Ausgabe 
25.9.1880 Zweites Blatt
 
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AZr. 22Ä. Zweites Blatt. Sonntag den 25. September 1880.

Kietzener Anzeiger

Artige- Mi) AMM für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl 50

Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß dem Fürstlichen Bauinspector Carl Schön in Lich, die Ausübung der Lokal-Polizei ür dem Fürstlichen Schlöffe zu Lich und dessen Umgebung, sowie in den dem Fürstlichen Hause Solms-Lich zustehenden Gemarkungen Kolnhausen, Hof-Alvach, Mühlsachsen und Mailbach übertragen und derselbe von uns als Großherzoglicher Polizei-Commissär verpflichtet worden ist.

Gießen, am 21. Septen ber 1880. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberskcht.

Herr v. Varnbüler soll, wenn Pariser Nachrichten richtig melden, in Bezug auf seine Enthüllungen einen kleinen Rückzug inscentrt haben, indem er zugebe, daß er nicht von authentischen Thatsachen gesprochen, sondern sich nur zum Echo der Gerüchte in den Zeitungen gemacht habe. Unsere Ofstciösen meinen, es sei in der Rede zu viel Wahres und Unwahres durcheinander ge­mischt, so daß rin Dementi nicht genüge, aber gleichzeitig eine öffentliche Aus­einandersetzung nicht opportun sei. Auf gut deutsch heißt dies, es ist an der» Enthüllungen zwaretwas d'ran", aber wieviel davon wahr ist, davon schweigt man lieber still. Fürst Bismarck gefällt sich zur Abwechslung einmal in der Rolle Moltke's, des großen Schweigers.

Im Orient dürsten die nächsten Tage eine Entscheidung bringen. Eine Conferenz der Admirale der vereinigten Flotte beschloß die unverweilte Abfahrt des Geschwaders nach Dulcigno. Die Sommation des Admirals Seymour, Dulctgno sofort zu übergeben, ist bisher von Riza Pascha, dem türkischen Gouverneur, nicht beantwortet worden. Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß der russische Botschafter Novikow wegen des Ernstes der Lage seine Reise noch Ltvadia, wohin ihn der Czar berufen, aufgeschoben habe. Gleichzeitig verlautet aus London, die Botschafter aller Mächte würden in Konstanti­nopel ihre Abberufung nolificrren, falls die Pforte sich nicht dem Ultimatum wegen Dulcignos füge.

Die Großmächte rechnen anscheinend wenig mit einem Faktor, der in den nächsten Tagen eine acttve Rolle spielen dürste, mit den Albanesen. Die albanestsche Liga hat zahleiche Freicorps gebildet, und die Türkei soll dabet durch Lieferung von Geld und Waffen eine sehr zweideutige Rolle gespielt haben.

Griechenland ist kriegerisch. Die Universität von Athen ist ge- geschlossen, weil kriegerische Ereignisse in Aussicht ständen, und die Studenten treten, wie die griechische Heeresverfassung bestimmt, als akademische Legion in die Armee ein. Bis jetzt sind 30000 Mann unter den Waffen, doch werden soeben roch, die Reserven in Höhe von 3000 Mann etnberufen. Die Regie­rung läßt auf Cypern Maulthiere für die Gebirgsbatterien ankausen.

Bet den tu Pesth stattfindenden Minister-Conferenzen soll außer den Handelsverträgen mit Deutschland und Serbien auch die Donaufroge bezüglich des Dorfes in der Commission für die untere Donau erörtert werden.

l" * M Schifffahrt auf der unteren Donau hat Rumänien ein Memorandum a.» Je europäische Diplomatie gerichtet, welches die Mitwirkung der Balkanuser-Staaten bespricht. Hoffentlich gelingt es, eine Einigung Oester­reichs mit Rumänien, Bulgarien und Serbien zu erzielen.

