Mittwoch den 22 September
1880
srr. 221
Wchener 'Anzeiger
Ayelge- nb AlstsbM fit den Kreis Gieße«
Erscheint mit Ausnahme des Mo«ta-».
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Fürst Bismarck, preußischer Handelsminister.
Der deutsche Reichskanzler, der Leiter der auswärtigen Politik, der Prä- fident des preußischen Staatsmintstertums, der Curator der deutschen Reichs- bank, das Mitglied des preußischen Herrenhauses, General ä la suite und Großgrundbesitzer Fürst Otto von Bismarck-Schönhausen ist nunmehr noch zum preußischen Minister sür Handel und Gewerbe ernannt worden. Der Kanzler, vor Kurzem nach seiner Aussage müde, todtmüde, übernimmt willig eine neue und große Last, und mit Recht nimmt man an, daß dieser Entschluß nicht nur ein Zeichen der Frische und Arbeitskraft des Fürsten sei, sondern auch seinen Willen bekunde, auf dem Gebiete des Handels und der Gewerbe, mit denen es, um einen populären aber bezeichnenden Ausdruck anzuwenden, „nicht vorwärts geht", energisch einzugreifen. _
Es liegt in der Natur der Sache, daß man dem neuen Handelsminister viele politische und wtrthschaftliche Bedenken entgegen trägt. Weil der Fürst schon oft geklagt hat, daß er unter der Last seiner Geschäfte fast unterliege, nimmt es Wunder, daß er die neue Last sich aufhalst; man fragt, ob denn wirklich unter den vielen hohen Beamten nicht ein einziger Mtnister-Candtdat zu entdecken war, der dem Kanzler die Bürde abnahm, und man meint, daß wenn dies nicht der Fall gewesen sei, doch wie einst Herr v. d. Heydt, ein großer Handelsherr sicher bereit gewesen wäre, sich mit dem Prädikate (Sy cellenz schmücken zu lasien. Wenn ein Amt nach dem andern dem Fürsten Bismarck zufällt, um wie viel schwerer wird es «inst fein, nach Bismarck Minister zu finden? Und endlich: Ist Fürst Bismarck, der große Diplomat und Staatsmann, auch wirklich in Handels- und Gewerbefachen geeignet und befähigt, die Zügel des Staates zu führen?
Wir möchten diese Frage bejahen, denn die erste und beste Qualification bringt Fürst Bismarck in sein neues Amt mit: Er ist kein Bureaukratl Wir hören fett einiger Zett viel fingen und sagen von einem neuen Aufschwung des Handels und der Gewerbe, aber wenn man genau hinsieht, so zeigt sich zwar eine kleine Besserung im Geschästsleben, tm Handel und in der Industrie; aber sie kommt mehr dadurch zur Erscheinung, daß der Deroute und der wirthschaftlichen Kalamität „H a l t" geboten worden ist, als durch einen frischen und fröhlichen Umschwung.
Mancherlei Wirrnisse im politischen Leben wirken nachiherltg aus die wirthschaftlichen Verhältnisse, und vor Allem fehlt das Vertrauen, weil die bisherigen Handelsmtnister selbst fein rechtes Vertrauen auf eine bessere Zu- kunft bekundeten. Dem Fürsten Bismarck aber wird man dieses Vertrauen entgegeubringen, hat er doch selbst die Meinung vertreten, daß die Handelspolitik ebenso schlagfertig sein muffe, wie die äußere Politik.
Fürst Bismarck als Volkswirth gehört keiner Schule an; er hat vor Jahressrist offen erklärt, für seine Handelspolitik sei lediglich maßgebend, daß wir uns in leidendem Zustande befinden, und wenn mäßige Zölle wirklich eine (o große Gefahr seien, so müßte Frankreich längst ein ruinirtes Land sein, so könnten - mit hohen Schutzzöllen — Rußland und Amerika nicht prosperiren. Der Kanzler unterschätzt den Werth des Exports nicht, aber er will der deutschen Industrie den deutschen Markt ei halten. Fast alle unsere Handelsver- träge sind abgelausen oder prolongirt; es werden neue Verträge geschlossen werden müssen, und Fürst Bismarck sagt uns, er schätze die Handelsverträge als Zeichen der Freundschaft der Völker, aber — „es kommt darauf an, was darin steht." Niemand mehr als der Kanzler kann diese große Angelegenheit günstiger Vrrträge besser in Fluß bringen, denn er ist in der Lage, die politische Macht in die Wagschale zu werfen. Der Reichskanzler arbeitet in der äußeren Politik auf die handelspolitische Erschließung des Orients für Deutschland hin, und Oesterreich ist der Vorposten Deutschlands geworden. Mit den Erfolgen der deutsch-österreichischen Politik auf der Balkanhalbinsel wird ein ungeahnter Aufschwung des deutschen Handels und der deutschen Industrie Hand in Hand gehen. (?) Man mag ferner nicht vergessen, daß Fürst Bismarck nicht der Mann ist, sich durch die Niederlage der Samoa-Angelegenheit davon abschrecken zu lassen, seine Absicht, dem überseeischen Handel, speciell die handelspolitische Position des deutschen Handels in der Südsce zu stärken, aufzugeben. Der Kanzler wird, so schwierig es ist, nach der Sicherung deS politischen Friedens, auch Frankreich und Rußland gegenüber eine möglichst vortheilhafte Handelspolitik zu sühren tu der Lage sein.
