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25.9.1880 Erstes Blatt
 
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Partei gegen die neuen Wandlungen Bismarck's in der Zoll- und Kirchenpolttik. Wenn auch die Dankbarkeit Deutschlands niemals nergeffen werde, was sie dem Kanzler schulde, so gehe dieselbe doch nicht so weit, Deutschland und seine sachlichen Interessen über seine Person zu stellen, seine Wandlungen m.tzumachen, wenn dieselbeii gegen ; ihre Ueberzeugung wären. (Zustimmung) Diese Wandlungen, zuletzt in der Kirchen­politik, hätten auch die Secession der Nationalliberalen hervorgerufen. Die Fortschritts­partei bilde jetzt zusammen mit der neuen Gruppe der Nationalliberalen und der Volkspartei die entschieden liberale Partei, innerhalb deren sie eine Mittelstellung ein­nehme. Sie bedaure, daß das Programm der iL>eressionisten nichts über die Militär- srage enthalte, sich auch nicht gegen die Reichseisenbahnen erkläre, welche zur wirth- schaftlichen und politischen Schädigung von Handel und Verkehr führen müßten. Von der Volkspartei trenne die Fortschrittspartei deren Vorliebe für das Staats-Eisenbahn- System, ihre unklare Stellung zur Zollfrage und der Umstand, daß sie den Gegensatz zum Socialismus nicht entsprechend scharf aufsasse. Aber in der gegenwärtigen Situation hätten die drei Vereinigungen gemeinschaftlich gegen die rückschrittliche Be­wegung, gegen die zunehmende Steuerbelastung das Volk zu vertheidigen. Es würde die Fortschrittspartei nur freuen, wenn z. B- in der Umgegend von Darmstadt, in Mainz, wieder ein Demokrat wie Herr Oechsner gewählt würde und ebenso müßte sie es bedauern wenn etwa Herr Bamberger in Bingen nicht wieder gewählt werden sollte. Abgesehen von allen Meinungsverschiedenheiten mit demselben, habe sich derselbe ein großes Verdienst erworben, indem es hauptsächlich ihm zu verdanken, daß wir in der Samoa-Frage vor dem Anfang einer zum Abenteuerlichen führenden überseeischen Colonial Politik bewahrt worden seien. Zum erstenmale habe die Börse erfahren, daß doch nicht Alles, was der Kanzler anfange, ihr gegenüber von Erfolg begleitet sei. Die Fortschrittspartei als die mittlere Phalanx in der entschieden liberalen Partei er­freue sich eines 1878 unter Mitwirkung der Parteigenossen auch aus Darmstadt und Süddeutschland festgesetzten Programms, während die Programmlosigke-t der national- liberalen Partei dazu geführt hätte, daß ihre Mitglieder sich untereinander negirten. Ihrer Organisation verdanke die Fortschrittspartei ihre letzten Wahlsiege; diese Organisation zu vervollständigen, sei der Zweck der Parteitage, und er hoffe, daß auch dieser Parteitag zur Folge habe, daß das Beispiel Darmstadts in anderen hessischen Wahlkreisen nachgeahmt und der Fortschrittspartei neue Streiter zugesührt würden. (Lebhafter Beifall.)

Der Vorsitzende glaubt der Dolmetscher der Versammlung zu fein, wenn er dieselbe auffordert, dem Vorredner für seinen ausführlichen und lehrreichen Vortrag durch Erheben von den Sitzen zu danken. (Geschieht).

Reichstags-Abgeordneter Büchner: Wenn man von einem Gastmahle komme, bei dem Champagner kredenzt wurde, sei es schwer, mit kaltem Wasser zu kommen; aber ihm bleibe nichts Anderes übrig, als die Versammlung nach dem geistvollen Vortrag des Vorredners mit weniger warmen, aber nicht min­der vom Herzen kommenden Worten zu behelligen. Dle Schwierigkeiten, welche sich der Fortschrittspartei in Heffen entgegengestellt, seien große gewesen, was hauptsächlich darin seine Begründung finde, daß wir eine hessische Fortschritts­partei besäßen, die sich allmältg nach schweren Kämpfen Bahn gebrochen, aber nach und nach der großen nationalliberalen Partei angeschloffen und daher schließlich mit dieser die unrichtigen Wege gegangen. Die Masse der Wähler das habe sich bet den letzten Reichstagswahlen gezeigt habe noch nicht verstanden, den Unterschied zwischen der deutschen und hessischen Fortschritts­partei zu ziehen; allein die letzten Wahlkämpfe haben die Verhältniffe erklärt und sei die Stimmung im Lande in Folge der Vorgänge im Schooße der nattonalliberalen Partei eine vollständig andere geworden. Nun sei es für die deutsche Fortschrittspartei nothwendtg, zu zeigen, daß sie lebe und vorhan­den sei; sie habe den Beweis zu liefern, daß sie nicht blos hoffe, sondern durch Tbaten etntrete, an ihrem Berufe sesthalte und somit ihr Ziel erreiche. Um dieser Stimmung Ausdruck zu geben, schlaae er folgende Resolution vor: Der Parteitag der Fortschrittspartei im Großherzogthnrn Hessen erklärt:

