Ausgabe 
30.5.1880 Zweites Blatt
 
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Nr. 123. Zweites Blatt. Sonntag den 30. Mai 188».

Kichener "Anzeiger

AüLize- md AültsM fit in Kreis Gieße«.

MedaettorrSbrrreau r «rpe-itisnSbttreau r

Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 3SarI 50 Pf»

Politische Ueberficht.

Der Reichskanzler scheint aus die Bewilligung der discrelionäien Gewalt in der Anwendung der Matgesetze großen Werth zu legen, da er die Herren v. Bennigsen, Miquel, v. Sybel, Gneist und Grumbrecht empfangen hat. Diesen Führern fällt bk schwere Aufgabe ;u, ihren Parteigenossen, welche zum großen Theil nicht für das Willkür-Gesetz eingenommen sind, die Annahme im höheren politischen Jnteresie zu empfehlen. Einige kleine Aende- rungen werden wohl von der Regierung zugegeben werden, um die Sache annehmbar" zu machen. Charakteristisch ist es, daß selbst die Freiconserva- tiven noch uneinig sind, tndesien werden sie sich sammt den Conseroattven der besieren Einsicht des Kanzlers nicht verschließen.

Unser guter Freund und getreuer Nachbar im Osten, Rußland, be­droht die deutsche Industrie, besonders die Eisenbranche, abermals mit einer beträchtlichen Erhöhung der Schutzzölle. Der Mangel eines wirth- schaftltcheu Hinterlandes im Osten ist seit langer Zeit ein Hauptgrund der Verarmung Deutschlands, die, je näher der Grenze Rußlands, um so deut­licher hervortrttt. Schlesien, Posen und Ostpreußen leiden darunter am meisten, und die Prohtbittv-Politik des Czarenreiches verschuldet zum großen Thetl die Nothstände, welche daselbst auftreten. Es ist natürlich schwierig, auf die Ent­schließung der russischen Regierung, welche die Zollerhöhungen als eine interne Sache betrachtet, Einfluß zu gewinnen, aber es mag endlich einmal constatirt werden, daß die Wtrthschafts-Feindschaft unseres Nachbars ein schlechtes Mittel ist, dem Weltfrieden zu dienen. Chinesische Mauern pflegen durch Kriege zerstört zu werden.

In Italien hat der Ackerbauminister Miceli der Regierung einen schlechten Dienst erwiesen, indem er bei einer Reise in die südlich.« Provinzen den Berliner Vertrag öffentlich mißbilligt und gegen Deutschland und Oester­reich gezetert hat. In Wien dürfte man von dieser feindlichen Haltung eines Ministers des italienischen Cabinets nicht sehr erbaut sein, und es wird dem heißblütigen Herrn Miceli, falls ihn, wie dies voraussichtlich geschieht, das auswärtige Ministerium desaoouirt, nichts übrig bleiben, als ein Brief ä la Gladstone. Jedenfalls zeigt sich aus's Neue, daß die Jcredenta bis in die höchsten Kreise Anhänger zählt, die sich zuweilen durch unüberlegte Worte verrathen. Die italienische Thronrede constatirt dagegen die guten Beziehungen Italiens zu ollen Mächten, sowie den Wunsch, das Möglichste zur loyalen Ausführung des Berliner Vertrages beizutragcn.

Die Franzosen arbeiten eifrig an allerlei Reformen in der Armee. Nach der Organisation der Reserven und der Terrttortal-Armee, zu welcher unsere Landwehr das Muster geliefert hat, nach dem Bau der Festungen, Forts und strategischen Eisenbahnen, nach der Artillerie und Infanterie hat man sich jetzt der Kavallerie zugewandt. Es wird beabsichtigt, eine Anzahl schwere Reiterregimenter tn leichte Kavallerie umzuwandeln, da viele Autori­täten sich gegen die Beibehaltung der Panzerretter aussprechen. Der Soctal ist en putsch tn Parts ist mit Geschick und Energie unterdrückt worden, und es dürfte für die öffentliche Ruhe sehr ersprießlich sein, daß der Janhagel gleich beim ersten Versuch, Unruhe zu stiften, die Macht der Stcher- hettsbehörde fühlen gelernt hat.

Aus London wird gemeldet, daß das Zustandekommen einer Nach- conferenz tn Berlin gesichert ist. Einige Mächte wünschen daselbst jedoch nur die griechische Frage besprochen zu sehen. Die radikalen Mitglieder des englischen Cabinets drängen auf Elitser.dung von Kriegsschiffen nach der albanestschen Küste.

Darmstadt, 26. Mai. Das Großherzogl. Regierungsblatt (Beilage Nr. 15) enthält:

1. Bekanntmachung Großherzoglicher Civildtener-Wittwenkasse-Commission, die Ergebnisse der Verwaltung der Civtldtener-Wittwenkaffe von den Jahren 1877, 1878 und 1. Quartal 1879.

