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Deutschland.
Mainz, 15. Decbr. Im Bundekrath stand dieser Tage ein Antrag des Justtz.Aueschusses auf der Tagesordnung, dttr. den Anspruch des Untver- siiätsfonds zu Mainz auf Entschädigung für demselben entzogene, zur Festung Mainz gehörige Gebäude. Die Angelegenheit schwebt bereits seit dem Juni v. Js. vor dem Bundesrath. Die Großh. Hessische Regierung hatte vorgeschlagen, einige Grundstücke mögen ihr zur Begleichung der Ansprüche des Mainzer Untversitätsfonds abgetreten werden. Tie Sache schwebte bei dem Schatzamt, welches an den Justiz-Ausschuß berichtet Hot, namentlich über die in Betracht kommenden finanziellen Punkte, nährend dem Ausschuß die Entscheidung anheimgegeben wurde. Bei der Zwetfelhaftigk it einiger in Betracht kommenden Fragen, sowie in Berücksichtigung der zugleich voritegenden Billig- keitsgründe beantragt der Justiz-Ausschuß einstimmig: Der Bundesrath wolle sich damit einverstanden erklären. dc<ß auf der Grundlage der von der Großh. Hessischen Regierung gemachten Vorschläge ein difinitiver Vergleich abgeschlosien werde. Die Angelegenheit ist insofern von Wichtigkeit, als der Vergleich für die in Mainz vorzunehmenden Kasernenbauten maßgebend werden wird. Die Angelegenheit des Mainzer Universitätsfonds ist einer der letzten staatsrechtlichen Ueberreste aus der Zeit des deutschen Bundes; sie ist seit der Gründung des Bundes bereits anhängig, hat denselben daher schon nm ein halbes Menschenalter überlebt. Als Mainz von der französischen Republik erobert worden war, wurde die Mainzer Universität aufgehoben; die Güter der Universität wurden Schul- und Wohlthätigkeits-Zwecken zugewiesen. Zu diesen Besitz- thümern zählte auch eine Anzahl von in Mainz belegen en Häusern, die von den Mainzer Chursürsten aus aufgehobenen Klöstern und kirchlichen Stiftungen dem Universitätsfonds überwiesen worden waren. Als Mainz deutsche Bundesfestung wurde, sctzie sich die preußische und österreichische Militärbehörde in den Besitz einer größeren Anzahl dieser U- iversttäts-Grundstücke und waren daraus auf fette Weise zu vertreiben. Vor den ordentlichen Gerichten von Mainz weigerten sich die militärischen Behörden Recht zu nehmen und der Bundestag in Frankfurt behandelte die Angelegenheit trotz aller Bemühungen der hessischen Regierung und der Stadt Mainz als Verwalterin des Univer- fitälssonds lediglich verzögerlich. Die Frage wurde, wie die „Nat.-Ztg." behauptet, stets da erwähnt, wo es galt, recht drastisch nachzuweisen, daß es im deutschen Burd gegen die Mächtigen überhaupt kein Recht gebe. Es ist daher allerdings angebracht, die Angelegenheit durch eine Abfindung der Stadt Mainz zu beendigen, die gegenüber der Höhe der Forderung eine sehr mäßige ist. Daß es diesmal besser werden wird, erwarten wir.
Berlin, 15. December. Wohl im Hinblick auf die Ergebnisie der Altenburger Wahl veröffentlicht heute das Organ des Vorstandes der national- liberalen Partei den Inhalt mehrerer Reden, welche unter Zustimmung der übrigen Versammlung in einer der ersten Sitzungen der nationalliberalen Frac- lion in dieser Session gehalten wurden, und welche sich mit der Stellung dieser Partei zu den übrigen Fracttonen und ihrer Haltung zur Regierung beschäftigten. Die Bestrebungen jeder liberalen Partei, welche an den Aufgaben des Staatslebens Mitarbeiten wolle und welche anerkenne, daß eine parlamentarische Parteiherrschaft in Deutschland nicht zu erreichen sei, müffe, so wurde ausgeführt, darauf gerichtet fein, auch unter den ungünstigsten Verhält- Nissen überall den Forischriit zu nehmen, wo er geboten werd-., das zu verwerfen, was mit den Grundsätzen der politischen Partei nicht übereinstimme, dagegen aber da, wo diese nicht in Frage kämen, an den Vorlagen zu ver- beste! n, wo man könne, und anzunehmen, was man für gut erachte. Theoretisch sei ja die Verwerfung von Compromtsten etwas sehr Schönes und anscheinend sehr Mannhaftes, aber sobald diese Compromiste wirklich in's Leben treten, billige sie stets jeder praktische Mann. Eine Partei, die nur sich selbst bespiegele, außerhalb ihres politischen Jdeenkreises niemals wirken wolle, ver- nrtkeile sich zu einer immerwährenden Minderdettspartei; sie sei ohne Einfluß auf die Geschicke deS Landes. Die Haltung einer solchen Minderheitspartei wüste naturgemäß immer mehr nach der blos verneinenden Seite drängen, und da frage es sich doch, ob die liberale Partei aus der einfachen Thatsache der
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Verkleinerung ihrer Zahl durch die Wahlergebniste sich Plötzlich zu solcher grundsätzlichen Opposition gegen eine Regierung wenden solle, an deren Spitze noch derselbe Mann stehe, mit dem sie den nationalen Gedanken gemeinsam durchgeführt habe. Bei der Mißstimmung vieler Kreise besonders gegen die neue Wirtschaftspolitik des Fürsten Bismarck habe sich in der liberalen Bevölkerung viel Widerspruch dagegen regen wüsten, aber andererseits bemerke man auch eine ebenso lebhafte Zustimmung. Die politische Partei auf die eine oder die andere dieser Strömungen zu befestigen, habe nichts anderes zu bedeuten, als ihre vollständige Auflösung und ihre Bedeutungslosigkeit auf allen Gebieten des Staatslebenö dauernd zu bekunden. Die national-liberale Partei werde den Weg weiter gehen, den sie, stets begleitet von Anfechtungen, Angriffen, Verkennungen, feit lange gegangen, und auf den sie wohl auch für die Folge ebenso befriedigt wie bisher zurückblicken könne, da sie nicht die Doctrin als die oberste Richtschnur ihres Handelns in's Auge gefaßt habe, sondern die Wohlfahrt des Landes und seiner Bevölkerung.
