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9h?. 88. Mittwoch den 28. April 1880.

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Anzeige- und Amisblati sie de» Kreis Gießen.

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| Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montes.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Die Tabaks - Industrie.

Die Lage der T »baks-Jndustrie ist ernst sehr ernst! So weit wir uns in der journalistischen Literatur Umsehen konnten, ist uns bis jetzt keine Erörterung zu Gesicht gekommen, wie die Moaopolisirung eiirr gewöhnlichen Privat-Industrie, bei welcher keine weittragenden Gesichtspunkte wie bei der Post, Telegraphie, Eisenbahn, Chausteen, Wege und Canalisationen in Betracht kommen in normalen Zeiten mit dem modernen Staatöprincip, wonach man beim Volk belasten soll, was dem Volke gehört, und dem Staate geben soll, was dem Staat gehört und mit der modernen volkswirthschaftlichen Politik in Einklang zu bringen ist. Und da dieses Wagstück noch nicht versucht wor­den ist, so fragen wir: welche zwingende Nothwendi^keit drängt zu einer so äußersten Maßregel ? Man verweise uns nicht auf Oesterreich und Frankreich, wo das Tabaks-Monopol seit circa 2 Jahrhunderten etngesührt ist; man wird nicht die geordneten Finanzen im deutschen Reich mit der damaligen Miß- wirthschaft in Oesterreich, noch mit den durch die Eroberungs- und Verschwen­dungssucht eines Ludwig XIV. von Frankreich erschöpften Kassen vergleichen wollen; aber vor Allem das Monopol nahm in beiden Staaten seinen verheerenden Weg nicht über das Leichenseld von abertausend selbstständiger Existenzen. Vergeblich sehen wir uns nach einer zwingenden Nochwendigketl für diese äußerste Staatsmaßregel um; weder besteht ein Nothstand, welcher einst Friedrich II. zu dem Äuskunftsmittel, minderwerthi'ge Friedrichsl/or prägen zu lasten seine Zuflucht nehmen ließ; noch ein solcher, wie er größer als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika während des Bür- gerklieges mit den Südstaaten wohl kaum jemals bestanden hat. Auf den Letzteren lastete der Druck einer ganz colostalen Schuldenmaste; sie waren ge­zwungen, um auf ehrliche Weise lebensfähig zu bletben, Zölle und Steuern (auch auf Tabak) enorm zu erhöhen; aber selbst in den schwierigsten Momen­ten der Krisis schirmten sie das Staatswohl, ohne zu der Enteignung von Eigenthum und Rechten ihrer Bürger zu schreiten, obwohl die Tabaks Industrie in den Vereinigten Staaten damals noch sehr in der Kindheit lag.

Wie liegen die Verhältnisse dagegen bei uns ui Deutschland? Noch ist kein Jahrzehnt vorüber, daß es euren glücklichen Krieg führte, welcher fünf Milliarden und zwei herrliche Provinzen im Gefolge hatte von den An- nexionen des Jahres 1866 zu schweigen; eine jede Thronrede versichert freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarstaaten; eine zahlreiche wohlge­rüstete Armee stcht jederzeit bereit; und recht ansehnlich erhöhte Steuern, Zölle und Abgaben liefern das Betriebskapital; da ist doch die Einführung des Tabaks-Moropols schwer zu begreifen.^ Ungeachtet dessen scheut die Loosung Geld" im Monopol vor dem ersten Schritt zum Zukunftsstaat der Socia- listen Staatsbetrieb, Abfindung der Berechtigten selbst in dem Augen­blick nicht zurück, in dem mau zur Bekämpfung derartiger Ideen außergewöhn­liche Machtmittel gefordert und erhalten hat.

Die Corruption der Begriffe ist in der gesinnungstüchtigen Preste, welche jetzt unter allen Umständen Meinung für das Monopol machen will, schon so weit vorgeschritten, daß man die Tabaks-Interessenten nicht mehr als legitime Geschäftsmänner, welche durch ehrliche Arbeit und Fleiß wohlerworbene Güter und Rechte verlheidigen, sondern als quasi Müßiggänger, als Eindringlinge in ein bequemes Feld reichen Gewinnes betrachtet, welches von Rechtswegen dem Staate gebühre.