Die Aufgabe der nächsten Wahlen ist es, dem Reichstage Männer zuzuführen, welche ohne Wanken und Schwanken entschlossen sind, der rückschrittlichen Bewegung kräftigen Widerstand entgegenzustellen, der fortgesetzten Ver­mehrung der Steuerlasten, insbesondere der die ärmeren Class.n bedrückenden Vertheuerung der Lebensmittel Einhalt zu thun, der Geschäftswelt wieder Ruhe und Sicherheit gegen die unablässig auft udjenben Projecte von Mono­polen, Steuern und anderen wirthschaftlichen Umgestaltungen zurückzugeben und in Eintracht die gemeinsamen Interessen von Stadt und Land, sowie aller Berussklassen und Religionsparteien zu fördern. Die deutsche Fort- schrlttspartei erwartet von ihren in diesem Sinne ausgestellten Candidaten die kräftige Unterstützung aller freisinnigen Männer, welche von gleichen oder verwandten Bestrebungen für das Wohl unseres deutschen Vaterlandes er­füllt sind."

Redner erklärt sich gegen das Tabaksmonopol, gegen das Reichseisen- bahn-Project, weil dadurch der Regierung die Macht gegeben werde, ohne Zu­stimmung des Parlaments zu thun, was sie wolle. Ebenso entschieden muffe man einer Erhöhung der Btersteuer entgegentreten, wenn nicht gleichzeitig auch durch eine vermehrte Besteuerung des Branntweins der Großgrundbesitz ent­sprechend zu den Lasten herangezogen werde. Nachdem Redner kurz auf das Project der Wehrsteuer und die projecttrte Beschränkung der Wechselfähigkett hingewtesen, auch darauf aufmerksam gemacht, daß man die Industriellen wieder mit dem Lockvogel der Zünfte kirren wolle, mit einem Worte, auf dem besten Wege sei, um mit aller Gewalt in die Reaction hineinzutreiben, fordert er die Versammlung auf, sich hiergegen mit aller Entschiedenheit zu stemmen. Dazu bedürfe man vor Allem Geld und muffe an die Opferwilligkeit appelliren. Der zweite hier in Betracht kommende Punkt sei der, wen wählen wir; freilich eine mehr interne Frage, aber von großer Wichtigkeit, denn bei der Dläten- lostgkeit sei ein Mann, den man nach Berlin in den Reichstag schicken könne, eine Rarität, ein weißer Rabe. Und drittens endlich werfe sich die hier noch weiter zu erörtende Frage auf: wer leitet die Organisation? (Beifall).

Dr. Ebner (Frankfurt) führt aus, daß die Fortschrittspartei in Frank­furt, Heffen-Nafsau und dem Großherzogthum Hessen aufeinander angewiesen sei, viele gemeinsame Berührungspunkte habe und sich freundnachbarliche Hülfe leisten müsse. Weihers (Wiesbaden) berichtet über die Stimmung in Nassau und versicherte, daß die Fortschrittspartei bestrebt sei, sich wieder auf eigene Füße zu stellen, um die verloren gegangenen Wahlbezirke wieder zu erobern, aber hierzu einer kräftigen Action und einer Klarstellung der Parteien mit nicht verschwommenem Programm bedürfe. Fuchs (Worms) glaubt, daß der Wahlkreis Worms-Heppenheim an einer schweren Krankheit, der von den Nationalltberalen hinetngetragenen Corruption, leide, daß es gelte, dort das Eis zu brechen, zumal es in der nationalltberalen Partei schon gewaltig gähre und sich erblicken lasse, welche Verwirrung dort eingetreten. Nötigenfalls müsse man mit den Secefstonisten einen Pakt abschließen, um den bisherigen Reichstags-Abgeordneten, der im Reichstag eine so rühmliche Rolle gespielt, ein- für allemal zu beseitigen. (Beifall). Bücking (Alsfeld) bedauert, daß Herr Richter 1877 sich nicht in Alsfeld habe als Candtdat aufstellen lassen und daß das Central-Wahlcornit6 in Berlin die Alsfelder im Stiche gelassen habe. Christian (Unter-Liederbach) tritt für die Wahl von Männern ein, welche für die Sache des Fortschrittes, der Freiheit und des Rechtes zu wirken bereit sind, während Dr. Geiger (Frankfurt) den Grundsatz verficht, daß die Candidaten aus dem eigenen Wahlkreis aufzustellen seien und man nie eine

