Ausgabe 
17.10.1880 Zweites Blatt
 
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1880

Str. 2L3 ^Weites Blatt. Sonntag den 17. October

Kleiner "Anzeiger

Alijrize- m) Amtsdistt fit tat Kreis Gießen.

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Die neueste Wendung in der Türkei.

Das Fiasko, welches die Mächte mit der verunglückten Flottendemon- stration gemacht haben, hat seine Früchte getragen, indessen die Letzteren sind von so eigenthümltcher Art, wie wohl Niemand in Europa erwartet hatte. Die Demonstration war durch die Haltung der einzelnen Cabinete zu einer geradezu lächerlichen Plamage geworden, die von den sonst äußerst schlau be­rechnenden türkischen Staatsmännern hätte vortresflich im Interesse der Pforte ausgenutzt werden können. Indessen statt dies zu thun, erließ die türkische Regierung, offenbar übermüthig geworden durch die Niederlage der europäi­schen Diplomatie, eine Note, in der sie alle ihre gewohnte Vorsicht vergessen und den Feinden der Türket förmlich die Waffen in die Hände gedrückt hat. Es war mindestens eine starke Zumuthung, zu verlangen, daß die Mächte auf die Flottendemonstration für jetzt und für alle Zukunft feierlich verzichten sollten. Der Hohn, der in dieser Forderung lag, rief in London und St. Petersburg heftige Entrüstung und selbst in Wien und Berlin arge Ver­stimmung hervor. Es war eine Beleidigung, die die lächerliche Demonstration mit einem Schlage zu sehr bitterem Ernste machen mußte. Es ist kaum zu begreifen, daß man dies nicht auch in Konstantinopel gefühlt oder vorherge­sehen hat. Eine schlimmere Kränkung hat der Stolz Englands kaum jemals erfahren. Derselbe Gladstone, der 6<i seinem ersten Vorgehen gegen die Türket den Widerstand des Parlaments und der Bevölkerung zu befürchten hatte, würde sich nun denselben Faktoren gegenüber für immer unmöglich gemacht haben, wenn er nicht sofort den Entschluß zu ganz energischem Einschreiten gefaßt hätte. Die Kundgebungen der oppositionellen Preßorgane in England und Frankreich, welche gegen die Einmischung der Mächte in die Verhältniffe auf der Balkanhalbinsel und für den Fortblstand der Türkei bisher in die Schranken getreten, sind jetzt in England plötzlich fast vollständig verstummt und auf die französische Negierung haben sie keinen Einfluß mehr, denn die Letztere muß erkennen, daß ihr Austritt aus dem europäischen Concert der Türkei nichts mehr nutzen, Frankreich aber ungeheuer schaden würde.

Bet einer unparteiischen Betrachtung der Dinge wird man nicht leugnen können, daß der Pforte in manchen Bestimmungen des Berliner Vertrages willkürlich mitgespielt worden ist, daß die Berliner Abmachungen ein Eingriff in die Souoeränitätsrechte der Türkei waren. Indessen war einmal der Ver­trag abgeschlossen und unterzeichnet und er mußte erfüllt werden, wobei es der Pforte noch immer überlassen blieb, nach und nach das Eine oder das Andere abzumarkten. Unzweifelhaft wäre ihr dies auch durch scheinbare Nachgiebigkeit und durch eine Fortsetzung der schlauen Vertagungspolittk in ausgedehnter Weise gelungen, aber sie durfte kein solches Doppelspiel treiben, wie sie that- sächlich gethan, indem sie Riza Pascha nach Dulcigno schickte, angeblich um die Uebergabe desselben zu bewerkstelligen, in Wirklichkeit jedoch, um den Albanesen Streitkräfte zur Verthetdigung Dulctgnos zuzuführen. Sie durfte nicht zum offenen, trotzigen Vertragsbrüche schreiten. Indem sie dies gethan, hat sie es selbst den wenigen Freunden, die sie noch besitzt, unmöglich gemacht, für sie das Wort zu ergreifen.

Es konnte also eine drohende Beantwortung der Note nicht ausbleiben und diese ist von den verschiedenen Seiten rasch genug erfolgt. Die Mächte haben nicht erst über eine identische Antwort-Note conferirt, jedes Cabinet hat selbstständig geantwortet und doch sind die Antworten angenscheinlich sehr ein- müthig gewesen. Das ist ein Beweis, daß in diesem Falle wirkliche Einstim- migkeit im europäischen Concert geherrscht hat, während sie bisher nur schein­bar vorhanden gewesen. Dabei mußte die türkische Regierung denn wohl ein­sehen, wie mißlich ihre selbstverschuldete Lage war, denn sie hat nun schleunigst die bedingungslose Uebergabe Dulcignos beschlossen. Es that auch wirklich Eile Roth, denn wäre der Beschluß nicht bald erfolgt, so würde das ver- einigte Geschwader in den Golf von Smyrna eingelaufen sein, um den Handel dieser Stadt mit Beschlag zu belegen.

