Freitag den 21 Mai
Nr. 115
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Die Clbschifffahrts Akte.
Kleine Ursachen, große Wirkungen! Wer — außer den wenig ausge- breiteten Kreisen der Jntrreffenten — hat sich jemals um die Bestimmungen der Elbschifffahrts-Akte gekümmert! Ja, wer kümmerte sich heute darum, hätte nicht Fürst Bismarck sie zum Ausgangspunkte einer Rede gewählt, welche die politischen Sünden der Vergangenheit, die Misere der Gegenwart und die Gefahren für die Zukunft des deutschen Reiches beredt in einen Rahmen gespannt hat. Niemand hat die große Enttäuschung vergesien, welche Delbrück einst seinen zahlreichen Verehrern bereitete, indem er die berühmte Zoll- und Finanzreform-Rede des Reichskanzlers mit einer trockenen stundenlangen Abhandlung über die einzelnen Tarifpositionen beantwortete, nicht minder groß war die staatsmännische Verschiedenheit der beiden in ihrer Art verdienten Gegner sichtbar, als auf die sachlichen Eiklärungcn Delbrück's über die Zollgrenze bet der Elbschtfffahrt eine Rede des Reichskanzlers folgte, von welcher wochenlang die ganze Welt, von der einst noch die Geschichte als von einem Wendepunkt in der inneren Politik des deutschen Reiches sprechen wird.
Die Elbschifffahrts-Akte ist ein unbekanntes, für Deutschland ziemlich unbedeutendes Ding. Sie gehört zu den verschollenen Aktenstücken des Wiener Friedens, ihre Bestimmungen rechnen noch mit den überlebten Zuständen der Kleinstaaterei, und ihre Revision, die zuerst nur Deutschland und Oesterreich interessirte, wäre spur- und debattenlos vorübergegangen, ohne Jemanden zu erhitz n, hätte nicht die Absicht Preußens, einen Theil Hamburger Gebiets und Altona dem Zollganzen etnzuverletben, die Blicke dem Ufer der Unter-Elbe zugewandt und hätte Herr Delbrück diese kleine Frage der Wafferpolttik nicht noch mehr verwässert. Der Kern der Elbschifffahrts-Akte liegt lediglich in der Frage, wo das Zollgebiet des deutschen Reiches zu beginnen habe, ob erst auf dem festen Lande des Uferstaates, oder schon auf dem Wasserspiegel des Elb- stromes, wo eine von Ufer zu Ufer gedachte Luftlinie diesen an der Reichs- grenze schneidet. Daß das Letztere der Fall ist, daß die ganze Fläche der Elbe als integrirender Theil des nationalen Zollganzen anzusehen ist, ebenso wie die Wasserflächen Englands und Nordamerikas in ihrer ganzen Ausdehnung als integrirende Thetle der dortigen Zollgebiete betrachtet werden, kann an und für sich einem Zweifel nicht unterliegen. Derselben Ansicht, die Fürst Bismarck entwickelte, war früher Delbrück selbst und sind alle Autoritäten der Zollkunde.
Ueberall wird der Zollbeamte am Bord freudig begrüßt, weil die Zollabfertigung zu Lande erspart wird, und warum dieses praktische Vorgehen den Schiffsverkehr an der Unter-Elbe schädigen soll, ist geradezu unbegreiflich. Bet demselben Verfahren ist Englands, Frankreichs und Amerikas Verkehr im stetigen Steigen begriffen, dagegen tritt der „Freihafen" Hamburg von Jahr zu Jahr seinen Verkehr mehr und mehr an fremdländische Stapelplätzr ab, er sieht, wie es in den Hamburger Aktenstücken heißt, seine Einwohner „zurückkommen", d. h. auf gut Deutsch: „verarmen."
Der Verkehr auf der Elbe kann durch eine untergeordnete Maßregel ger nicht leiden, denn die Elbe bleibt ein großer Fluß, ob man die Zollrevision zu Wasser oder zu Lande vornimmt. Wäre die Bedeutung der Elbe zu rutnt- ren, so würde es die Freihafenstellung zu Wege bringen, deren Unwerth über kurz oder lang die Hamburger selbst erkennen werden. Diese Erkenntniß in der Zollpolitik der Handelsrepublik würde allerdings beschleunigt werden, wenn es nöthig wird, nochmals einen neuen und engeren Grenzkordon um Hamburg zu ziehen.
