Geheime Rath Hallwachs treten diesen Behauptungen unter Hinweis auf Art- 78 * der Verfassungsurkunde, welcher oer Regierung das Recht gibt, auf dem Verordnungs- j wege die zum Vollzug und zur Handhabung der Gesetze nothwendigen Anordnungen zu erlassen, entschieden gegenüber. — Abg. Muhl ist für Uebergang zur Tagesordnung. Er betrachtet die Einführung der Robe zwar als eine zwecklose Beläsiigung des Anwaltslandes, hält jedoch die fragliche Verordnung aus dem Gesichtspunkte einer Vollziehung der Rechtsanwaltsordnung für vollkommen gerechtfertigt. — Abg. Vetz schließt sich den Ausführungen des Antragstellers an, während Abg. Maurer zunächst das Recht der Regierung zum Erlaß der Verordnung betont und weiter das Einverständ- niß des größten Theils der Anwälte des Landes nut der in Frage stehenden Einrichtung constatirt. — Abg. Diltmar ist zwar der Ansicht, daß die Regierung durch 8 73 der Verfassung zum Erlaß der Verordnung nicht befugt war, hält es jedoch nicht für angezeigt, aus einer so untergeordneten Frage einen Veifassungsconflict heraufzubeschwören. — Abg Jöckel spricht sich dahin aus, daß die Regierung nach seiner Ansicht ganz correct gehandelt habe. Rach einem Schlußworte des Berichterstatters, Abg. Schroder, welcher die Minorität des Ausschusses vertritt, welche die Regierung um Zurücknahme der betreffenden Verordnung ersucht wissen will, gelangt der Antrag der Majorität des Ausschusses zur Annahme, wonach die Kammer über den Antrag des Abg Osann zur Tagesordnung übergeht. — Die Recommunication der ersten Kammer bezüglich des Gesetzentwurfs, die Ausübung des Erziehungsrechtes in Bezug auf die Religion der Kinder betreffend, gibt zu einer Debatte keinen Anlaß und beharrt die Kammer mit einer einzigen unbedeutenden Ausnahme auf ihren sämmtlichen früher gefaßten Beschlüssen, so daß also nunmehr der Fall der Durch chhlung der Stimmen beider Kammern gegeben ist. — Es beginnt sodann V2I Uhr die Debatte über die Vorlage Großh. Staatsministerium, den Gesetzentwurf, die Errichtung einer stehenden Brücke zwischen Mainz und Kastel betreffend. — Auf Anfrage der Abgg. Diehl und Osann constatirt Staatsminister Freiherr v. Starck, Exc-, daß nach Vollendung der stehenden Brücke die Schiffbrücke beseitigt werden solle. — Abg. Muhl erklärt, daß ihm die Vorlage in der dermaligen Gestalt nicht annehmbar erscheine. Er sei der Meinung, daß zu den Kosten der Brücke auch die Stadt Mainz beigezogen werden müsse, daß weiter wegen eines Beitrags mit Preußen zu verhandeln sei und daß auch das Reich so wesentlich an der Erbauung interessirt sei, daß auch mit ihm Verhandlungen darüber eingeleitet werden müssen, daß insbesondere festgestellt werden müsse, wie weit sich das Reich an den Ausgaben für fortificatorische Zwecke betheilige; endlich mache das ganze Project nach den Ausführungen des Ausschußberichts auf ihn einen unfertigen Eindruck- Wenn übrigens von anderer Seite etwa ein Antrag auf Zurückverweisung an den Ausschuß gestellt werde, so könne er sich diesem anschließen.
Die Abgeordneten Ellenberger, Stephan (Osthofen), Pitthan, Schönberger, Weith, Sturmfels, Heidenreich, Weyrauch, Matty, Hansi ein, Wadsack, Seubert, Freiherr von Nordeck zur Rabenau und Pf annsti el bringen folgenden Antrag ein: „Indem wir unsere Geneigtheit hiermit aussprechen, zu dem projectirten Bau einer stehenden Brücke in Mainz eine entsprechende Summe zu verwilligen, beantragen wir die Zurückverweisung der ganzen Vorlage an den Ausschuß, damit vor definitiver Beschlußfassung die Gr-Regierung sich vergewissere, welchen Zuschuß einestheils die Stadt Mainz, außer der freien Gestellung des erforderlichen Geländes, nebst den übrigen Interessenten (Gemeinden und Königreich Preußen) und anderntheils das an dem Zustandekommen des Projectes wegen Benutzung der Brücke durch das Militär so wesentlich beteiligte Reich zu gewähren bereit sind und ob außerdem das Reich die etwa nothwendigen fortificatorischen Anlagen, sofern dieselben erheblich sind und die Summe von 10,000 JL übersteigen, aus eigenen Mitteln bestreiten will." Auf Anfrage des Berichterstatters, Abg. Theobald, ob für den Fall einer Beitragsleistung die Stadt Mainz auch an dem Ertrag des Brückengeldes participiren solle, erklärt Abg. Ellenberger, daß der Antrag in diesem Sinne nicht verstanden sei. — Fortsetzung der Berathung morgen.
