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Nr. 173. Mittwoch den 28. Juli 1880.
Anzeige- e«b Amtsblatt fir den Kreis Gieße«.
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England, Deutschland und der Orient.
Die deutsche Invasion in Konstantinopel wird von den englischen Staatsmännern ihrer politischen Bedeutung nach nicht unterschätzt, und Lord Granville erklärte, Fürst BiSmarck habe vielleicht gern die paffende Gelegenheit ergriffen, um der Welt zu zeigen, daß daS deutsch-österreichische Bündniß kein nominelles sei; er erkannte öffentlich die große Tragweite des Vorfalls an, indem er hinzusügte, daS Eceigniß harmonire ganz mit der groß angelegten Politik Bismarcks. Solche Aeußerungcn genügen natürlich den aufgeregten Engländern nicht, welche die Wahnvorstellung habe, wie auf dem Meere, so habe auch im Orient John Bull das Meiste zu sagen. Die Engländer bewachten die Türket als eine handelspolitische Domäne und Jeden, der sich auf der Balkanhalbtnsel etwas holen will, alS einen Eindringling. Sie sind die Feinde Rußlands, sind erbittert über das Vordringen Oesterreichs und wüthend über die Bismarck'sche Intervention. Um den Eindruck derselben abzuschwächen, sollen sich die Botschafter Englands und Frankreichs in Konstantinopel bereits dahin geeinigt haben, statt der Berufung der deutschen Funktionäre der Pforte die sofortige Bildung einer internationalen Finanzcommtssion vorzuschlagen. Aber diese Anregungen kommen zu spät, denn der Regterungsrath Wettendorf ist dem Sultan bereits durch den Fürsten Hatzfeld vorgestellt worden, hat seine Htlssbeamten bereits requirirt und wird rasch seine amtliche Thättgkett beginnen.
Es liegt ein fait accompli vor, zu dem die diplomatische Welt nichts mehr zu sagen hat; am besten ist es für England und Frankreich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Das Vorgehen Btsmarck's zerstört die englische Großspurigkeit und Anmaßung im Orient fast ebenso gründlich, wie der ftanzöstsche Krieg das Prestige Frankreichs zerstört hat.
Ist es denn, wen« auch neu, nicht gesunder und natürlicher, daß Oesterreich und Deutschland im Orient etwas zu sagen haben, als die fernen West- Mächte? Man erinnere sich daran, daß seit den ältesten Zetten der deutsche Handel den Land- und Seeweg nach dem Orient offen gehabt hat, man bedenke, daß die deutsche und österreichische Industrie gebieterisch die Eröffnung eines Hinterlandes im Südosten Europas verlangen, daß das Deutschland eng befreundete österreichische Kaiserreich nicht allein der nächste Nachbar der Türkei, sondern der Mandatar Europas, der Exekutor des Berliner Vertrages ist. Auf alle Fälle, ob die Türkei erhalten bleibt oder nicht, haben wir Deutschen ein vitales Jntereffe, ein größeres als Engländer und Franzosen, in Stambul mitzurathen und mitzuthaten.
AuS dem Großherzogthum Hessen, 24. Juli. Das Ministerium hat eine wichtige Entscheidung zum Reichscivtlehe-Gesetze erlaffen. In Heffen bestanden bisher neben dem S 33 des Retchsgesetzes particularrechtltche landesgesetzliche Bestimmungen über Dispensationen von verbotenen Verwandtschaftsgraden und trat in der Praxis die Frage heran, ob nach Erlaß des Retchs- Ctvtlehegesetzes jene Vorschriften hinsichtlich der kirchlichen Trauung noch als gültig zu betrachten seien oder nicht. Nach Ansicht des Ministeriums beruhen die seither geltenden Bestimmungen über verbotene Verwandtschaftsgrade, wenn ihnen auch die Anschauungen der Kirche zu Grunde liegen, auf particularrecht- ltchen Vorschriften der einzelnen Landesthetle, müffen deßhalb, da sie das Civil- ehegesetz nicht ausdrücklich aufrecht erhalten, als aufgehoben gelten. Sache der Standesbeamten ist, die Bestimmungen des Retchsgesetzes über verbotene Verwandtschaftsgrade genau zu beachten, bet kirchlichen Trauungen ist deßhalb auf verwandtschaftliche Ehehinderniffe keine Rücksicht zu nehmen. (F. I.)
Telegraphische Depeschen.
Lvag»er's teleg«. ■ Brri-ea«.
Berlin, 26. Juli. Fürst Bismarck mit Gemahlin und dem Grafen Wilhelm BiSmarck ist heute Vormittag 8% Uhr nach Ktssingen abgereist.
