Ausgabe 
20.6.1880 Erstes Blatt
 
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sichten schreibt Herr Most, uns Einigkeit mit Jenen zumuthen, heißt von uns Verrath an der Sache, heißt ein Verbrechen fordern, das wir uns nicht zu Schulden kommen lasten wollen. Nichts wird zurückgenommen, keine Aenderung tritt ein." Angesichts solcher Thatsachen scheint demSocial- demokrat" die Möglichkeit einer Sinnesänderung Most's bezw. derFreiheit" so gut wie ausgeschlossen, was das Organ der deutschen Socialdemokratte begreiflicherweise im Partei-Interesse lebhaft bedauert. Zum näheren Ver- ständniß führe ich noch an, daß zu Pfingsten in Zürich ein Rendezvous mit Herrn Most stattgefunden hat, wobei sich circa 150 Parteigänger etngefunden hatten. Manverständigte" sich und Alles verlief in schönster Eintracht, man glaubte, derCompromiß" zwischen den entgegengesetzten Richtungen sei ge­schloffen; und nun ist der Gegensatz schärfer ausgeprägt, der Kampf hitziger a!L vorder und mit derSolidarität der Interessen" ist's urplötzlich vorbei. Der ganze Streit ist übrigens sehr Lehrreich, wie eS immer interessant und lehrreich ist, hinter die Coullfsen einer Partei zu blicken; man mag eine unge­fähre Ahnung bekommen, wie es in dem Lande zugehen würde, in welchem die soctaldemokratische Partei die Oberhand erhielte.

Zu der Behauptung von dem conservativen Zug, der angeblich durch das Land gehen soll, liefern die jüngsten Ersatzwahlen sowohl zum Reichstag als zum preußischen Abgeordnetenvause nicht gerade Beweise. Wir erinnern nur an die Reichstagswahlen in Tübingen und Kaffel und an die Landtags­wahl in Goldap. Noch deutlicher aber wird der Rückgang der conservativen Bewegung illustrirt durch die jüngste Retchstagswahl in dem badischen Wahl- krelse Pforzhetm-Durlach'Gernsbach, wo für den verstorbenen deutsch-conserva- tiven Abg. Katz eine Ersatzwahl zu vollziehen war. Der Wahlkreis gehörte zwei Legislaturperioden lang der conservativen Partei an und konnte als deren festester Sitz in Baden bezeichnet werden. Als Candidat der Conservativen war der bekannte Oberkirchenrath Mülhäuser aufgestellt, das Haupt der badi­schen Orthodoxie und einer der hervorragendsten und in seinen Kreisen popu- lärsten Vertreter der Partei. Sein Sieg wurde als fast unzweifelhaft betrachtet und von liberaler Seite scheint wenig genug geschehen zu sein, um dieser Candidatur entgegenzuarbetten. Gleichwohl sind aus den erst zu später Stunde aufgestellten nationalliberalen Bewerber, Holzhändler Klumpp in Gernsbach 5965, auf den conservativen Gegen-Candtdaten nur 3846, auf einen demokratischen Candidaten 1830 und auf einen Soctaldemokraten ein paar Hundert Stimmen gefallen. Es ist eine Stichwahl nöthtg, in welcher aller Voraussicht nach, der nationalltberale Candidat den Sieg davon tragen muß. Die nationalltberale Partei, die bet den letzten allgemeinen Reichstags- wahlen in Baden erhebliche Einbußen erlitt, kann sich zu dieser Wiedererwer­bung eines lange verlorenen Wahlkreises Glück wünschen.

Der Reichstagsabgeordnete Haffelmann so schreibt dieDresd. Abend-Ztg." welcher bekanntlich mit seinen Fractionsgenoffen zerfallen ist, sucht sich nun an seinen früheren Parteigenoffen zu rächen, indem er in seinem Blatte die Reichstagsabgeordneten Bebel, Liebknecht und Auer, sowie die Herren Garve und Derrosst denuncirt, Gelder für die Berliner Ausgewiesenen gesammelt zu haben. Zu gleicher Zett fordert ertu aller Freundschaft" die Genannten aus, öffentliche Abrechnung über die bei ihnen etngegangenen Gelder zu liefern.

Die seit Jahren für die deutsche Armee zur Lösung ausstehende Frage einer verbefferten Fußbekleidung der Truppen wird nunmehr als allseitig entschieden bezeichnet. Die gesammten deutschen Fußtruppen sollen nach den betr. Mitthetlungen zu den langschäfttgen Stieseln mit einer Schastlänge von 2932cm, für welche die Entscheidung schon vor längerer Zeit erfolgt war, als AuShülse im Quartier rc. noch kurzschäfttge Stiefel erhalten, welche zu- gleich für den Nothfall auf kurze Zeit die langschäfttgen Stiefel zu ersetzen geeignet sein werden. Diese letzteren besitzen Doppelsohlen, die zur noch erhöhten Dauerhaftigkeit auf der Sohlenfläche mit verzinkten eisernen Stiften versehen sind. Die Fußbekleidung der Kavallerie, rettenden Artillerie rc. soll sich als nach allen Beziehungen entsprechend ausgewtesen haben.

England.

London, 17. Juni. Eine Depesche deS Botschafters Layard vom 27. April constatirt eine gewiffe Gereiztheit des Sultans gegen England. Die

str. 1£L Erstes Blatr. Sonntag den 20. Juni

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Ayeizk- mb Amtsblatt flr den Kreis Gießen.

Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.

Preis »iertckjährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlyhn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hßeil. Bekanntmachung.

In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat Mai 1880 veröffentlicht:

Hafer Jl. 17, Heu «X 6, Stroh JL 5 per 100 Kilogramm.