Die kühnsten Sätze der Socialdemokratie werden von ihr schon recht fließend in's Hochdeutsche übersetzt und parquetfähig gemacht, man hält kaum noch für nothwendig, das Wort Broudhon'S »la proprio cest le vol* tn Beziehung auf die Tabaks-Jnterestenten mit einem Feigenblatt zu verhüllen.

Wir dürfen nicht zweifeln, daß die idealen Ziele eines starken Willens unverrückt auf das Monopol gerichtet find; wir dürfen aber auch nicht zwei­feln, daß die kaiserlichen Worte tn Versailles gesprochen, das ganze deutsche Volk in sich schließen, also auch die Tabaks-Interessenten daß sie es heben, schirmen und schützen wollen.

Wir vertrauen daher mit Zuversicht, daß unser Kaiser nicht wünschen kann, daß eine weitverzweigte ächt deutsche Industrie vernichtet werden soll, und wollen hoffen, daß es ihr auch ferner vergönnt sein möge, ihre berechtigte Stelle in dem deutschen Bürgerthum zu behaupten; ihre Wünsche find sehr bescheiden sie verlangt nur die lang entbehrte Ruhe, um ihr Geschäft auch ferner mit Ehren führen zu können.__________________________________________

Deutschland.

Darmstadt, 25. April. Das am 24. April ausgegebene Großh. Regierungsblatt Nr. 11 enthält die Fleischbeschauordnung.

Die am 26. April ausgegebene Nr. 12 enthält die Instruction für die Fleischbeschauer.

Darmstadt, 26. April. Der Abg. Heinzerling hat bezüglich der Einreihung der neuen Justizstellen in das Civtldtener-Wittwen-Jnstitut den Antrag eingebracht, die Regierung zu ersuchen: 1) Die durch die Justizorga- nisation neugeschaffenen Dienststellen alsbald vorläufig nach Analogie der be­stehenden Classificirung einzurethen; hierbei 2) Vorkehrung zu treffen, daß Todesfälle, welche zwischen dem 1. Ociober v. Js. und die fragliche Ein­reihung fallen, so behandelt werden, als sei die Einreihung schon mit jener

Neuorganisation erfolgt; endlich 3) demnächst den Ständen eine Gesetzvorlage wegen definitiver Ausnahme der neuen Stellen in die Klaffen des Ctvtldiener- Jnstitus z'igehen zu lasten.

Berlin, 24. April. Als der Reichstag seine heutige Sitzung begann, waren nicht mehr als 67 Mitglieder anwesend. Es war vorauszusehen, daß jede Zählung die Beschlußunfähigkeit des Hauses Herausstellen würde. Den­noch war man schließlich von dem kläglichen Resultat überrascht, welches bei der Zählung die Anwesenheit von nur 143 Mitgliedern ergab. Der Fall, daß 56 Mitglieder zu der beschlußunfähigen Anzahl von 199 fehlen, ist bs jetzt in den Annalen des Reichstages noch nicht vorgekommen. Die Fraktions- Vorstände haben sofort telegraphisch die Aufforderung an die Mitglieder ge­richtet, sofort ihren Platz im Reichstage einzunehmen, namentlich Angesichts der Berathungen, welche für die nächste Woche auf die Tagesordnung kom­men sollen.

Berlin, 24. April. Nach dem nunmehr (in derNordd. Allg. Ztg.") vollständig vorliegenden Entwürfe des Wehrsteuergesetzes sind die darüber bereits bekannten Angaben dahin zu ergänzen, daß Personen unter 1000 Einkommen 4 Jb. zahlen, solche von 1200 bis 6000 JL Einkommen außerdem eine Einkommensteuer von 10 bis 148 JL jährlich, und von 6000 .X an 3 pCt., wobei die Steuer für je 1000 <X Einkommen um 30 steigt. Steuerfrei sind Erwerbsunfähige ohne hinreichendes Einkommen, sowie Wehr­pflichtige, die durch tm Dienste erlittene Beschädigungen dienstunfähig geworden sind. Das Erträgniß der Wehrsteuer wird auf ca. 20 Millionen geschätzt.

Irankreich.

