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Nr. 27S. Erstes Blatt. Sonntag den 21. November

1880.

Kießeirer Anzeiger

AWgk- M latoHett für ta Lrn» Gießt«.

Bedaettorrsbureaur 1 Ä*tirfit.n61> B 1R 1DEo»-d«--a«r / Ekchulstraße 8. 18.

Erscheint tüglich mit Ausnahme des «ONtag-

Betreffend: Die Einführung einer allgemeinen Einkommensteuer; hier die Wahl der Einschätzungs-Commissionen.

und zu Ersatzmttgliedern die Herren

Preis viertchährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloha. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 2»arf 50 P^

ernannt hat.

Gießen, am 15. November 1880.

Rechtsanwalt Dornseiff zu Gießen, Bürgermeister Zimmer zu Dilling en, Rentner Jacob Wießler zu Butzbach

Bürgermeister Theodor List I. zu Lauterbach, Pachter Bach zu Mittel-Gründau

Großherzogliche Provinzial-Dtrection Oberhefsen.

Dr. Boekmann.

Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der ProvtnzialauSschuß der Provinz Oberheffen zu Mitgliedern der Landescommission für die Ein­kommensteuer für 1881 die Herren

Betreffend. Den Rundgang der Feldgeschwornen im September und October 1880. Gießen, am 19. November 1880.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit Erledigung der Verfügung vom 2. September l. I. noch im Rückstände stnd, werden wiederholt hieran erinnert.

______________Dr. Boekmann.________________________________________________

Betreffend: Verdacht der Lungenseuche unter dem Rindvieh des S. Kahn in Hungen.

Bekanntmachung.

Nachdem das Rindvieh des S. Kahn in Frankfurt a. M. abgeschlachtet und dort als frei von Lungenseuche befunden worden ist, heben wir die verfügten Sperrmaßregeln (s. Anzeiger Nr. 210) hiermit wieder auf.

Gießen, am 19. November 1880. Großherzogltches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

' Bekanntmachung.

Gefunden: 1 Griffelkästchen, einige Pfennige, 1 weißes Taschentuch, 1 Notichuch, 1 Zugkette, 1 golvenes Medaillon, 1 Kinderkragen, 1 Peitsche, 1 Pferde­decke, 1 Paar Stauchen, 1 Strumpfband, 1 Portemonnaie mit Inhalt.

Zugelaufen: 1 junger, gelb und weiß gefleckter Jagdhund, 1 junges Huhn.

Die gefundenen Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Weidengaffe 93) ausbewahrt.

Gießen, den 19. November 1880. Großherzogliche Poltzeiverwaltung' Gießen.

________________________________________________Fresenius.______________

Pfarr-Confererrz: Dienstag den 23. Ocwber in Gresten

in Anwesenheit des Reisepredigers Dag gau.

Lang-Göns, den 19. November 1880. Strack, Dekan.

Berlin, 17. November. In der heutigen Sitzung des Landtages wurde die Interpellation wegen der Gerichtskostcn mit Mäßigung gestellt und beantwortet. Der Justizminister Dr. Friedberg gab zu, daß das GerlchtS- kostengesetz ein Sprung in>s Dunkle gewesen sei. Er erkannte namentlich die gustellungsgebühren der Gerichtsvollzieher, die Gebühren für Beglaubigungen und die Schretbgebühren als reformbedürftig an, bezweifelte indeß, daß schon alle Regierungen die Zeit zu Reformen gekommen glaubten. Uebrtgens hielt er eine zu billige Justizpflege nicht zum Glück des Landes und sagte, das neue Gesetz habe zwei segensreiche Folgen gehabt, indem die Jnjurienproceffe und die Wucherproceffe, beide zu den schlechtesten Proceßarten gehörig, zurückge­gangen stnd.

In der Petitions-Commission wurde durch die Referenten, Abgg. Schlichter und Dr. Lieber zu den Petitionen des Centralvorstandes des Ge­werbevereins für Naffau und der Bewohner und Industriellen der Bürger­meistereien Altenkirchen, Asbach, Siegburg u. a., betreffend Ausführung der Ober-Westerwald Eisenbahn, Vortrag erstattet. Auf die Erklärung des Regie- rungs-Commifsars, daß die Verhandlungen in dieser Angelegenheit dem Abschluffe nahe seien und die königliche Staatsregierung hoffe, dem Landtage in Kürze eine Vorlage hierüber zugehen lasten zu können, wurde die weitere Verhandlung und Beschlußfastung über diese Petition vorerst vertagt.