London, 26. Juli. Osficielle Meldung aus Simla vom 24. Juli. Kundschafter berichten, daß die Truppen Ajub Khans den Helmund-Fluß in der Richtung nach Hyderabad überschritten haben. Ein Theil der Kavallerie gelangte am 21. d. bis Shanghar (14 Meilen vom britischen Lager), kehrte aber wieder um. Im britischen Lager wurde der Anmarsch der 4000 Mann starken Kavallerie Ajub Khans am 22. d. und das Eintreffen des Gros von besten Truppen am 23. d. erwartet. In Befürchtung eines nächtlichen Angriffes veränderten die britischen Truppen ihren Lagerplatz.
Wien, 26. Juli. Die Nachricht einiger Blätter von einer Erkrankung des Kaisers von Oesterreich wird von autorisirter Seite für vollständig unbegründet erklärt.
Bern, 26. Juli. Auf dem Bieler See versank gestern Abend bet einem Sturm der Dampfer „Schwalbe"; von 17 an Bord befindlichen Personen, wobei 7 Ehepaare, retteten sick nur zwei Männer.
Paris, 26. Juli- Bet dem gestrigen Banket in Belleville zu Ehren der Amnestirten nahm Nochefort den Ehrenplatz ein. Caszicaux toastete auf Nochefort, dessen Feder das Kaiserreich gestürzt habe und welcher zurückgekehrt sei, um für die Freiheit gegen den Opportunismus zu kämpfen- Nochefort toastete auf Vereinigung der Socialisten bei den Kammerwahlen im Jahre 1881- Diese unerläßliche Vereinigung müsse den Opportunismus discipliniren, welcher es trotz seiner Versprechungen nicht wage, die Märzdecrete auszuführen und die Armee und den Ntchterstand zn resormiren- Man müsse aber warten. Nochefort stellte einer Liste von Opportunisten eine Liste von
Intransigenten gegenüber. Ferre, Delescluze und Flourens seien Bourgeois gewesen, Milliere sei gemordet worden. Rochefort schloß mit emem Toaste auf die Vereinigung aller Arbeiter.
Paris, 26. Juli, Abends. Der Arbeiter-Congreß hat gestern seine Arbeiten beendet. Ein Individuum italienischer Herkunft wurde gestern wegen soctaltstischer Umtriebe verhaftet; dasselbe wird über die Grenze gebracht.
London, 26. Juli. Meldung des Reuter'schen Bureaus aus Konstantinopel. Sämmtliche in Europa stehenden Nizams-Batalllone sind auf 800 Mann per Bataillon erhöht worden.
Rom, 26. Juli, Abends. Der bisherige General-Secretär des Krlegs- ministeriums, General Milon, ist zum Krtegsminister ernannt.
Turin, 26. Juli, Abends. Der König und die Königin sind hier bei ihrer Ankunft mit enthusiastischen Ovationen empfangen worden.
Lokales.
Gießen, 14. Juli. Die heutige regelmäßige Versammlung des Provinzialtags der Provinz Oberhessen fand zum erstenmale in dem auf Kosten der Provinz und des Kreises ebenso geschmackvoll, wie einfach neu hergesrellttn Saale des Regierungsgebäudes, der Aula des früheren Gymnasiums, statt. Der Vor« fitzende eröffnete dieselbe mit dem Ausdrucke der Freude darüber, daß er heute zum erstenmale die Ehre habe, die Herren Vertreter der Provinz in eigenen, der Würde und Stellung des Provinzialtages entsprechenden Räumen begrüßen zu können ur.b knüpfte hieran die Hoffnung, daß in diesen neuen Räumen nur Beschlüsse gefaßt werden möchten, die geeignet feien, das wahre Interesse der Provinz und das allgemeine Beste zu fördern, wie dies dem Geiste unserer neuen Organisation allein entspreche. Als ein gutes Omen für den wichtigsten Gegenstand der Tagesordnung müsse er es betrachten, daß diese neuen weiten Räume abhalten müßten von beschränkter Auffassung und engherziger Entschließung
Nach Vorlage und Prüfung der Rechnung der Provinzialkafie für 1879 und Er' stattung des Berwaltungsberichtes für 1879 trat der Provinzialtag in Verhandlung über die hochmütige Frage:
die Errichtung einer Siechenaufialt für dre Provinz Oberhefien.
Es wird erläuternd vorausgeschickt, daß der Kreistag des Kreises Gießen und darauf auch der Provinzialtag der Provinz Ober Hessen den Beschluß gefaßt hatten, an den Provinzialdirector der Provinz das Ersuchen zu lichten, Ermittelungen in Betreff der Möglichkeit und Zweckmäßigkeit der Errichtung einer Promnzial-Anstalt für Sieche anzustellen. Dem war entsprochen und hierauf dem Provinzial-Ausschusse Vorlage gemacht worden. Dieser stellte sodann einen ausführlich motioirten Antrag auf Gründung einer solchen Anstalt, welcher die heutige Verhandlung vor dem Provinzialtaae veranlaßte. (Den bezüglichen Antrag des Provmjial-Ausschusses haben wir in Nr. 149 unseres Blattes vollständig zur Kenntniß der Leser gebracht. D. R.)