Paris, 24. April. Der päpstliche Nuntius begab sich vorgestern nach dem Elrs6e, um dem Präsidenten der Republik ein eigenhändiges Schreiben des Papstes zu überreichen. In d'esem Schreiben spricht sich der Vapst zu Gunsten ter Jesuiten und' Oer übrigen nicht ermächtigten ^l«/rnsg<.iellscyLsr''u aus, weil ste der Kirche unumgängltch i othwendig seien. Der Papst führt in seinem Schreiben eine gemäßigte Sprache, erklärt aber, für die Ordensgesell- schasten ein treten zu muffen. Er will nicht, daß sie zu ungesetzlichen Mitteln ihre Zuflucht nehmen, aber er ist damit einverstanden, daß sie allen möglichen Widerstand leisten und ihre Sache vor die Gerichte bringen. Wie auch die Protestbriefe der französischen Bischöfe, weist das päpstliche Schreiben auf die Gefahren hin, die für Frankreich aus den Märzerlaffen entstehen müßten, und bittet deshalb das französische Staatsoberhaupt, die Dekrete vom 29. März zurückzuztehen. Gambetta erhielt gestern einen Besuch des Präsidenten der Republik, der über eine Stunde dauerte. Am Donnerstag hatte Gambetta bei Grevy gefrühstückt. Beide Präsidenten sind dem Vernehmen nach zu der Ueberzeugung gelangt, daß, um der klerikalen Opposition, deren Umtriebe von einem großen Theil der communistischen Führer unterstützt werden, mit vollem Erfolg entgegentreten zu können, die ganze republikanische Partei fest Zusammen­halten müsse.

Italien.

Rom. In Rom geht der Scandal des Proceffes Antonelli-Lambertini von Neuem los. Die Gräfin Lambertint, bekanntlich eine natürliche Tochter des Cardinals, will den Beweis antreten, daß der Taufschein, welcher sie als die legitime Tochter eines gewiffen Ehepaares auswies, falsch sei, d. h. daß ihre angeblichen Eltern nicht ihre wirklichen Eltern seien.

Rom, 24. April. Wir erfahren, daß das gegenwärtige italienische Ministerium seine Geneigtheit kundgegeben hat, einen von einem intelligenten Industriellen und Großhändler des L u des angeregten Gedanken zur Ausfüh­rung zu bringen, nämlich die zahlreichen Sträflinge der Provinz zur Cultivi- rung der römischen Campagna zu verwenden, vorzüglich zur Erzeugung von Gemüsen und Südfrüchten, wie sie jetzt alljährlich in stets wachsender Menge ausgesührt werden. In der Campagna wie in seinen nur zu zahlreichen Sträflingen hat Italien zwei brachliegende Kräfte, die in ihrer Unthätigkeit böse Miasmen, die Campagna im buchstäblichen, die Gefangenen im figürlichen (Sinne erzeugen, die aber, in gegenseitige Wechselwirkung gebracht, einen heil­samen gegenseitigen Einfluß aufeinander ausüben und dem Lande, das deffeu so sehr bedarf, eine Menge verborgener und unbenutzter Schätze einbringm können in materieller wie in sittlicher Hinsicht. Kommt der schöne Gedanke zur Ausführung, so wird das Land immer mehr seinem alten Namen Ehre machen und der wirkliche und nutzbareGarten Europas" werden können.

(Köln. Ztg.)

Rußland.

Petersburg, 24. April. Vor einigen Tagen dementtrte dieKreuz. Ztg." Die Nachricht, daß der Großfürst Constantin, der Bruder des Czaren, durch die erhobenen Untersuchungen in dem bevorstehenden Nthilisten-Proceß gegen den Dr. Weymar so arg compronürtirt worden fei, daß seine Reise in's Ausland nothwendig wäre. Aus Stuttgart erhält dasB. T." folgende Mtttheilung:In ber That war in Petersburg der Glaube verbreitet, daß der alte Großfürst Constantin inhaftirt werden sollte. Dies ist unrichtig. Dagegen geht Kaiser Alexander thatsächlich mit dem Gedanken um, den Sohn des Großfürsten Constantin, jenen jugendlichen Leichtfuß, der bereits zur Strafe