Berlin, 19. November. DieBerliner Tribüne" schreibt: In Folge der Rede des Finanzministers Bitter am letzten Sonnabend haben wir uns an mehrere Industrielle Rheinlands und Westfalens um Aufklärung über verschiedene von Herrn Bitter be­strittene Einzelpunkte unserer bekannten Darstellung gewandt. Ein Barmer Fabrikant, der um so mehr zu einem unparteiischen Urtheil berufen ist, als er auf Grund des Vertrauens seiner Mitbürger verschiedene Posten in der städtischen Verwaltung bekleidet, sendet uns einen Bericht, der auf's Neue klar stellt, wie stark der Finanzminister die Bedeutung der Krisis in Barmen und Umgegend unterschätzt hat, und wie wenig den Thatsachen entsprechend er über die Auswanderung deutscher Weber und Arbeiter nach Rußland unterrichtet ist. Der betreffende Fabrikant schreibt uns u. A.:

Die Industrie hat in Barmen seit vielen Jahren nicht so darnieder gelegen, wie jetzt. In den hiesigen Fabriken haben 7-800 Arbeiter entlassen werden müssen, und trotzdem arbeiten die Fabriken nur durchschnittlich drei Tage die Woche mit be­schränkter Arbeitszeit. Das Armenbudget wächst jeden Tag und zwar so, daß es bei der traurigen finanziellen Lage unserer Stadt (die Communalsteuer beträgt über 500 pCt. der Klassensteuer) unerschwingliche Lasten auferlegt. Täglich melden sich Schaaren von Arbeitern auf dem Oberburgermeisterei-Amt, welche um Anweisung von Arbeit und Unterstützung nachsuchen, und bereits wird, um dem dringendsten Elend

abzuhelfen, die Frage discutirt, ob nicht Arbeitsfelder für Rechnung der Commune er­richtet werden sollen. In gleicher Lage befindet sich die ganze Umgegend Schwelm, Langerseld, Ronsdors, Vowinkel, Haan, Opladen mit einer Bevölkerung von mindestens 300,000 Seelen Fragen wir nach den Ursachen des Verfalls der hiesigen Industrie, so liegen sie hauptsächlich in der unseligen, die Verhältnisse der Textil-Jndustne miß- kennenden Zollpolitik der Neuzeit- Diejenigest Halbfabrikate in Wolle und Baumwolle, welche, das Fundament der hiesigen Fabrikation bildend, vom Auslande bezogen werden müssen und trotz des erhöhten Zolles in Deutschland nicht concurrenzsähig hergestellt werden können, sind mit hohen Zöllen belegt und ist dadurch die Exportsahigkeit in einer Weise geschädigt, daß nicht mehr der vierte Theil gegen 1878 nach dem Auslande ausgeführt wird. So sind z- B- bis zum Jahre 1878 ziemlich 2/3 der Erzeugnisse der hiesigen Fabrikation nach England exportirt worden, heute betragt dieser Export kaum Vio- Der große Umsatz nach dem Auslande bedingte immerhin einen kleinen Gewinn von allerdings höchstens 3-4 pCt., welcher nunmehr durch die erhöhten Zolle auf Halbfabrikate so weit verkümmert ist, daß in den meisten Branchen das Geschäft nach dem Auslande unmöglich geworden ist. Eine ganz natürliche Folge der aus diese Weise geschwächten Leistungsfähigkeit war die Entstehung von Fabriken, im aujlanbe und in Ländern, wo man früher an die Fabrikation der im Regierrmgsbezirk Düssel­dorf im weitesten Maßstabe angefertiaten Textilartikel nicht gedacht hat. In der Schweiz, in Belgien, in Frankreich, in Italien, selbst in Schweden und Norwegen en - stehen täglich neue Fabriken in denjenigen Branchen, welche in unserer Gegend fett Jahren heimisch waren und deren Fabrikate nach allen diesen Landern exportirt wurden, und immer eingeengter werden die Gebiete für den Absatz unseren

Fabrikate.

Das sind die unseligen Folgen einer Schutzzollpolitik, welche aus einem gegen­seitigen Schacher, sowie daraus entstanden sind, daß die Interessen einzelner Gro^ industriellen und der Agrarier auf Kosten von Millionen von geschützt werden sollen. - Wenn der Herr Finanzminister Bitter sagt, daß Fabrikanten und Arbeiter aus unserer Gegend schon vor dem Zolltarif nach Rußland gegangen seien, so ist das nur insoweit richtig, als es sich um einzelne Wenige handelte, in neuester Zeit aber und in Folge unserer barnteberliegenben lndustriellen Verhältnisse hat diese Auswanderung erst größere und solche Dimensionen angenommen,daß auch Rußland sehr bald durch seine eigene Fabrikation m der L^e von hier verzichten zu können, zumal dort die Regierung Alles ae,' Industrie zu heben, während bet uns durch unüberlegte, die ^ebensbedlngun^en unseren Fabrikation nicht berücksichtigende Zolltarife geradezu darauf hmgewirkt wird, unsere Concurrenz- und Exportsähigkeit zu vernichten.

Fragen Sie mich nicht nach der traurigen Lage unst^Arbeiter. Das ver- theuerte Brot, der vertheuerle amerikanische Speck, das vertheuerte Luhtstt für ste unerschwinglich. Frierend und hungernd sitzen sie Abends n de" dunkeln engen Stuben, aus denen ein Stück nach dem andern ms Pfandhaus roanbert, so daß sie schließlich nicht mehr das Allernöth'gste besitzen. Barmen ba^eit Jahren lahrlich um 56000 Einwohner zugenommen, in diesem Jahre wird die Bevölkerung um mindestens ebenso viel Seelen abnehmen."