Aus dem Großherzogthum Heffen schreibt man derFranks- Presse" : Von dem erfreulichen Ei folg, welchen die landwirrhschaftl. Consum- und Credit-Vereine und deren Verbände in so kurzer Zeit, in kaum 7 Jahren, aufzuweisen haben, davon gibt der Umstand Zeugniß, daß aus allen unseren Nachbarstaaten Commissionen zum Zwecke des Studiums der Verfassung und Geschäftssührung dieser Genossenschaften hierher kommen und sich über das Gesehene und Gehörte im höchsten Grade befriedigend aussprechen. Ein solcher Erfolg konnte nur durch zweckmäßige Einrichtung und tüchtige Leitung der Vereine und deren Vertreter erzielt werden. Daß die beharrliche, opferwillige Mühe und Arbeit des Gründers und Dirigenten dieser Vereine und Verbände auch sonst die wohlverdiente Anerkennung gefunden, beweist die Thatsache, daß unser Landesherr, dem das leibliche Wohl und die Erhaltung der sittlichen Kraft seines Volkes außerordentlich am Herzsn liegt, dem Präsidenten des Verbandes der landwirthschastlichen Cousum- und Credit-Vereine, Herrn Poltzei- rath Haas in Darmstadt, die goldene Medaille für Wissenschaft, Kunst, In­dustrie und Landwirthschast verliehen hat. Dem Decorirtcn ging das Ehren­zeichen mit einem besonderen Schreiben des Minister-Präsidenten v. Starck zu. Wir betrachten diese Auszeichnung als einen Wtllensausdruck des Großherzogs dahin, daß das landwirthschaftliche Genossenschaftswesen im Lande immer wei­tere Ausdehnung gewinnen möge.

Worws, 22. Septbr. DieWormser Ztg." bringt an der Spitze ihres Blattes folgende Erklärung: Angesichts der gegenwärtig sich vollziehenden Spaltungen und Neubildungen der politischen Parteien erklärt der erweiterte Ausschuß des hiesigen Vereins der hessischen Fortschrittspartei:Der hiesige Verein der hessischen Fortschrittspartei ist nach wie vor der Sammelpunkt aller national und liberal gesinnten Männer, deren persönlichen Anschauungen er einen wetten Spielraum läßt, insofern nur das eine Ziel: der Ausbau des

Reiches in einheitlichem und freiheitlichem Sinn, angestrebt wird. Keinen Platz in ihm hat die konservative Richtung, die auf dem Gebiete der Kirche und Schule eine Reaktion anstrebt und gegen die liberale Gesetzgebung der letzten zehn Jahre Sturm läuft; keinen Platz in ihm hat der Ultramonta- nismus; der den Staat beherrschen will, keinen Platz endlich in ihm hat die Demokratie, die die Monarchie nur für ein nothwendtgeS Nebel hält und unser stehendes Heer in ein Milizheer verwandeln möchte."______________________

Guter Rath, unsere Obstcultur betreffend.

(Aus demRh. Kurier.")

Jetzt, nach vollendeter Grnmmeternte, wo die bei dem Ausputzen der Bäume herabfallenden Zweige das Futter nicht mehr verderben können, wäre es doch hohe Zeit, daß die Besitzer von Obstbäumen, die trockene Aeste und Zweige haben Folge der Fröste des letzten Winters welche die Bäume verunstalten, diese abgestandenen oder absterbenden Zweige ausschneiden, die Wunden sorgfältig glatt schneiden und mit Theer verstreichen und so gegen Luft und Feuchtigkeit abschließen würden. Ein Aus­putzen und Verjüngen, das heißt starkes Zurückschneiden der Aeste zu jetziger Zeit schadet, wie langjährige Erfahrungen gezeigt, niemals den Bäumen, während stärkere Schnitte, die im März und April bei gesunden, vollsaftigen Bäumen gemacht werden, nicht selten (sondern sogar sehr häufig) Brand und Krebs in ihrem Gefolge haben. Des Verjüngens find gegenwärtig gar viele unserer Obstbäume bedürftig und es ist diese Arbeit gerade jetzt eine der allerwichtigsten, um geschwächte Bäume wieder zu neuem Triebe zu bringen.

Dünger ist bei an sich gesunden Bäumen vortrefflich und ist auch gegenwärtig noch anzuwenden, indem man Löcher von 50 bis 60 Zentimeter tief, etwa im halben Kronendurchmesser, in den Boden gräbt und da hinein verdünnte Gülle ober noch besser Kloakendunger und Holzasche, mit Wasser stark verdünnt, eingießt, wonach die Löcher wieder zugefüllt werden. Wenn man aber bei den froftkranken Bäumen eine derartige Düngung anwendet, so ist der Erfolg oft ein sehr mißlicher und die Bäume erhalten im folgenden Jahre gelbe Blätter und sterben ab, anstatt sich zu kräftigen und zu erholen; die Wurzeln derselben werden krank. Wenn ein Baum keine kräftigen Zweige hat und gesunde Blätter, die den Dünger so zu sagen verarbeiten können, so ist die Wirkung desselben eine durchaus unsichere und meist ungünstige. Erst wenn durch ein vorhergegangenes Verjüngen neue kräftige Holztriebe im nächsten Jahre hervorgerufen sind, wird eine Düngung von großem Werthe fein und den Fruchtansatz befördern. Am richtigsten wird es immer sein, Bäumen, die gut tragen, im Juli, August oder Anfang September eine flüssige Düngung zu geben, um dadurch die zur Ernährung ber Früchte verbrauchten, abgelagerten Nährstoffe zu ersetzen und zugleich auf die vollkommene Ausbildung der Früchte hinzuwirken oder aber kränkelnde Bäume im Spätherbst oder Winter zu verjüngen und dann erst im Sommer danach zu düngen.

