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Arr. 121. Freitag den 28. Mai 1880.
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Amtlich-r Ht)et C.
Gießen, am 26. Mai 1880.
Betreffend: Die Aufstellung neuer Stundenpläne.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commiffion Gießen
an die Schulvorstande des Kreises.
Wir machen noch einmal darauf aufmerksam, daß nach unserem Ausschreiben in Nr. 108 dieses Blattes die beiden Stunden, für weibliche Handarbeiten auch im Sommerhalbjahr im Interesse des Unterrichts und der genügenden Ausbildung der Kinder nicht in Wegfall kommen dürfen.
Dr. Boekmann.
Wider den Halbmond.
Es geht noch heule im Oriente zu, wie im Märchen von Tausend und Eine Nacht. Alle Tage zeigt sich ein neues und überraschendes Bild,, hier Hungcrsnoth in den Provinzen und dort der Sultan auf edelsteingeschmücktem Roß zur Sophien-Moschee hinziehend, hier der blutige Kampf der Bergvölker, dort glänzende Feste in Stambul, hier Räuber auf dem Olymp, dort Paschas, die das Volk aussaugen. Der Sultan lebt zwar sammt seinem Harem nicht mehr in Saus und Braus, aber er ist auch wett davon entfernt, Ordnung im Lande zu schaffen, zu reformiren und dm Berliner Vertrag auszuführen oder gar seine Schulden zu bezahlen. Der Herr der Gläubigen läßt bas Heer der Gläubiger warten.
Die Engländer aber lassen sich nicht länger an der Nase herumführen. Wie sie mit dem verschwenderischen Khebive von Egypten kurzen Proceß gemacht haben, so gedenken sie jetzt auch dem schwachen Sultan ein Ultimatum zu stellen. Und da er die Forderungen beim besten Willen nicht wirb befriedigen können, so wird man ihn wohl einfach absetzen und möglicherweise den Schwerpunkt des Osmanenreiches nach Kleinasien verlegen. D«r englische Botschafter Göschen wird Mitte dieser Woche in Konstantinopel emlreffcn und die türkische Staatskaffe reoidiren. Zu gleicher Zeit wird die gemeinsame Botschaft der Garautiemächte im Text festgestellt werden. Die Pforte soll tn Albanien und Montenegro, m Armenien und an der griechischen Grenze dem Berliner Vertrage gerecht werden, Ordnung schaffen und die Garantie der Sicherheit übernehmen. Weil das nicht geschehen kann, wird es nicht geschehen, und dann kommt die Nachconferenz tn Berlin. Es ist der Anfang vom Ende der Türket, der jetzt in Erscheinung tritt.
Ueber dieses Ende ist man sich noch nicht recht klar. Nur soviel steht fest, daß fast alle Mächte außer Deutschlvnd mehr auf ihren eigenen Vortheil bedacht sind, als auf das Wohl der Pforte. Das Beste wäre eine reguläre Theilung der europäischen Türket an die Grenzmächte Oesterreich, Griechenland und Rußland, Vergrößerung von Serbien, Rumänien und Bulgarien.und die Erklärung Konstantinopels zu einer freien Stadt. Die drei kleinen Balkan- reiche streben bekanntlich nach der Königskrone, und Milan, Karl und Alexander werden sie mit Würde tragen.
Drei Könige auf dem Balkan, so spricht man, das ist viel!
Erwischt man noch den vierten, so ist'ö ein Kartenspiel.
Wie aber auch die Lösung der orientalischen Frage sein möge; es ist vor Allem zu wünschen, daß sie, wenn sie einmal in die Hand genommen wird, auch gründlich geschieht. Die Zeit ist gekommen, das osmanische Geschwür am europäischen Körper, das nicht zu heilen ist, durch Operation zu kuriren.
Deutschland.