Candidatur nur auf einen hervorragenden Namen hin aufbauen dürfe, sondern daß es darum gelte, die Principien der Partei zu verbreiten. J i dieser Be­ziehung sagte er freundnachbarllche Hülse zu. Dr. Ebner (granffur) erachtet, daß in den meisten Wahlkreisen vollständig qualificirte Persönlichkeiten für den Reichstag vorhanden seien, da man nur schlichte, tüchtige Männer von festem Charakter, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, gebrauche. Goll (Offenbach) verhehlt nicht, daß man in Dein Wahlkreis Offenbach-Die­burg, der seither von Dernburg vertreten gewesen, einen schweren Standpunkt habe, namentlich mit Rücksicht auf die Jntereffenkämpfe, den scharfen Unter­schied zwischen der Fabrtkstadt und der Landbevölkerung, hofft aber, daß in dem aufzunehmenden Kumpfe die Fahne des Fortschrittes siegreich entfaltet werde. Diesfenbach (Zwingenberg) berichtet über die Stimmung im Wahlkreise Bensheim-Erbach, wo seither die Fortschrittspartei noch wenig Boden gehabt, weshalb man deren Ideen in das Volk hineintragen müsse.

Reichstags-Abgeordneter Eugen Richter erklärt, daß er die Alsfelder Candidatur habe ablehnen müssen, weil er an seinem alten Wahlkreise Hagen festhalten mußte. Um rechtzeitig geeignete Candidaten zu finden, seien eben j^tzt die Parteitage anberaumt. Ec habe vorhin vergessen, noch von den Steuerermäßigungen, welche versprochen gewesen, zu reden. Er höre, daß das Darmstädter nationalliberale Blatt in seiner gestrigen Rede das positive Steuer­programm der Fortschrittspartei vermißt habe. Es handele sich aber augen­blicklich gar nicht um gerechtere Vertheilung der Steuern dies sei aber die fortwährende Täuschung- sondern nur um Vermehrung der Steuerlast. Jedes Finanzprogramm müsse zunächst von größerer Sparsamkeit ausgehen, die Verwaltungen müssen wieder aus den Milliarden Anschauungen herauskom­men und sich, wie jeder Bürger in schlechten Zeiten, genügsamer etnrichten, Besserung der Zeiten bringe dann von selbst vermehrte Staatseinnahmen. An Vorschlägen zur Sparsamkeit habe es die Fortschrittspartei niemals fehlen lassen, und wenn man ihr vorwerfe, daß sie immer nörgele, so habe sie manches hübsche Milliönchen,durch Kritik des Budgets zusammengenörgelt in Auffindung von Deckungsmitteln, Ersparung von Ausgaben und Richtigstellung der Ein­nahmen. Eine solche durchaus pofitive, fruchtbringende Tätigkeit werde sie auch künftig entfalten.

Langenbach (Darmstadt) reserirt über die Partei-Organisation und führt, gestützt auf zahlreiche zustimmende Zuschriften aus dem Lande, aus, daß die Sache nicht so schwierig fei, wie man sich vielleicht denke, daß namentlich mit der Organisation von Einzelvereinen vorgegangen werden müsse, die ge­wissermaßen das Fundament und den Grundstein des Baues bilden. Er fordere von diesem Gesicktsvunkte die Annahme folgender Resolution:

Der Parteitag empfiehlt dringend die Bildung von Wahlvereinen der Fort­schrittspartei, ersucht die Parteigenossen, aus das Parteiorgan, dieParla­mentarische Correspondenz", zu abonniren, die Verbreitung der von der Partei herausgegebenen Broschüren zu fördern, sowie die Unterstützung der im Sinne der Partei redigirten Zeitungen sich angelegen sein zu lassen. Die einzelnen Wahlkreise haben bei der bevorstehenden Reichstagswahl Vie Pflicht, auch die Parteigenossen in anderen Wahlkreisen nach Kräften zu unterstützen. Ins­besondere wird in Darmstadt und Frankfurt die Partei sich die Unterstützung der übrigen hessischen Wahlkreise durch Rath und That, Unterstützung bei der Einrichtung von Wahlvereinen, bei Ermittelung geeigneter Candidaten und Vorträge in Versammlungen angelegen sein lassen. Die Vermittelung der besonderen hessischen Wahlkreise liegt der Geschäftsführung der Partei in Darmstadt ob."