Daß die Pforte diese Situation heraufbeschworen hat, kann für die Türkei geradezu verhängntßvoll werden. Man hat die türkischen Diplomaten stets als gute Spieler bezeichnet, welche die Karten sehr geschickt zu mischen wissen, und man hatte Recht dabei, denn die Türkei hat sich während der langen Zeit ihres inneren Verfalles äußerlich nur dadurch zu erhalten gewußt, daß sie den Samen der Zwietracht unter den Mächten ausstreute. Heute ist es mit dieser Geschicklichkeit zu Ende; die Türkei hat selbst die Einigkeit der Mächte hergestellt und wir wollen nicht behaupten, daß das Resultat der sofortige Untergang sein muß, aber sicher eilt derkranke Mann" von jetzt an seinem Verderben in beschleunigtem Tempo entgegen und zunächst wird sich die Nachwirkung des eben Geschehenen in den Verhandlungen über die griechische Grenzfrage zeigen.

Von Wichtigkeit erscheint uns bei der Nachgiebigkeit der Pforte noch die Meldung zu sein, daß der Beschluß bezüglich der Uebergabe Dulcignos unmit­telbar in Folge einer Audienz des deutschen und des französischen Botschafters beim Sultan gewesen. Das Wort des deutschen Reiches war also in erster Linie entscheidend. Man wird sich erinnern, daß Aehnliches schon mehrmals in orientalischen Angelegenheiten der Fall gewesen, unter Anderem, als es sich um die Frage der Absetzung des Khedtve handelte. Wenn man nun erwägt, daß das deutsche Reich am allerwenigsten an den orientalischen Verwicklungen betheiligt und interessirt ist, so darf man wohl behaupten, daß es hier die I

Rolle des ausschlaggebenden europäischen Schiedsrichters spielt, eine Rolle, die durch die Machtstellung, die es seit 1870 gewonnen hat, allein möglich ist und bie das deutsche Volk mit innerer Genugthuung und Freude erfüllen muß.

Vermischte-.

Trier, 7. Oktober. Die gestern hier verbreitete, aber für unglaublich gehaltene Nach­richt, daß in einem Eisenbahnzuge von Wittlich biS Ehrang nicht weniger als 17 Pferde (Fohlen) erstickt seien, hat sich in der That als begründet erwiesen. So viel wir bis jetzt über dieses merkwürdige Ereigniß erfahren, hatte dasselbe folgenden Verlauf: Zwei Handels­leute hatten vorgestern auf dem Vtehmarkt zu Wittlich 43 Fohlen im Alter von 1 Vz bis 2 Jahren gekauft uno dieselben gegen Abend in dem Zuge Wittlich Ehrang bezw. Saarbrücken in zwei Waggons eingestellt. Als dieser Güterzug in Ehrang zum Anhang der betreffenden Wagens an den Zug Ehrang-Saarbrücken eintraf, fiel den Beamten ein aus diesem Wagen hervorgehender Dampf und ein ungewöhnliches Gepolter in demselben auf. Die Wagen wurden geöffnet und boten einen schauderhaften Anblick dar. Die Kadaver von 17 dieser Fohlen lagen unter den Füßen der noch lebenden. Die vom Departements-Thierarzt Fuchs vorgenommene Untersuchung soll ergeben haben, daß die hilflosen Thtere durch Erstickung verendet sind. Und die Hauptursache der Erstickung wird der Ueberfüllung der Wagen zugeschrieben. Statt der vorgeschriebenen höchsten Anzahl von 12 Fohlen auf einen Wagen waren deren 22 bis 23 ein­gestellt. Ueberdies sollen auch die vorgeschriebenen Wärter in dem Wagen gefehlt haben. Der Verlust, welchen die Eigenthümer in Folge dieses Vorfalls erlitten haben, wird auf 5000 geschätzt.

fPhosphorfreie Zündhölzer.) Unter Nr. 11,474 ist dem Fabrikbesitzer Louis Wagner in Mühlheim a. Rh. ein veutsches Reichspatent für die Herstellung vollständig phosphorfreier, unschädlicher, billiger, an jeder Reibfläche entzündbarer Zündhölzer ertheilt worden. Die Basis der neuen Moffe bilden unterschwefligsaures Bleioxyd und chlorsaures Kali Stoffe, mit welchen schon früher vielfache Versuche angestellt worden sino, ohne daß es jedoch gelungen wäre, einen allen Anforderungen entsprechenden praktischen Ersatz für die giftigen, in der Fabri­kation so gefährlichen Pbosphorhölzer zu schaffen. Durch Combination der genannten Ver­bindungen mit anderen Stoffen, als Antimon, Schwefel, Salpeter, Bleisuperoxyd, Glaspulver, Gelatine, Letocome und Leim, vurch Beschränkung des Gehaltes an chlorsaurem Kali auf einen minimalen Procentsatz, durch ganz eigenthümliche Verwendung einiger Ingredienzien unv endlich durch besondere Zubereitung der Waffe selbst scheint es dem Patentnehmer gelungen zu sein, das Problem zu lösen. Wie wir uns durch die uns von dem Erfinver erbetenen Proben überzeugt haben, schreibt dieChemiker-Zeitung", vermögen die nach seinem Verfahren darge­stellten Zündhölzchen Ersatz für die giftigen Phosphorhölzer zu bieten; sie zünden gerade so wie diese an jeder beliebigen Reibfläche, sind dabet aber in der Darstellung jedenfalls gefahrloser, bedürfen zur Fabrikation weder besonderer Einrichtungen noch künstlicher Trocken-Vorrichtungen und.ist endlich die patenttrte Zündmasse nahezu 100 pCt. billiger herzustellen, als die bis jetzt gebräuchliche giftige Phosphormaffe. - Daß unter so günstigen Verhältniffen und bei dem enormen Consum in dem fraglichen Artikel die Erfindung eine Zukunft hat, dürfte außer Zweifel sein.