IranKreich.
Pari-, 14. December. (Gambetta und Rochefort). Zwischen Gam- betta und Rochefort hat sich ein Kampf entspannen, der von großem Jntereste ist. Gambetta scheint die Zeit für gekommen zu erachten, um Rochefort in d-n Augen der Radikalen zu vernichten. Eben veröffentlicht der Gambettistische „Voltaire" einen Ende Juli 1871 geschriebenen Brief Rochefort's an Gambetta. Dieser Brief ist sehr kleinmüthigen Inhalts. Rochefort, im Begriff, vor das Kriegsgericht zu treten, ersucht Gambetta, für ibn bei Thiers Fürbitte einlegen zu wollen. Er habe nie an den Tbaten der Commune theilge- nommen und habe stets gegen alle Gewaltmaßregeln prolesttrt. Er bittet, ihn zu exiliren, anstatt ihn etnzukerkern. Er sei der Politik müde. Gambetta wöge mit Thiers, der ja mit 'hm rechnen müffe, sprechen und ihn bewegen, die Strafe zu mildern. Natürlich macht dieser Brief Rochefort's in Paris das größte Aufsehen. Derselbe enthält z. B. folgende Stelle: „Ich habe mich stets allen Gewaltakten der Commune widersetzt, ebenso widerrteth '.ch der von anderer Seite empfohlenen Zerstörung des Hauses Thiers. Sw müssen, theurer Freund, auf Thiers großen Einfluß haben, denn Sie sind es vor Allem, mit dem er rechnen muß. Ich verlasse mich, mein lieber Gambetta, ganz auf Ihre Freundschaft." — Ties schrieb Rochefort an Gambetta, um sich das Leben-zu retten, und nun vergegenwärtige man sich, wie der gerettete Laternenmann später seinen Woblthäter angriff und noch heut angreift. Man erwartet weitere scandalöse Enthüllungen. Ferner telegraphirt ein Pariser Correfpondent: „Ich erfahre aus sicherster Quell?, daß Gambetta an Rocke- fort, als dieser im April in Numea war, 25,000 Fros. sendete und so die Flucht deffelben ermöglichte. Diese Thatsache wird wahrscheinlich auch noch zur Sprache kommen. — Rochefort bringt nun eine unglückliche Erwiderung; er behauptet, den fraglichen Brief habe Gambetta nie erhalten, denn er habe ihn nie abgrsendet. Der Advocat Jolly sei zu ihm in's Gefängniß gekommen, habe ihm den Entwurf des Briefes vorgelrgt und habe ihn sozusagen gezwungen, sich dm Brief dictiren zu lasten. „Kaum war der Brief geschrieben, so sagte ich (Rochefort) zu Jolly, der Brief ist nicht allein unter meiner Würde, sondern auch unnütz, Gambetta stand damals mit Tbiers sehr schlecht. Man bezeichnet ihn offen als Urheber der Commune- Jolly sah ein, daß ich Recht hatte, und legte den Brief wieder in fein Portefeuille, in welchem ich denselben 4 Wochen später noch sah. Zweifellos, so fährt Rochefort fort, „ist dieser Brief bis zum Tode Jolly's in besten Besitz geblieben. Jetzt hat man ihn unter feinen Papieren gefunden. Das ist eine wahre Fälschung. Gambetta hat den Brief nie erhalten." Reinach, der Freund und Secretär Gambetta's, der den famosen Brief Rochefort's im „Voltaire" publlcirte, erklärt im „Vol- tatre" kurz und bestimmt, daß Gambetta den Brief Rochefort's im Jahre 1871 erhalten habe und daß dieser Brief seit jener Zeit mehreren Freunden Gan brtta's wohlbekannt fei. Einer der Redakteure d<s „Jntransigeant" hat b reit« in Folge dieser Affatre die Mitarbeiterschaft an diesem Rochefort'schen Organ aufgegeben. Rochefort erschien mehrere Male im Palais Bourbon; Gambetta verweigerte aber die nachgesuchte Audienz, ebenso verweigerte ©am.


