Freitag den 27. August
Str. 199.
1880.
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Amtlicher Hheil.
Gießen, am 25. August 1880.
Betreffend: Frostschaden an den Obstbäumen.
Das Großherzoglichc Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien.
Wir erinnern diejenigen von Ihnen, welche unserer Verfügung vom 27. Juli l. I. — Anzeiger Nr. 175 — noch nicht nachgekommen find, an schleunige Einsendung der Verzeichnisse der abgestorbenen und gesund gebliebenen Obstbäume.
I- V.:
Dr. Hoffmann, Regicrungsrath._______________________________________
Bekan n t m a ch u n g.
Wir sehen uns veranlaßt, wiederholt darauf aufmerksam zu machen, daß nach § 3 des Localreglements vom 10. November 1879, die Reinhaltung rc. derStraßen in der Provinzialhauptstadt Gießen betreffend, bei warmer trockener Witterung die Straßen und Plätze vor dem Kehren zur Vermeidung des Staubes genügend mit Waffer begossen werden müssen. Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschrift unterliegen nach § 366, pos. 10 des Reichsstrafgesetzes einer Geldstrafe bis zu 60 M. oder einer Haftstrafe bis zu 14 Tagen.
Die Schutzmannschaft ist angewiesen, Uebertretungen der fraglichen Bestimmung unnachstchtlich zur Anzeige zu bringen.
Gießen, den 26. August 1880. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
Fresenius.
Die hohe Pforte.
„Wir wiffen, daß wir sterben werden: Frist und Zeitgewinn nur ist des Menschen Trachten", sagt Shakespeare, und die hohe Pforte hält den alten Diplomaten-Grundsatz in Ehren: Zett gewonnen, Alles gewonneti. Die orientalische Frage, ein wahrer Rattenkönig verzwickter polittschir Fragen, wird durch die Antwort der Pforte ouf die Collectivnote der Stgnatarmächte bezüglich des montenegrinischen Grenzstreitcs kaum um Haarbreite der Lösung näher geführt. Die Schlauheit der türkischen Diplomatie tritt in diesem Aktenstücke ganz besonders hervor, und wenn sich die Verhandlungen noch lange htnziehen, so wird schließlich die hohe Pforte behaupten, sie allein sei dem Berliner Vertrage treu, die anderen Mächte dagegen verlangten mehr, als der Vertrag zugestehe.
Die Antwort der Pforte gesteht im Prtnctp die Abtretung von Dulctgno zu, aber — es wird Frist verlangt. Drei oder vier Wochen sind am Ende keine unbillige Forderung, aber wer weiß — so calculirt die türkische Diplomatie — was sich in der Zwischenzeit ereignet. Das Verlangen, daß die Grenzbesttmmung an Ort und Stelle, also durch Commisiare vorgenommen werden soll, enthält lediglich den Hintergedanken, diese Regulirung dann abermals zu verzögern, wobei es schließlich auf die Ermordung einiger Grenz- Commissare nicht ankommt, und die Folge ist, daß Fristen und immer wieder Fristen gestellt werden, bis der Winter herankommt. Die Türket aber erklärt gleichzeitig, sie sei bereit, die Maßregeln zur Uebergabe von Dulctgno an den Fürsten Nikita sofort zu treffen, aber es bleibt bei dieser Bereitschaft, in Wahrheit kommt es nicht zur Uebergabe.
Der Sultan, der sogar bereits Riza Pascha nach dem abzutretenden Gebiet sandte, hat die Antwort auf die Collectivnote so lange hinausgeschoben, daß den Mächten eine rechtzeitige Verständigung über die nach dem 24. August etnzunehmende Haltung vor Ablauf dieses Termins kaum möglich ist. Und wäre sie möglich, bet der jetzt herrschenden lauen und nachsichtigen Stimmung der Großmächte, welche gar nicht daran denken, durch ein energisches Vorgehen der Pforte Schwierigkeiten zu machen, würde es vorgezogen werden, die Flottendemonstration noch weiter zu vertagen. Die Türket kennt die Stimmung der Großmächte genau; sie weiß, daß die Einigkeit derselben nur noch auf dem Papiere besteht, und daß die Uneinigkeit ausbrtcht, sowie irgend eine ernstliche Action von irgend einer Seite in'S Werk gesetzt wird. Die Schwäche der Gegner ist die Stärke der Türket, und die Taktik des Divans trägt diesen Verhältnissen geschickt Rechnung. Die Türket traut zwar einzelnen großen und kleinen Nachbarn nicht recht, und rüstet daher ruhig fort, aber diese Rüstungen gelten nur den Bulgaren und Griechen und keinem Alexander, der den gordischen Knoten der Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel durchhaut. Die abwartende Haltung der Türkei ist in der griechischen Frage noch augenfälliger, als in der montenegrinischen, und am liebsten möchte die Pforte noch einige Jahre weiter laviren oder gar — ad calendas graecas!
Deutschland.