Des Kanzlers Versuche, die Seehandelsstädte völlig in den Verkehr des Reiches zu ziehen, an Stelle der Freihäfen deutsche Handelsemporien zu gründen find nicht aufgegcben. Was endlich den Binnenhandel betrifft, so darf er sicher auf kräftige Förderung feiner Interessen hoffen. Hier widerstreiten sich bekanntlich die Freihandels-Interessen deS Nordens mit den Schutzzoll-Jntereffen deS Süden«; des Kanzlers Ziel ist aber eine einheitliche deutsche Handelspolitik, und seine Absicht sprach er für Handel und Gewerbe mit den Worten aus: „Wir wollen sehen, wie wir dem deutschen Körper wieder Blut, wie wir ihm die Kraft der regelmäßigen Circu- lation des Blutes wieder zuführen können!"
Deutschland.
Berit«, 19 Sevtbr. Nach dem „Börsen-Courier" hätte Geh. Rath v. Bleichröder in EmS eine Audienz beim Kaiser nachgesucht. Als Zweck der Audienz bezeichnete Herr v. Bleichröder ausdrücklich di« Absicht, mit dem
1 «chulstr-b- B. 18.
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Kaiser Wilhelm über die gegen die Juden von gewisser Seite in Scene ge- etzten Hetzereien zu sprechen. In der Audienz erklärte der Kaiser, er habe >ie Hetzereien, die von Herrn Stöcker ausgegangen seien, naturgemäß niemals gebilligt, aber er werde die Gelegenheit auch nicht vorübergehen lasten, ganz >irect seine Mißbilligung über diese Hetzereien, die den Frieden der Confessio- nen in Frage stellen, auszudrücken.
— Wir sind weit entfernt, Bayern und Württemberg seine selbstständige Postverwaltung irgendwie zu mißgönnen, aber eines scheint gerade sür die Er- Haltung derselben wichtig, daß die Interessen des deutschen Verkehrs gewahrt werden. Dies ist aber nicht der Fall, so lange der Gebrauch der Postwerthzeichen des deutschen Reiches einschließlich der Weltpostwerthzeichen in Bayern und Württemberg unmöglich ist. Selbst Reichstagsabgeordnete haben zuweilen nach der „Köln. Ztg." bei dem Ueberjchreiten der Reichspostgrenze vergessen, daß die Reichspostwerthzeichen hier ungültig werden, und ihre Angehörigen ind durch das Ausbleiben der als unfrankirt nicht beförderten Postkarten beunruhigt worden. Gar nicht unbedeutend ist die nutzlose Verschwendung, welche zurch den Gebrauch von Werthzeichen der Reichspost in den beiden süddeut- scheu Königreichen und umgekehrt jahraus jahrein hervorgerufen wird. Wir schließen uns vollkommen den Worten der „Köln. Ztg." an: „Wir sollten meinen, daß es ein wohlangebrachtes Opfer Seitens der Reichsverwaltung wäre, bei einem Pauschalausgleich zur Herstellung der allgemeinen Verwendbarkeit der Marken u. s. w. den beiden bestehenden Separatverwaltungen eine reichliche Entschädigung zu gewähren, und es ist gewiß nicht zu früh, zehn Jahre nach Gewinnung der politischen Einheit der Nation, auf diesen ihr an- haftenden Mangel wieder einmal hinzuweisen.