Provinzialdirector Dr. Boekmann bemerkt einleitend zu dieser Vorlage nach einem Rückblick über die Verhandlungen, daß der Provinzial-Ausschuß nicht mit leichtem Herzen diesen Antrag gestellt habe, vielmehr sich seiner Verantwortung sehr wohl bewußt sei. Die Hauptfrage, welche für die Entscheidung maßgebend fein werde, fei die, ob wirklich das Bedürsniß nach einer besseren Verpflegung der armen Kranken vorhanden sei. Werde diese Frage bejaht, so werde wohl Niemand der Verbesserung entgegen sein wollen. Daß aber wirklich die gegenwärtige Verpflegung eine ungenügende sei beweise der Provinzial-Ausschuß mit einer Reihe von Gutachten von Kreisärzten und anderer mit der Sache vertrauten Personen und durch die zur heutigen Sitzung eingeladenen und erschienenen Experten.
Es werden nunmehr verlesen die schriftlich erstatteten Gutachten der Krels-Ge> sundheits-Aemter Schotten, welches namentlich eine bessere Fürsorge für Geisteskranke, an Epilepsie Leidenden und bet Ktanken mit Abscheu erregenden Gebrechen für notwendig hält, Alsfeld, welches die Errichtung einer Sicchenanstalt als einem längst gefühlten Bedürsniß entsprechend bezeichnet, Büdingen, Ulrichstein, welche Beide sich ebenfalls für Errichtung einer Anstalt aussprechen, und Lich, welch Letzteres hervorhedt, dag die hahl der betreffenden Kranken viel größer sei, als man gewöhnlich annehme und daß die unheilbar oder Ekel erregenden bettlägerig Kranken die allerunglücklichsten feien, da sich gegen solche das Gefühl der Verpfleger nach und nach abstumpfe, und endlich des Kreiswundarztes Dr. Stammler von Alsfeld, welcher die Errichtung der Anstalt vom ärztlichen und rein menschlichen Standpunkt aus mit Freuden begrüßt.
Der Vorsitzende ersucht hierauf die erschienenen (Srpertcn, sich auf Grund ihrer Erfahrungen aus ihrer Praxis dahin zu äußern, ob die Verpflegung der armen Kranken dermalen auf dem Lande eine ausreichende fei.
Es bemerkte darauf Kreisarzt Dr. Glasor von Gießen:
Im Anschlüsse an die Gutachten feiner Eollegen könne er sich nach feiner 28jährigcn Praxis im Kreise Gießen mit Bestimmtheit dahin erklären, daß die Bei - pflegung der armen Kranken auf dem Lande mangelhaft, mitunter ungenügend fei. (fr fönne die hierüber in den Gutachten ausgesprochene Entrüstung nur thesien. Ten unglücklichen Geisteskranken, welche m die Irrenanstalten nicht ausgenommen werden können, gehe es am Schlimmsten. Mit denselben erlaube man sich Spott und Neckerei, sowie jeglichen Unfug, so daß schon vom sittlichen Standpunkte aus Abhulfe geboten sei. Die dermalen im Gang befindliche Zahlung der Siechen ergebe eine viel größere Sahl derselben, als man geglaubt. Sie bedürften absolut der Pflege. Ihm sei der Fall vorgekommen, daß eine geisteskranke, von der Gemeinde in einem Stall«- mtter- gebrachte Pet son durch den Frost beide Füße verloren habe; einen diefer Füße habe sie dem Polizeidiener an den Kopf geworfen; der andere sei von ihm^Redner) amputtrt worden. Daß Kranke auf Stroh neben dem Vieh lagen, fei Tbatfachc Er müße sich daher nach feinen Erfahrungen dahin ausiprechen daß die Verpflegung der Unnen, besonders der Geisteskranken, dermalen nicht genügend sei und daß vom ärztlichen und menschlichen Standpunkt aus eine Besserung ftattfmben müsse.
Medicinalrath Kreisarzt Dr. Sartorius von Lauterbach schließt ftd) benijöemerftcn vollständig an und erwähnt einen ihm vorgekommenen Fall, wonach im verfloßenen Winter einem in einem Lchafstalle untergebrachten Kinde beide Füße erfroren unb ab: fielen. Auch bie Verpflegung in den f. g. Armenhäusern sei sehr dürftig. Bei richtiger Behandlung hätte manche Person erwerbsfähig gehalten werben können, die ganz er- wcrbsilnfälsig^ g Stubenrauch von Schotten. Heroorzuheben bleibe noch die große Unreinlichkeit bei der gegenwärtigen Armenverpflegrmg. Die Schlafstellen seien bedeckt mit Roth unb Unaexiefer Dazu kämen bie Quälereien und Neckereien, welcher die | ^rrfinniaen ausgesetzt seien wodurch erst rechte Narren gemacht würden, ©nblid) seble den Kranken, was gerade da sei unb pfropfe sie meist
I mit Kartoffeln voll.' Reinlichkeit, liebevolle Behandlung, gesunde ^Nahrung und Lust