Deutschland.
Berlin, 17. Mai. Die Verwerthung der Telegraphie und des Fernsprecherwesens für militärische Zwecke ist bekanntlich seit dem letzten Feldzug Gegenstand der eifrigsten Thättgkeit der Militärverwaltung. Bei den bevorstehenden großen Herbstmanövern sollen durch Einrichtung von Telegraphen- Detachements bei den gegen einander opertrenden Truppen umfassende Versuche gemacht werden. Die Telephonte hat sich indessen für die gedachten Zwecke wenig bewährt und es scheint nicht, daß man geneigt ist, die Versuche Wetter fortzufetzen. Für die Bedienung der Telegraphen-Etnrichtung bet den Manövern des Garde-Corps sollen Mannschaften des Garde-Pionter-Batatllons, Unteroffictere verschiedener Regimenter, welche in der Telegraphie ausgebildet sind und eine Anzahl von Beamten der kaiserlichen Telegraphen-Direction herangezogen werden.
Berlin, 17. Mai. In einer der letzten Nummern des „Deutschen Montagsbl." wird erzählt: „In England gtebt es eine Behörde, welcher das Recht zusteht, importtrten schlechten Thee vernichten zu lassen. In der letzten Zeit ließ es sich jedoch diese weise Behörde beifallen, solchen schlechten Thee nicht zu confisciren und zu verbrennen, sondern dessen Ausfuhr nach Deutschland zu gestatten. Graf Münster, der seinen Landsleuten eine gute Taffe Thee sichern will, thut Schritte, damit in Zukunft der für England zu schlecht befundene „Perl- oder Pulver"-Stoff, den die Chinesen den dummen Barbaren aufschwtndeln wollen, nicht in Hamburg oder Bremen verkauft werden solle. Wo bleibt denn das deutsche Retchsgesundhettsamt? Dazu bemerkt die „Nordd. Allg. Ztg.": In voller Würdigung der wohlwollenden Besorg- ntß für das Gesundheitsamt, von welcher die obige Schlußfrage augenscheinlich eingegeben ist, beeilen wir uns, dem „Deutschen Montagsbl." zu bemerken, _
daß das Gesundheitsamt, ohne erst den freundlichen Wink dieses Blattes abzuwarten, zu rechter Zeit am rechten Platze war, denn gerade in Folge der Anregung des Gesundheitsamts sind jene Schritte des Botschafters Grafen Münster erfolgt, von denen das „Deutsche Montagsbl." aus London zu berichten weiß.
— Aus New-Iork wird der „Nordd. Allg. Ztg." geschrieben: Es ist neuerdings wiederholt vorgekommen, daß amerikanische Notare das ihnen Seitens in Deutschland lebender Auftraggeber geschenkte Vertrauen gemißbraucht haben. Bald sind dieselben bet Ausführung der von ihnen selbst erbetenen Aufträge säumig gewesen, bald haben sie unverhältmßmäßige Vorschüsse verlangt oder Kosten liquidirt, die überhaupt nicht entstanden waren; bald haben sie durch falsche Angaben über Nachlaß-Angelegenheiten oder über amerikanische Rechtsverhältnisse aus eigennützigen Absichten Jrrthum erregt. Hiernach kann den Bethrtltgten nur empfohlen werden, die Wahrnehmung ihrer Interessen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika nur zuverlässigen und erprobten Männern anzuvertrauen. Die deutschen Konsulate oder die deutsche Gesellschaft in New-Jork werden ohne Zweifel in vorkommenden Fällen zur Erthet- lung von Auskunft bereit sein.