2. Ueberficht der für das Jahr 1880 von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal - Bedürfniffen in den Gemeinden des Kreises Worms.

3. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.

4. Ordensverleihung.

5. Concurrenzeröffnungen. Erledigt sind: Die evang. Pfarrstelle zu Langstadt; dotationsmäßtger Gehalt 2147 je. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeiüdeschule zu Hebstahl mit einem Gehalt von 900 .je.; das Präsentationsrecht steht dem Herrn Grusen zu Erbach- Fürstenau zu. Eine mit einem kalh. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Heimersheim mit einem Gehalt von 900 je. Die Lehrer- stelle an der kath. Schule zu Dalsheim mit einem Geholt von 900 je. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Groß-Winternheim mit einem Gehalt von 900 je. Eine Lehrerstelle an der kath. Schule zu Lampertheim mit einem nach dem Dienstalter des betr. Lehrerö sich bemeffenden Gehalt von 1000 btS 1800 je. jährlich. Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Nieder-Mörlen Aiit einem Gehalt von 900 je. Die für dieses Mal mit einem seminaristisch gebildeten Lehrer evang. Confession zu besetzende Schulstelle (Mttpredigerstelle) zu Dornheim mit einem Gehalt von 900 je. Eine mit einem evang. Lehrer

zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Vielbrunn mit einem Ge­halt von 900 je.; dem Herrn Fürsten zu Löwenstetn-Wertheim Rosenberg und dem Herrn Grafen zu Erbach-Schönberg steht das Präsentattonsrecht zu dieser Stelle zu. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Alsbach mit einem Gehalt von 900 JL Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ockenheim mit einem Gehalt von 900 je. Eine mit einem seminaristisch gebildeten Lehrer zu besetzende Gesanglehrerstelle an der gemeinsamen Schule zu Mainz mit einem nach dem Dtenstalter zu bemeffenden Gehalt von 1300 bis 2300 JL Die mit einem seminaristisch gebildeten Lehrer zu besetzende zweite Turnlehrer­stelle an der gemeinsamen Schule zu Mainz mit einem nach dem Dtenstalter zu bemessenden Gehalt von 13002300 JL Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Leiselheim mit einem Gehalt von 900 je. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Spiesheim mit einem Gehalt von 900 je.

Lokales.

Gießen, 29. Mai. (Sitzung der Stadtverordneten am 27. Mai.) Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, Herr Beigeordneter Kelte;, von Setten der Stadtverordneten die Herren Baist, Gail, Grüneberg, Haustein, Hoch, Homberger, Kauf, Ad. Noll, Pfannmüller, Schopbach, Wenzel und Wortmann. Der eingebrachte Antrag auf Klagerhebung gegen die Ortsarmenverbände Heuchelheim und Steinbach, welche sich weigern resp. zögern, die Kosten für Verpflegung hierher verbrachter erkrankter Personen zu zahlen, wird genehmigt. Da der seitherige Fleischbeschauer Lony gestorben ist und dessen Stellvertreter Stoß die Funktionen eines solchen versteht, ist Seitens des Kreisamtes sowohl, wie von Setten der Poiizeiverwaltuug und des Krctsgesundhettsamtes die Anstellung von zwei Fleischbeschauern empfohlen worden. Die Versammlung spricht sich jedoch gegen die Anstellung zweier Fleisch­beschauer aus, da künftig die Arbeit eines solchen durch die Erbauung eines Schlachthauses vereinfacht würde. Das Gesuch von Konrad Seipp von Leihgestern um Erlaubniß zur Abfuhr von Letten aus dem Gießener Stadtwalbe außer den bestimmten Abfuhrtagen wurde abgelchnt, dagegen «in Gesuch des Johannes Schneider II. um Erlaubntß zur Anlegung einer Ueverfahrt am Wieseckerweg auf Befürwortung der Baudeputation genehmigt. Auf diesbe­zügliches Gesuch des Bäckermeisters Martin Lenz soll demselben ein Holzlagerplatz am Luther- bttg gegen den üblichen Pachtzins zugewiesen werden. Eine in Folge der Anlage einer Gosse von der Wettergasse nach der Marktstraße eingercichte Beschwerde eines Hausbesitzers konnte nicht berücksichtigt werden. Bei der Versteigerung von Bauplätzen an der Ludwigsstraße sind folgende Höchstgebote etngeretcht worden:

für

Pl.

Strfr.

Mtr.

mittl.

lll Mtr. JL

1

5500, 3300, 6010, 2300, 2010, 2570.

v. 20 Mtr.