Berlin, 16. Febr. Das Zahlenverhältniß der Fraktionen im Reichstage gestaltet sich ungefähr wie folgt: Deutsch Conservative 58 und 1 Hospitant (CultusMinister v. Puttkamer), ReichSpartei 47 und 6 Hospitanten, Centrum 93 und 8 Hospitanten, National Liberale 86, Fortschritt 21 und 2 Hospitanten, zu keiner Fraktion gehörig 47, worunter sich die , Elsaß- Lothringer befinden; endlich 14 Polen und 8 Socialdemokraten. Der Fürst Earolath-Beuthen ist aus der Reichspartei ausgeschieden.
Berlin, 16. Februar. Dem Vernehmen nach machte sich der heutige Ministerrath betreffs der Nachsefston des Landtags in bejahendem Sinne schlüssig; die Vertragsvorlage soll im Landtag eingebracht werden.
— Der Kaiser empfing heute eine aus den beiden Bürgermeistern, dem Vorsteher der Stadtverordneten und deffen Stellvertreter bestehende Deputation der Stadt Magdeburg, welche den Kaiser ersuchte, der am 4. Juni statt- sindenden 200jährigen Jubelfeier der Vereinigung Magdeburgs mit der preußischen Krone in Perfon beizuwohnen. Der Kaiser sagte huldvollst zu.
München, 13. Februar. Die bekannte Adele Spitzeder ist heute Nachmittag nebst einer „Freundin", der Schuhmacherstochter Riedmayer von hier, unter der Anschuldigung des Betrugs und der Urkundenfälschung festgenommen und in die köntgl. Landgerichtsfrohnveste am Anger abgeführt worden.
München, 16. Febr. In Abgeordnetenkreisen verlautet, der Kriegs- Minister habe Samstag sein Demisstonsgesuch eingereicht und sei nicht geneigt, daffelbe zurückzunehmen.
Kesterreich.
Wien, 15. Februar. Unter den Truppen in Konstantinopel soll einer Meldung des „Wiener Fremdenblatts" zufolge eine große Erbitterung gegen Osman Pascha her-sch?n. Dieselben behaupten, er habe längst von dem baufälligen Stand der Kaserne in Beckos gewußt, jedoch dieselbe nicht in Stand setzen lasten, um das hierfür nöthige Geld anderweitig verwenden zu können. Im Auftrage, des Sultans wurde indeß im Seraskierat ein Ausschuß nieder- gesetzt, der über die Ursache des Einsturzes jener Kaserne eine Untersuchung emleiten wird. Nach früheren Vorgängen zu urtheilen, dürste bei dieser Untersuchung nicht viel zu Tage kommen.
Wien, 16. Februar. Meldungen der „Polit. Corresp." Aus Konstantinopel: Die unter dem Vorsitze des Ministers des Auswärtigen, Sawas Pascha, aus höheren türk,scheu Officieren gebildete Commission beschloß gegen Belastung Gussinjes bei der Türket einen Gebtetsaustausch, mit welchem Montenegro zufrieden sein könnte. — Aus Sofia: Oesterreich und Rußland schlu- gen der bulgarischen Regierung die Einsetzung einer türkisch-bulgarischen Commission vor zur Regelung der Frage wegen Repatriirung der mohamedanischen Flüchtlinge. — Aus Belgrad: Die Nachricht von angeblicher Ertheilung der Bauconcession der serbischen Bahnen an die russische Bauunternehmung Ba- ranoff ist unbegründet.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'- telegr. Correspauderrr • «nreau.
Gießen, 18. Febr. Eine der frechsten und ungeheuerlichsten Thaten einer wahnwitzigen Gesellschaft meldete uns in aller Frühe der Telegraph. Wieder ein Attentat auf den russischen Kaiser. Unseren Lesern in der Stadt meldeten wir bereits schon mittelst eines Extrablattes nachfolgende Depesche:
Petersburg, 18. Februar. Im kaiserlichen Winterpalais fand gestern eine Explosion statt. Don der Kaifersamilie ist Niemand verletzt. Die Mine lag unter dem Wachzim
mer, dieses befindet sich unter dem Speisezimmer. Don der Wachmannschaft sind 35 verletzt, davon 5 bereits gestorben. In den Fußboden des Speisezimmers ist eine Oeffnung von 10 Fuß Lange und 6 Fuß Breite gerissen. Die kaiserliche Familie war in Folge zufälliger Verspätung noch nicht versammelt.