Köln, 19. Septbr. Der „Kölner Ztg." wird aus Rom berichtet: Deutsche Blätter haben letzthin von neuen Verhandlungen zwischen Berlin und Rom erzählt und Cardinal Hohenlohe als Mittelsmann genannt. Eigentlich so zu nennende Verhandlungen haben nicht stattgesunden, am wenigsten durch Hohenlohe, der den Somm-r auf dem Lande zubrachte. In vatikanischen Kreisen aber ist ein Vorschlag aufgetaucht, man solle zum Kölner Domfest e.nen päpstlichen Cardinal Legaten senden. Die Partei der Eiferer wollte sich die em Vorschläge anschließen unter der Bedingung, daß der deutsche Kaiser vorher den Erzbischof Melchers zurückberiefe. Es scheint indessen, daß die Curie die Unzulässigkeit dieser Bedingung eingesehen hat, noch ehe davon etwas über die Grenzen des Vatikans verlautet hatte. Darauf wurde berathen, ob bedingungslos ein Legat zu schicken sei, und zwar war Zacobini als solcher genannt. Bis jetzt scheint eine bestimmte Entscheidung hierüber noch nicht getroffen, aber die Stimmung ist der Absendung wenig günstig. Man schiebt die Schuld daran auf Ledochowski. Daß dieser die Absendung Hintertreiben hilft, ist richtig, fraglich aber, ob er die eigentliche Seele der Opposition ober ob er in diesem Falle nur das Aushängeschild für den engeren päpstlichen Cirkel abgibt.
— Die „Nordd- Allg. Ztg." weist darauf hin, daß das Auftreten des Statthalters v. Manteuffel in den Reichslandeir kräftige, mit tüchtigen Argn- menten ausgestattete Vertheidiger gefunden habe, und erachtet es als dringend Wünschenswerth, daß der bezügliche Streit jetzt aufhöre. Wenn die deutsche Presse über die richtige Behandlung der Reichslande einen heftig erbitterten Streit in dem Augenblicke führe, wo viele Umstände den Franzosen die Erwägung nahelegten, ob sie aufhören sollten, die Wiedereroberung des Landes zum Angelpunkt ihrer Politik zu machen, so sei leicht zu begreifen, wie schlecht die deutsche Presse mit jenen Erörterungen dem Interesse Deutschlands und des allgemeinen Friedens diene.
Kassel, 20. Septbr. Zu dem gestern in den Sälen der Euterpe ab- gehaltenen hessischen Parteitag der deutschen Fortschrittspartei waren außer den Mitgliedern des hiesigen fortschrittlichen Wahlvereins Deiegirte aus fast allen hessischen Wahlkreisen erschienen. Eugen Richter sprach im Auftrage der Centralleiiuvg der Partei „über die Ziele der Fortschrittspartei in Hessen." Als Loosiing wurde die Parole ausgegeben: Los vom Nationalliberalismus! und selbstverständlich der glänzende Kasseler Wahlsieg der Fortschrittspartei als Musterbild für die fämmtlichen ReichstagSwahlkieise des Regierungsbezirks aufs Nachdrücklichste empfohlen. Herr Richter vermied es, seine Ausführungen mit dem sonst bet ihm gewohnten SarkaSmus zu garniren. Er sprach bei Weitem nicht so leidenschaftlich, als er es bei früheren Gelegenheiten in Kassel gethan. Nachdem Redner feinen mit Beifall aufgenommenen Vortrag beendigt hatte, wurden folgende Resolutionen diScutirt und angenommen:
1) Der hessische Parteitag der deutschen Fortschrittspartei erklärt : Die Aufgabe der nächsten Wahlen ist es, dem Reichstage Manner zuzufühnn, welche ohne Wanken und Schwanken entschlossen sind, der rückschrittlichen Bewegung kräftigen Widerstand entgegenzustellen, der fortgesetzten Vermehnmg der Steuerlasten, insbesondere auch der die ärmeren Klaffen bedruckenden Ver- thenerung der Lebensmittel Einbalt zu thun, der Geschäftswelt wieder Ruhe und Sicherheit gegen die unablässig austauchettden Projecte von Monopolen, Steuern und anderen wirthschaftlichen Umgestaltungen zuruckzugeben, und .n Eintracht die gemeinsamen Interessen von Stadt und Land, sowie aller Be- rufsklassen und Religionsparteien zu fördern. Die deutsche Fortschriiis- Partei erwartet für ihre in diesem Sinne aufgestellten Candidaten di» kräftige Unterstützung aller derjenigen Hessen, welche ihrem angestammten FrechelUsinn