Gießen, den 17. Juni 1880. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

vr. B o e k m a n n._________________________________________

Gefundene Gegenstände:

3 Portkmonnals mit Inhalt, 2 weiße Taschentücher, 1 Partie schwarze Perlenspitzen, 1 Paar Sommerhandschuhe, mehrere Schlüssel.

Die Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Weidengaffe 93) aufbewahrt.

Gießen, den 18. Juni 1880. Großherzogliche Poltzeiverwaltung Gießen.

I. V. Krämer.

Die Wolkenbrüche in Mitteldeutschland.

Ein schweres Unglück hat Mitteldeutschland betroffen. Nach den vor­liegenden Nachrichten sind über Mittelschlesten, die Lausitz, das Königreich Sachsen, ganz Thüringen, den Harz und einen Theil von Hannover mächtige verheerende Unwetter gezogen und haben durch Wolkenbrüche die Gegenden überschwemmt, die Aecker versandet, Straßen, Brücken und Häuser fortgertffen und zahlreiche Opfer von Menschenleben gefordert. Die Heuernte, Linnen, Holzlager, Geräthschaften find hinweggeschwemmt, viel Vieh ertrunken und wo an Berglehnen seit Jahrhunderten die mühsam errungene Ackerkrume hing, ist fie abgespült und der nackte Fels grinst die verarmten Besitzer an. Das Elend ist groß und kaum zu übersehen; es dürfte so schrecklich sein, daß die berühmte Prtvatwohlthätigkett in Anspruch genommen werden muß. Mögen die Hilfe­rufe nicht vergeblich ertönen!

Der Mersch, heißt es, ist hilflos im Kampfe gegen die entfeffelten Ele­mente, und bei so außerordentlichen Katastrophen erscheint es vielen Leuten als überflüssig, über die Ursachen derselben sich den Kopf zu zerbrechen. Es ist ein Unglück sagen die Einen, es ist ein Strasgericht, werden die Frommen meinen, und es gehört nicht zu den Unwahrscheinlichkeiten, daß dem ketzerischen Deutschland, welches seinen Culturkampf noch nicht beendet hat, abermals von den Römlingender Finger Gottes" in dem Naturereigniß vorgehalten werden wird. Aber das vernichtende Unwetter, in solcher Ausdehnung kaum je in Deutschland erlebt, die Wafferstürze aus den entwaldeten Bergrevieren, die tosenden Sturzbäche und die schlammigen Fluthen, welche der Menschen Werk vernichtet haben, predigen leider auch eine bittere Wahrheit, um so bitterer, als sie vorher mißachtet worden und die Warnungen in den Wind geschlagen worden sind.

Seit einem halben Jahrhundert, besonders wahnsinnig aber in der Gründerzeit, hat man am deutschen Wald gefrevelt, und erst m allerneuester Zeit ist das öffentliche Gewiffen erwacht, so daß man zu befferer Waldpflege und zu Schutzmaßregeln gegen weitere Derastationen gegriffen hat. Das Unglück ist inzwischen geschehen, ganz so, wie es einst über Spanien und Ober- Italien hereinbrach, weil man die Wälder, die mächtigsten Freunde der Mensch­heit, welche die Lust gesund machen, das Klima beeinflußsn und die Gewäffer reguliren, zerstört hat. Bald ist ein Wald niedergeschlagen, aber einmal ent­blößt, sind peile Abhänge niemals wieder zu bewalden, weil die Waldkrume abgespült wird. Man hat den Wald nach seinem Holzwerth taxirt, nicht nach seiner Bedeutung für den mächtigen Haushalt der Natur. Aber die Natur selbst liefert auch die Kritik zu diesem kurzsichtigen Materialismus, indem sie die nicht mehr durch den Wald gemäßigten Stürme mächtiger, die Unwetter vernichtender, die Bäche und Flüffe, welche in trockener Zett versiegen, durch Schneeschmelze, Regengüffe und Wolkenbrüche reißender macht.

Würde die gewissenlose Entwaldung fortschreiten, würde sie das ganze Land kahl machen, um so schwerer müßte die Bevölkerung büßen. Leider legen die Ueberschwemmungen nicht nur den Keim zum Elend, sondern auch zu Seuchen. Der Wald steht also zur Salubrität in vielfacher Beziehung, und so möge das ttesbedauerliche Unglück in Mitteldeutschland wenigstens das Gute haben, an die Pflege unv Erhaltung des deutschen Waldes zu mahnen.

Deutschland.

Berlin, 16. Juni. Man schreibt !derMagd. Ztg." aus Zürich: Der innerhalb der soctaldemokratischen Partei seit Langem bestandeneHaus- strett", der eine Zeit lang zu ruhen schien, nimmt wieder einen akuteren Charakter an und wenn man die neuesten Nummern derFreiheit" und des Soctaldemokrat" vergleicht, kann man constattren, daß Herr Joh. Most mit den Führern der deutschen Socialdemokratie gebrochen hat und daß die Letz­teren den Bruch als vollzogene Thatsache annehmen. Herr Most weist in seinem Organe jegliches Etnlenken und Abgehen von der bisherigen Polemik gegen die deutsche Partei und die deutschen Genoffen stracks zurück. Fast die ganze neueste Nummer derFreiheit" ist angefüllt mit Angriffen gegen die abgewtrthschafteten Parteigötzen, Geschäftspolittker anrüchigster Sorte, Schma­rotzer, Feiglinge, erbärmliche Schufte rc.", mit welchen liebenswürdigen Be­zeichnungen die deutschen Parteiführer beglückt werden,gort mit allen Rück­