Vogt (Offenbach) erachtet, daß keine Zeit zu versäumnn und es noth- wendig sei, persönlich von Ort zu Ort zu agittren, um namentlich den Grund­sätzen der Fortschrittspartei bei der Landbevölkerung Eingang zu verschaffen.

Nach kurzer Debatte, an der sich noch Büchner (Pfungstadt) betheiligt, gelangen b.e vorgeschlagenen Resolutionen zur einstimmigen Annahme, worauf der Vorsitzende die Versammlung mir einem Hoch auf die Sache des Fort­schrittes, welchem ein Hoch auf Eugen Richter folgte, schließt. Die Präsenz­liste constatirt die Anwesenheit von etwa 200 Teilnehmern aus folgenden Orten: Wiesbaden, Worms, Lampertheim, Pfungstadt, Groß-Gerau, Gießen, Butzbach, Erfelden, Alzey, Beffungen, Unter-Liedervach, Frankfurt, Offenbach, Mörfelden, Zwingenberg, Ernsthofen, Nürnberg, Alsfeld, Gernsheim, Wall­dorf, Reichenbach, Büttelborn, Nieder-Ramstadt, Stuttgart, Hanau, Bockenheim, Frankenthal, Neustadt a. d. H., Michelstadt, Fürth i. O., Nieder-Berbach und Darmstadt.

Telegraphische Depeschen.

Wagner's telegr. Correspondenz-Bureau.

Stuttgart, 23. Septbr. Nach einer Meldung desSchw. Merk." aus Arolsen ist Prinz Wilhelm von Württemberg, Gemahl der Prinzessin Marte von Waldeck, in Arolsen angekommen, wo sich der Fürst von Bentheim- Steinfurt mit der Prinzessin Pauline, der ältesten Tochter des Fürsten von Waldeck, verlobte.

Skutari, 23. Septbr. Den Consuln wurde ein von 35 Notabel» Dulcignos unterzeichneter Protest überreicht, worin dieselben erklären, daß sie sich niemals von der türkischen Regierung trennen wollten, unter welcher sie seit Jahrhunderten gestanden hätten. Wenn die Montenegriner versuchen sollten, vorzudringen, würde man ihnen mit Gewalt begegnen. Dieser Protest wurde von mehreren Consuln zurückgewiesen. Mohamedanische und katholische Mitglieder der albanesischen Liga haben sich nach Tust begeben, um die Berg­bewohner zur Verteidigung Dulcignos aufzufordern. Ein Adjutant deS Sultans, Suleiman Bey, ist in Veranlassung des von dem Geschwader.Com- Mandanten Admiral Seymour an die Pforte gerichteten Ultimatums in Skutari eingetroffen. Riza Pascha hat die Liga aufgefordert, sich zu unterwerfen und gedroht, im Falle der Weigerung Gewalt anzuwenden und von Konstantinopel Verstärkungen zu verlangen. Die katholischen Albanesen sollen eher geneigt sein, sich zu unterwerfen, während die Mohamedaner sich ganz entschieden weigern.

Wien, 23. Septbr. DiePolit. Corresp." meldet aus Cattaro von beute: Der Obercommandant der beträchtlich verstärkten Montenegriner, Petrovits, nahm eine Recognoscirung der albanesischen Positionen vor und kehrte, ohne den Feind zu treffen, zurück. Admiral Seymour ist auf der JachtHelikon" in Cattaro eingelaufen und hierauf nach Cettinje weitergereist.

Petersburg 23. Septbr.Goloö^ meldet aus Smolensk von Ruhe­störungen, welche in Folge plötzlicher Lohnberabfetzung unter den 3000 Arbeitern einer Fabrik in Jarzewo stattgefunden. Der Gouverneur, der Staatsanwalt und der Chef der Gensdarmerie haben sich an Ort und Stelle begeben, auch eine Milttärabtheilung ist heute dahin abgegangen.

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