Es ist im vorigen Winter vielfach vorgekommen, daß Bäume, welche im ver­flossenen Jahre noch reichlich trugen, vorzugsweise im Winter erfroren, während daneben­stehende, welche keine Früchte oder doch nur wenige lieferten, nicht vom Froste zu leiden hatten. Die Ursache mag meist darin liegen, daß bei den Bäumen, die reich trugen, die angesammelten Reservestosfe (abgelagerte Nährstoffe) durch den Fruchtertrag sehr stark erschöpft wurden; da aber die fortwährende Umbildung dieser Zellinhalts­stoffe als eine der wichtigsten inneren Lebensthätigkeiten auch innere Wärme erzeugen muß, so konnten solche Bäume, welche reich mit Reservestoffen versehen waren, d. h. gerade die, welche nicht getragen hatten, die starke Kälte eher überstehen. Wären jene fruchttragenden Bäume im vorigen Sommer gedüngt worden, so würden sie sicher dadurch, als mit Nährstoffen versehen, dem Einfluß der Kälte widerstanden haben und es hätten vielleicht die meisten derselben durch eine einfache flüssige Sommerdüngung erhalten werden können-

(Sine andere Arbeit ober ist es, mit welcher jetzt vorgegangen werden muß, wenn nicht noch Hunderte und Tausende von jüngeren wie älteren Obftbäumen an einer infolge des Frostes eingetretenen Rindenkrankheit, der Rindenfäule, eingehen sollen.

Wer im Frühjahr seine ^rostkranken Bäume eingestutzt hat und das kranke jüngere Holz dadurch wenigstens zum Theil entfernt hat, auch die Lebensthätigkeit durch ein stärkeres Einstutzen der Aeste erneute, wird gesehen haben, daß sehr viele Bäume wieder kräftig austrieben. Wer dabei zugleich, wie es von mir und andern vielfach anempfohlen worden, die erfrorene kranke Rinde, die innen braun war, sofort entfernte und die entblößten Stellen mit kaltflüssigem Baumwachs und mit Rindsmist und Lehm überstrichen hat, hat meistens, wie dies hier bei mindestens 300 jungen Hoch­stämmen zu sehen ist, eine neue Rindenschicht hervorgelockt und so behandelte Baume stehen hier, trotzdem theilweise die Rmde ringsum am Stamm weggenommen werden mußte, schön und kräftig, mit üppigen Zweigen und ganz gesundem Laubwerk da, so schön und gesund, wie man sie nur wünschen kann. Hiervon kann sich Jedermann durch den Augenschein täglich überzeugen. , ,

Eben erhalte ich einen Brief von einem Freunde in Hechingen. Derselbe jchrelbt unter anderem wörtlich:Meine Zwergobstanlage vor dem Wohn hause, dte vom Frost stark mitgenommen war, rettete ich nur durch Anwendung Ihrer Rathschlage, indem ich schon im März die halbe Rinde entfernte und die Stamme vnk Lettengemenge (Lehm und Mist) überschmierte. Cs bildete sich neue Rmde und die Baume blieben erhalten, wofür ich Jhneri noch bestens danke Meine anderen WO Stück, die ich nicht so behandelte, gingen meistens zu Grunde." ... L

Wo dieses Wegnehmen der vom Froste betroffenen Rinde versäumt wurde, der Baum aber doch gesunde oder auch nur geblich belaubte Triebe gebildet bat, muß es jetzt nachgekolt werden. Man schneidet die durch ihr Ansehen fd)on kenntlichen mrß- faibigen und innen gebräunten kranken Rinden stell en mit bem Mester bio aus s Holz weg und bestreicht diese Stellen sofort mit kaltflussigem Baumwachs. Diese Arbeit wird gegenwärtig hier auch im Obstmuttergarteir vor genommen, da seither es an Zeit dazu fehlte und die Stellen auch nicht so gut von außen kenntlich waren. Wer das