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19S» Zweites Blatt. Sonntag den 22. August 1880.
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Auf dem kaiserlichen Schlöffe zu Babelsberg wurde am 18. ds. der 50jährige Geburtstag des Kaisers Franz Joseph von Oesterreich officiell gefeiert. Der Kaiser empfing das Personal der österreichischen Botschaft, welche in kleiner Uniform, blauer Frack mit goldenen Knöpfen, erschienen waren, während Kaiser Wilhelm die Uniform seines österreichischen Letbregt- ments, Kaiser von Deutschland, angelegt hatte. Während des Diners ertönten österreichische und ungarische Tanzweisen und der Kaiser unterhielt sich lebhaft mit dem Graf Szechenyi und anderen Herren; beim ersten Glase Champagner erhob sich Se. Majestät und trank auf das Wohl seines kaiserlichen Freundes, während die Musik die Nattonal-Hymne intonirte, welche Alle stehend anhörten. — Die in Berlin lebenden Oesterreicher und Ungarn feierten vereint den festlichen Tag im Hotel „Norddeutscher Hof." Der erste Toast galt dem österreichischen, der zweite dem deutschen Kaiser.
Während in Deutschland die Unwetter fortwährend andere Landstriche verwüsten, zuletzt einen Theil Ost- und Westpreußens, laufen ungünstige Nachrichten über den Ausfall der Ernte ein. Die Aussichten für den Winter werden dadurch trüb, und es wird ein Rückschlag auf die wirtschaftlichen Verhältnisse kaum ausbleiben, falls die Ernährungs-Bilanz eine schlechte und das deutsche Reich gezwungen ist, große Summen für Getreide an das Ausland zu zahlen. Ein Mangel an Getreide wird nicht etntreten, da Amerika eine vorzügliche Ernte erzielt, aber ohne Theuerung dürfte es nicht abgehen — mit oder ohne Getretdezölle!
Oesterreich begeht den Geburtstag seines Herrscher in Betrübniß. In Schlesien, Mähren, Böhmen, Salzburg, Oberösterreich und in der nächsten Umgebung Wiens haben Wolkenbrücke und Waffersnoth große Verheerungen angerichtet. In Wien selbst sieben Tausende von Menschen an den Ufern der Donau und schauen besorgt auf die stetig wachsende Fluth. Festschmuck und Farbenpracht, daneben trübe tosende Fluthen, welche die Stadt bedrohen — das ist ein schrecklicher Gegensatz.
Die belgischen Feste nehmen einen großartigen und glücklichen Verlauf. Am 18. August fand der große Fistzug in Brüssel statt, eine glänzende Maskerade, wie sie nur der Geschmack, die Kunstindustrie, der Reichthum und das Glück eines fcstsreudigen Volkes ermöglichen kann. Nach wie vor wird die Presse gefeiert, deren Festwagen vom Volke wie Alles, was in Belgien zur Presse gehört, jubelnd begrüßt wurde.
Aus den französischen G en eralräthen werden einzelne unliebsame Zwischenfälle gemeldet, thetls Proteste gegen die Dekrete, theils Tadelsvoten gegen die Präfekten und gegen die Regierung. Es hat dies nicht viel zu sagen, da von 86 Generalrälhen 66 eine republikanische Majorität haben.
Die tunesische Frage ist einem Frankreich befriedigendem Arrange- ment nahe; wie man sagt, habe das Berliner Cabtnet die Ansprüche Frankreichs in Tunis unterstützt. — Frankreich hat die Bahnlinie Tunis - Susa be- stätigt erhalten, und Italien wird dagegen nicht protestiren. Ein casus belli liegt also nicht vor.