20

.. 30

20 , 20

20

a) b) e) d) e)

u. 55 45 » 35 , 40 70 70

Die Versammlung beschließt, da die hier erzielten Preise zu niedrig seien, nur dem Verkauf des unter c) angeführten die Genehmigung zu ertheilen. Betreffs der Versteigerung von Bau­plätzen in der Schillerstraße, bei welcher für 4 daselbst befindliche Bauplätze 2770, 2200, 1930 und 2010 JL geboten wurden, beschließt die Versammlung, nur den zu dem erstgenannten Preise erstandenen zu genehmigen, die übrigen aber nochmals zu versteigern. Dr. v. Löhr hat auf städtischem Gelände ein Spalier errichtet und ersucht um Belassung desselben nach, da ihm ohne solches nicht genügenden Schutz für seinen Garten geboten sei. Die Versammlung be­schließt, diesem Gesuch widerruflich zu entsprechen gegen Entrichtung der hierfür üblichen Abgabe. Der Firma Nattmann & Weidig ist gelegentlich der Veränderung eines Nebengebäudes eine kleine Fläche von Trottoir überlassen worden. Nach eingegangencr Anzeige hat jedoch die genannte Firma das Dach des betr. Nebengebäudes zu wett hervorgebaut. Nach genommener Einstcbt erklärt die Baudeputation, cs bei diesem Umstand zu belassen, welcher Erklärung die Versammlung beitritt. Aus Anlaß der Parzellenvermessung ist der Jacobigraben ausgesteint worden, in Folge dessen mehrere Grundbesitzer von Klein-Linden Etgenthumsansprüche an den­selben erhoben haben. Diese Angelegenheit wird vorerst an die Baudeputation zurückverwtesen. In Betreff der Anlegung einer Straße vom Brandplatz nach dem Justizpalast hatte man in einer früheren Sitzung beschlossen, die Straße insoweit herzustellen, als die Stadt die Ueber- brückung des Schoorgrabcns und die Herstellung der Straße jenseits desselben übernimmt, wenn der Staat die Straße diesseits, also vom Brandplatz aus bis an den Graben herstellt. Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat jedoch diesen Antrag abgelehnt und weitere Vor­schläge ausgearbett, in Folge dessen die Versammlung beschließt, vorerst mit dem Kreisamt unter Berücksichtigung des Kostenpunktes, der Erlaubniß zur Benutzung des Brandplatzes für Fuhr­werke u. s. w. in Verhandlung zu treten. Dem Gesuch des Braumeisters Adolf Möller um Erlaubniß zur Anlegung einer Gosse über den Leihgesterncr Weg wird mit der Bedingung ent­sprochen, daß dieselbe unterirdisch angelegt wird. Von Den Baugesuchen werden genehmigt diejenigen von Christoph Niibsamen (Erbauung eines Wohnhauses am Hamm), Metzger Karl Daniel Metzger (Errichtung eines Schlachthauses in den alten Ställen), Kaufmann August Krüll (Errichtung eines Anbaues), Bürstenmacher Friedrich Winter (Aufbau eines weiteren Stockwerks und Herstellung eines Ladens), Vergolder Karl Leib (Anbau eines Erkers und Herstellung eines Ladens), Louis Lonh (Vornahme von Bauveränderungen.im Brauhause), Bauunternehmer Heinrich Adami (Anlegung einer Einfriedigung), Fabrikant Johannes Bern­hardt (desgleichen). Nach Genehmigung verschiedener Kostendccreturen u. s. w. vertagt sich die öffentliche Sitzung in eine geheime.

Br. 1100

= 900 1050 = 800 = 1400 = 1400

Vermischtes.

Koblenz, 22. Mai. Wenn man Diebe fangen will, darf man sich nicht selbst fangen lassen. Das mußte ein Landwirth in dem naben Neuendorf sehr zu seinem Aerger erfahren. Demselben war aus seinem Garten verschiedentlich Kopfsalat gestohlen worden. Um nun den Dieb auf frischer That zu ertappen, bewachte er von seinem Gartenhäuschen aus sein Etgen- thum schon mehrere Tage. Kürzlich kam nun in der That der nach den schönen Salatköpfen lüsterne Dieb wieder in den Garten, aber er bemerkte sofort, daß der Landwirth außen in der Thüre des Gartenhäuschens den Schlüssel hatte stecken lassen. Nasch entschlossen drehte er den Schlüssel um, so daß der Landwirth im Häuschen eingespcrrt saß und während er nun sich vergeblich bemühte, die Thüre zu sprengen, ging der abgefeimte Spitzbube ganz gemächlich anS Werk. Als der Eingesperrte endlich mit einigen kräftigen Fußtritten die Thüre gesprengt hatte, war der Dieb mit seiner Beute längst in Sicherheit, v d der betrogene Landwirth hatte nicht einmal die Genugthuung, ihn erkannt zu haben.

Das Schöffengericht zu Gebweiler hat kürzlich laut derWeinhalle" einen Wein­macher abgeurthcilt. Das erlassene strenge, aber gerechte Urtheil dürfte manchenSchmierer" zum Nachdenken veranlassen. Die Thatsache ist folgende: Ein Wcinhändler zu Mühlhausen