Berlin, 17. Februar. Das Herrenhaus erledigte zwei kleinere Finanz- Vorlage .-nd eine Reihe von Petitionen und genehmigte den Ankauf der Main-Weser-Bahn und den Bau der Bahn Cölbe-Laasphe.
Dresden, 17. Februar. In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer erklärte der Minister des Innern auf eine Interpellation Ackermann's, das Vagantenchum berr., die Regierung sei bereit, helfende Abänderungen der bttr. reichsgefitzlrcheu Bestimmungen anzustreben. Als bestes Mittel für die mit Drohung verbundene Bettelei sehe er die Wiedereinführung der Prügelstrafe ar. Der Schluß des Landtags erfolgt in den ersten Tagen des Monats März.
Petersburg, 17. Februar. Die Nachricht, der Kaiser habe den General Fleury empfangen, ist unbegründet. General Fleury, welcher in persönlichen und finanziellen Angelegenheiten hier eingetroffen, wurde nur von dem Fürsten Goclsch ckoff empfangen. Dec Botschafter am Berliner Hofe, Geheime- rath Saburoff, ist hier eingetroffen.
Berlin, 17. Febr. Die Vertagung des Landtags soll sich erstrecken vom 20. ds. bis zum zweiten aus den Schluß oder die Vertagung der gegenwärtigen Reichstagssession folgenden Werktag, bezw. im Falle die Reichstags- session in der Woche vor Pfingsten geschloffen oder vertagt wird, bis zum 20. Mai
München, 17. Februar. Die Kammer hat den Gesetzentwurf, betr. den Branntweinaufschlag, zumeist in der von der Regierung vorgeschlagenen Faffung bei namentlicher Abstimmung mit 121 gegen 20 Stimmen angenommen.
Rom, 17 Februar. Die Kammern find heute wieder eröffnet worden. Die Thronrede kündigt neben anderen Vorlagen Gesetzentwürfe über eine Wahlreform, stufenweise Aufhebung der Mahlsteuer. Der Passus der Thronrede über das Ausland sagt: Wir haben gute, freundschaftliche Beziehungen zu allen Staaten. Dieselben werden uns von allen Staaten erwidert und befestigen unsere Ueberzeugung, daß die Unparteilichkeit und Loyalität der Regierungen die sichersten Mittel sind, das Einvernehmen dec Völker aufcecht- zuerhalten. Die Erhaltung des Friedens ist unser lebhafter Mansch und von hohem Jntereffe für Italien. Daher ist die scrupulöse Beobachtung des Berliner Vertrages für Italien etwas Natürliches. Ebenso ist es für Italien etwas Leichtes, seine der Welt ertheilte Zusage zu erfüllen, daß Italien, wiederhergestellt in seiner Einheit, ein Element der Eintracht und des Fortschrittes sein werde.
Lokales.
Gießen, 18. Februar. ^Sterblichkeit in Gießen.) Die Zabl der SterbfäÜe in hiesiger Stadt während der Woche vom h. bis 14 Februar belief sich im Ganzen auf 13. Hiervon ereigneten sich 5 bei Kindern im ersten Lebensjahre und zwar durch angeborene Schwäche, Krämpfe, Darmcatarrh, Bronchienentzündung und häutige Bräune je einmal. Ein Zjähriger Knabe erlag an Gehirnentzündung Bei den 7 verstorbenen erwachsenen Personen wurde der Tod veranlaßt 4mal durch Lungenschwindsucht, Imal durch Brightische Krankheit, Imal durch Altersschwäche, Imal durch Eitervergiftung. G.
— Einem Dienstmädchen wurde in einem Hause in den Neuenbäuen gestern ein Mantel gestohlen.
— Die „Volksküche" vertheilte heute 1029 halbe Portionen. Verkauft wurden hiervon 74. 9.»5 Portionen erhielten Arme, Kinder und Handwerksburschen.
Vermischtes.
Frankfurt, 11. Februar. Gestern Abend bat sich der Wohnungs-Ausschuß für das fünfte allgemeine deutsche Turnfest unter Vorsitz des Herrn Sanitätsrathcs Dr. A. Spieß cor» stituirt. Der Ausschuß beschloß, Frankfurt mit Sachsenhausen, Bornheim, Bockenheim und Oberrad in 21 Bezirke einzutheilen, welchen je ein Obmann und brei bis vier Mitglieder des Ausschußes vorsteben. Der Ausschuß wird sofort mit seiner Arbeit beginnen, welche keine leichke zu nennen ist Die Tausende von Gästen sollen bei den Bürgern cinquartiert werden und hofft der Ausschuß, bei der Einwohnerschaft das gewünschte Entgegenkommen zu finden.