AuS dem Orient trifft eine Reihe kriegerischer Nachrichten ein. Ali Bey ist mit 2000 Mann von Prizrend nach Gusstnje gezogen, wo er angeblick die Albanesen zum Angriff auf Montenegro reizt. Osman Pascha ist mit 4000 Mann in Budua angelangt, wo ein Commiffar der Pforte eintrifft. Der rumänische Krtegsmintster inspictrt die Truppen der Dobrudscha. In Silistria trafen russische Kriegsschiffe mit Bergbatterien und Munition von Bessarabien ein. Allem Anschein nach kann „der Tanz beginnen I"
London. (Die Irländer). Die sociale Gährung scheint in Irland auf dos Höchste gestiegen zu sein, denn außer dem üblichen agrarischen Morden meldet man Ueberfäüe und Beraubungen neutraler Schiffe und Pulververschwörungen , um die Kasernen der Engländer in die Luft zu sprengen. Die Engländer singen jetzt nicht mehr von dem grünen Eiland Erins, sie loben nicht mehr den heiligen Patrick, der die Irländer demüthtg und arbeitsam erhielt, sie preisen seit langer Zeit nicht mehr die irische Genügsamkeit und Bescheidenheit, sondern diese Irländer — God damned 1 — werden von John Bull auf einmal für Diebe und Räuber, Schurken und Mörder, für Aufrührer und Revolutionäre erklärt.
Allerdings sind Gewaltthaten niemals zu billigen, aber es ist einmal ein Zeichen der Zeit und eine Eigenschaft der Menschheit, daß sie dort am häufigsten und m der schlimmsten Gestalt am meisten auftreten, wo man den Geist knechtet, wo die Ungerechtigkeit herrscht und die materielle Noth aus- bricht. Als Irlands Grundbesitz vertheilt war und eigene Besitzer hatte, lebte es glücklich ; seitdem die englischen Großen das Land an sich gerissen haben und den Pächtern harte Bedingungen verschrieben, seitdem die Landarbeiter hungern, find die Irländer demoraliflrt und einem Recht, das sie für Unrecht halten, setzen sie die Gewalt entgegen.
Die Ablehnung der irischen Bill durch das OberhauS, die Verzögerung einer zeitgemäßen Lösung der Landfrage, denn eine Regultrung muß kommen, wenn man nicht die Revolution provociren will, scheint mit den neuesten Ex- ceffen in innerem Zusammenhänge zu stehen. John Bull, der Frethettsheld i „nach Außen", ist Tyrann in Irland; anstatt dort vor der eigenen Thür zu fegen, will er die Türket „befreien"; er mag bei Zeiten dafür sorgen, daß >
nicht das eigene Haus <hrr in Brand geräth, als die Türket, deren „Feuer" man dann wohl ohne England löschen würde.
Vermischtes.
Hanau, im August. Die zum 25. Male wiederkehrende Versammlung des landwirth- schaftllchen Centralvereins für den Reg. - Bez. Cassel wird in diesem Jahre vom 9. bis einschließlich 12. September dahier abgehalten weroen. Zu diesem Behufe hat bie Schloßverwaltung alle verfügbaren Räume des Altstadter Schlosses nebst Park dem Comtte bereitwilligst überlasten. Dank dieses Entgegenkommens sind zügle.ch höchst zweckmäßige Räume geschaffen, um in Verbindung mit besagter Versammlung größere Ausstellungen land- und forstwitthschaft- licher Erzeugnisse und hierauf bezüglicher Maschinen und Geräthschaftcn veranstalten und wie beabsichtigt auch einen Viehmarkt abhalten zu können. In einer im Schloßpark eigens dazu erbauten äußerst geschmackvollen Halle findet zu gleicher Zeit eine Blumenausstcüung statt. Durch Heranziehung dieses bim Feld- uno Gartenbau verwandle» Gebietes beabsichtig! man nicht nur den Rahmen der Ausstellung in angenehmer und anregender Weise zu erweitern und zu verschönern, sondern man hofft auch namentlich mit Rücksicht auf unsere örtlichen und nachbarschaftlichen