Darmstadt, 25. Mai. jDas Sanitätspersonal im Großherzogthum Hessens Am Schlüsse des Jahres 1879 waren nach Ausweis der von den Kreisgesundheits- ämtern ausgestellten Uebersichten im Großherzogthum '349 Aerzte thätig; von diesen waren 6 ausschließlich in Anstalten beschäftigt, nämlich die Aerzte des Landeshospitals Hofheim und der Landes-Irrenanstalt Heppenheim und 33 zugleich in Militärdiensten. Nach früheren am 1. April vorgenommenen Erhebungen Über das Sanitätspersonal gab es damals im Großherzogthum 323 freipracticirende Aerzte, einschließlich der activen Militärärzte; es hat sich die Zahl sonach in einem nahezu einjährigen Zeitraum um 20 erhöht, und während damals 1 Arzt auf 2738 Einwohner entfiel, berechnet sich nunmehr 1 Arzt auf 2668 Einwohner. — In den Provinzen hatte Stm kenburg nach der letzten Aufnahme 133 freipraclicirende Aerzte (1: 3000 E ). darunter 12 Stabs- ärzte; Obeihessen deren 94 (1: 2713 E ), darunter 5 Militärärzte, und Rheinhessen 116 (1- 2327 E.), und hierunter 17 Militärärzte. Bon den Kreisen hatten die relativ höchste Zahl der Aerzte die Kreise: Darmstadt 53 (1: 1510 E ), Mainz 52 (1: 1930 E ), Gießen 38 (1: 1776 E-), Friedberg 27 (1: 2167 E.) und Worms 26 (1: 2270 E ); di- relativ geringste Zahl die Kreise Alsfeld mit 7 (1: 5214 E), Lauterbach mit 6 (1: 4750 ®.), Schotten mit 6 (1: 4500 E ), Erbach mit 11 (1: 4382 E ), Dieburg mit 13 (1: 4115 E ), und Groß-Gerau 9 (1: 4044 E-). In den übrigen Kreisen berechnet sich im Durchschnitt 1 Arzt auf 3300 E. — Von den 5 volkreichsten Städten zählten Mainz 48, Darmstadt 42, Offenbach 8. Worms 10 und Gießen 32 Aerzte.
Bon Wundärzten übten am Schlüsse des Jahres 1879 nur 8 im Großherzogthum Praxis aus; ihre Zahl hat sich gegen 1870 um 6 vermindert. Approbirte Zahnärzte wurden 11 gezählt gegen 14 der vorausgegangenen Aufnahme-
Veterinärärzte einschließlich der activen Militär-Roßärzte waren 60 vorhanden, und von diesen in der Provinz Starkenburg 27, in Oberhessen 18 und in Rheinh^sen 1 j-* ber 2lpot^efen $flt seit Jahren eine Zunahme nicht erfahren; dieselbe betrug* 107, davon in Starkenburg 45, in Oberhessen 34 und in Rheinhessen 28. Im Großherzogthum überhaupt entfällt eine Apotheke auf 8o51 E., in Starkenburg auf 8578 E-, in Oberhessen auf 7500 E- und in Rheinhessen auf 9643 E. Den 107
Apotheken standen 108 Besitzer oder Verwalter vor; weiter waren in denselben beschäftigt 75 Apothekergehülfen und 39 Lehrlinge. Die Zahl der Gehülfen hatte sich gegen 1876 nicht unbeträchtlich vermindeit Die der Lehrlinge dagegen in demselben Maße erhöht, so daß die Gesammtzahl der in den Apotheken beschäftigten Personen eine Verminderung nicht erfahren hatte.
Hebammen waren im Großherzogthum 1315 angemeldet, davon entfallen auf Starkenburg 425, auf Oberhessen 463 und auf Rheinhessen 427.