Berlin, 18. Mai. Der deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege, an dessen Spitze die erfahrensten-und angesehensten Männer dieses Faches aus ganz Deutschland stehen, versammelt sich dieses Jahr in Hamburg, und sein Programm für diese achte Jahresversammlung umfaßt folgerte Verhandlungs-Gegenstände : 1) Hygienische Anforderungen an Schläferherbergen, Referenten Dr. Goltdammer aus Berlin und Stadtrath Hendel ans Dresden; 2) Conseroirung von Nahrungsmitteln, Referenten Dr. Reber und Dr. Renk aus München; 3) Schiffs-Hygiene, Referent Ptysikus Dr. Reincke in Hamburg; 4) Heizung und Ventilation, R-fereuten Ingenieur Hermann Rietschel und Generalarzt Dr- Roth aus Dresden. — Die Versammlung findet statt von Sonntag dem 12. bis zum 16. September. Außer anderen entsprechenden Besichtigungen soll an jedem der vier Wochentage, Nachmittags, auch eine Sielfahrt stattfinden, d. h. eine Besichtigung der unterirdischen Canäle Hamburgs. Auf Donnerstag, den 16. September, ist eine gemeinschaftliche Seefahrt nach Helgoland beabsichtigt.
— Der „Weser-Zeitung" zufolge ist die Absicht der preußischen Regierung , die Einverleibung Geestemündes in's Zollgebiet zu beantragen, aufgegeben.
— Das Einkriechen durch einen unterhalb einer Thür befindlichen, zum Eintritt nicht bestimmten Spalt in einen fremden Raum, um einen Diebstahl auszuführen, macht, nach einem Erkenntniß des Reichsgerichts, dritten Straf- Senats, vom 13. März d. I., den Diebstahl zu einem schweren und ist aus § 243 Nr. 2 Strafgesetzbuchs mit Zuchthaus zu bestrafen.
KeAerreich.
Prag, 17. Mai. lieber die Demonstrationen in Prag gegen die deutschen Professoren wird berichtet, daß selbe von czechtschen Lehrbuben und einzelnen Studenten ausgtngen. Vor Klebs' Wohnung, dem die Fenster eingeworfen wurden, rief man: „Pereat Klebs, dem Preußen; Pereat den aus Deutschland importtrten Professoren; Slava der czechtschen Universität!"
Irankreich.
Paris, 17. Mai. Der Kriegsminister, General Farre, hat einen höchst seltsamen Beschluß gefaßt. Derselbe will nämlich die Tambours der Infanterie-Regimenter abschaffen. Er kündigte dies gestern in der Sitzung des Budget-Ausschusses der Kammer an. Der General begründete seinen Antrag dadurch, daß einerseits eine Ersparmß im Budget erzielt und andererseits jede Compagnie zwei neue Combattanten erhalten werde, da er auch die Zahl der Trompeter zu vermehren nicht gesonnen sei. Der Ausschuß wird nächsten Dienstag die Frage prüfen-
England.
London, 17. Mai. Dem Erfinder Str Henry Bessemer wird demnächst eine hohe Ehre zu Theil werden. Der Gemeinderath von Loudon hat beschlossen, ihm in „Anerkennung seiner werthvoür'fi Entdeckungen, welche der englischen Eisenindustrie so große Vortheile brachten, und seiner in der ganzen Welt bekannten und geschätzten wissenschaftlichen Errungenschaften" das Ehrenbürgerrecht der City von London zu verleihen. Das Diplom soll ihm in einer goldenen Büchse zugestellt werden.
Belgien.
Brüssel, 17. Mai. Der leidenschaftliche Brief, den der Bischof Du- mont an die liberale Presse zur Veröffentlichung gerichtet hat, gibt doch Manches zu denken über die Bedeutung des „Dogmas" von der Unfehlbarkeit des Papstes- Ein hochgestellter Prälat, der zu dem klerikalen Kriege gegen das Schulgesetz in Belgien die eigentliche Loosung und Weisung ausgegeben und durch seinen brennenden Eifer sämmtltche Bischöfe mit fortgerissen hat, kündigt plötzlich, nachdem die Kirchenzucht gegen ihn persönlich angewandt worden ist, dem Papste oder, wie er jesuitisch unterscheidet, dem von dem göttlichen Rechte abgefallenen Cardinal Pecct den Gehorsam, ja, die Achtung, und spricht von dem Oberhanpte der Kirche in Ausdrücken, wie sie aus dem