Verhältnisse, in wetteren Kreisen das Interesse und die Theitnabme für das ganze Unternehmen anzuregcn, um dadurch schon von vornherein dem Feste eine umfangreichere Bedeutung und größere Erfolge zu sichern. Ganz besonders aber soll durch das ganze Unternehmen dem Landmann, nicht etwa nur dem größeren Grundbesitzer, sondern in gleichem Maße auch dem Kleinbauern Gelegenheit geboten weroen, Kenntniß zu nehmen von den Fortschritten in der Bodenkultur. Er insbesondere soll die neueren Methoden und bewährten Erfahrunoen auf diesem Gebiete kennen lernen und zur Nacheiferung angeregt werden. Es liegen für den Landmann noch Millionen im Boden der Mutter Erde, die nur dann gehoben werden, wenn die segensreichen Fortschritte in der Landwirtschaft zum Gemeingut der gesammten Lanbwirthe werden. — ,
Die Prämitrung landwirthschaftlicher Nutzthiere erstreckt sich auf Rindvieh, Pferde und Schweine, während bezüglich der Pflanzenproducte keinerlei Beschränkungen bestehen. Die Pramitrungsangelegenheit ist in die Hand fach- und sachkundiger Männer gelegt, so daß man einer objektiven und befriedigenden Behandlung dieser höchst wichtigen Frage vertrauensvoll entgegen sehen darf. — Das mit der Leitung des Festes betraute Comite ist schon seit Wochen in rührigster Thätigkeit, so daß bis heute alle Vorbereitungen den gegenwärtigen Bedürfnissen entsprechend gefördert sind. Auf dem Festplatz und in den betreffenden Raumen concertircn während des Ftstes zwei Capellen und an jedem Abend wechseln Gcsangvorträge der hiesigen Gesangvereine mit der Musik ab. Neben der im Banketsaale einzurichtenden Wemrestauratlon befinden sich außerdem noch zwei Hallen, in denen Bier, und eine solche, in welcher nur Aepfel- wein verschenkt wird.
Nach den bis jetzt eingelaufenen Anmeldungen verspricht die Betheiligung zu diesem landwirthschaftlichen Feste eine sehr zahlreiche zu werden und wenn der Himmel uns cm gutes Wetter bejcheerl, dürfen wir einem befriedigenden und würdigen Verlauf desselben entgegen sehen.
Kis singen, 16. August. Gestern Nachmittag gegen 4 Uhr waren ungewohnter Weise Allee und Chaussee unterhalb der Saline reichlich mit Gensdarmen und Schutzleuten in Ctvil begangen, und was war die Ursache? Fürst Bismarck ließ sich wiegen! Die Schmidt'sche Personenwaage in der Saline hat regelmäßig die Ehre, daß auf ihr der Kanzler sein Gewicht bestimmen läßt und die Frau Wiegemeisterm hat m diesem Jahre schon lange auf den hohen und ihr sehr erfreulichen Gast gewartet; gestern ist er nun in Begleitung des Grafen Herbert gekommen und hat sich wiegen lassen. 237 r/z Pfund war das Ergebniß, gegen voriges Jahr um 10 bez. 61/2 Pfund weniger, da der Kanzler im Anfang der Kur 247</2, zu Ende derselben 241 Pfd. wog.
Weilbu rg, 18. August. Gestern verunglückte in Aumenau der Bremser Wilhelm Groß von Aumenau. Derselbe war vom Fußtritt ausgeglitten und fiel so unglücklich, daß ihm der rechte Arm überfahren wurde. In das hiesige Hospital übergeführt, wurde ihm der Arm amputirt. Der Verunglückte ist Vater von 5 Kindern. — Einige Stunden nach diesem Unglücksfall gerieth auf hiesigem Bahnhof beim Rangieren der Weichensteller Funk von hier mit Dem Kopfe zwischen die Puffer zweier Waggons, wobei sich derselbe am Kopfe erhebliche Verletzungen zuzog und in das Hospital untergebracht werden mußte. Funk war kurz vorher noch bet der Ueberbringung des erst Verunglückten behilflich, nicht ahnend, daß er sehr bald mit ihm in ein und demselben Zimmer verwundet liegen würde.