(Ein Reporter einzig in seiner Art.) Seit mehren Monaten wurde Middletown von nächtlichen Einbrüchen und Räubern hetmgrsucht und trotz aller eifrigen Nachforschungen gelang es nicht, die Thäter zu entdecken. Sämmtliche Diebstähle und Einbrüche wurden von einem Correspondenten desHarrisburg Independent" mit Namen Scherbahn mit merkwürdiger Genauigkeit berichtet. Vor einigen Wochen erschien abermals imIndependent" ein von Scher­bahn unterzeichneter Bericht über einen räuberischen Einbruch in der vorhergehenden Nacht, und erst beim Lesen der Zeitung wurde der Beraubte von dem Verlust, der ihn betroffen, in Kenntniß gesetzt. Er suchte sofort nach und fand die Zettungsangabe von dem Einbruch in der That bestätigt. Daraufhin schöpfte man Verdacht gegen Scherbahn und ließ ihn bewachen. Man sah in bald darauf eines frühen Morgens sich aus einem Laden des Städtchens schleichen und fand bei weiterer Nachforschung, daß Gegenstände aus dem Laden gestohlen waren. Ueberdies erschien auch sofort wieder ein Bericht von dem fleißigen Reporter in seiner Zeitung. Scher­buhn wurde nun verhaftet und gestand die von ihm begangenen Verbrechen ein. Es scheint, daß der unternehmende Jüngling zwei Fliegen mit einer Klappe treffen wollte, einmal in dem neuigkeitsarmen Neste sensationelle Begebniffe als Stoff für seine Berichte zu schaffen, und dann sich gleichzeitig für die Mühe, der er sich dabei unterzog, auch gut bezahlt zu machen.

Eine Judenbekehrung en bloc setzte jüngst ein Schuhmacher in Dessau in Scene. Als nämlich die Israelitische Gemeinde den letzten Tag ihres diesjährigen Laubhüttenfestes feierte und der Vorleser aus der Thora psalmodtrte, trat plötzlich besagter Jünger Crtspin'S mit einem großen Blumenstrauß, aus dem em Crucifix ragte, in die Synagoge und donnerte mit Stentor­stimme dazwischen-Ihr Juden, ihr seid nun lange satt Juden gewesen, es wird die höchste Zeit, daß ihr euch bekehret. Komm her, Israel, ich will dich erretten!" Der neue Apostel fand aber keine Gegenliebe. Israel ward zornig und warf ihn zum Tempel hinaus.

sDie Staatsschulden der Welt.) In einemDer Fortschritt der Welt" betitelten Werk sind folgende Daten über die Staatsschulden der Welt enthalten. Seit 1820 bis 1880 haben nur die Niederlande ihren Schuldenstand verringert. Es schuldeten:

1820 Mill. Pfd. Et.

1880 Mill.

Pfd. St.

Großbritannien

135

777

Frankreich

186

850

Deutschland

22

215

D»e Niederlande

175

120

Oesterreich-Ungarn

95

419

Italien

33

405

Rußland

47

682

Spanten und Portugal

46

635

Die Türkei und Egypten

10

352

Scandinavien

24

Die Schweiz und Griechenland

25

Europa

1413

4504

Vereinigte Staaten

20

395

Indien

29

144

China und Japan

77

Britische Colonien

118

Südamerika

206

1462 5444

Eine ähnliche Zusammenstellung des Einkommens, der Steuern, des Capitals und der Gesammtsckulden (obige Staatsschulden um die localen vermehrt) ergibt sehr intereffanle Ver- gleichsziffern. Die Steuern machen in Europa 16 pCt. des Einkommens aus, die Schulden 121/2 PCt des Capitals, in Amerika Steuern nur lo pCt. des Einkommens, Schulden nur 8 pCt. des Capitals.

Franz Gcrstorfer und Anton Blanger sind Bauern in Gurten; sie waren immer getreue Nachbarn und Desgleichen, bis jüngst einmal Streit ausbrach und Grrstorfer den Blanger so arg verschimpfirte und drffen Bäuerin sogar mit einerWatschen" traktirte, daß