Darmstadt, 25. Aug. Seine Königliche Hoheit der Großherzog nahmen heute militärische Meldungen entgegen und empfingen Se. Erl. den Grafen Solms-Laubach, den Generallieutenant und Generaladjutanten v. Grolman, den Staatssecretär Dr. Stepha" von Berlin, den Geh. Baurath v. Rttgen, den Hostheater-Director Wünzer, den Hostheater-Maschinerie-Director Brandt, den Hofcapellmeister de Haan, sowie den Architekten Baum; zum Vortrag den Staatsmtnister Frhrn. v. Starck und den Ministertalpräsidenten Schleiermacher.
Darmstadt, 25. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädtgst geruht:
Am 14. August den Lehrer an dem Ludewig - Georgs - Gymnasium zu Darmstadt, Dr. Karl Oßwald, mit Wirkung vom i. October l. Js. an in den Ruhestand zu versetzen.
Darmstadt, 25. August. Am gestrigen Abend fand zur Feier des heutigen Allerhöchsten Namensfestes Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs großer Zapfenstreich statt. Heute Morgen war Tagesreveille der Musik- Corps der hiesigen Garnison. Die öffentlichen Gebäude haben Flaggenschmuck angelegt, wie auch Privatgebäude.
— Heute Nachmittag findet um 2 Uhr in Kranichstein kleinere Hoftafel statt, an welcher außer den Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften und deren Gefolge auch der Landgraf von Hessen Theil nehmen wird.
Berlin, 24. Aug. Der „Frkftr. Ztg." wird aus Berlin mitgetheilt:
Der Austritt Forckenbeck's und seiner politischen Freunde aus der natto- nalliberalen Fraktion ist vom Reichskanzler beifällig ausgenommen worden, indem er jetzt glaubt, daß es ihm endlich gelingen werde, eine gouvernementale Partei zu schaffen. — Sehr viele derjenigen nattonalltbcralen Blätter, von denen man bis jetzt annehmen konnte, daß sie den von Bennigsen eingenommenen Standpunkt theilen, stellen fich jetzt auf denjenigen Forckenbeck's. Es ist dieses Räthsel leicht zu lösen, wenn man erwägt, daß die Stimmung in den Provinzen und namentlich den größeren und mittleren Städten vollständig umgeschlagen ist, wo man nichts mehr von jenem bankerotten National- Liberalismus wissen will, der durch seine Halbheit und Compromißsucht in den letzten Jahren so viel Unheil angestiftet hat.
Hirfchberg, 24. August. Der hier vor einigen Tagen stattgehabte bedauerliche Eisenbahnunsall hat zu einem Streit zwischen der „Nat.-Ztg.", welche die erste Mtttheilung hierüber brachte, und dem königl. Etsenbahn- betliebsamt in Görlitz Anlaß gegeben; die „Nat.-Ztg." faßt nun heute den Sachverhalt wie folgt zusammen: Eine Htlss-Locomotive, die einen Zug über eine schwierige Strecke hatte geleiten helfen, dampft zurück, trifft auf eine Stelle, in welcher soeben die Schienen ausgewechselt wurden, fährt, da der Locomotivführer von dieser Lücke keine Kenntniß hat, mit ungehinderter Schnelligkeit über dieselbe fort, verunglückt und begräbt zwei Menschenleben. Das Provinztalblatt, welches diesen Thatbestand zuerst festgestellt hat, wirft ganz bescheiden die Frage auf, ob denn die Auswechselung der Schienen den Nachbarstattonen nicht bekannt gewesen sei und wir haben uns diese Frage in noch abgeschwächterer Form angeeignet. Darauf giebt uns das Betriebsamt in Görlitz die Antwort: Nein, die Auswechselung sei den Nachbarstationen nicht bekannt gewesen und nach den Instructionen sei es nicht erforderlich gewesen, sie ihnen bekannt zu machen. Wir wissen nicht, ob das Arbeitsmini- sterium dem Betrtebsamt Görlitz für diese Aufrichtigkeit sehr dankbar sein wird; desto dankbarer sind wir. Wenn man uns nur noch mit zehn bis zwölf ähnlichen Lücken in den bestehenden Instructionen bekannt gemacht, so schwindet unsere Verwunderung über die große Reihe von Unfällen vollständig hin. Der Locomotivführer ist also über die gefährliche Stelle hinweggefahren, ohne von der Gefahr in Kenntniß gesetzt zu sein. Kurz vor der Unglücksstelle hat ein Bahnwärter mit einer rothen Fahne gewarnt; dies Zeichen hat er unglücklicher Weise übersehen. Dann haben die Arbeiter ihn durch Rufe gewarnt; das hat er, wie nicht zu verwundern ist, überhört. Damit war sein Schicksal besiegelt. Nun fragen wir, welche Kosten können der Etsenöahnverwaltung erwachsen oder welcher andere Schaden ist davon zu befürchten, wenn eine Instruction erlassen wird, dahin gehend, daß jede Schienen-Auswechselung den