Mainz, 19. August. Der der Münzfälschung beschuldigte E. Haas von Frankfurt a. M. hat in der heute stattgehabten Untersuchurg die Aussage gemacht, daß er etwas über 100 (?) falsche 20-Markscheine angefertigt und dieselben rHeils in Frankfurt, Darmstadt, Gießen und Mainz in baare Münze bei Geschäftsleuten umgesetzt habe. Haas ist verheirathet und Vater von drei Kindern. Herr Polizeicommissär Eckes von Mainz hat sich gestern sofort nach Frankfurt begeben, um der dortigen Staatsbehörde Mitteilung über das Resultat der hier vorgenommenen Untersuchung zu machen. — In der heutigen Sitzung des Schöffengerichts wurde eine sogenannte „Engelsmutter", ein Nahmädchen von Büdesheim, das sein eigenes Kind, nach der Aussage der Medicinalbehörde, durch Entziehung der Kost und durch sonstige Vernachlässigung an den Rand des Grabes brachte, zu emer Gefängnißstrafe von 14 Tagen verurtheilt. — Die Anmeldungen zur Lehrlings-Ausstellung in Oppenheim sind nunmehr geschloffen und das Resultat derselben der Großherzoglichen Centralstelle in Darmstadt mitgetheilt worden. Im Ganzen werden sich von hier aus 160 Lehrlinge durch sclbftgefertigte Arbeiten an der Ausstellung betheiligen. Für den ersten Versuch, e»ne solche Ausstellung in s Leben zu rufen, ist die Betheiligung keine schlechte zu nennen. — Gestern Abend wurde in unserer Messe eine Bude, in welcher sich Verletzungen gegen die Sittlichkeit ereignet haben, polizeilich geschloffen.
München Die „Süddeutsche Presse" schreibt erzürnt: „Die Klagen über die Gehalt losigkeit des Bieres, welches z. Z. im Hofbräuhause zum Ausschank gebracht wird, mehren sich von Tag zu Tag und wenn nicht so unendlich viel Fremde die Sehenswürdigkeiten am Platze frequeniiren würden, wäre eine merkliche Abnahme des Besuches gewiß zu constatiren. Daß gerade zur Fremdensaison diese Fatalität eintreten mußte, ist im Intereffe des altberühmten Instituts recht sehr zu bedauern." — Demnächst gibt's gewiß Revolution in München.
— [(Sin seltener Wirth ] Herr Weinwirth F. in Kostheim annoncirte in den „Mainzer Nachrichten", daß er, um dem Andrang des Publikums zu entgehen, sein Local während der Kirchweihtage schließe. Der Mann scheint etwas auf Gemükhlichkeit zu halten.
— Veranlaßt Jemand einen Anderen zum Kauf einer Lebensversicherungspolice durch die falsche Vorspiegelung, daß die versicherte Person krank und dem Tode nahe sei, während sie tatsächlich gesund ist, so ist er nach einem Erkenntniß des Reichsgerichts, I. Strafsenats, vom 7. Juni 1880 wegen Betrugs zu bestrafen, selbst wenn durch Zufall bald darauf die versicherte Person stirbt und dadurch die durch den Kauf herbeigeführte Vermögensbeschädigung wieder gut gemacht wird. _
& * welche am Tage der Aufgabe erscheinen sollen,
IC 1*UIC, bitten wir bis längstens Vormittags 1y Uhr \ an uns gelangen zu lassen. Im Intereffe der
rechtzeitigen Fertigstellung unseres Blattes sind wir zu dieser wiederholten Bekanntgabe genöthigt.
Die Expedition des „Gießener Anzeigers".


