen Armee auf bas Wärmste, biefet tapferen, sympathischen unb schönen Armee, zu ber wir nie

Meßmer 'Anzeiger

Aistizk- unb Amtsblatt für ben Kreis Gießen.