Geprüfte Hei lgehülfen 206; in Starkenburg 112, in Oberhessen 41 und in Rheinhessen 53. ’ (D- Z )
Berlin, 25. Mai. Die Wiederaufrichtung des Drei-Kaiser-Bundes soll nach einer sensationellen Mittheilung, die dem „Neuen Wiener Tagebl." aus Berlin zugeht, nahe bevorftehen. Die Sendung des Fürsten Orloff an Kaiser Wilhelm und den Fürsten Bismarck soll zu einer vollständigen Verstän- digung geführt haben. Rußland soll ouf alle selbstständigen politischen Actionen im Orient Verzicht geleistet und zugesagt haben, nur im Einverständmß mit den beiden anderen Kaisermächtcn und nur innerhalb des Rahmens des Drei-Kaiser-Bündniffes seine Politik zu führen. Diese Wendung Rußlands würde eine unzweideutige Abkehr von England und Frankreich und einen neuen Sieg der Bismarck'jcben Politik bedeuten, eimn Triumph der letzteren über die bisherige Gortschakoff'sche Politik. Rußland würde den September-Abmachun- gen zwischen Oesterreich-Ungarn und dem deutschen Reich beitrcten, welche zu diesem Zwecke eine formelle Abänderung und Erweiterung erfahr.» würden. Kaiser Wilhelm soll über dieses Ergebniß sehr erfreut fein und es persönlich übernommen haben, Oesterreichs Zustimmung zur Wiederaufnahme Rußlands zu gewinnen. Rußland würde sich insbesondere verpflichten, für die Occupatio» Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreick etnzutreten und auch gegen eine Einverleibung dieser Länder in den Verband der österreichisch- ungarischen Monarchie nichts einzuwe, den haben. Gortschakoff selbst habe von seinem Krankenlager einen sehr Versöhnlichei'. Brief politischen Inhalts an den Fürsten Bismarck dictirt. Wir nehmen der Vollständigkeit halber von diesen seltsamen Mittheilungen Act, in denen vielleicht trotz zahlreicher Uebertretbun- gen und Entstellungen ein Kern von Wahrheit steckt.
— In der Affaire des deutschen Seekadetten, der in Panama in einem Streite einen Kameraden erschoffen, wird jetzt ein Brief des Capitäns Zirzow, Commandantcn Sr. Maj. Schiff „Vineta", veröffentlicht. Der Brief, der an die Eitern des erschossenen Kadetten gerichtet ist, lautet: „Am 9. März brach unter den Seekadetten der „Vineta", die augenblicklich eine Reise um die Erde macht, eine Revolte aus. Als sich während derselben der Kadet K. von mehreren Kadetten bedrängt sah, zog er einen Revolver aus der Tasche und war im Begriff, in die Menge hinein zu schießen, als der Kadet H. Wyring aus Bilveringsen bei J'erlohn auf Deck kam und sich dem Verwegenen ent- gegenstürzte, um ihn zu entwaffnen. In demselben Augenblick aber geht der Schuß los und W. stürzt, durch's Herz getroffen, zu Boden. Während der eine Theil der Kadetten sich mit dem gefallenen Kameraden beschäftigte, stürzte sick der andere auf den Mörder und entwaffnete ihn Noch am selben Abend haben wir Ihren uns unvergeßlichen Sohn, den alle Officiere als ihr eigenes Kind und die Kameraden wie ihren Bruder liebten, m's Meer gesenkt, und kein Auge blieb thränenleer, als die Wogen den Slrmeii verschlungen hatten." Obenstehendes wird von der kaiserlichen Admiralität bestätigt und beweist die Unschuld des Getroffenen. Der Thäter wurde, nachdem eine eingehende Untersuchung vorgenommen war, nach Kiel transportirt und wird das dortige Marine Commando das Weitere veranlassen.
Stuttgart, 25. Mai. Das „Neue Tagebl." meldet in Betreff des Entlaffungsgesuches des Generaldirectors DilleninS officiös, die Retchsetsen- bahnfrage liege ans dem Spiel; nur babe sick der bisherige Zustand des württembergischen Verkehrswesens, wonach der Minister Mittnacht die Verantwortung , Dillenius dagegen die alleinige selbstständige Leitung habe, als unhaltbar erwiesen. Das Staatssecretanat für die Verkehrsanstalten fei Dillenius angetragen, von ihm aber ans Gesundheitsrücksichten abgelehnt worben. Die Penstonirung Dillenius' sei wahrscheinlich.
Bremen, 25. Mai. Der Ge "erbeconvent, dessen Mitglieder verfassungsmäßig von sämmtlichen selbstständigen Gewerbtreibenden der Städte Bremen, Vegesack und Bremerhaven als Vertreter der Interessen von Hand- werk und Fabrik im bremischen Staate gewählt sind, hat in seiner gestrigen Sitzung sein volles Emverständniß mit den auf den Zollanfchluß Bremens gerichteten Bestrebungen und Kundgebungen der Gewerbekammer zu Bremen durch ein nahezu an Einstimmigkeit grenzendes Votum erklärt.