Frankfurt, 13. Februar. Einer der meistbeschäftigien hiesigen Gerichtsvollzieher wurde gestern durch einen Polizei - Commiffär derhaftet und seine Bücher mit Beschlag belegt.
Weilburg, 15. Februar. DaS hiesige „Kreisblatt" schreibt: Weder der Umstand, daß wir seither in einer dem Unsinne außergewöhnlich holden Zeit gelebt, noch der, baß die Sache einer müßigen Erfindung übermäßig ähnlich sieht, darf den Glauben an folgende Geschichte erschüttern, für deren Wahrhaftigkeit wir uns verbürgen können. In diesen Tagen verordnete ein hiesiger Arzt einer älteren Frau im nahen Löhnberg eine Arznei, welche auf dem an's Glas gehefteten Zettel die vom Apotheker zugefügte Bemerkung trug: „Dor dem Ein nehmen aufzurütteln." Der Arzt kommt einen Tag später zu der Kranken und fragte sie, wie ihr die Arznei schmecke und bekäme. Diese antwortete: „Die Arznei will ich gern einnehmen und sie bekommt, mir auch gut, aber das jedesmalige Schütteln kann ich gar nicht vertragen, das greift mich zu arg an." Dem Arzt ist es Anfangs unklar, was die Kranke sagen will, erfährt aber dann bei weiteren Fragen, daß der gewiffenhafte Ehegatte und der liebevolle Sohn genau nach Vorschrift mit vereinten Kräften die Gattin, resp. Mutter jedesmal, bevor sie Arznei nahm, tüchtig aufgerüttelt hatten. Der Arzt klärte den obwaltenden Jrrthum auf und die Kranke befindet sich seitdem die Arznei vor dem Einnehmen aufgerüttelt wird, bedeutend wohler.
Offenbach, 14. Febr. Wie uns mitgetheilt wird, mußte vor einigen Stagen gegen Abend ein hiesiger Hutmacher, welcher schon ein halbes Dutzend mal wegen Auflehnung uno Wtederstand gegen die Staatsgewalt bestraft worden ist, wegen fortgesetzter Ruhestörung von 2 Schutzmännern verhaftet und nach der Polizei gebracht werden. Auf dem Wege dahin sammelte sick eine große nach Hunderten zählende Menschenmenge an, die den Transport begleitete und aus deren Mitte sich, wie das leider schon öfter geschehen, Stimmen gegen die in der rechtmäßigen Ausübung ihres so schweren Amtes befindlichen Schutzleute erhoben. Unter Anderem forderte ein Bursche den Verhafteten förmlich zum Ungehorsam gegen die Beamten auf, ) während sich wieder ein anderer zu der Menge mit den Worten wendete „auf sie, auf sie", (nämlich auf die Schutzleute) und damit geradezu einen gewaltsamen Angriff auf dieselben pro- vociren wollte. Der Verhaftete ließ sich hierdurch abermals zu einem solch energischen Wider- - stände hinreißen, daß die Fortickaffung desselben nur durch weitere zu Hülfe gerufene Schutzleute gelang, während die nachfolgende Menge, von der viele bereits eine drohende Haltung angenommen hatten und trotz mehrfacher Aufforderung nicht auseinander gingen, von den Schutzleuten mit der blanken Waffe zurückgetrieben werden mußte. Ein der Aufreizung vcr- dächtrger junger Mann wurde noch an demselben Abend verhaftet und sowohl gegen diesen als auch gegen einen anderen dieses Vergehens beschuldigten und ermittelten Burschen das Strafverfahren | eingeleitet. Das Strafgesetzbuch kennt für solche Vergehen ganz empfindliche Strafen und dürfte 1 dieser Vorfall für manchen eine Lehre sein, sich nicht um Dinge zu bekümmern, die ihn ganz 1 und gar nichts an^ehen und am allerwenigsten seine Haut für solche Leute zu Markt zu tragen, die es nicht verdienen. . (Off. Ztg.)
— Ein höherer Verwaltungsbeamter, der im Auftrage der Behörden eine Jnspeettons- A reise durch die nothleidenden Districte O b e r s ch l e s i e n S zu machen hatte, erzählt Folgendes: | Ich kam bet ziemlich strenger Kälte in den Vormittagsstunden durch das Dorf 3£., hier | „schlitterten" auf einem kleinen zugefrorenen Teiche mehrere Kinder, darunter ein großer Knabe , I mit scheinbar recht gesunder Gesichtsfarbe. Der Bursche fiel mir auf, da er die Kunst deS i Schlitterns baarfuß ausübte. „Warum gehst Du nicht zur Schule?" war meine Frage. — ' „Ich darf nicht!" — „Warum nicht?" — „Weil ich die Masern habe," sprach'« und rutschte j mit feinen nackten Füßen weiter.
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